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REIHE ESSEN & TRINKEN UNTERWEGS

Ein Tempel für den grünen Veltliner

Loisium: die multimediale Weinwelt im österreichischen Kamptal

Text und Fotos: Volker Mehnert

Es kann gar nicht anders sein, ein solcher Kubus bleibt umstritten. Wie ein Meteorit ist das futuristische Bauwerk in die Weinberge des niederösterreichischen Kamptals eingeschlagen - kantiges Silber zwischen den grünen Rebstöcken der Jahrhunderte alten Kulturlandschaft.

Drei Familien aus dem Weindorf Langenlois, achtzig Kilometer nordwestlich von Wien, haben ihre mehrere hundert Meter langen Kellergewölbe, die heute nicht mehr für die Weinerzeugung gebraucht werden, zusammengelegt, um einen Weinlehrpfad neuen Typs zu schaffen: statt Schautafeln im Weinberg ein multimedialer Erlebnispark im Untergrund. Als Blickfang und Portal zur Kellerwelt dient der dreizehn Meter hohe Aluminium-Quader des New Yorker Architekten Steven Holl, hinter dessen Fassade das ungewöhnliche Weinerlebnis beginnt.

Österreich - Kamptal - Loisium

Weinbau und Architektur

Die Raumkomposition kopiert und verfremdet das Gefüge des unterirdischen Labyrinths, und die asymmetrischen Einschnitte in den Mauern verstärken den scharfen Kontrast zur vertrauten Vorstellung vom romantischen Weindorf. Mit jedem Detail grenzt sich das Gebäude von der biederen Winzerarchitektur früherer Zeiten ab. Es ist ein moderner Tempel für den Wein und eine Hommage an den Grünen Veltliner, Niederösterreichs maßgeblichen Beitrag zur internationalen Weinelite.

Die Idee, Weinbau und zeitgemäße Architektur zu kombinieren, ist nicht neu. Seit Jahrzehnten konkurrieren viele Weingüter in Kalifornien nicht nur mit ihren Weinen, sondern auch mit ihrem architektonischen Auftritt. Die Planer der Langenloiser Erlebniswelt haben sich deshalb angeschaut, wie Wein heutzutage in Amerika und anderswo auf der Welt präsentiert wird. Erst dann sind sie ihren österreichischen Weg gegangen und haben das zehn Millionen Euro teure Loisium errichtet. Seit September 2003 kann man sich hier nun dem Werden und der Seele des Weines, den technischen und mystischen Facetten des Weinbaus, annähern. Die Aufbereitung des Themas ist abwechselnd sachlich und verspielt, manchmal effekthascherisch bis kitschig, dann wieder anspruchsvoll und teilweise sogar schwer verständlich.

The Sound of Loisium

Fast einen Kilometer lang ist die Kellerwelt von Langenlois. Der Zugang zum Geheimnis des Weines beginnt mit originellen Wein-Hieroglyphen - archaisch reduzierten Bildzeichen, die ein Künstler an der grellgelben Eingangspforte in den Verputz geritzt hat. Sie erzählen Geschichten vom Wein und von den Menschen, die ihn erzeugen, berichten von Jahreszeiten, Rebverschnitt, Weinlese und Kelterung. Von dort wird man per Fahrstuhl in den „Gärdom“ befördert, einen simulierten Edelstahltank, in dem die Besucher mit optischen, akustischen und olfaktorischen Überraschungen konfrontiert werden. Videofilme projizieren bewegte Formeln von chemischen Vorgängen, die der Weinbereitung zugrunde liegen, an die Wand. Lichtinstallationen funkeln wie der Wein im Glas, ein versprühtes Aromengemisch simuliert die Düfte des gärenden Grünen Veltliners. Das Wesen des Weins soll auch akustisch erlebbar sein, und dafür hat das Vienna Art Orchester eigens eine Reihe von Kompositionen geschaffen: den „Sound of Loisium“, der sich aus Musikstücken wie „Chardonnay“ und „Grüner Veltliner“ zusammensetzt.

Der Ausgang aus dieser multimedialen High-Tech-Umgebung markiert gleichzeitig den Eingang in die neunhundert Jahre alten Kellergewölbe - ein abrupter und effektvoller Wechsel. Hier erwarten den Besucher an verschiedenen Stationen Fakten und Anekdoten zur Geschichte des Weinbaus in Niederösterreich.

Österreich - Loisium im Kamptal

In der Wein-Basilika

Und dann kommt wieder ein plötzlicher Übergang - von den ausgedienten Kellern hinein in das arbeitende Weingut der Winzerfamilie Steininger. Man lernt die technologisch geprägten Arbeitsabläufe von heute kennen: Weinpresse, Stahltanks und Labors. Danach führt der Pfad wieder hinunter in den Keller, und die Tour erreicht die mystische Dimension des Weinbaus. Im Halbdunkel findet man Orte der Meditation und interaktive Stationen mit Pendel, Mondbahn, Camera obscura und Gebetsmühlen. Hier wird auch dem Lößboden gehuldigt, der für den ausgeprägt mineralischen Charakter des Grünen Veltliners verantwortlich ist. Im künstlich schummrigen Kerzenlicht einer „Wein-Basilika“ taucht man vorübergehend in ein kitschig-religiöses Ambiente ein und ist froh, wenn sich kurz darauf der weltlich-profane Bereich öffnet.

Wieder oberirdisch, in der Vinothek von Steven Holls Kubus, stehen mehr als hundert Weine aus dem Kamptal und anderen Regionen Niederösterreichs zur Verkostung bereit - vom spritzigen Heurigen bis zur fruchtigen oder würzig-pfeffrigen Spätlese. Einen besseren Überblick über den vielfältigen Charakter des Grünen Veltliners kann man nirgendwo sonst bekommen.

„Wir haben alles neu erfunden“, sagt Karl Steininger, der als Winzer maßgeblichen Anteil an der Konzeption des Loisiums hatte. Vielleicht nicht alles, so möchte man einschränken, aber eine ganze Menge. Mit ihren mystischen Anspielungen sind die Gestalter hier und da wohl auch ein wenig zu weit gegangen, aber das muss bei einem solchen Experiment erlaubt sein.

Informationen

Kellerwelt Loisium
A-3550 Langenlois
Tel. 0043/2734/32240
Internet: www.loisium-weinwelt.at
Geöffnet April - Oktober: täglich 10.00 bis 19.00 Uhr, November - März: Mittwoch - Sonntag 10.00 - 19.00 Uhr, Eintritt 13/7 Euro. Zu empfehlen ist das Ausleihen eines Audioguides; ohne ihn bleibt vieles bruchstückhaft und unverständlich.

 

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