Wo sich nicht nur die Reben wohlfühlen
Weltkulturerbelandschaft Neusiedler See
Text und Fotos: Ulrich Traub
Dieser See ist etwas Besonderes. Nicht nur weil er gänzlich unverbaut ist und sich so gut hinter einem breiten Schilfgürtel versteckt. Der Neusiedler See ist der größte Steppensee Mitteleuropas. Rund um seine Ufer hat sich eine über Jahrhunderte entwickelte Kulturlandschaft erhalten. Seit 2001 zählt sie zum Unesco-Weltkulturerbe.

Man besten verschafft man sich erst einmal einen Überblick und macht sich auf in die Hügel am Westufer des Sees. Zwischen den sich in sanften Wellen über die Anhöhen ziehenden Rebstöcke gelangt man zu den Aussichtspunkten. Während hinter einem die Höhenzüge des nahen Leithagebirges liegen, kann der Blick auf der gegenüber liegenden Seeseite in die Weite schweifen. Dort beginnt das Flachland der ungarischen Pußta. Die Landschaft am Neusiedler See markiert die Grenze zwischen dem alpinen Raum und der Pannonischen Tiefebene.

Rebstöcke
Lange Zeit lag dieses Gebiet aber auch im Schatten Europas. Am Südufer des Sees, dem ungarischen Teil, begann der Ostblock. Heute fungieren die Wachtürme, an denen vorbei 1989 die ersten DDR-Touristen in den Westen aufbrachen, als Beobachtungsposten für Naturliebhaber. Der Nationalpark Neusiedler See, eines der wichtigsten Vogelschutzgebiete Europas und ein unverzichtbarer Rastplatz für Zugvögel, liegt nur einen Steinwurf entfernt.
Im Informationszentrum des grenzüberschreitenden Parks lernt man die Bedeutung der Landschaft um den seichten Steppensee, dessen Wassermenge vom Niederschlag abhängig ist, für die vielen vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten einzuschätzen. Vielfältige Lebensräume wie Feuchtgebiete und Sandsteppen, Weide- und Wiesenflächen grenzen hier aneinander. Die Lacken, seichte, salzhaltige Gewässer, die im Sommer austrocknen, und der Schilfgürtel sind als Brutstätten und Rückzugsgebiete für eine Vielzahl von Tieren lebenswichtig. Im Nationalpark grasen Urpferde, weiße Esel und Graurinder. Man kann Kiebitze beobachten, die es mit einem Raubvogel aufnehmen, oder schaut dem gefräßigen Weißstorch bei der Nahrungssuche zu.

Schilf am Neusiedler See
Mit einem ehemaligen Schilfschneider kann man das Schilf kennen lernen. Im Stile eines Gondoliere steuert er mit der so genannten Zillenstange das kleine Boot durch das bis zu fünf Kilometer breite Labyrinth dieser stillen Welt. Während der Fahrt erfährt man, dass das Schilf angepflanzt wird, um der für das Ökosystem schädlichen Verbuschung der Ufer vorzubeugen, dass aber auch seine Bedeutung als Rohstoff – etwa als Dämmstoff - wächst.
Auch der Weinbau hemmt das Vordringen der Büsche und trägt somit zum Erhalt des abwechslungsreichen Landschaftsbildes bei. Außerdem ist die Weinkultur ein historisches Erbe. Der Ort Rust verdankt seinen Titel ‚kleinste Stadt Österreichs‘ seinem hervorragenden Wein, der 1681 den Kaiser davon überzeugte, den paar Hundert Rustern die Stadtrechte zu verleihen. Renaissance- und Barockfassaden in der denkmalgeschützen Altstadt belegen den einstigen Reichtum und prägen das Ortsbild ebenso wie die vielen Storchennester auf den Rauchfängen. Besonderen kulturgeschichtlichen Rang besitzt die Fischerkirche mit ihren Fresken aus dem Mittelalter und gotischen Glasmalereien.

Weinkeller
Wer sich über den Weinbau am Neusiedler See informieren will, kann auf dem Weinwanderweg bei Oggau spazieren, der ältesten Rotweingemeinde Österreichs, und das Weinkulturhaus in Gols, dem größten Weinbauort im Land, besuchen. Auf ein Gläschen in einer Winzerschänke in der historischen Kellergasse in Purbach sollte man auf keinen Fall verzichten. In den alten Gewölbekellern kommt man bei rustikalen Speisen schnell mit den Winzern ins Gespräch. Dass man sich in Purbach zum Hobbywinzer ausbilden lassen kann, ist sicherlich ein Thema. Weinliebhaber können Rebstöcke pachten und werden von Winzern bei den einzelnen Arbeitsschritten theoretisch und praktisch begleitet – bis zur ersten eigenen Abfüllung.

Hofgasse
Dass sich das Landschaftsbild harmonisch präsentiert, liegt auch an den kleinen, unspektakulären Orten, die nicht ungezügelt in die Natur gewachsen sind. Weil das flache Land keinen Schutz gegen Angreifer in früheren Zeiten bot, rückten die Bewohner vielmehr eng zusammen. Das führte dazu, dass die Parzellen mehrfach bebaut wurden. So entstanden Streckhöfe und Hofgassen, in denen auf einem langen schmalen Grundstück meist vier Familien hintereinander wirtschafteten und wohnten. In Mörbisch wurde diesem Siedlungstyp ein Museum gewidmet.
Es gehört zu den Vorzügen der grenzüberschreitenden Weltkulturerbelandschaft, dass auch Aktivurlauber zu ihrem Recht kommen. Der See ist ein beliebtes Revier für Wassersport aller Art. Und seit der Eiserne Vorhang dem alten Eisen angehört, kann der Radler den See auf ausgeschilderten Routen umfahren. Über rund 2000 Sonnenstunden im Jahr freuen sich nämlich nicht nur die Reben.
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