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Gipfelsturm auf vier Hufen in Österreich

Alpine Trekking-Touren auf dem Pferderücken im Nationalpark Hohe Tauern

Text und Fotos: Helga Schnehagen

Östereich - Nationalpark Hohe Tauern mit dem Haflinger

Ganze zweihundert Dreitausender soll man in Kärnten zählen können. Genauer in Oberkärnten, dem westlichen Teil des österreichischen Bundeslandes, wo an der Grenze zu Osttirol der Großglockner als König allesamt mit 3797 Metern überragt. Der Gipfelsturm der Alpenriesen war bislang den Bergsteigern und Wanderern vorbehalten. Seit einigen Jahren hat jedoch auch ein Pferdehuf den 3094 Meter hohen Gipfel des Sandkopfs, eines Nachbargipfels des Hohen Sonnblicks, betreten – vielleicht erstmalig.

Das Pferd ist im Hochgebirge der Kärntner Berge an sich nichts Neues. Bereits Römer und Kelten säumten Waren über höchste Alpenpässe wie das 2500 Meter hohe Hochtor. Hubert Sauper hat die Geschichte des Saumhandels im Hochgebirge jahrelang recherchiert, aufgezeichnet und sich damit als Buchautor einen Namen gemacht. Sohn Anton hat das Thema praktisch aufgegriffen und daraus das Alpinreiten – die Königsklasse des Wanderreitens – entwickelt und aufgebaut. Seitdem stehen rund zwölf gebirgserfahrene Haflinger bei dem staatlich geprüften Bergführer im Stall, um Gäste über alte Saumpfade in immer neuen Programmen und Strecken die schönsten Gebiete des Nationalparks Hohe Tauern hautnah erleben zu lassen.

Östereich - Nationalpark Hohe Tauern mit dem Haflinger

Die 3000-er Expedition mit Basiscamp ist neben der traditionellen Tauernüberquerung das i-Tüpfelchen des ganzjährigen Angebots von Halbtages- und Tagestouren, 2-Tages-Trekks mit Hüttenübernachtung und Wochenritten. Denn weder Kälte und Schnee, noch Sonne und Regen kann dem robusten Haflinger etwas anhaben. Der Reiter allerdings sollte sich selbst bei kurzen Touren kleidungsmäßig gut auf das wechselhafte Wetter einstellen. Den Pullover und wasserdichten Regenmantel darf er dabei auf keinen Fall vergessen. Denn im Gebirge ist Petrus immer für eine Überraschung gut.

Jedes Bergabenteuer beginnt in Döllach (1024 m) im Mölltal, nur acht Kilometer südlich von Heiligenblut. Auch an jenem Morgen Anfang Juni, als es ins Astental geht, einen besonders reizvollen Teil der Region. Auf die Trittsicherheit der Haflinger ist Verlaß. Trotzdem stockt der Atem, wenn der Blick seitwärts in den Abgrund fällt. Behende klettern die braven Tiere auf den schmalen, steinigen Wanderpfaden bergan – beinahe in der Direttissima. Nach ein paar Metern halten sie an, verschnaufen fünf bis zehn Sekunden, klettern weiter. Am Ende der Saison werden sie wieder genug Atem haben, um ohne Pause aufzusteigen. Mit dem Tempo eines gut trainierten Bergwanderers können sie locker mithalten. Scheinbar mühelos überwinden sie 1000 Höhenmeter in rund zwei Stunden.

Östereich - Nationalpark Hohe Tauern mit dem Haflinger

Als Saumpferde haben die stämmigen Vierbeiner jahrhundertelang mit Lasten bis zu 160 Kilo die Alpen auf noch so unwegsamem Gelände überquert. Noch heute helfen sie den Bergbauern dort, wo moderne Technik kapitulieren muß. Gerade in den Hohen Tauern, wo althergebrachte Almwirtschaft unverändert betrieben wird. Die steilen Almen sind es auch, auf denen die Haflinger die Kletterfähigkeit mit der Muttermilch aufsaugen.

Stetig geht es bergan. Wanderwege wechseln mit alten Säumerpfaden, Almwegen und ab und zu einem Stück sandiger Forststraße. In der Nationalparkregion Hohe Tauern ist die Welt noch in Ordnung, wenn auch die Alpenrose zu jenem Zeitpunkt gerade erst beginnt, die Berghänge in roten Almrausch zu verwandeln. Moosbewachsene Felsen, aus denen die Bäume herauszuwachsen scheinen, künden vom Wasserreichtum der Region.

Östereich - Nationalpark Hohe Tauern mit dem Haflinger

Immer wieder fällt der Blick auf die majestätische Bergwelt, die Lienzer Dolomiten, die Schober Gruppe mit allein 47 Dreitausendern. Nur den Großglockner, den man von der Hütte „Glocknerblick” eigentlich erspähen sollte, versteckt sich hinter Wolken. Hier oben in 2050 Meter Höhe ist es schon recht frisch. Da tut der Pullover gute Dienste.

Mit Kasnudeln gestärkt geht es weiter in die Asten, die jeden Kärtner ins Schwärmen versetzt. Das Astental gehört sicherlich zu den herausragenden Naturschönheiten der Region. Hier vergißt man die schroffe Bergwelt. Weit und weich, ja fast lieblich breiten sich die Almmatten aus, zu dieser Jahreszeit von zahllosen blühenden Wiesenblumen ganz fein durchsetzt. Vom gegenüberliegenden Talhang stürzen Wasserfälle herab, und im Tal ist das Astenmoos, eine Feuchtwiese, besonders geschützt.

Am Talschluß, wo der Astenfluß aus steilem Felsen herabströmt, finden die Pferde Unterkunft beim Bergbauern, im flachen Kuhstall, der schon seit ewigen Zeiten besteht. Ebenso die Bauernhütte nebenan. Drei Kinder gehen im Astental zur Schule, die bei einem der Schüler eingerichtet ist. Die Toten konnte man früher nur ab dem Frühjahr im tiefer gelegenen Kirchenort Sagritz begraben. In der Zwischenzeit ruhten sie in einfachen Holzkisten – wie die Kartoffeln. Da soll es schon mal zu Verwechslungen gekommen sein ...

Dem müden Reiter bietet das „Sadighaus“ ein Matratzenlager. Die bewirtschaftete Hütte liegt fast 2000 Meter hoch. Einheimische parlieren an der Theke und aus dem Radio kommt der Wetterbericht: Schneefall bis 1200 Meter Höhe.

Der Wintereinbruch bleibt diese Mal zwar aus, dafür begleitet strömender Regen den Rückweg. Von der grandiosen Sicht auf schneebedeckte Gipfel ist nichts mehr übrig. Tief hängen die Wolken und lassen Mensch und Kreatur sich schutzsuchend näher kommen: Selbst die Gemsen fliehen vor dem Wetter talwärts. Behende bergauf- und bergabspringend, kreuzen sie in nächster Nähe den Weg.

Zurück in Döllach, erwartet die Truppe eine Gemüsesuppe und Butterbrote mit würzigem Schnittlauch. Wie oft mögen sich die Säumer von einst so wie die heutigen Touristen auf diese warme Mahlzeit am Ende des Tages in den Bergen gefreut haben?

Östereich - Nationalpark Hohe Tauern mit dem Haflinger

 

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