Reisemagazin schwarzaufweiss

Steinböcke und Heubad

Schneeschuhwandern am Großglockner

Text und Fotos: Dirk Schröder

Oesterreich, Großglockner - Schneeschuhe

Schon unsere Vorfahren waren als Jäger in den Bergen mit Schneeschuhen unterwegs. Nur waren die breiten Sohlen aus Eschenholz mit Natursehne hergestellt und nicht so beweglich wie die neue Generation. Seit einigen Jahren erfreut sich der „andere Wintersport“ immer größerer Beliebtheit. Bei Vollmondwanderungen sind neben Urlaubern meist auch Einheimische dabei. Da das Schneeschuhwandern keinerlei Vorkenntnisse erfordert, hat jeder die Möglichkeit im Winter auch abseits der gespurten Wege in die Berge zu gehen. Unser Autor hat den Trendsport am Großglockner ausprobiert.

Im Schein der Stirnlampe werden Schuhgrößen angepasst (Foto), Schnallen klicken, dann machen wir die ersten Gehversuche mit den breiten Plastiksohlen unter den Füßen. Die Gesichter der elf Teilnehmer dieser Vollmondwanderung sind von Wollmützen und Kapuzen umrahmt. Marion vom Nationalpark Hohe Tauern ist eine der Führerinnen des Parks. Sie ist davon überzeugt, dass wir heute Abend Tierspuren sehen werden. „Der Schneehase ist hier zuhause, auch den Fuchs werden wir mit Sicherheit sehen,“ sagt sie, „denn jetzt ist Ranzzeit!“ Ihre Begeisterung ist ansteckend.

Schneelandschaft im mystischen Licht

Langsam weicht das taube Gefühl aus den Fingerkuppen einem schnellen Pulsieren des Blutes. Trotz guter Ausrüstung brauchen auch die Zehen lange, bis sie den 12 Grad Minus trotzen können. Der helle, runde Mond ist bereits über die Nachbarberge des Großglockners gekrochen. Unerwartet hell zeigt sich die Schneelandschaft im mystischen Licht.

Osterreich, Großglockner - Schneewanderung

Im Gänsemarsch immer bergauf

Im Gänsemarsch stapft einer hinter dem anderen den Berg hinauf. Während Marion mit aller Mühe einen Weg in den Neuschnee bahnt, läuft der Letzte in der Reihe mit den Schneeschuhen bereits bequem auf einem breiten Trampelpfad. Wie versprochen tauchen schon bald die ersten Fuchsspuren und wenige Schritte weiter die markanten Trittsigel eines Hasen auf. Die breiten Abdrücke, die wie kleine Schneeschuhe aussehen, sind typisch für den Schneehasen.

Trotz unserer neumodischen Treter versinken wir manchmal bis zu den Knien in den Schneeverwehungen. Der eisige Wind bläst uns immer wieder ins Gesicht. Die hohe Lawinengefahr - Warnstufe 4 von max. 5, zwingt die studierte Biologin die Aufstiegsspur am Waldrand vorbei zur „Heidihütte“ zu legen, wo sie uns einen kräftigen Schluck Rum in den heißen Tee aus den Thermoskannen gibt. Die Wolkenschleier haben den Orion frei gegeben, der kleine Sternenhaufen der Plejaden ist daneben auszumachen. Im Mondschein wirken die vereinzelten Lärchen und Fichten wie statische Wächter im Schnee.

Oesterreich, Großglockner - Winterwald

Nun wird auch der Großglockner vom Mond mit seinem sanften Licht angestrahlt. Der König der österreichischen Berge, auf dem es im Sommer Warteschlangen geben soll, zeigt sich in bezaubernder Ruhe. Irgendwo dort oben liegen nun die Steinböcke in ihren Verstecken, tief in der Erde verschlafen Murmeltiere den Winter. Auch die Bartgeierhaben sich in den Felsen für den Winter eingerichtet.

Beim Ausflug mit dem uralten Fortbewegungsmittel der Bergbewohner werden wir aber auch darauf aufmerksam gemacht, dass viele Tiere je nach Route in ihren Verstecken aufgeschreckt werden und flüchten müssen. Für manche kann das den Tod bedeuten, denn im Winter muss jede Art mit ihrer Energie extrem haushalten, weil das Nahrungsangebot gering ist und oft nur mit Mühen unter dem Schnee freigegraben werden kann.

Aus der Kälte ins mollig warme Hotel

Oesterreich, Großglockner - Wellnes

Zurück im mollig warmen Hotelzimmer des Taurerwirts kommt uns dieser Ausflug vor wie eine Reise in eine andere Welt. Hautnah standen wir den Gewalten und der Schönheit der Natur gegenüber. Im Kontrast dazu genießen wir nach den Touren das Verwöhnprogramm unseres Hotels am Fuße des Großglockner (Foto rechts). Die ruhige Lage am Ende des Dorfertals trägt ihr übriges zum Erholungswert bei. Im Zuge der letzten Umbauten wurde der Wellnesbereich großzügig modernisiert und durch Kosmetik und Bäder ergänzt.

Das Hotel arbeitet eng mit dem Nationalpark zusammen und bietet seinen Gästen mehrmals pro Woche geführte Touren unter kompetenter Leitung an. Im Winter auf Schneeschuhen und im Sommer als Wanderung. Sehr beliebt sind die Wildbeobachtungen, bei denen die Gäste viel über die heimischen Tiere erfahren, mit großer Wahrscheinlichkeit aber auch Gämsen und Steinböcke sehen.

Die Gesichtspunkte des Feng Shui wurden in dem neuen Teil des Hauses konsequent umgesetzt, was bei den Gästen ein behagliches Gefühl weckt. „Uns war es beim Umbau wichtig Materialien aus der Umgebung zu verwenden, das Lerchenholz für die Böden, die beruhigende Wirkung des Zirbelholzes im Ruheraum, den Stein aus dem Nachbarort“, erklärt der Hotelmanager. Selbst das duftende Heu für das spezielle Heubad kommt von der eigenen Alm.

Oesterreich, Großglockner - Hotel

Steinböcke in Sicht

„Was, ihr habt noch keine Steinböcke gesehen!“ fragt die Wirtin uns ganz erstaunt, nachdem wir vorsichtig unserer Enttäuschung Luft gemacht hatten. „Die beobachte ich doch jeden Tag von meinem Zimmer aus“, sagt sie, schnappt ihr kleines Fernglas und geht vor die Tür. „Eine kleine Gruppe ist meistens oberhalb der Moa Alm in den Felsen.“ Es dauert nicht lange bis von ihr die erleichterte Feststellung zu hören ist: „Da sind vier, fünf, nein sogar sieben Steinböcke, rechts neben dem Felsgipfel in der Schneerinne. Andere Hotelgäste mit Langlaufski im Arm und Schlitten an der Hand bleiben interessiert stehen und wollen auch die Steinböcke sehen. Jeder drängelt sich um das Glas, bis er dann die Tiere mit bloßem Auge in der Ferne erkennen kann.

Oesterreich, Großglockner - Fernsicht

Das Fernglas hilft .....

Mehr als dreihundert Steinböcke halten sich inzwischen im Nationalpark auf. Jahrtausende waren sie in den Hohen Tauern heimisch. Bei Grabungsarbeiten für den Bau einer Felsenkapelle stieß man neben Steinwerkzeugen aus der Ötzi-Zeit und Bärenschädeln auf über 40 Knochenreste von Steinböcken, die kreisförmig angeordnet waren. Ein Ritualplatz wird vermutet. Erst als man den Steinböcken wegen ihrer majestätischen Erscheinung magische Kräfte zuschrieb und den Organen heilende Wirkung, wurden die Tiere systematisch gejagt und bis Ende des 19. Jahrhunderts ausgerottet. In den 1960er Jahren wurde das Steinwild durch die kostspielige Eingliederung einiger Exemplare aus dem Nationalpark Gran Paradiso wieder heimisch. Im Winter bewegen sie sich weniger als im Sommer, um ihre Fettreserven zu schonen. Das gibt dem Naturbeobachter die Chance den Tieren in ihrer natürlichen Umgebung so nah wie sonst selten zu kommen.

Oesterreich, Großglockner - Steinböcke

...bei der Suche nach den Steinböcken

Bei dieser Gruppe im steilen Gelände haben wir keine Chance näher heran zu kommen. Vielleicht aber bei einer der geführten Wildbeobachtungstouren, die auf knapp 2000 Metern beim Lucknerhaus beginnen. Andreas Rofner vom Nationalpark führt unsere Gruppe am nächsten Morgen an. Der Wind kommt so kalt wie aus einer geöffneten Gefrierschranktüre vom Glockner herunter. Gleich spitzer Nadeln treffen die feinen Eiskristalle auf unsere Wangen. Manchmal können wir die Hand vor Augen nicht sehen, dann wieder gibt der Schneeschleier einen Blick auf den Berg frei.

Von Gämsen und Steinböcken

Mit den Schneeschuhen stapfen wir in der breiten Spur unseres Vorgängers bergan. Herz und Kreislauf kommen schnell auf Touren, die Gedanken beruhigen sich. „Wenn ich ein Steinbock wäre, würde ich schön in meinem Versteck auf besseres Wetter warten“ meldet sich mein Verstand.

Oesterreich, Großglockner - Schneeschuhwanderung

Auf den Spuren des Vorgängers geht es leichter

Bei einer Rast mit Hochprozentigem holt unser Nationalparkführer einige Präparate aus dem Rucksack. Der Schädel eines Bibers liegt neben einem Dachs, das gebogene Horn einer Gämse neben dem mächtigen „Säbel“ eines alten Steinbocks. Zu jedem Tier kann Andreas spannende Geschichten erzählen, die jeden Gedanken an Kälte zerschmelzen lassen.

So erfahren wir, dass die Steinböcke vor Jahrtausenden in der Zwischeneiszeit aus der Steppe in die Alpen gewandert sind. Mit ihren beweglichen Zehen sind sie die besten Kletterer im Fels, haben es im Schnee allerdings schwerer als die Gämsen. Diese verfügen über eine Sehnenhaut zwischen den Schalen (Klauen) die weit gespreizt aus ihren Füßen kleine Schneeschuhe machen. Zudem müssen Steinböcke auf den Zehen das doppelte Gewicht tragen wie die Gämsen. Vorteil ist, dass Gams- und Steinwild im Winter einen unterschiedlichen Lebensraum beanspruchen und sich dadurch das knappe Futter nicht streitig machen.

Oesterreich, Großglockner - Schädel

Biber oder Dachs?

„Früher hatte man geglaubt, dass die Hörner den Steinböcken als Waffe dienen. Doch neueste Erkenntnisse haben ergeben, dass Steinböcke ihren Rang an den Hörnern erkennen können. Das Gerangel, was man manchmal beobachten kann, ist nur ein Spiel“, klärt uns Andreas auf. Und schon macht das gewaltige Horn eines Steinbocks die Runde. Deutlich sind die Zierringe auf der Vorderseite zu erkennen. Ein ausgewachsener Steinbock trägt stattliche 14-16 Kilogramm mit sich herum. Andreas kann an Hand der Ringe auf der Rückseite genau das Alter des Tieres erkennen. Er macht uns daran klar, dass Steinböcke und Gämsen die Hörner nicht abwerfen. Anders als das Rotwild bringen sie nicht die Energie auf, um diese Masse in einem Jahr wieder nachwachsen zu lassen.

Wohlige Düfte im Heu

Bald schon haben wir Glück und sehen in der Natur die Theorie bestätigt. Eine frische Gämsenspur zeigt, dass sich das Tier bis zum Bauch durch den Schnee gearbeitet hat. Mit den Ferngläsern verfolgen wir die markante Spur weiter. „Dort über dem Wasserfall sind zwei!“ ruft Christiane, die sie als erste entdeckt hat. Sorglos knabbern die schwarzen Tiere an den Büschen, ziehen über den Schnee, um dann am nächsten etwas zu naschen. Andreas kennt die Einstände der Tiere im Ködnitztal genau. Ohne dass es einer bemerkt hat, sucht er oberhalb die felsigen Regionen nach Steinböcken ab. Er kann seine Entdeckung noch etwas für sich behalten, bis unsere Gämsenbegeisterung schwindet.

Oesterreich, Großglockner - Rudel

Steinböcke auf Nahrungssuche

„Richtet euer Fernglas mal etwas höher“, fordert der erfahrene Guide uns auf. Dann sehen auch wir das Rudel. 15, 18, 20 Tiere suchen zwischen Schnee und Fels nach Nahrung. Deutlich zeichnen sich die stattlichen Hörner auf dem Weiß ab. Langsam zieht das Steinwild in Richtung Bergrücken. Die Kameras klicken, als sich die ersten mächtigen Tiere wie eine Silhouette vor dem Himmel abzeichnen. Plötzlich rasen alle wie auf ein Kommando in die Felsen und sind nicht mehr zu sehen. Es bleibt ein Rätsel, zu dem Andreas nur Vermutungen hat: „Entweder ein Skitourengeher oder ein Jäger! Ja, seit einigen Jahren dürfen bestimmte Steinböcke abgeschossen werden, weil die Population inzwischen sehr groß geworden ist.“

Durchgefroren und voller grandioser Naturerlebnisse lassen wir uns im Hotel verwöhnen, jeder auf seine Weise. Der eine heizt seinen Körper in der Sauna auf, andere genießen ein Kräuterbad. Im heißen Wasser des Pools mutig ins Freie schwimmen oder bei einer Massage erspüren, wie sanfte Hände mit duftendem Öl über die Haut gleiten. Zärtlich kreisende Bewegungen ausführen und den Körper langsam in einen beruhigten Zustand versetzten. Bei Kaffee und Kuchen im Wintergarten sitzen und die Naturgewalten von Wind und Schnee beobachten.

Oesterreich, Großglockner - Heubad

Entspannung im Heubad

Ein ganz besonderes Erlebnis ist das Heubad. Schon der Duft der verschiedenen Kräuter weckt Erinnerungen an den Sommer. Dann wird das aufgewärmte Almgras auf einer Matte in der Wanne ausgebreitet. Der „Genießer“ bettet sich darauf und wird mit Heu und Tüchern abgedeckt. Dann strömen mit dem heißen Wasser in der Wanne die wohligen Düfte der getrockneten Pflanzen um den Körper, dringen mit dem Schweiß in die Poren und beleben die Zellen auf eine ganz besondere Weise. Mal ganz unter uns: wer gönnt sich das schon daheim zwischen all den Terminen des Alltags?

 

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