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Wo Kaiser Wilhelm II. die Sommerferien verbrachte

Der Sognefjord

Text und Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther

Wer ins Land der Fjorde fährt, ist im Land des Wassers unterwegs. Wasserfälle stürzen über Felswände in die Tiefe. Regen  ergießt sich an vielen Tagen im Jahr. Riesige Kreuzfahrtschiffe und wendige blaue Fähren gleiten fast lautlos über die Wellen. Links und rechts des Fjords kauern kleine Ortschaften unter hoch aufragenden, teilweise mit Eis und Schnee bedeckten Gipfeln. Auf flachen Felsvorsprüngen entdeckt man einsame Gehöfte, die verlassen erscheinen. Abenteuerlustige unternehmen eine Fjorderkundung mit dem Seekayak oder schnallen sich Steigeisen unter die Wanderschuhe und nehmen eine Eisaxt in die Hand, um in Begleitung eines Bergführers eine Gletscherwanderung zu unternehmen und das ewige Eis zu bestaunen.

Norwegen - Flambahn
Auf dem Weg nach Flåm – im Land des Wassers unterwegs

Es ist ein grauer Morgen mit tief hängenden Wolken, die Regen versprechen – und das ist zu jeder Jahreszeit in Fjordnorwegen nichts Ungewöhnliches. Der rostrote Vorortzug wartet im Bahnhof von Bergen, um Urlauber zur Flåmbahn nach Myrdal zu bringen. Trotz des trüben  Wetters sind zahlreiche Reisende am Bahnhof erschienen, einige im gelben Ostfriesennerz . Sie alle wollen sich die spektakuläre Fahrt an den Auerlandfjord nicht entgehen lassen.

Norwegen - Flambahn
Einsamer Bahnhof an der Strecke der Flåmbahn

 Im Zuckeltempo zum Sognefjord

Heute, in Zeiten von Hightech und TGV, erscheint der Bau der Bahn hinunter zum Sognefjord kein Jahrhundertwerk der Ingenieurkunst zu sein. Doch als man 1923 mit dem Bau begann, standen Planer und Gleisbauarbeiter vor einer großen Herausforderung. Menschenkraft und nicht Maschinenleistung war ein wesentlicher Bestandteil des damaligen Eisenbahnbaus. Besonders das Untertunneln der Felsen war ein schwieriges Unterfangen: 20 Tunnel mussten in den Felsen geschlagen werden, nur bei zwei davon griff man auf Maschinen zurück. Eine weitere Meisterleistung bestand darin, den Fluss Flåmselva in einen Tunnel unter der Eisenbahnstrecke zu verlegen.

Norwegen - Flambahn
Tannengrün ist die heutige Flåmbahn

Anfänglich zuckelten Dampfloks hinab zum Fjord. Doch seit 1944 ist die Strecke als eine der ersten norwegischen Bahnstrecken elektrifiziert. Beliebt ist diese historische Eisenbahnlinie bis heute. Tannengrün sind die Waggons und die Lok, die sich mit höchstens 40 Stundenkilometer hinab zum Fjord bewegt. Einmal wird unterwegs gehalten, um auszusteigen und einen Blick auf den Kjosfoss zu werfen. Gut eine Stunde braucht man, um nach Flåm zu kommen. Dort erwartet die Reisenden ein kleines Museum, das sich mit dem Bau der Bahn und dem Leben der Wanderarbeiter  beschäftigt. Neben einer authentischen El-9-Lok zeigt man auch einige „Schienendreiräder“, mit denen die Wanderarbeiter auf der Baustrecke unterwegs waren.

Norwegen - Flambahn
Mit derartigen Gefährten waren die Wanderarbeiter
beim Bau der Flåmbahn zur Arbeit unterwegs

Am Fjord wird gebraut

Im kleinen Örtchen Flåm stößt man auf eine kleine Brauerei, die je Brautag etwa 1000 Liter Bier braut. In einem Ambiente, das an die Wikingerzeit anknüpft, kann man an der Bar oder rund um den Kamin sitzend in der Ægirbryggeri ein Rallar Amber Ale oder ein Sumbel Porter genießen. Während diese Biere eher malzig-süß sind, ist das India Pale Ale sehr hopfig und mit 6,5 % vol. alc. das stärkste derjenigen Biere, die ausgeschenkt werden.

Norwegen - Ægirbryggeri
Ægirbryggeri: Hier weiß man gutes Bier zu brauen

Nach einer solchen süffigen „Zwischenmahlzeit“ geht es zur Fähre, die nach Auerland und Balestrand verkehrt. Unterwegs sind wir auf einem Nebenarm des längsten Fjords der Welt, des 204 Kilometer langen Sognefjords. Zunächst befahren wir den Auerlandfjord. Links und rechts wachsen Felswände und -kuppen bis in eine Höhe von 900 Metern aus dem Wasser. Nach einem kleinen Abstecher in den zum UNESCO-Weltnaturerbe zählenden Nærøyfjord geht es hinüber nach Balestrand mit seinem historischen Kvikne's Hotel im Schweizer Landhausstil.

Norwegen - Naeröyfjord
Dieser Wasserfall am Nærøyfjord ist
Teil des UNESCO-Weltnaturerbes

Sommerfrische eines deutschen Kaisers

Noch kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verbrachte der letzte deutsche Kaiser den Sommer auf seiner Jacht „Hohenzollern“, die in Balestrand vor Anker lag. Allerdings war der kaiserliche Urlauber nicht alleine, sondern in Begleitung seines Hofstaates. Ein Kanonenboot gehörte zum Schutz der kaiserlichen Jacht – ein eher martialisches Auftreten für einen Sommerfrischler.

Norwegen - Balestrand
Blick auf Balestrand

Mehr als die eine oder andere Stippvisite wird den Blaublütigen  nicht ins Kvikne’s Hotel geführt haben, auch wenn der jetzige Besitzer beim Rundgang durch die Räumlichkeiten stolz auf einen Stuhl in einem der Salons verweist, auf dem der Kaiser bis zum Ablauf des Ultimatums an Serbien gesessen haben soll. Auf der Unterseite des Stuhls liest man tatsächlich: "Am Nachmittag des 25. Juli zwischen 5 und 5.30 Uhr verabschiedete sich Kaiser Wilhelm. Um 6 Uhr fuhr er mit der 'Hohenzollern' weg, als er hörte, dass der Krieg zwischen Österreich und Serbien ausgebrochen sei." Wahrheit oder Legendenbildung dank einer in Bleistift verfassten „Botschaft“?

Norwegen - Kunst in Kvikne's Hotel
Der Kunstbesitz des Kvikne’s Hotel: Die Bergwelt von
Fjordnorwegen aus Künstlersicht

Doch nicht allein der fürstliche Besuch verlieh Balestrand Glanz, auch zahlreiche Künstler zog es hierher, so Hans Gude, Alfred Heaton Cooper, Hans Dahl und Johannes Flintoe. Einige ihrer Landschaftsgemälde sind heute in den Salons des Hotels zu sehen, die teilweise mit fein geschnitztem Mobiliar im „Wikingerstil“ ausgestattet sind.

Norwegen - Möbel
Im „Wikingerstil“ – die Einrichtung eines der Hotelsalons in Kvikne’s Hotel

Der kleine Ort Balestrand ist nicht nur als Sommerfrische, sondern auch für seinen Apfelanbau bekannt ist. Wer auf dem Kulturpfad durch Balestrand schlendert, wird unweigerlich die St.-Olaf-Kirche entdecken. Eine im ausgehenden 19. Jahrhundert vollendete Scheinstabkirche, die auf die Stiftung von Margaret Green zurückgeht. Green liebte die Berge Norwegens und den Sognefjord. So verbrachte sie mit ihrem Ehemann manchen Sommer in Balestrand. Da diese englische Dame auch sehr gottgläubig war,  ließ sie die kleine Kirche errichten, in der in den Sommermonaten bis heute Gottesdienste in englischer Sprache abgehalten werden.

Norwegen - St. Olafskirche
St. Olafskirche – eine Pseudostabkirche am Sognefjord

In Ochsenrot und Weiß sind zahlreiche aus Schindeln errichtete Häuser getaucht. In ihnen vereinen sich – man denke an die Drachenköpfe auf den Dachfirsten – die traditionelle Baukunst der Wikinger mit dem so genannten Schweizer Landhausstil. Einige haben sogar Jugendstildekor. In der Gemeindegemarkung liegen auch zwei Hügelgräber aus der Wikingerzeit, bei deren Öffnung man ein Boot, Schmuck und Waffen fand.

Norwegen - Landhausarchitektur in Balestrand
Balestrands Landhausarchitektur – eine Mischung aus
Schweizer Landhausstil und Wikingerornamentik

Im Ort lädt das Sognefjord Aquarium ein, sich mit der Unterwasserwelt des Sognefjords zu beschäftigen, über 100 Fischarten wie Forelle, Makrele, Kabeljau, Schellfisch und Köhler werden vorgestellt. Zu einem Spaziergang durch eine exotische Pflanzenwelt lädt der Arboretum-Weg ein, auf dem man eine in Chile heimische Araukarie ebenso zu Gesicht bekommt wie eine Siebold-Magnolie, eine Blutbuche mit violett-roten Blättern, eine Esskastanie mit langrissiger Rinde oder eine Himalajazeder, die eigentlich im westlichen Himalaja auf einer Höhe von bis zu 5000 Metern gedeiht.

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