Wo Kaiser Wilhelm II. die Sommerferien verbrachte

Mehr als die eine oder andere Stippvisite wird den Blaublütigen  nicht ins Kvikne’s Hotel geführt haben, auch wenn der jetzige Besitzer beim Rundgang durch die Räumlichkeiten stolz auf einen Stuhl in einem der Salons verweist, auf dem der Kaiser bis zum Ablauf des Ultimatums an Serbien gesessen haben soll. Auf der Unterseite des Stuhls liest man tatsächlich: "Am Nachmittag des 25. Juli zwischen 5 und 5.30 Uhr verabschiedete sich Kaiser Wilhelm. Um 6 Uhr fuhr er mit der 'Hohenzollern' weg, als er hörte, dass der Krieg zwischen Österreich und Serbien ausgebrochen sei." Wahrheit oder Legendenbildung dank einer in Bleistift verfassten „Botschaft“?

Norwegen - Kunst in Kvikne's Hotel

Der Kunstbesitz des Kvikne’s Hotel: Die Bergwelt von Fjordnorwegen aus Künstlersicht

Doch nicht allein der fürstliche Besuch verlieh Balestrand Glanz, auch zahlreiche Künstler zog es hierher, so Hans Gude, Alfred Heaton Cooper, Hans Dahl und Johannes Flintoe. Einige ihrer Landschaftsgemälde sind heute in den Salons des Hotels zu sehen, die teilweise mit fein geschnitztem Mobiliar im „Wikingerstil“ ausgestattet sind.

Norwegen - Möbel

Im „Wikingerstil“ – die Einrichtung eines der Hotelsalons in Kvikne’s Hotel

Der kleine Ort Balestrand ist nicht nur als Sommerfrische, sondern auch für seinen Apfelanbau bekannt ist. Wer auf dem Kulturpfad durch Balestrand schlendert, wird unweigerlich die St.-Olaf-Kirche entdecken. Eine im ausgehenden 19. Jahrhundert vollendete Scheinstabkirche, die auf die Stiftung von Margaret Green zurückgeht. Green liebte die Berge Norwegens und den Sognefjord. So verbrachte sie mit ihrem Ehemann manchen Sommer in Balestrand. Da diese englische Dame auch sehr gottgläubig war,  ließ sie die kleine Kirche errichten, in der in den Sommermonaten bis heute Gottesdienste in englischer Sprache abgehalten werden.

Norwegen - St. Olafskirche

St. Olafskirche – eine Pseudostabkirche am Sognefjord

In Ochsenrot und Weiß sind zahlreiche aus Schindeln errichtete Häuser getaucht. In ihnen vereinen sich – man denke an die Drachenköpfe auf den Dachfirsten – die traditionelle Baukunst der Wikinger mit dem so genannten Schweizer Landhausstil. Einige haben sogar Jugendstildekor. In der Gemeindegemarkung liegen auch zwei Hügelgräber aus der Wikingerzeit, bei deren Öffnung man ein Boot, Schmuck und Waffen fand.

Norwegen - Landhausarchitektur in Balestrand

Balestrands Landhausarchitektur – eine Mischung aus Schweizer Landhausstil und Wikingerornamentik

Im Ort lädt das Sognefjord Aquarium ein, sich mit der Unterwasserwelt des Sognefjords zu beschäftigen, über 100 Fischarten wie Forelle, Makrele, Kabeljau, Schellfisch und Köhler werden vorgestellt. Zu einem Spaziergang durch eine exotische Pflanzenwelt lädt der Arboretum-Weg ein, auf dem man eine in Chile heimische Araukarie ebenso zu Gesicht bekommt wie eine Siebold-Magnolie, eine Blutbuche mit violett-roten Blättern, eine Esskastanie mit langrissiger Rinde oder eine Himalajazeder, die eigentlich im westlichen Himalaja auf einer Höhe von bis zu 5000 Metern gedeiht.

Mit Steigeisen unterwegs  

Links und rechts des Sognefjord locken die schnee- und eisbedeckten Gipfel, so dass es Zeit ist Balestrand zu verlassen. Auf geht es nach Fjærland, um das dortige Norwegische Gletschermuseum aufzusuchen. Hier erfahren Besucher viel Wissenswertes über Klimawandel und Entstehung der Gletscher.

Norwegen - Fjaerland

Fjaerland Ausgangspunkt für Erkundungen im Bøyatal

Der Nationalpark Jostedalsbreen, der 1991 eingerichtet wurde, wird ebenso vorgestellt wie die Entstehung der Fjorde und die Wanderung der Gletscher. Dank eines Modells kann man nachvollziehen, wie man aus Schmelzwasser Strom erzeugen kann. Auch die Frage, warum das Eis blau ist, bleibt beim Museumsbesuch nicht unbeantwortet. Ganz in der Nähe des Museums lockt der Bøyabreen zum „Besteigen“. Dieser Gletscher ist ebenso Teil des Jostedalsgletschers wie der Nigardsbreen unweit des Gletscherzentrums Jostedal.

Norwegen - Böya-Gletscher

Die Zunge des Bøya-Gletschers

Ganz einfach ist es nicht, sich dick in wärmendem Anorak und wattierter Hose gekleidet die Steigeisen anzulegen, zumal man die Bänder der Eisen auch noch mehrfach kunstvoll „verknoten“ muss. Ist das erledigt, heißt es, sich anzuseilen und die Eisaxt in die Hand zu nehmen. Jeder Schritt will wohl überlegt sein, denn tritt man sich mit den Spitzen der Steigeisen auf die eigenen Füße, ist das sehr schmerzhaft. Auch auf das herabhängende Seil sollte man nicht treten oder gar ins Stolpern kommen. Vorder- und Hintermann würden dann ebenfalls ins Straucheln kommen.

Norwegen - Bergtour mit Steigeisen

Hm, so also sehen Steigeisen aus

Daher geht es Schritt für Schritt recht langsam voran. Glücklicherweise hat ein zweiter Bergführer den Weg zuvor schon einmal gespurt, so dass es sehr leicht fällt, der „Markierung“ zu folgen. Der vorangehende Bergführer lässt hin und wieder Halt machen. Das Eis ist an vielen Stellen aufgebrochen, schmale Spalten haben sich gebildet und mancherorts funkelt das Eis in eisigem Blau. Wenn die Sonne strahlt, kann man eine Anfängertour von etwa einer Stunde in vollen Zügen genießen.

Zum Abschluss der Tour am Sognefjord und seinen Nebenarmen sei noch ein Abstecher ins Sogn Folkemuseum empfohlen, das sich in der Nähe von Kaupanger befindet.

Norwegen - Gletschereis

Aug’ in Aug’ mit blauem Gletschereis

Leben am Fjord

Wer das wellige, von einem Wasserlauf durchzogene Freigelände des Sogn Folkemuseum durchstreift, begibt sich  auf eine Zeitreise. Ländliche Lebenswelten vom 16. Jahrhundert bis ins Jahr 1989 werden anhand von 35 Häusern lebendig.

Norwegen - Sogn Folkemuseum

Helgheimstova am Eingang des Freilichtmuseums

Ein Schul- und Lehrerwohnhaus in Blockhausbauweise mit dekorativen Elementen des Schweizer Landhausstils gehört ebenso zum Museumsinventar wie die Werkstatt eines Geigenbauers aus dem 18.Jahrhundert, in der heute die Museumsschweine gehalten werden. Getreide, Heu und Stroh wurde in der aus dem frühen 19.Jahrhundert stammenden Opptunsscheune aufbewahrt.

Beispiel eines wohlhabenden Bauerngehöfts ist das Leirmorhaus (1793) mit den sichtbaren Holznägeln in der Giebelfront. Bis 1956 war das aus dem 17.Jahrhundert stammenden Stavedalshaus bewohnt, ehe es seinen neuen Platz im Museum fand. Typisch für das freistehende moderne Einfamilienhaus in der Sogneregion ist das in den späten 1980er Jahren entwickelte Typenhaus „Stella“, dessen Einrichtung das Leben einer geschiedenen Frau mit ihrem 14-jährigen Sohn und ihrer 10-jährigen Tochter widerspiegelt.

Norwegen - Sogn Freilichtmuseum

Gediegene Wohnkultur in einem der Wohnhäuser des Freilichtmuseums

Dicht an einem kleinen See steht das Kleinhäusleranwesen von Henjsanden (Leikanger). Dieses besteht aus einem Wohnhaus mit Küchenhaus, einer Scheune mit Stall, einem Bootshaus mit Werkstatt und einer Außentoilette und zeigt im Gegensatz zum gegenüberliegenden Wohnhaus aus Luster das ärmliche Leben der ländlichen Bevölkerung der Gegend.

Norwegen - Wasserträger

So musste man früher auf den Gehöften Wasser herbeischaffen

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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