Norwegen

Lapplandimpressionen im Herbst

Text und Fotos: Dirk Schröder

Ein Gewimmel von Geweihen hebt sich vom strahlend blauen Himmel ab. Zu Tausenden drehen Rentiere hinter hohem Maschendraht ihre Runden. Jedes von ihnen scheint zu ahnen, was bald kommen wird. Wie das Grunzen von Ebern klingen ihre Rufe, untermalt vom knackenden Laut ihrer breiten Hufe, der sich wie der Klang von Stöckelschuhen auf Pflaster anhört.

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Die Rentiere werden im Herbst zusammengetrieben um die Schlachttiere herauszufangen und die Jungen zu markieren

Wie Lametta an einem Christbaum hängt Bast zu dieser Jahreszeit an vielen Geweihen herunter. Männer in warmen Overalls stehen umringt von den Rentieren mitten in der Herde, ganz konzentriert, als ob sie etwas suchen würden. Blitzschnell und unerwartet greift einer von ihnen das nächste Ren am Geweih und, noch ehe das Tier großen Widerstand leisten kann, legt er es mit einer geschickten Drehung zu Boden. Die Markierungen an den Ohren, an denen jede Familie ihre Rentiere erkennt, werden noch einmal kontrolliert. Es war offensichtlich das richtige, denn nun wird es aus dem Gehege herausgezogen und mit einem gezielten Stich ins Herz getötet. Der Herbst ist für die Rentierzüchter unter den Samen (die Bezeichnung »Lappen« wird nicht gern gehört) der härteste Abschnitt im Jahreszyklus: die Tiere müssen geimpft, gekennzeichnet, geschlachtet werden. Mit etwas Glück kann man auf einer Rundreise durch Lappland nahe der Straße solch ein beeindruckendes Schauspiel beobachten, wenn in Nord-Norwegen die Rentiere von den Sommerweiden an der Küste zu den Winterplätzen im Inland ziehen.

Die Zeit der Nomaden ist vorbei

Seit jeher waren die Samen Nomaden und Rentiere ihre Lebensgrundlage, neben Fleisch lieferten sie auch Material für die Kleidung. Aus Milch wurde Käse hergestellt und die Ochsen als Zugtiere vor den Schlitten gespannt. Vieles davon gehört heute der Vergangenheit an und ziert die Schaukästen der Museen in Karasjok und Kautokeino. Die rund 10% der Samen, die von der Rentierzucht leben, tragen lieber gefütterte Overalls und möchten die modernen Hilfsmittel wie die Qads (vierradgetriebene Motorräder), Snowscooter und manchmal sogar Hubschrauber nicht mehr missen.

Norwegen

Samen in ihrer bunten Tracht bekommen wir dann am Sonntag in der Kirche von Kautokeino zu sehen. Die Männer tragen ihre traditionelle Kofter, wie das Gewand aus blauem Stoff mit farbigen Bordüren bezeichnet wird. Zur Tracht der Frauen gehört die rote Kappe und die große Brosche, mit der das Tuch zusammengehalten wird. Der Silberschmuck kam erst in diesem Jahrhundert in Mode und löste die kunstvoll geschnitzten Arbeiten aus Rentierknochen ab. In Juhl’s Silberschmiede, die sich in markanter Architektur über dem Fluß erhebt, werden wir über die Entwicklung des Silberschmucks aufgeklärt und können den Künstlern bei der Arbeit zuschauen. Einen Besuch sollte man sich nicht entgehen lassen.

Ein Rausch der Farben 

Norwegen

Herbststimmung in Lappland

Karasjok, der zweite vorwiegend von Samen bewohnte Ort, liegt 128 Kilometer weiter östlich. Die gut ausgebaute Straße, die erst seit den 70er Jahren die beiden Gemeinden verbindet, führt über die farbenprächtige Tundra. Während der eineinhalbstündigen Fahrt wird die Weitläufigkeit der Finnmark so richtig deutlich. Auf zwei Dritteln der Fläche Bayerns leben gerade mal 76000 Einwohner (zum Vergleich dazu 11 Mill. im Freistaat). Die Finnmark gehört damit zu den am dünnsten besiedelten Gebieten Europas. Wenn Anfang September die Mücken, die gefürchteten Tiere des hohen Nordens, sich verabschiedet haben, dann färbt sich die weite Tundra, lodert in kräftigem Gelb und feurigem Rot. Still liegen die vielen Seen, eingebettet in das farbige Kleid der welligen Landschaft – jetzt ist Lappland am schönsten. Die weite Finnmarksvidda hat ihren roten Teppich ausgebreitet und die dicht gedrängten Birken ihr goldgelbes Gewand angelegt. Bei einem Spaziergang drückt sich der Fuß in den weichen Boden wie in einen Schwamm aus Flechten und Moosen. Wie ein Rausch wirkt eine Begegnung mit der Tundra – ein Rausch der Farben. Plötzlich durchbricht ein Schuß die Stille, Schneehühner flattern erschrocken auf, denn der Herbst ist zugleich Jagdsaison in Lappland.

Mit etwas Glück kann man des nachts ein anderes Farbenspiel beobachten – das Nordlicht, das in der Polarregion am dunklen Firmament zu sehen ist. Dann sind es helle Grüntöne, zarte Blau- oder Rosafarben, die wie Vorhänge in Zeitlupe am Himmel flackern, in Streifen, Bögen oder Halbkreisen sich ineinander verschieben. Minutenlang kann das Schauspiel am Himmel andauern.

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Herbst am Fjord

Während im Sommer Touristen zu Tausenden ans Nordkap strömen, geht es im September an der nördlichsten Klippe beschaulich zu. Obwohl sich die Mitternachtssonne längst verabschiedet hat, übt das Kap dennoch einen besonderen Reiz auf Besucher aus: wenn der Wind mit den Wolken spielt, das Meer aufschäumen läßt und vielleicht einen Regenbogen in die Szenerie malt. Das ergreifende Gefühl am nördlichsten Punkt zu stehen wird allerdings etwas getrübt durch eine stolze Eintrittssumme. Wer schon so weit gen Norden gereist ist, sollte auf der Insel Magerøya übernachten, sich im behaglichen Brygge-Hotel direkt am Hafen einquartieren und vielleicht zu einer Angeltour mit einem Fischerboot auslaufen oder den Männern am Kai zuschauen, wie sie die Boote entladen. Das Hotelrestaurant bietet für ein Fisch-Dinner jedenfalls genau den richtigen Rahmen.

Auf der Flugstrecke von Oslo nach Alta landen die Maschinen der SAS in Tromsø zwischen. Ein Besuch der Metropole des Nordens, läßt sich deshalb sehr gut auf der An- oder Abreise einbauen. Für einen exklusiven Aufenthalt während des Stop-overs bietet sich das außergewöhnliche Rica-Ishavet Hotel, das auf Stelzen direkt ins Wasser gebaut wurde, an. Der Blick von den komfortablen Zimmern reicht vom Hafen bis zu der berühmten Eismeerkathedrale, die sich weiß leuchtend vor den ockerfarbenen Bäumen am Hang abhebt. Im Tromsø-Museum, das der nördlichsten Universität angegliedert ist, erhalten wir Antworten auf die vielen Fragen, die sich im Laufe der Zeit ergeben haben: die Rentierwirtschaft der Samen, die Flora und Fauna des hohen Nordens, selbst das Phänomen des Nordlichts wird in Modellen anschaulich erklärt.
Das Tor zur Arktis, wie Tromsø auch gerne bezeichnet wird, gehört im Sommer, wenn die Sonne zwei Monate lang ununterbrochen scheint, zu den lebendigsten Städten Norwegens. Doch auch jetzt ist in der Innenstadt einiges los. Im Rock-Cafe dröhnen am Abend altbekannte Songs aus der CD-Jukebox und im Skarven, der IN-Kneipe am Kai, sind nur noch Stehplätze zu ergattern. Hier ißt man gekochte Möweneier und trinkt dazu Mackbier natürlich aus der nördlichsten Brauerei der Welt.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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