Reisemagazin schwarzaufweiss

Von Buschen(wirtschaften) und Burschen

Der Mur-Radweg

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Österreich - Steiermark - Mur-Radweg

Plötzlich herrscht Ruhe. Tiefe Ruhe. Nur das Pfeifen in den eigenen Ohren und das Plätschern eines Brunnens sind noch zu hören nach Zug- und Busfahrt. St. Michael im Lungau ist ein guter Startort für den Mur-Radweg und leicht zu erreichen.

Sepp Sampl, der Wirt der „Metzgerstubn“, kommt in der Krachledernen daher und erzählt, dass gerade heute in Murau Samson zu Blasmusik durch die Straßen gezogen wäre. Samson ist eine riesige Figur mit Tunika, Helm und Schärpe. Der genaue Ursprung dieser Tradition ist unbekannt. Macht nichts, hier beim Sepp mit seinem Raddörfl, wo man in Holzhütten preiswert übernachten kann, ist es exotisch genug.

Österreich - Mur-Radweg

Ein Plakat weist auf Samson hin

Von hier aus geht’s ca. 312 km die Mur entlang und im Endeffekt abwärts. Im Endeffekt, denn man sollte sich nicht täuschen lassen. Zwar führt der Mur-Radweg als Ganzes betrachtet von 1.750 m Höhe ab dem Ursprung der Mur bei der Sticklerhütte oder 1.075 m ab St. Michael im Lungau hinunter auf 210 m in Bad Radkersburg. Das Höhenprofil sieht nett aus: immer abwärts. An den ersten beiden Tagen aber ist schon mit einigen Anstiegen zu rechnen. Aufi geht’s. Beschildert ist der Weg mit grünen Schildern, auf denen weiß „Mur-Radweg“ oder „R2“ zu lesen steht.

Was weiß der geneigte Leser von der Steiermark? Es passt vermutlich auf eine Postkarte: Arnold Schwarzenegger ist der wohl berühmteste Steirerbua und dann wäre da ja noch das Kürbiskernöl. Es gibt so viel mehr: Neben oben genanntem Samson sind weitere Merkwürdigkeiten entlang des Wegs zu finden wie die Prangstangen, mit Blumen geschmückte Stangen, die am 29. Juni durch die Straßen von Muhr und Zederhaus getragen werden, oder die Troadkästen, verzierte Getreidekästen, in denen allerlei gelagert wird. Auch die liebevoll gestalteten Rastplätze am Radweg sind eine eigene Erwähnung wert, sie wirken fast wie kleine Gärten. Und wer lieber einkehren mag, für den gibt es genügend Jausenstationen, wo man auf eine klassische Brettljause und einen Almdudler oder gespritzten Holler einkehren kann. Nix verstehen? Eine Jause ist eine Vesper, Almdudler eine österreichische Kräuterlimonade und gespritzter Holler Holundersaft mit Mineralwasser. Dort sitzt man gmiatlich zsam bis zum „Pfiat eich!“. Das sind seltsame Wörter. Außer Deutsch sind in Österreich auch Slowenisch, Ungarisch (in einigen Gemeinden) und Kroatisch Amtssprachen. Doch wer meint, er könne Deutsch, der lerne erst mal Österreichisch! Ein wunderbar weicher Dialekt mit eigenem Wortschatz. Siehe oben und unten.

Von Murau nach Leoben

Murau ist eine grandiose Mischung aus traditioneller Architektur, Häusern mit Holzbalkonen und –erkern am Fluss und im Gegensatz dazu der trendigen, kantigen Open Space Bar & Restaurant, die halb übers Ufer hinausragt. Hoch oben über den dunkelgrünen Wäldern thront Schloss Murau, unten gibt’s ein Brauereimuseum und das Murauer Bier, auf das man stolz ist. Davon trinkt man einen Pfiff (ein kleines) oder ein Krügerl (eine Halbe). Doch meist geht es in dieser Gegend hier um Holz. Das größte Waldgebiet Österreichs liegt in der Steiermark und man streift die Steierische Holzstraße in Teufenbach und in St. Ruprecht das Holzmuseum.

Österreich - Steiermark - in Murau

Auch der Frauenburg muss ich die Reminiszenz erweisen, darf man doch wegen ihres einstigen Besitzers und Dichters Ulrich von Liechtenstein heutzutage in der Ich-Form schreiben. Er war es, der dies im 13. Jh. in der Literatur einführte. „Griaßt eich!“ sagt die Wirtin der Mostschenke kurz vor Nußdorf. Auch dort wird gejaust. Ja, jausen ist ein Verb. Dazu trinkt man Most mit Holundersaft. Das beschwingt und hoch geht’s ins Zentrum von Judenburg neben den Sternenturm, worin sich ein Planetarium befindet. Auf der Piazza gibt’s Capuccino. Recht italienisch schaut’s aus, und die Temperaturen sind es auch. Doch nebenan bestellt einer einen heimischen Steirerkas und dazu einen Schilcher, einen Rosé, der aus der blauen Wildbachertraube gekeltert wird. Weit ist es nicht mehr bis zum Etappenort Weißkirchen/Fisching im Zirbelland, wo es Pensionen, Hotels und Gasthäuser an jeder Ecke gibt. „Zirbel heißt sie bei uns, woanders auch Zirbe oder Zirbelkiefer“, sagt Herr Eibensteiner vom Gasthof Bräuer beim abendlichen Mahl, wo Erdäpfel (Kartoffeln) in allen Variationen angesagt sind.

Österreich - Steiermark - Der Schwammerlturm in Leoben

Der Schwammerlturm in Leoben

Burgruinen, ein Schotterwerk, später leider auch die Autobahn, die parallel zum Radweg verläuft, liegen direkt neben dem Weg. Die Beschilderung verlässt uns vorläufig ganz. Hier wäre es durchaus zu empfehlen, ein Stück weit auf die Bahn umzusteigen und so schneller nach Leoben zu gelangen. Dies ist problemlos möglich, da die Bahnstrecke parallel zur Radroute verläuft. Einst eine dunkle Industriestadt, in der es um Eisen ging, hat Leoben heute einen schmuck renovierten Hauptplatz, die hervorragende Kunsthalle mit wechselnden Ausstellungen, den Asia Spa und last but not least, das Café auf dem Schwammerlturm. Von dort aus genießt man weite Blicke über die Stadt, das Umland und den Radweg, der mitten durch die Homangasse verläuft und weiter Richtung Bruck an der Muhr und Frohnleiten. Auch ab dort ist die Zugvariante bis Graz zu empfehlen.

Von Graz nach Leibnitz

Österreich - Steiermark - Graz - Uhrturm mit Blick auf Graz vom Schlossberg aus

Uhrturm mit Blick auf Graz vom Schlossberg aus

Graz ist jung und alt, modern und traditionsbewusst und, vor allem, fesch. Ein Blick von oben auf das Gassengewirr und die vielen Hinterhöfe ist Pflicht. Vom Uhrturm aus, der sein Dach wie einen tief ins Gesicht gezogenen Hut trägt, ist dies möglich. Auch Fahrradführungen werden angeboten. Graz, Kulturhauptstadt 2003, darf sich seit 2008 auch „Genusshauptstadt Österreichs“ nennen. Beim „Stainzerbauer“ lässt sich dies überprüfen und wird auf hervorragende Weise bestätigt. Nach dem Mahl klettern wir mit dem Restaurantleiter Peter Weinhofer hinab in den Weinkeller. Steirische Weine sind schließlich berühmt und Kulinarisches scheint fast überall am Radweg groß geschrieben, wird er doch auch unter dem Titel „Vom Enzian zum Welschriesling“ vermarktet.

Mehr zur "Genusshauptstadt Österreichs" in unserem Reiseführer Graz

Österreich - Graz - das Glockenspiel am Glockenspielplatz in Graz

Das Glockenspiel am Glockenspielplatz in Graz

Hinter Graz ändert sich die Landschaft schlagartig, es wird weit und flach. Felder und Kukuruz(Mais)äcker zur Linken und Rechten, ein Buschenschank, eine Kürbiskernmühle und zunehmend auch Wein sind zu sehen. Vorbei am Wildoner See radeln wir bis in die Weinstadt Leibnitz. Von hier aus lohnt sich ein Abstecher zum Schloss Seggau mit dem ältesten Weinkeller der Steiermark. Über 300 Jahre ist er alt. Dort kann verkostet werden: „Welschriesling und Sauvignon blanc sind hier die Hauptrebsorten“, erklärt die Verkäuferin. Draußen rattert ein Klapotetz zwischen den Reben, eine Art Vogelscheuche, um Räuber im südsteirischen Weinland zu verscheuchen.

Österreich - Steiermark - steirische Köstlichkeiten auf dem Bauernmarkt hinter der Grazer Oper

Steirische Köstlichkeiten auf einem Bauernmarkt

Auch der Besuch einer Kürbiskernmühle darf nicht fehlen, z. B. bei der Kernmühle Hartlieb. Hier geht es ums Mahlen, Rösten und Pressen der Kerne. „Circa 2 ½ kg Kerne braucht man für 1 Liter Kernöl“, erklärt Ölpresser Karl Michelitsch. Er habe keine fixen Rezepturen, sondern müsse sich die Kerne eben anschauen. „Wie viel Salz muss ich hinzugeben und wie viel Wasser?“ Das sei jedes Mal anders. Berühmt ist das steirische naturbelassene Kernöl sowieso, und auch ich nehme eine Flasche mit nach Hause. „Aussehen tut es ja wie schwarzes Maschinenöl, wenn es aus der Flasche kommt“, meint mein Mitradler, es ist aber nicht fürs Fahrrad geeignet. Auf Teller und Salat hinterlässt es dann dunkelgrüne, würzig duftende Spuren. Flecken lassen sich nur durch Ausbleichen in der Sonne wieder beheben.

Wir folgen der Ölspur: Auch im Käferbohnensalat im „Buschenschank Assigal“ ist Kernöl. Dazu gibt’s eine Brettljause und ein Achterl Welschriesling. Und warum heißen diese Bohnen Käferbohnen? „No, weils ausschaugn wia a Käfer. Die marmorier’n!“, sagt Frau Lang am Nachbartisch. Die Sonne steht schon schräg, das Licht ist sanft. Hier bleiben wir länger, um das steirische Lebensgefühl zu genießen. Davon möchte man sich gerne eine Scheibe abschneiden und mit nach Hause nehmen. Zeit und Genuss. „Der Bauch Österreichs“ soll die Steiermark auch genannt werden. Das passt. Nur für die Wiener sind die Steirer einfach „Die Wilden hinterm Semmering“.

Österreich - Steiermark - Brettljause im Buschenschank Assigal

Brettljause im Buschenschank Assigal

Wilder und weiter wird die Mur. Durch schmucke Dörfer und schattige Auwälder führt der „König der steirischen Radwege“ vorbei an Bauernläden und der mit Blumenampeln geschmückten Mur-Rollfähre bei Weitersfeld. Sie schafft „30 Personen oder 7 Stück Großvieh“ hinüber nach Slowenien, so ein Schild. Die Grenze bildet die Mur selbst. Gelsen (Stechmücken) plagen am Röcksee, sobald man den Fuß vom Pedal nimmt. Und dann kommt das kleine, aber feine Bad Radkersburg mit seinem Stilmix von Häusern aus verschiedensten Epochen und der Therme. Im „Hoamathaus“ kurz vor der Grenze zu Slowenien und direkt am Radweg gibt’s zur Stärkung Topfenstrudel mit Schlagobers. Die Unterhaltung von einigen Burschen im Buschenschank kommt kostenlos dazu. Zirbelschnäpse und Heckenklescher (Wein, so stark, dass man in die Hecke fällt) machen die Runde. Das Ende des Wegs ist am blauen „Slovenija“-Schild erreicht: „Pfiati, Mur!“ muss es (noch) heißen, denn der Weg soll bis zur Mündung der Mur in die Donau verlängert werden.

Österreich - Steiermark - Mur-Fähre nach Slowenien bei Weitersfeld

Mur-Fähre nach Slowenien bei Weitersfeld

Die Abschlussfeier findet in entspannenden blauen Fluten der Therme Bad Radkersburg statt. Wahrlich, ein blaues Wunder. Fast schwarz ist das Kürbiskernöl. Rosarot schimmert der Schilcher. Grün ist das Herz Österreichs. Und grün ist die Hoffnung: Bitte mehr solcher wunderbaren Radwege. Sie sind echt leiband. Pfiat eich!

 

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