
Experimente im Schnee
Wintererlebnisse der anderen Art
im Vorarlberger Brandnertal
Text und Fotos: Volker Mehnert
Es muss nicht immer Skifahren sein. Im Brandnertal jedenfalls
möchte man über die üblichen Denkbarrieren im Alpentourismus
hinausschauen und die Gäste wenigstens gelegentlich von ihren
eingefahrenen Ansprüchen auf puren Skiurlaub ablenken. Wie
aufregend alternative Erlebnisse im Schnee dort sein können,
zeigen drei Abstecher vom üblichen Pistenrummel, die Volker
Mehnert unternommen hat.
Winterlandschaft aus der Vogelperspektive
Sekunden vor dem Start zittern die Knie. Ein letzter
verunsicherter Blick auf die hauchdünnen Halteleinen des Gleitschirms,
dann kommt schon das entschlossene „Los!“ des Piloten:
Ski parallel stellen, geradeaus den Hang hinunterrutschen und einfach
warten, bis die Bodenhaftung verloren geht. So haben wir es vorher
verabredet. Die vertraute Skipiste dient als Startbahn, doch für
die nächsten fünf, sechs Sekunden verschwimmt die Umgebung
- meine Gedanken sind ausschließlich auf den Lauf der Skier
gerichtet. Dann heben wir ab. Schon schwebt der Schirm über
den Köpfen der bodenständigen Skifahrer, die sich auf
der Piste mit dem Schnee und der Schwerkraft abmühen. Wir dagegen
gleiten völlig mühelos durch die Luft. Die Ski baumeln
wie im Sessellift und haben für eine Weile ihre Funktion verloren. Die Piste unter uns scheint für einen Augenblick noch greifbar
nahe, doch dann gleitet der Schirm über eine Kante hinaus und
auf einmal sitze ich im Leeren - achthundert Meter über dem
Talboden, gehalten lediglich durch das schaukelnde Fluggeschirr.
Die befreiende Entdeckung, dass diese wahrhaftige Vogelperspektive
gar nicht so beunruhigend wirkt wie ursprünglich gedacht, geht
einher mit einem durchdringenden Glücksgefühl, das durch
das lautlose Gleiten in der Winterlandschaft entsteht.
Vor dem Start hatte der Pilot gewarnt, dass diese Art des Fliegens süchtig mache. Es war seine einzige Warnung, und sie scheint berechtigt. Ich möchte hier oben in der Luft hängen bleiben und sauge die Panoramen förmlich in mich hinein: Skipisten links und rechts, drüben die schroffen Gipfel des Rätikon, beherrscht von der dreitausend Meter hohen Spitze der Schesaplana und der schroffen Felswand der Zimba, ganz weit unten die verschneiten Dächer der Dörfer Brand und Bürserberg, dahinter ein unbewohntes Seitental, Waldstücke, Schneisen, das graue Band der Straße durchs Brandnertal. Aber wir sind eben doch keine Adler: Der Schirm sinkt unaufhörlich, die Ausschnitte der Landschaft werden immer kleiner, schon steht die Landung bevor. Alles ist viel zu schnell gegangen. Die Ski setzen im weichen Schnee auf, noch fünf Meter rutschen, dann ist die winterliche Luftfahrt beendet.
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