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Der Rallarveg

Mit dem Fahrrad in Norwegen unterwegs 

Text und Fotos: Angelika Wilke

Norwegen - Bunte Reihe - Häuser in Flåm
Bunte Reihe - Häuser in Flåm

Glück gehabt. So gut wie schneefrei soll der Rallarveg sein. Hier im südnorwegischen Ferienort Geilo bin ich schon ganz nah dran an dieser legendären Fahrradroute über die nördliche Hardangervidda, Europas größtes Hochgebirgsplateau. Die stark befahrene Reichsstraße R 7 bringen das Rad und ich lieber per Bus hinter uns, ab Haugastøl (1) geht es jedoch in rund 1000 Meter Höhe weiter auf dem Rallar-Weg.

Die 82 Kilometer lange Strecke präsentiert sich hier erst mal ganz gemütlich als gut festgefahrenes Schottersträßchen. Von urzeitlich anmutenden Felsrücken züngeln Schneelachen, zwischen klaren Bergseen toben reißende Bäche. Hinter Storurdi werden die vereinzelten Hütten am Wegrand, die meisten so früh im Sommer noch unbewohnt, immer weniger.

Norwegen - Schneefeld auf dem Rallarveg
Schneefeld auf dem Rallarveg

Bis Mitte Juli, wenn die offizielle Bike-Saison beginnt, schmelzen die Schneereste auf der Route jeden Tag ein bisschen mehr – oder auch nicht. Manchmal liegt der Schnee sogar noch einen halben Meter hoch – da wäre es passender, Skier statt den Drahtesel mitzubringen.

Der Mensch ist auf der Hardangervidda eigentlich Nebensache, wird mir klar, als ich in das schrundige Oval eines ausgedehnten Hochtals blicke: Eine Kette ungemütlich kalt wirkender Seen ist durch wild schäumende Flüsse verbunden, drahtige Fjell-Vegetation bedeckt niedrigere Lagen. Eben blühten noch Frauenmantel, gelbe Spargelerbsen, Glockenblumen, Wollgras und Lichtnelken am Wegesrand. Jetzt ist diese Idylle in karge Wildnis umgeschlagen.

Norwegen - Wollgras ist nur eine von mehr als 450 Pflanzenarten auf der Hardangervidda
Wollgras ist nur eine von mehr als 450
Pflanzenarten auf der Hardangervidda

Der Himmel hat von Sonnenschein auf graue Düsternis mit zeitweiligem Nieselregen gewechselt. Aber die Sicht bleibt frei. Die Spuren der Gletscher fallen zuerst auf – sie haben den Bergen runde Köpfe gehobelt. Staunend radle ich am Ufer der Seen entlang, riskiere einen Blick nach oben, wo unter einer Schneewechte ein Wasserfall hervorbricht.

Sogar während des kurzen Radlersommers, der etwa bis Ende August dauert, kann es durchaus passieren, dass man hie und da durch ein paar dicke Schneepolster auf dem Weg schieben muss. Die Hardangervidda ist eben für ihre arktischen Kälteeinbrüche im Sommer berüchtigt – wie soll die weiße Decke da vollständig schmelzen? Warme Kleidung im Gepäck ist wegen der radikalen Wetterumschwünge daher für jeden Biker ein Muss.

Die Norweger sind ein sportliches Volk: Zu tausenden tummeln sie sich an den Wochenenden auf dem Radweg. Jetzt ist das Gegenteil der Fall – die meiste Zeit über als einziger Radler weit und breit von gewaltiger Natur umgeben zu sein, ist eine spannende Erfahrung. Menschen wagten sich bereits vor Urzeiten in das polarähnliche Gebiet, wie über 7000 Jahre alte Überreste historischer Wohnplätze beweisen. Hirten streiften mit ihren Tieren über fruchtbare Weidegründe, heute zieht die größte wild lebende Rentierherde Norwegens durch das Gebirge. Vor mir hoppeln bloß ein paar frei stromernde Schafe über den Weg.

Der einschneidendste Eingriff des Menschen in die Stille auf der Hardangervidda war der Bau der Bergenbahn durch das Gebirge. Die Züge selbst stören jedoch nur geringfügig: Einmal sind sie meistens gerade in einem der 182 Tunnel auf der 470 Kilometer langen Strecke von der Landeshauptstadt Oslo bis nach Bergen am Nordatlantik verschwunden. Als schließlich doch ein Zug durch die Weiten des Fjells braust, wirkt er wie ein fremdartiges Miniaturspielzeug.

Norwegen - Rechts am Berg verläuft die Strecke der Bergen-Bahn
Rechts am Berg verläuft die Strecke der Bergen-Bahn

1909 wurde die Bergenbahn eröffnet, davor lagen lange Jahre unermüdlichen Schuftens, um eine Bahnstrecke durch das unwirtliche Terrain zu führen. Ich unterquere den Schienenstrang einige Male und passiere ehemalige Bahnwärterhäuschen – sonst erinnert kaum etwas an den Arbeitsaufwand von damals. Während der schwedisch-norwegischen Doppelmonarchie war sogar geplant, nicht nur Christiania, wie Oslo zu dieser Zeit noch genannt wurde, sondern auch Stockholm mit dem Nordmeer zu verbinden. Dass Norwegen dann aber 1905 eigenständig wurde, machte den Schweden einen Strich durch die Rechnung: Fortan wurde die Bergenbahn von den Norwegern als rein nationales Projekt empfunden; sie kappten die Weiterführung in das Nachbarland.

Damals wie heute setzte die norwegische Regierung ihren Ehrgeiz daran, Verkehrswege durch ein Land zu schaffen, dessen Bewohner auf ihre oft schwer zugänglichen Täler beschränkt blieben. Schienen, Arbeitsgeräte und Lebensmittel mussten an die Strecke geschafft werden – kein leichtes Unterfangen in den Bergen. Deshalb legten die Arbeiter, die „rallar“ genannt wurden, eine Trasse zwischen Fels und Wasser, um an die jeweiligen Bauplätze zu gelangen.

Norwegen - Auf dem Weg nach Finse
Auf dem Weg nach Finse

Auf diesem über 100 Jahre alten Versorgungsweg, der 1974 offiziell als Radweg eröffnet wurde, erreiche ich nach 28 Kilometern Finse (2). Auf dem nahen Hardangerjøkulen, einem Gletscher, bereitete sich Polarforscher Roald Amundsen auf seine Expedition zum Südpol vor. Finses kleiner Bahnhof fungiert zugleich als Marktplatz, wie ich am nächsten Morgen feststelle. Junge Wanderer und Biker haben es sich unter jetzt strahlend blauem Himmel mit ihren Kaffeebechern an einem Tisch auf dem Bahnsteig gemütlich gemacht. Mir wird schnell klar, warum: Es ist der einzige mückenfreie Ort rings um Finse. Ansonsten verfolgen einen die fetten Biester überall. Sie stören die „Romantik“, als ich am Finsesee, auf dem Eisschollen schwimmen, frühstücke und verpassen mir das Aussehen eines Noppenhandschuhs, während ich mir einen Weg zur Bahnstation bahne – durch ein Schneefeld natürlich. Warum ich nicht die Straße benutze? Ganz einfach, es gibt keine, die hierher führt. Die Bahn, vor die im Winter ein Schneepflug montiert wird, damit sie überhaupt durchkommt, und der Rallarveg sind Finses einzige Anbindung an die Außenwelt. Das ist selbst für die naturgewohnten Norweger krass, deshalb wohnen weniger als ein halbes Dutzend Menschen ganzjährig in der Siedlung.

Norwegen - Frühstück vor Polarkulisse - Blick auf das Massiv des Hardangerjokulen
Frühstück vor Polarkulisse - Blick auf das Massiv des Hardangerjokulen

Der nun folgende Streckenabschnitt führt jedoch über den 1343 Meter hoch gelegenen Scheitelpunkt der Route bei Fagervatn und ist quasi unpassierbar: Neun Stunden lang haben sich am Vortag zwei Männer mit ihren Bikes auf den 21 Kilometern durch den Schnee gekämpft.

Norwegen - Radwanderer an der Bahnstation von Hallingskeid
Radwanderer an der Bahnstation von Hallingskeid

Also überbrücke ich diese Etappe per Zug und werde in einem Halbtunnel auf einen Holzsteg entlassen – der Haltepunkt Hallingskeid (3). Draußen ist es gleißend hell. Ich radle auf ein sonnenüberflutetes Panorama mit halb verschneiten Bergen und einem Fluss unten im Tal zu - der Rallarveg scheint geradewegs ins Paradies zu führen. Ein fröhlicher, braun gebrannter Wanderer in Lederhosen kreuzt meinen Weg – er könnte, wie im Märchen, „Hans im Glück“ sein.

Norwegen - Nahe der Klevaschlucht
Nahe der Klevaschlucht

Der nächste See, auf dessen Grund Steinplättchen als ein silbernes Mosaik schillern, eignet sich wunderbar zum Abkühlen. Der Fluss tobt immer reißender, ich nähere mich der Klevagjel - die Schlucht ist ein einziges donnerndes Schäumen und Rasen. Für ein Schneefeld am Abhang zur Schlucht muss ich sämtliches Gepäck vom Rad abschnallen und einzeln über den ausgetretenen Pfad auf die andere Seite schleppen. Einmal rutsche ich Richtung Abgrund aus. Auf diese Variante von „wilder Natur“ hätte ich gut verzichten können.

Norwegen - Seltuftsee
Seltuftsee

Der Weg führt nun unaufhaltsam abwärts, aber als radtauglich kann man ihn bis zum Seltuftsee (4) nicht mehr bezeichnen – allenfalls als Nervenkitzel für leichtsinnige Mountainbiker. Ich konzentriere mich auf Kanten und rollende Steinbrocken. Als ich tiefere Lagen erreiche, riecht es würzig nach Kiefern. Eingebettet in grüne Wälder ruhen der Seltuft- und der Reinungasee wie zwei Brunnenschalen, von denen die obere Wasser an die niedrigere abgibt.

Norwegen - die kleine Flåmsbahn, die auf einer der steilsten Schienenstrecken der Welt hinunter bis zum Aurlandfjord fährt
Flåmsbahn

Das Vatnahalsen Høyfjellshotel leuchtet rot zwischen den Bäumen hervor, kurz darauf gabelt sich der Weg: Nehme ich von Myrdal (5) (867m) aus die kleine Flåmsbahn, die auf einer der steilsten Schienenstrecken der Welt hinunter bis zum Aurlandfjord fährt? Ich bleibe dem Rallarveg, der sich mit zehn bis 20 Prozent Neigung hinunter ins Flåmsdal schlängelt, treu – mit meinem relativ schwer bepackten Rad sogar zu Fuß eine heikle Angelegenheit.

Norwegen - Blick ins Flåmsdal
Blick ins Flåmsdal

Der Rallarveg ist mit Erreichen des Tals offiziell zu Ende. Als Anschlussetappe erwartet mich eine wunderbare Fahrt entlang einem mintgrünen Fluss, der eilig dem Fjord entgegen rauscht. Mit Blumen bunt besprenkelte Wiesen breiten sich zu Füßen der hohen Berge ringsum aus, Wasserfälle stürzen herab, der Geruch von Schafen liegt in der Luft.

Norwegen - Flam - Das Kreuzfahrtschiff Costa Mediterranea auf Kurs zum Sognefjord
Flåm: das Kreuzfahrtschiff Costa Mediterranea auf Kurs zum Sognefjord

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