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Weltmeisterschaft im Rentierschlittenrennen
in Karasjok / Lappland

Vorsichtig umschließt Ascak den Hals und stemmt sich blitzschnell mit aller Kraft gegen das sich aufbäumende Rentier. Zwei andere Männer zurren das Geschirr am Körper fest und hängen den schweren Holzschlitten an. Während der Hengst springt und tobt, um sich aus der Umklammerung zu befreien, krallt sich "Nummer 319" auf dem Holzgestell fest und peitscht mit dem Zügel das Tier an. Schnee staubt zu allen Seiten auf, und es schießt wie ein Katapult mit dem pendelnden Schlitten im Schlepp davon. Die grölenden Zuschauer verfolgen in klirrender Kälte das Geschehen, das nach einer Minute und achtundzwanzig Sekunden im Fangzaun abrupt endet. Die eisigen Temperaturen lassen den Atem des erschöpften Rentieres kondensieren. Für die junge Samin Mytsi in rotblauer Tracht bedeutet es persönliche Bestzeit.
Schauplatz ist der äußerste Norden Europas, wo im April noch die Eiszapfen an den Birkenzweigen hängen und das Thermometer sich um die zehn Grad bewegt - minus versteht sich. Es ist Ostersamstag und in Kautokeino wird die Weltmeisterschaft im Rentierschlittenrennen ausgetragen.

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Same aus Kautokeine in typischer Tracht
auf seinem Rentierschlitten

Die Teilnehmer kommen aus Finnland, Schweden und Norwegen angereist. Ausnahmslos tragen sie ihre farbenprächtige Festtagskleidung. Während die Samen aus Schweden an der Ledermütze mit dem roten Bommel zu erkennen sind, tragen die Männer aus dem Nachbarort Karasjok, der 130 Kilometer entfernt liegt, ihre blaue Mützen mit den vier Zipfeln, die die vier Winde symbolisieren. Die Röcke der Frauen reichen bis knapp über die Knie, darunter tragen sie eine lange, enge Lederhose. Doch auch die Kofter, das Gewand der Männer, läuft in einem weiten Glockenrock aus; dunkelblau und reich mit gelb-roten Bordüren geschmückt gehört die Kleidung aus Kautokeino zu den farbenfrohsten Trachten Lapplands. Der Gürtel ist mit vielen Plättchen aus Messing mit Silberbesatz oder Rentierhorn verziert. Sowohl bei den Männer als auch bei den Frauen baumelt das lange Samenmesser am Gürtel. Eine Besonderheit der Tracht sind die Schuhe, die Scoller. Sie werden aus dem Kopfleder des Rentiers wie ein Schnabelschuh genäht. Dies hatte ganz praktische Gründe: So konnten die Samen früher schnell in die Skibindung schlüpfen, die bei den langen Holzbrettern nur aus einem kräftigen Lederriemen bestand. Die Zeit dieses Fortbewegungsmittels gehört weitgehend der Vergangenheit an, doch die Scoller werden nach wie vor getragen, weil sie immer noch wärmer sind als jeder moderne High-Tech-Schuh. Ebenfalls aus weißem oder braunem Rentierfell sind die langen Mäntel gearbeitet, die selbst bei eisigen Temperaturen von bis zu minus 50 Grad Celsius, wie sie nicht selten in Lappland anzutreffen sind, noch warm halten.

Im Rentierschlitten über die Finnmarksvidda

Heute allerdings strahlt die Sonne mit voller Kraft über die verschneite Finnmarksvidda. Bei tiefblauem Himmel zeigt sich Kautokeino von seiner märchenhaften Seite. Lautstark wird der nächste Rennläufer von den rund 2000 Besuchern der Veranstaltung angefeuert. Sie haben es sich am Rande auf einem Holzschlitten oder direkt im Schnee gemütlich eingerichtet. Nicht weit von ihnen entfernt warten zwischen niedrigen Birken die Rentiere geduldig auf ihren Einsatz. Geweihe tragen im Winter nur die Weibchen. Das hat die Natur ganz geschickt so eingeteilt, damit die meist trächtigen Tiere auch bei strengen Wintern an den Futterplätzen Vorrang haben. Was es heißt, von einem wild schnaubenden Rentier auf dem Holzschlitten gezogen zu werden, das können die wenigen ausländischen Besucher am Rande der Veranstaltung selber erleben. Für einhundert norwegische Kronen drehen die Samen mit ihren Tieren eine Runde über die karge Schneelandschaft. Wo bietet sich sonst schon die Gelegenheit, von einem Rentier gezogen zu werden? Mikkel, unser Guide, hat allerdings keine leichte Aufgabe. Ähnlich wie im Rennen bricht das Tier plötzlich aus, verfängt sich in Birkensträuchern, der Schlitten beendet abrupt seine Fahrt - so plötzlich, daß es mich fast herunter geschleudert hätte. Mit lauten, energischen Worten bringt Mikkel mein Zugtier wieder "auf Trab". Auch wenn mir der Inhalt seiner samischen Schimpftirade verborgen bleibt, so war seine Wut über das störrische Vieh deutlich zu spüren.

Das Lassowerfen gehört bei den Rentiersamen zum Alltag

Nicht weit vom Start entfernt schwirren die Lassos durch die Luft. Auch das gehört zum Know-how eines Rentiersamen. Selten verfehlt die Schlinge dabei ihr Ziel - da stehen die Frauen den Männern nicht nach. Sie sind in Lappland vollkommen gleichberechtigt, haben ihre eigene Rentierherde und ziehen Ende April mit auf die Sommerweiden an die Küste. Daß wir uns trotz aller Traditionen im 20. Jahrhundert befinden, deuten unmißverständlich die knatternden Snowscooter an. Sie sind aus dem Leben der einstigen Nomaden nicht mehr wegzudenken. Sieben Monate lang liegt Sápmi, wie die Samen ihre Heimat nennen, unter einer geschlossenen Schneedecke, und wer einmal erlebt hat, wie widerspenstig sich ein Rentier vor einem Schlitten verhält, der wird verstehen, daß es angenehmer ist sich mit der kontrollierten Drehbewegung am Gasgriff eines Scooters fortzubewegen. Somit werden die traditionellen Veranstaltungen zu Ostern in jüngster Zeit durch die "snowscooter Championship" im Cross-Stadium Gáhkkormárás bereichert.

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