Wo die Mostbarone herrschen
Mostviertel: Im Reich der Birne
Text und Fotos: Ulrich Traub
Den gekrönten Häuptern sei Dank. Maria Theresia verordnete die Anpflanzung von Streuobstbäumen an den Landstraßen ihres Reiches. Ihr Sohn Josef II. wollte nicht nachstehen und verpflichtete Brautpaare, mindestens zwei Obstbäume zu setzen. So entwickelte sich eine einzigartige Landschaftsstruktur. Auch wenn mächtige Menschen in den letzten Jahrzehnten mit diesem Erbe eher respektlos umgegangen sind, findet man doch noch eine Region, die sich an vielen Stellen wie ein Bild aus jener fernen Zeit präsentiert.

Weites Land: Impression unweit von Zeillern auf der Moststraße
Das Mostviertel, das der Reisende auf seiner Tour nach Wien rechts liegen lässt, besitzt keinen Prater und keine Ringstraße. Stattdessen findet man in dieser niederösterreichischen Region Europas größtes geschlossenes Obstbaumgebiet, das man am besten bei einer Fahrt über die Moststraße erkundet. Der 200 Kilometer lange Rundkurs führt ins Reich der Birne. Denn die meisten der über 300.000 Bäume sind Birnbäume, die sich hier begünstigt vom milden Klima zwischen Donau und Alpen schon seit Jahrhunderten besonders wohl fühlen. Da sich die Früchte nicht zum Verzehr oder zum Kochen eignen, verarbeitet man sie eben zu Most – und das nicht erst in unseren Tagen.

Typisch Mostviertel: Streuobstwiese mit Apfel- und Birnbäumen
Noch bis vor kurzem galt der Most als Getränk der armen Leute. Wer etwas auf sich hielt, trank Bier und natürlich Wein. Most wurde abfällig als Landessäure bezeichnet. Doch mit dem Trend zu regionalen Naturprodukten und dem Wiederentdecken von Traditionen erfährt der Most eine Aufwertung. „Die Erzeugung von Qualitätsprodukten ist bereits so ausgereift wie beim Wein“, erklärt Johann Hochholzer. Der Chef des Wirtshauses „Gafringwirt“ in Euratsfeld bietet dem Gast eine Auswahl sortenreiner Moste, die besonders gut munden zu einem seiner Mostmenüs, bei dem etwa Mostschaumsuppe, Ochsenschinken in Mostbeize und Birnenknödel an Birnensektschaum gereicht werden.
Wenn Hochholzer einen Most aus der Roten Pichlbirne oder einen Dorsch- oder Speckbirnenmost empfiehlt, mag der Gast schmunzeln, doch besitzt jede dieser Mostbirnen, die nur eine kleine Auswahl der im Mostviertel verarbeiteten Sorten darstellen, eigene Geschmacksnoten. Das hellgelbe bis bernsteinfarbene Getränk wird in den Geschmacksrichtungen mild, halbmild, kräftig und resch, also säuerlich, angeboten. „So langsam entwickelt sich bei uns wieder eine Mostkultur“, freut sich Hochholzer. Die Moststraßenwirte tragen ihren Teil dazu bei. „Schließlich war es die Mostproduktion, die in unserer Gegend im 19. Jahrhundert für Reichtum gesorgt hat.“
Die unzähligen knorrigen und hoch aufragenden Birnbäume auf den Streuobstwiesen sind ebenso Merkmal dieses stillen Hügellandes wie die markanten Vierkanthöfe. Diese herrschaftlichen Anlagen, deren vier Seitenteile einen Innenhof umschließen, sind Ausdruck des Reichtums der Mostbauern. Der gerade restaurierte Hof, den Mostbaron Karl Hauer in Hauersdorf bewirtschaftet, stammt aus dem Jahr 1356. Den Titel verdankt Hauer seinem Bemühen, dem Most neue Geltung zu verschaffen und ihn zur Verkostung anzubieten.
„Bei uns dreht sich alles um die Birne“, erklärt der Mostbaron sein Geschäftsmodell. Hunderte neuer Bäume haben die Hauers in den letzten Jahren dazugepflanzt. Die ungespritzten Früchte verarbeiten sie nicht nur zu diversen Birnenmosten, sondern pressen auch Säfte und destillieren Edelbrände. „Die Herstellung von Most ist ähnlich anspruchsvoll wie die von Wein“, unterrichtet der Mostbaron. „Zwischen zwei und acht Wochen muss der Saft im Fass gären, bevor der Most ausgebaut, filtriert und geklärt wird.“ Mit vier bis acht Prozent liegt sein Alkoholgehalt unter dem des Weines. Außerdem sei Most ein durchaus gesundes Getränk, weiß Hauer, er aktiviere den Kreislauf und binde Fette.

Mostbaron Karl Hauer mit Insignien: Hut und Flasche
Überall auf der Moststraße sind neue Streuobstwiesen gepflanzt worden, werden alte Sorten rekultiviert. Anton Distelberger kann sich noch gut an die Zeit der großen Rodungen erinnern. „Most war in den 60er-Jahren verpönt bei uns, was dazu führte, dass tausende alter Bäume gefällt wurden.“ Nun wird mit dem Slogan, Mosttrinker sind Umweltschützer, auf die Bedeutung des Obstbaums für die Landschaft des Mostviertels hingewiesen – mit Erfolg.
Die Distelbergers, die den Ödhof bei Amstetten bewirtschaften, haben besonderen Anteil an der Entwicklung. Im Heurigen bei regionalen Speisen zu Most und Saft oder im Hofladen, wo Spezialitäten wie der preisgekrönte Apfel-Honig-Essig und der fruchtige Birnensekt angeboten werden, treffen sich die Mostviertler. Wer etwas über die bäuerliche Kultur dieser Region und die Geschichte des Mosts erfahren will, sollte sich vom Distelberger-Senior durch sein Bauernmuseum führen lassen, der mit über 17.000 Exponaten größten volkskundlichen Privatsammlung in Österreich. Klar, dass auch er den Titel eines Mostbarons führt.
„Bayerische Mönche waren es, die ab dem 8. Jahrhundert unser Land urbar gemacht und die wilden Apfel- und Birnbäume veredelt haben“, weiß Museumschef Distelberger. Das 1112 gegründete Stift Seitenstetten, als barocker „Vierkanter Gottes“ bekannteste Sehenswürdigkeit an der Moststraße, und das ehemalige Kloster Ardagger, wo in der Mostgalerie ausgezeichnete Produkte der Region verköstigt werden können, sind Zeugen jener Zeit, als schon die fahrenden Sänger den Most in ihren Lieder gerühmt haben.

Inoffizielles Wahrzeichen der Moststraße und Radlerziel:
Riesenmostbirne in Leitzing bei Ardagger
Die Moststraße führt nicht nur zu Bauernhöfen, Heurigen und Wirtshäusern, sondern auch zu Sehenswürdigkeiten wie der Sonntagsbasilika, die am Panoramahöhenweg liegt, der die schönsten Blicke auf das Reich der Birne eröffnet. Hauptattraktion bleiben aber die in unseren Breiten so selten gewordenen Streuobstwiesen, die man auf zahlreichen Mostwanderwegen und Lehrpfaden entdecken kann. Danach hat man garantiert Lust auf einen erfrischenden Most. Zum Anstoßen wünscht man sich „G’sundheit!“ und erwidert „Sollst leben!“. Schließlich handelt es sich beim Most ja um ein reines Naturprodukt.
Informationen:
Mostviertel Tourismus
Adalbert-Stifter-Str. 4,
A-3250 Wieselburg
Internet: www.mostviertel.info, www.moststrasse.at
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