Reisemagazin schwarzaufweiss

Stadt, Land, See

Mit dem Fahrrad in Wien und am Neusiedler See

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Wien - Parlamentsgebäude

Parlamentsgebäude

Während der „Classic Vienna Tour“ lernt man die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der österreichischen Hauptstadt per Rad kennen. Klingt langweilig? Man lasse sich eines Besseren belehren. Los geht’s am Schillerplatz mit Radguide Horst zum Albertina-Platz und zur Albertina mit einer der größten grafischen Sammlungen der Welt. „Nebenan liegt der Weinkeller mit dem einst geheimen Gang für die Mätressen des Kaisers, denn sie durften den Haupteingang nicht benutzen“, so Horst. Anekdoten kennt unser Guide viele, sie sind das Salz in der Suppe dieser Stadtführung. Gegenüber sehen wir Hotel und Café Sacher. „Die berühmte Schokoladentorte ist gut für Radfahrer, sie gibt Power!“

Wien mit dem Fahrrad

Stadt

Die Gruppe umfasst 20 Touristen und radelt brav hinter Horst her. Da Wien von Radwegen durchzogen ist, funktioniert das gut. „Das ist toll“, meint eine Deutsche, „man läuft sich nicht die Füße platt und kommt schneller vorwärts.“ Stimmt, schon sind wir an der Hofburg und der Winterreitschule, wo man das Morgentraining beobachten könnte. „Ein Pferd kostet da bis zu 20.000 Euro Unterhalt pro Monat“, erklärt Horst, und den teilnehmenden Kindern bleiben die Münder offen stehen vor Staunen.

Nun besuchen wir die ältesten Teile von Wien (1): die römischen Ausgrabungen. Auch Wien wurde von den Römern errichtet - vor 2.000 Jahren ungefähr. „Die haben ein Militärlager erbaut für 6.000 Soldaten, und hier war das Rotlichtviertel. Das wissen wir, weil wir Münzen gefunden haben mit eindeutigen Servicedarstellungen.“ Nebenan prangt oben auf der Hofburg die goldene Krone des Heiligen Römischen Reiches. Unten steht ein Denkmal Franz I., der das österreichische Kaisertum ausgerufen hat. „Man sieht ihn hier in einer typisch römischen Pose“, erklärt Horst und zeigt auf ein Denkmal. „Die Darstellung ist wie heutzutage auf Facebook, da gibt man auch seine besten Bilder rein.“ Die vier Frauen um ihn herum sollten seine Haupt-Charaktereigenschaften darstellen. Die Wiener sagen aber, das sind seine vier Ehefrauen, denn die Habsburger heirateten, bis ihnen eine Frau endlich einen Sohn und damit einen Thronfolger gebar. „Im Gegensatz zu Heinrich VIII. Tudor aber, der seinen Frauen einfach den Kopf abschlagen ließ, waren bei den Habsburgern der Jagdunfall oder Vergiften populär.“

Wien - Denkmal Franz I.

Denkmal Franz I.

Wir rasen durch die Geschichte vorbei an Statuen der Kaiserin Maria Theresia, von Sissi, zum Kunsthistorischen und Naturhistorischen Museum. Zum Abschluss darf eine Anekdote von einem deutschen Touristen im „Café Landtmann“ gegenüber des Burgtheaters nicht fehlen. Es ging ihm nicht schnell genug, er winkte. Der Kellner nickte, was bedeutet, er hat ihn bemerkt. Doch der Deutsche fühlt sich nicht genug beachtet, wedelte wieder und rief: „Hey! Zahlen!“ Am Ende kamen sie zu dritt, Kellner, Oberkellner und Koch, und sagten ihm, er sei eingeladen, und wenn er keine Zeit habe, solle er zu Starbucks gehen – und jetzt raus mit ihm. „Hier in Wien ist das Kaffeehaus ein Erholungsort. Es ist Teil des Spiels auszuspannen!“ erklärt Horst nachdrücklich. Er war Banker, doch trotz Stress jeden Morgen eine Stunde im Kaffeehaus, denn „wir genießen unser Leben.“

Land

Das sei eine Empfehlung, denn in Pannonien, einst römische Provinz, geht es noch entspannter zu. Raus aus der Stadt also und ab aufs Land. Von Wien aus führen viele Radwege Richtung Neusiedler See, man kann aber auch einfach die S-Bahn mit Fahrradmitnahme benutzen.

Österreich - Weinautomat in der Vinothek in Purbach

Weinautomat in der Vinothek in Purbach

Der Streckhof von Hans Neumayer in Donnerskirchen (2) ist weiß gekalkt, Kübel mit Oleanderbüschen, ein Oliven- und ein Feigenbaum machen glauben, man sei im tiefen Süden angelangt. Die Sonne brennt hier rund 2.000 Stunden im Jahr hernieder, was auch den Weinreben gefällt. Auf den Tischen im Heurigen liegen hellgrün-weiß-karierte Decken. Ein braun gebrannter Gast schlurft von der Gasse aus durchs Tor herein, ruft: „Grais di!“, setzt sich dazu und bestellt ein Achterl Welschriesling. Radfahrer sollten sich auf besagte Menge beschränken. Denn Wein ist hier fast alles. In Purbach (3) gibt es einen Weinautomaten, wo sich ganze 64 Weine verkosten lassen. Das „Weinwerk“ in Neusiedl (4) mit Greißlerei (Lebensmittel- und Feinkostgeschäft) hat Spezialitäten der Region im Angebot, wie man hier überhaupt auf Genuss größten Wert legt. Neben Getränken und allem, was die Erde hergibt, werden in den Restaurants Aal, Zander oder Hecht, Fische aus dem Neusiedler See, oder Nationalparkrind und die alte Rasse der Mangalitzaschweine zum Verzehr angeboten.

Neusiedler See - geräucherter Aal, Spezialität aus dem See

Geräucherter Aal, Spezialität aus dem See

See

Der seichte See mit seinen vielen Tier- und Pflanzenarten bestimmt das Klima. Meist versteckt sich der größte Steppensee Mitteleuropas im hier topfebenen Burgenland hinter einem wispernden Schilfgürtel, der bis zu fünf Kilometer breit ist. Über die Ebene weht der Wind vom Leithagebirge her durch Schilf, Weinreben, Sonnenblumen, Erdbeerfelder, über Maulbeer- und Kirschbäume. Diese und weitere Herrlichkeiten werden praktischerweise direkt am Radweg von Bauern der Region an Ständen feilgeboten: Aprikosen, Paradeiser (Tomaten), Kukuruz (Mais). Der Wind kühlt auch Radlers erhitzte Haut und fegt die Kellergassen entlang. Links und rechts derselben locken die Keller zu einer Pause mit Jause (Vesper). Es gibt sie in fast jedem Ort am See. Mein Banknachbar behauptet, die Kellergassen seien Ausläufer des Bermudadreiecks.

Neusiedler See - Podersdorf

Podersdorf

Ein bisschen „Schmäh“ muss schon sein. Direkt am Wasser ist man in Podersdorf (5), dem einzigen Ort, der direkt am See und nicht hinter Schilf versteckt liegt. Ein Bade- und Wassersportort par excellence: Kitesurfen, schwimmen, segeln. Viele der Urlauber jedoch treten auf dem Neusiedler See Radweg in die Pedale. Ausgeschildert ist er mit grünen Schildern, auf denen in weiß „B10“ zu lesen steht und führt einmal rund ums Gewässer in den Ausläufern der ungarischen Tiefebene. Der österreichische Abschnitt mit 83,5 fast durchgängig asphaltierten Kilometern, wurde mit fünf Sternen klassifiziert. Auffallend gestaltete Rastplätze wie eine Kuppel aus Schilf bei Illmitz locken Radfahrer aus dem Sattel. Von hölzernen Türmen aus lassen sich der Vogelreichtum und andere Radfahrer von oben beobachten. Flach geht es meist zu. Doch E-Biker sieht man einige. Dies ist teils der steifen Brise geschuldet, die einem oftmals ins Gesicht bläst.

Neusiedler See - Tschardaken

Tschardaken

Richtung Süden radeln wir das Ostufer entlang an Tschardaken vorbei. Das sind hölzerne Häuschen, in denen Kukuruz getrocknet und gelagert wurde. Auch die Anzahl der Ziehbrunnen steigt, man fühlt sich schon wie in der pfannkuchenflachen ungarischen Puszta. Ausgedehnte Weiden, Wiesen und Lacken säumen den Weg. Lacken sind kleine, seichte, salzhaltige Gewässer, die im Sommer gänzlich austrocknen können. Feuchtgebiete, Sandsteppen, Trockenrasen und das Schilf sind wichtige Brutstätten und Rückzugsgebiete für vom Aussterben bedrohte Tierarten. Im Nationalpark im Seewinkel kann man sich umfassend darüber informieren. Ab und an kommt man durch einen Ort wie Apetlon (6) mit dem bekannten blauen Bauernhaus oder Pamhagen (7) mit seinem Türkenturm, in den sich ein Türke zur Zeit des Angriffs der Türken auf Wien gerettet haben und im Ort geblieben sein soll. Auch auf den tiefst gemessenen Punkt Österreichs weist man per Schild als Sehenswürdigkeit hin. Das mag verwundern, ist das Land doch bei uns eher für seine Berge bekannt.

Neusiedler See - Das Hufnaglhaus in Apetlon (zypisches Bauernhaus)

Das Hufnaglhaus in Apetlon

Mit einer der Fahrradfähren kann man von Illmitz (8) nach Mörbisch (9) übersetzen. Die kleinen, hübsch bepflanzten Hofgassen links und rechts der Hauptstraße sind sehenswert. Rust (10) dagegen ist für massenhaft Störche bekannt und für seine Altstadt, UNESCO Weltkulturerbestätte mit vielen Bürgerhäusern, Purbach für seine Kellergasse und nicht zuletzt für den Purbacher Türken, der immer noch aus dem Schornstein herausschaut, weil er nach zu vielen Achterln auf der Flucht dort hängen geblieben ist. Jois ist ein beschaulicher Weinort, in dem ab heuer alljährlich im August spannende Kulturtage veranstaltet werden.

Neusiedler See - Störche in Rust

Störche in Rust

Die eigentliche Sehenswürdigkeit aber ist und bleibt der See. Jetzt am Abend greifen die Gelsen (Steckmücken) surrend an. Das Hellblaugrau des Wassers geht in der Ferne über ins Dunkelmausgrau des Leithagebirges, dessen Gipfel sich mit dem hellen Blau und Weiß von Himmel und Wolken treffen. Dagegen setzt sich der rot-weiß geringelte Podersdorfer Leuchtturm ab. Wellen klatschen an den Kai. „Meer der Wiener“ heißt der Neusiedler See nicht umsonst, schlagen doch seine Wogen angeblich bis zu zwei Meter hoch und er weist einen hohen Salzgehalt auf. Sitzt man in der „Sunset Bar“ auf Stelzen überm See bei coolem Jazz, den Blick fest auf die dunkelrot leuchtende, lange Schatten werfende Abendsonne geheftet, dazu ein Glas Podersdorfer Riesling – so entspannt wird man zum perfekten Pannonier.

 

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