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REIHE ESSEN & TRINKEN UNTERWEGS

"Tyrolian Style" ersetzt die Bauernstube

Die Innsbrucker Gastronomie öffnet den Blick auf die Alpen

Text und Fotos: Volker Mehnert

Innsbruck wird sichtbar. Hatten sich Cafés und Restaurants bislang hinter barocke Fassaden zurückgezogen, in mittelalterlichen Kellergewölben versteckt und in gemütlichen Tiroler Bauernstuben eingeigelt, so zeigt man plötzlich eine Vorliebe für raumhohe Glasfronten, klare Konturen und futuristisches Design. Wer eine Stadtkulisse wie Innsbruck zu bieten hat, so heißt es jetzt, ein Dutzend Kirchtürme und eine atemberaubende Bergwelt, der soll sie auch zeigen und seine Gäste nicht in abgeschottete Räume einsperren.

Österreich Innsbruck Bergisel

Klare Linien, große Fenster: Café am Bergisel

Begonnen hatte alles mit dem Bau der neuen Sprungschanze am Bergisel. Die irakische Architektin Zaha Hadid setzte den Innsbruckern nicht nur eine zeitgemäße Sportstätte vor die Haustür, sie schuf damit auch ein architektonisches Kunstwerk, das sich schon bei seiner Eröffnung als neues Wahrzeichen der Stadt aufdrängte. Die Schanze und das in luftiger Höhe eingebaute Café im Turm bieten Einheimischen und Touristen eine vollkommen neue Perspektive auf Innsbruck und seine Umgebung. In allen vier Himmelsrichtungen dienen die riesigen Fensterfronten als Rahmen für immer neue Bildausschnitte: Bergisel, Patscherkofel, Axamer Litzum, Nordkette.

Österreich Innsbruck Penz Hotel

Was man dort oben am Berg kann, muss auch unten im Tal möglich sein, dachten sich einfallsreiche Unternehmer und Gastwirte und folgten auf ihre Weise den stilistischen Vorgaben des Schanzencafés. Im Rahmen der Umgestaltung eines verwahrlosten städtischen Platzes sorgten Planung und Bau des Penz Hotels (Foto rechts) zunächst allerdings für Aufregung und Ärger. Doch seit der Glaspalast fertiggestellt ist, gilt er als geglücktes Beispiel für moderne Innenstadtarchitektur, und sogar die früheren Kritiker sind vom neuen „Tyrolian Style“ angetan.

Denn der gewollte Kontrast zur hergebrachten Tiroler Bauweise erschöpft sich nicht einfach in deren Negation: Die Transparenz der Glasfassaden macht die Bürgerhäuser am Platz und die Kirchtürme der Altstadt vielmehr zum ergänzenden Element der Innenarchitektur, und von außen bewirkt die Spiegelung eine mehrfache Reproduktion der alten Fassaden in der neuen Glasfront. So ist der Abschied vom Traditionellen zugleich dessen Bestätigung und Vervielfältigung - eine spannende Dialektik von Alt und Neu.

Lichtblicke über dem Rathaus

Die schönsten Aussichtsplätze für ein ungewöhnliches Frühstück besitzt das Restaurant Fifth Floor im obersten Stockwerk des Penz Hotels. Die klare, kantige Linienführung des Gebäudes wird dort durch sanfte Formen entschärft; überall gibt es abgerundete Ecken, Ellipsen und Zylinder. Schon die Auffahrt im gläsernen Lift gibt den Blick frei auf Altstadt und Alpen, und im Restaurant selbst erweitert sich das Panorama auf alle vier Himmelsrichtungen. Während man seinen ersten Kaffee trinkt, berühren die Sonnenstrahlen gerade die Gipfel der Nordkette. Dann wandern sie langsam die Hänge hinunter, bis sie schließlich die Kirchtürme und Dächer von Innsbruck beleuchten. Unwillkürlich nimmt man sich so lange Zeit fürs Frühstück, bis die Sonne auf dem Talboden angelangt ist.

Österreich Innsbruck Fifth Floor

Fifth Floor: Blick auf Kirchtürme und Berge

Mittags lässt sich ein ähnliches Panorama vom siebten Stock der benachbarten Rathauspassagen aus genießen. Dort hat sich das Restaurant Lichtblick einquartiert, dessen Name bereits Programm ist. Die gewohnte, in sich selbst ruhende Gemütlichkeit der Tiroler Bauernstube ist ersetzt durch geradliniges Design und eine lichtdurchflutete Transparenz, durch die die Außenwelt zum wesentlichen Bestandteil des Restaurant-Ambientes wird.

Nicht jeder kann mit seinem Lokal so hoch hinaus, doch auch auf der Ebene des Parterre lässt sich ein Blick auf Innsbruck öffnen. Besonders gelungen ist die Perspektive im Stadtcafé, das im Innern sämtlichen Plüsch und alle Traditionen abgelegt und sich in ein jugendliches Bistro verwandelt hat. Durch die großen Fensterfronten freilich wird das altehrwürdige Innsbruck wieder ins Lokal hereingeholt; bei Tag und Nacht schaut man auf die mächtige Breitseite der von Maria Theresia errichteten Hofburg.

Schluss mit dem Lederhosen-Stil

Sogar mitten in der denkmalgeschützten Altstadt, in unmittelbarer Nachbarschaft des Goldenen Dachl, sind neue Sichtweisen möglich. Das Café Katzung versteckte sich dort früher hinter Butzenglas und Gardinen. Es war ein verstaubtes Kaffeehaus, „lieb auf seine Art“, wie der Besitzer einräumt. Jetzt aber öffnen klare Scheiben den Blick auf die Altstadt und binden den Gast in das Leben auf der Straße ein. Zurückhaltend moderne Ausstattung und Möblierung haben die alten Gewölbe auch im Innern in einen großzügig hellen und dennoch behaglichen Aufenthaltsraum verwandelt. Radikal aufgeräumt hat auch die Wirtin des Restaurants Dengg. „Den Lederhosen-Stil“, so sagt sie, „haben hier viele einfach satt.“ Und deshalb hat sie das elterliche Altstadt-Stüberl so konsequent von seiner einstigen Muffigkeit befreit, dass sich Stammgäste anfangs über das „halbfertige Lokal“ mokierten.

Österreich Innsbruck Glasfronten

Immer wieder: Glasfront mit Bergen

Halbfertig erscheinen im ersten Moment auch die mit freigelegten Leitungen und Heizungsrohren durchzogenen Räume des Gastronomiekomplexes Cammerlander, für das ein ehemaliges Postgebäude entkernt wurde. Öffnung und Helligkeit sind auch hier das erklärte Ziel. Bar, Restaurant, Café und Lounge sind auf mehrere Räume und Ebenen verteilt, und doch kommunizieren sie durch Flure, Treppen und Sichtachsen miteinander. Nach außen hin wird der Blick freigegeben auf den Inn, die Fassaden Innsbrucker Bürgerhäuser und auf die Berge.

Mit einer anderen Variante interpretiert das Restaurant Kunstpause im Tiroler Landesmuseum den Trend zur modernen Raumgestaltung. Zwei ehrwürdige Kuppelsäle des Ferdinandeums hat man mit minimalistischem Mobiliar und Dekor bestückt, so daß bei Tisch das Porzellan wegen seiner enormen Größe und seiner extravaganten Formen zum wichtigsten Stilelement des Raumes wird. Genau wie die Köche von Dengg und Lichtblick hat sich der Küchenchef der Kunstpause schon in kurzer Zeit die ersten Hauben erkocht. Ausblick und Design sind schließlich bei einem Restaurant nicht alles.

Österreich Innsbrcuk Schanzencafé

Café im Turm: Hier begann der neue Stil

Informationen zur Gastronomie in Innsbruck

*
Café im Turm: Sprungschanze Bergisel, Tel. 0043/ 512/ 58925930
* Fifth Floor / Penz Hotel: Adolf-Pichler-Platz 3, Tel. 00 43/ 512/ 5756570
* Dengg: Riesengasse 13, Tel. 0043/ 512/ 582347
* Kunstpause: Museumstr. 15, Tel. 0043/ 512/ 572020
* Lichtblick: Rathaus-Galerie, Maria-Theresien-Str. 18, Tel. 0043/ 512/ 566550
* Stadtcafé: Universitätsstr. 1, Tel. 0043/ 512/ 566544
* Cammerlander: Innrain 2, Tel. 0043/ 512/ 586398
* Katzung: Herzog-Friedrich-Str. 16, Tel. 0043/ 512/ 586183

 

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