Norwegen:  Einmal rund um den Fjord

Von Stavanger nach Bergen mit dem Fahrrad

Text und Fotos: Judith Weibrecht

Die Schatten waren etwas länger geworden, dafür der Wind schwächer. Die nachmittäglichen  Gleitschirmflieger schon lange verschwunden. Ich lief zum Strand, um diese Zeit war es hell genug. Das war wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass ich nicht schlafen konnte. In Sola. Die Neugierde, die Aufregung und das Licht. Denn nachts, da scheint die Sonne.

Am nächsten Morgen – einige behaupten, dass es schon mal für ein/zwei Stunden dunkel würde - ist es bewölkt und wir fahren los. Nach einem kurzen Stopp an der Ruinenkirche von Sola mit Wikingeraltarplatte, einer wieder aufgebauten Steinkirche aus dem 12. Jahrhundert, radeln wir gen Stavanger. Am Monument der „Schwerter im Stein“, das an das Jahr 872 erinnert, als Norwegen zu einem Reich vereint wurde, erklärt uns Reiseleiter Georg einiges über die Wikinger. Fantastische Namen tauchen auf: Sven Gabelbart, Erik Blutaxt, Harald Schönhaar.

Norwegen - Stavanger-Bergen - Monument Schwerter im Stein

Das Monument „Schwerter im Stein“

Von Öl zu Öl: Stavanger

Stavanger, eine Stadt mit langer Geschichte, hatte stets mit Öl zu tun. Eine hier angebotene Führung heißt denn auch „Von Öl zu Öl“. Doch früher ging es um Heringe in Öl, die in Konservenfabriken verarbeitet wurden. Deshalb gibt es hier auch das einzige Konservenmuseum der Welt, das Hermetikmuseum, das mit über130.000 verschiedenen Etiketten aufwarten kann. Heute geht es in Stavanger in erster Linie um Erdöl und Gas. Klein-Dallas wird die Stadt deshalb auch genannt, und natürlich gibt es auch ein Ölmuseum, das futuristische Norsk Oljemuseum. Menschen verschiedenster Nationen leben und arbeiten in und um die Stadt, auch auf den Ölplattformen weit draußen im Meer. Die Siddis, wie die Einwohner Stavangers auch genannt werden, gehen gerne zu Fuß oder fahren Rad. Stavanger gilt denn auch als Fahrradhauptstadt Norwegens. Unser Weg führt durch Gamle Stavanger, die Altstadt mit ihren 173 Holzhäusern. Meist sind sie weiß angestrichen und bläuliche Clematis rankt sich daran empor. Ein Idyll, Norwegen wie aus dem Bilderbuch.

150.000 Inseln hat das Königreich angeblich. Einige davon sehen wir von der Fähre aus, die wir ab Stavanger benutzen, in Leivrik steigen wir nochmals um auf einen Katamaran. Inselchen, bläuliches Wasser, grüne Wälder, weißlich grau der Himmel, bläulich grau der Atlantik. Die norwegische Flagge knattert im Wind: blau, weiß und rot.

Der Hardangerfjord – König der norwegischen Fjorde

Wir fahren am Hardangerfjord entlang, hier ist Norwegen so norwegisch wie nirgends sonst. Der Hardangerfjord mit seinen vielen Armen ist der König der norwegischen Fjorde, sagt man. Er ist mit 179 Kilometern Länge der zweitlängste Fjord des Landes und der drittlängste weltweit! Seine tiefste Stelle misst ca. 800 Meter. Skifahren ist auf den umliegenden Gletschern zu jeder Jahreszeit möglich, gleichzeitig gibt es Obstgärten ohne Ende, und sogar Bananen gedeihen hier. Obstgarten Fjordnorwegens wird diese gegensätzliche Landschaft deshalb genannt.

Das Örtchen Rosendal macht seinem Namen alle Ehre: Rund um das Minischloss „Baronie Rosendal“ erstreckt sich ein herrlicher Renaissancegarten mit verschiedensten Rosensorten. Alle in prächtiger voller Blüte. Doch Rosendal ist nicht nur dafür berühmt, sondern auch für seine Schiffsbautradition, die wir im örtlichen Museum nachvollziehen können. Eismeerschiffe, Kutter, Segler und Vergnügungsyachten wurden hier gebaut. Und die „Gjøa“, auf der Roald Amundsen die Nordwestpassage durchsegelte.

Norwegen - Stanger-Bergen - Rosendal

Im Rosengarten der Baronie Rosendal

Immer enger wird der Fjord, immer lieblicher die Landschaft. Bootshäuser säumen unseren Weg, ausgelatschte Gummistiefel stehen davor. „Moreller“, Kirschen, und Himbeeren werden am Wegesrand angeboten. Sprühregen verdeckt die bläulichen Berge. Nebelwände lassen alles unwirklich und gedämpft erscheinen. Sturzbäche, Wasserfälle schmeißen sich rauschend über Granitkanten zu Tal. Es gluckst, es gluckert, es erzählt Geschichten. 27 Regenarten soll es hier geben. Rechts taucht ein Granitfelsen auf, aus dem Birken und Wacholder zu wachsen scheinen. Schemenhafte, verwunschene Welt. Das kurbelt die Fantasie an. Dort vorne, das werden Trolle sein. Doch sie kommen nur in meinen Gedanken vor, und im Souvenirladen: Die meisten haben vier Zehen, vier Finger, einen Schwanz und eine knollige Nase.

Norwegen - Stavanger-Bergen - Sorfjord

Rast am Sørfjord

Edvard Grieg hatte hier am Sørfjord eine Hütte mit Blick auf den Folgefonna-Gletscher, und zwar im Garten unseres Hotels in Ullensvang. Warum? Dies bedarf nun wohl keiner Frage mehr. Inspirationen en masse und gratis. Die „Peer Gynt Suite“ zum Beispiel soll hier entstanden sein.

Im Skredhaugen-Folkloremuseum bewundern wir alte Holzhäuser, deren Ritzen mit Moos abgedichtet wurden. Die Dächer sind mit Gras und Rinde gedeckt. Auffallend kurz sind die Betten. Man schlief im Sitzen, erklärt uns die Museumsführerin. Uns erstaunen auch die vielen Biergefäße. Im größten soll die Hebamme das Neugeborene gewaschen haben. „In Bier?“, wollen wir wissen. Das sei leider nicht überliefert, meint die Führerin lachend.

Norwegen - Stavanger-Bergen - Skredhaugen-Folkloremuseum

Im Freilichtmuseum Skredhaugen, Bauernhäuser mit bemoosten Dächern

Wir fahren weiter über Kinsarvik, einem ehemaligen Wikingerhafen, nach Eidfjord. Dort radeln wir noch in den Simadalsfjord, einen Seitenarm des Eidfjords, hinein und besichtigen das mächtige Simakraftwerk. Durch einen Tunnel geht es, nun im Bus, 700 Meter in den Berg hinein bis in die Halle mit ihren Turbinen. Wasser lautet auch hier das Zauberwort: Mithilfe von Wasserkraft werden 2728 GWh jährlich erzeugt und der Bedarf von etwa 680.000 Vier-Personen-Haushalten gedeckt.

Nach den vielen technischen Informationen sausen wir zu unserem Hotel direkt am Fjord. „Syklist velkommen“, Radfahrer willkommen, steht da auf einer Tafel vor dem Hotel Voringfoss. Hungrig suchen wir nach unseren Tischen im Restaurant. Wenn ein Tisch frei ist, dann ist er „ledig“. Wenn oft behauptet wird, dass sich Norwegen keine kulinarischen Meriten verdiene, so finden wir das ganz und gar nicht. Kostproben vom Buffet: „Laks“ natürlich, Stockfisch, Seeteufel, Lammschinken, Geitost, ein karamellisierter Ziegenkäse, und Moltebeeren. Und Getränke? Hier wohnen die Kaffeetrinkweltmeister, glaube ich jedenfalls.

Norwegen - Stavanger-Bergen - Troll

Troll im Souvenirgeschäft

Die kleinen Gerichte heißen Småretter und die warmen Hauptgerichte Middagsretter. Unseren Mittagshunger rettet Matthias. Regelmäßig. Er fährt mit dem Wagen voraus und bereitet ein fantastisches Picknick im dunklen Tann, an einem bläulichen Fjord, neben Angelbooten: Da liegen die Herrlichkeiten ausgebreitet. Ich stürze mich auf Birnencider und Joghurt mit Moltebeeren. Finger abgeleckt, Fahrradhandschuhe übergestreift und nun, den Trollen sei Dank, den Hügel hinunter. Hyggelig!

Die Hardangervidda

Norwegen - Stavanger-Bergen - Fahrradverlade in die Bergenbahn

Fahrräder einladen in die Bergenbahn

Damit es uns nicht zu hügelig wird, bringt uns ein Omnibus auf die Hardangervidda, wo wir die legendäre Bergenbahn nehmen, um den Rallarvegen zu erreichen. Dieser Weg war einst der Versorgungsweg für die Wanderarbeiter (norwegisch: Rallare) an der Bahnstrecke und wird heute als Radweg benutzt. Die Hardangervidda, eine 7500 qkm große Hochebene und damit das größte Hochplateau Nordeuropas, wirkt karg, rau und weit, fast wähnt man sich in der Tundra: Stein, Moos, Brechbirken, Moorseen in länglicher Form, Bäche, Flüsse und beeindruckende Panoramen.

Norwegen - Stavanger-Bergen - Rallarvegen

Auf dem Rallarvegen auf der Hardangervidda (von Hallingskeid nach Flåm)

Der Radweg führt eine unbefestigte Schotterstraße entlang und wir rollen vorsichtig, denn auch im Sommer liegt hier noch etwas Schnee, nach einem kleinen Anstieg abwärts durch grandiose Landschaften bis nach Flåm am Ende des Aurlandsfjords.  Ein Kreuzfahrtschiff, ein Riesenpott, legt gerade ab, tutet dreimal und wendet auf der Stelle. Ich bremse scharf ab und sehe dem Spektakel mit offenem Mund staunend zu.

Norwegen - Stavanger-Bergen - Flam

Riesenpott in Flåm

Staunen können wir auch auf der letzten der sieben Etappen: Über die Flåmsbahn. Auf 20,20 km Länge bringt sie uns von der Talstation in Flåm, die auf 2 m ü. d. M. liegt, mit Stopp am sagenumwobenen Kjosfossen-Wasserfall auf 866 m nach Myrdal. Eine Meisterleistung der Ingenieurskunst mit 20 Tunnels und 5 % Steigung. Nun heißt es für uns wieder rauf aufs Rad und runter durch kleine Dörfer mit weinroten Holzhäuschen, vorbei an dunkelgrünen Wäldern, störrischen Kühen und Schafen bis nach Voss, 57 m. ü. d. M. „Freie Fahrt!“, sagt Georg, „Jeder, wie er will!“. Da kann nichts schief gehen, denn einer von uns bildet immer die Nachhut und wartet auch an Kreuzungen auf etwaige Nachzügler, wie bei einer großen Familie.  Denn nur allzu oft möchte man, ja muss man Fotos machen. Schon wieder ein Hügel, ein Berg. Wirklich hyggelig! Wobei hyggelig nicht hügelig bedeutet, es sei endlich verraten, sondern nett, gemütlich, angenehm.

Norwegen - Bergen

Bergen, Kneipen im Stadtteil Bryggen

Die Bergenbahn bringt uns ab Voss das letzte Stück des Wegs bis Bergen. Die angeblich regenreichste Stadt Europas empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein. Hunderte von Menschen bevölkern in der Abendsonne die schicken Straßenkneipen, das Leben pulst, fatøl (Fassbier) und lettøl (Dünnbier) machen die Runde. Auch auf dem Fischmarkt, Torget genannt, wo frische Garnelen aus der Tüte besonders lecker schmecken. Der Stockfisch, getrockneter Kabeljau, hängt meist kopfunter, jedoch ohne Kopf. Sieben Minuten nur braucht die Fløibanen hinauf auf den Hausberg Fløyen. Von hier aus versuchen wir die sieben Berge und die sieben Fjorde, an denen Bergen angeblich liegt, zu erspähen. Unten liegt unser wunderhübsches Hotel Havnekontoret, in dem früher die Hafenbehörde ihren Sitz hatte. Gleich nebenan der Stadtteil Bryggen mit den 280 spitzgiebeligen bunten Holzhäusern der Hanse am Kai.  Sie gehören zu den von der UNESCO zertifizierten „Kulturdenkmälern der Menschheit“. Im Hanseatischen Museum kann man mehr über Handel und Leben der Hanse erfahren. Getrockneter Fisch wurde hier gegen Leinen, Salz, Bier, Getreide und dergleichen mehr getauscht und auf Hansekoggen nach Lübeck gebracht. Lübeck? Auch für uns heißt es nun Abschied nehmen, wenn auch nicht auf einer Kogge. Norwegen, adjø! Es war echt hyggelig!

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

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