Reisemagazin schwarzaufweiss

Sonnenstadt vor den Toren Italiens

Lienz in Osttirol

Text und Fotos: Sandra Rauch

Lienz hat Flair. Und das ist unverwechselbar italienisch, was die übliche Verwechslung mit Linz in Oberösterreich ausschließen sollte. Nein, hier ist Lienz gemeint, die Bezirkshauptstadt Osttirols, das zwar Teil des Bundeslands Tirol ist, doch isoliert zwischen Kärnten, Salzburg und den italienischen Nachbarn Südtirol und Friaul liegt.

Österreich - Lienz - Füßgängerzone

Südlich der Hohen Tauern liegt die Stadt mit ihren rund 12.000 Einwohnern im breiten Tal der Isel, des schnellen Wildflusses, der am östlichen Ende von Lienz mit der aus dem Pustertal heranströmenden Drau zusammenfließt. Das Flair, das italienische, ist schon da, bevor man die Stadt überhaupt erreicht: Chaos an der Durchfahrtstraße, hier staut sich der ganze Verkehr, der vom Felbertauerntunnel, der Verbindung Osttirols ins Salzburgische, nach Lienz und darüber hinaus will - nach Italien, oder durch das Drautal nach Spittal oder Villach. So steht man und ärgert sich, dass eine Umgehungsstraße zwar seit Jahren diskutiert, aber noch lange nicht in Sicht ist. Doch warum stehen und sich ärgern, ist der obligatorische Stau doch ein guter Grund, das Auto auf einem der Parkplätze rund um den Bahnhof abzustellen und sich dieses Lienz genauer anzusehen.

Österreich - in der Fußgängerzone von Lienz

In der Fußgängerzone von Lienz

So tauchen wir ein in diese Welt der kleinen Gassen, alten Mauern, schnuckeligen Cafés und einladenden Boutiquen. Im Jahr 1242 wurde die Stadt erstmals urkundlich erwähnt, aus dieser Zeit stammt auch das „Klösterle“, Dominikanerinnenkloster und ältestes Kloster der Stadt. Das Prädikat „älteste“ trägt auch die Pfarrkirche St. Andrä, die links der Isel in der Beda Weber Gasse liegt. Die Kirche wurde auf den Grundmauern eines frühchristlichen Sakralbaus errichtet und im 15. Jahrhundert von den Grafen von Görz umgebaut.

Doch schlendern wir weiter durch die Beda Weber Gasse nach Osten, vorbei an der St.-Michaels-Kirche aus dem 14. Jahrhundert. Über die Spitalsbrücke erreichen wir wieder das rechte Iselufer und sind in wenigen Minuten am Hauptplatz und der Liebburg, dem Rathaus von Lienz. Das ehemalige Residenzschloss zieren zwei markante Zwiebeltürme, noch faszinierender sind jedoch die Palmen, die in der Blumenanlage davor wachsen. Überhaupt die Sonne. 2400 Sonnenstunden pro Jahr verwöhnen die Stadt und ihre Einwohner. So lebt es sich fast schon ein wenig mediterran, zumindest der Vergleich mit Südtirol drängt sich auf: Palmen im Vorgarten, während hinter den Häuserdächern die spitzen Zacken der Lienzer Dolomiten in den Himmel ragen. Von der Liebburg spazieren wir zum Johannesplatz, genehmigen uns einen Cappuccino im Café. Benissimo! Sind wir wirklich noch in Österreich?

Österreich - Lienz - in der Messinggasse

In der Messinggasse

Unser Blick fällt auf die Mariensäule, die hier am Johannesplatz an den großen Stadtbrand im 17. Jahrhundert erinnert. Bis hierhin fraßen sich damals die Flammen, dann konnte das Feuer gelöscht werden. Weiter geht es durch die Fußgängerzone. Kleine Geschäfte laden zum Shoppen ein. Die „grüne Wiese“, die Gewerbeansiedlungen vor den Toren der Städte, scheint sich hier noch nicht durchgesetzt zu haben. „Wir versuchen den Bau großer Einkaufszentren zu vermeiden und die kleinen Geschäfte zu stärken“, bestätigt Paula Müllmann vom Infobüro Lienzer Dolomiten später den ersten Eindruck. So atmen wir die Behaglichkeit der kleinen Sträßchen, schlendern, nicht weit vom Johannesplatz, durch die Rosen- und die Messinggasse. Die Messinggasse war das erste „Industrieviertel“ der Stadt, zur Zeit der Görzer Grafen, die bis 1500 in Lienz herrschten, stand hier ein Messingwerk. Heute findet hier jeden Freitagnachmittag und Samstagvormittag der Stadtmarkt Lienz statt, ein Treffpunkt für Genießer, mit frischen Produkten aus der Region. Und auch an allen anderen Tagen lässt es sich hier, zumindest von Frühjahr bis Herbst, vortrefflich schlemmen: Im Il Gelato, der leckersten Eisdiele der Stadt.

Schloss Bruck

Österreich - Lienz - Schloss Bruck

Schloss Bruck

Von der Messinggasse führt uns ein etwa viertelstündiger Spaziergang durch die Franz-von-Defregger-Straße zum Schloss Bruck, das auf der anderen Seite der Bundesstraße liegt und natürlich auch bequem mit dem Auto erreicht werden kann.

Schloss Bruck ist eine mittelalterliche Burganlage aus dem 13. Jahrhundert. Einst politisches Zentrum und Residenz der Görzer Grafen beherbergt das Schloss heute ein Museum mit der international umfangreichsten Gemäldeschau des Malers Albin Egger-Lienz und jährlich wechselnden Sonderausstellungen. Schmuckkästchen des Schlosses ist jedoch die Burgkapelle, eine gotische Kapelle mit Fresken von Simon von Taisten und Nikolaus Kentner. Eng ist es hier, ein kleiner Alter steht vor einem Schlitz im Mauerwerk, dem einzigen Fenster im Erdgeschoss der Kapelle. Gleißendes Licht fällt durch die schmale Öffnung, erhellt die „Vierzehn Nothelfer“, die Simon von Taisten auf die Mauer hinter dem Altar gemalt hat. Links schmückt der „Marientod“ von Taistens die Wand, rechter Hand führt eine steile Holztreppe auf eine schmale Empore. Darüber prangt das mit biblischen Figuren, aber auch dem Görzer Wappen verzierte Gewölbe.

Österreich - in der Burgkapelle von Schloss Bruck

In der Burgkapelle von Schloss Bruck

Steile Stufen führen uns auch ins oberste Geschoss des massiven Burgturms, des Bergfrieds von Schloss Bruck. Doch es lohnt sich, haben wir doch von hier ungestörte Sicht in alle Richtungen: Unter uns liegt Lienz, strömt die blassblaue Isel unaufhaltsam vor sich hin. Daneben die steilen Berghänge, die weiter oben in kahle, zackige Türmchen aus grauem Fels übergehen. Und hinten, die Berge dort am Horizont - das muss schon Italien sein.

Österreich - Lienz - Blick vom Bergfried von Schloss Bruck auf Lienz

Blick vom Bergfried von Schloss Bruck auf Lienz

 

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