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Nächte im Licht

Mit dem Postschiff unterwegs an der norwegischen Eismeerküste

Text und Fotos: Christoph Wendt

Als Lars Petter Øie  aus dem eiskalten Wasser des Jarfjords am Rande der Barentssee aufsteigt hält er uns mit strahlendem Gesicht vier große Königskrabben entgegen. Eine Stunde später sitzen wir in seinem kleinen Resort am Ufer des Eismeeres in Sichtweite der russischen Grenze und verspeisen mit Hochgenuss die Beute dieses Tauchganges. 1961 haben die Sowjets die Riesenkrabben, die eine Spannweite von bis zu zwei Metern hatten, aus dem nördlichen Pazifik im Eismeer bei Murmansk ausgesetzt, zur Hebung der Lebensmittelversorgung. Inzwischen haben die Tiere sich in unvorstellbarer Weise vermehrt. Rund 30 Millionen Stück werden alleine von der russischen Krabbenfängerflotte jährlich hier in der Barentssee gefangen.

Norwegen - Eismeer - Krabbe
Ein köstlicher Fang: eine Königskrabbe

Auf der einen Seite sind diese Tiere, die inzwischen an der gesamten Eismeerküste entlang wandern, als begehrte Delikatesse zu einem wichtigen Wirtschaftsgut für Russen und Norweger geworden. Doch die traditionelle Fischerei zwischen Tromsö und Kirkenes leidet unter den gefräßigen Riesentieren. Und schon klagen die norwegischen Fischer, die im Winter seit jeher zum Dorschfang zu den Lofoten kommen, dass die Erträge der Dorschfischerei immer bescheidener werden. Schließlich kommen die einst riesigen Dorschschwärme aus der Barentssee.

Ausgangspunkt Kirkenes

Am Nachmittag werden wir von Hans Hatl, der in Kirkenes das Barents Safari-Unternehmen betreibt, mitgenommen auf eine Bootsfahrt von Kirkenes den Pasvikfluss hinauf. Unmittelbar an der norwegisch-russischen Grenze hat Hans ein Holzhaus mit großer Terrasse über dem Fluss.

Norwegen - Eismeerküste - Kirkenes
Blick auf Kirkenes

Während wir auf der Terrasse gegrillten Lachs mit Gurkensalat verzehren, taucht ein Trupp Rentiere über der Uferböschung auf. Das sei etwas Besonderes, meint Hans, denn hier um Kirkenes gäbe es nicht viele samische Familien mit ihren Herden. Die seien weiter westlich zu erleben. Wir sprechen Hans auf seinen österreichisch klingenden Namen an. Ob er Österreicher sei? Nein, ist die Antwort, der Vater kam aus Linz und war als Soldat im Zweiten Weltkrieg in Kirkenes stationiert, wie Tausende andere österreichische Gebirgsjäger. Nach dem Krieg sei er zurückgekommen an die Barentssee, einer Frau wegen, Hans’ Mutter.

Norwegen - Eismeerküste - Grenze zwischen Russland und Norwegen
Grenze zwischen Russland und Norwegen

Gleich hinter dem Haus stehen die Grenzpfähle, der gelbe norwegische und der rot-grüne russische. Keinen Schritt hinter den russischen Grenzpfahl gehen, warnt Hans. Norwegische, nicht etwa russische Grenztruppen passten gut versteckt im Gebüsch auf. Wen sie bei solch unerlaubtem Grenzübertritt erwischen, und sei es nur einen Schritt weit, muss 500 Kronen Buße zahlen. Norweger und Russen haben sich hier oben zur peinlich genauen Respektierung der Grenze verpflichtet. Russen kommen ohnehin heute nicht mehr über die „grüne“ Grenze, das haben sie nicht nötig. Das Nebeneinander der beiden Staaten und ihrer Bürger ist heute so normal, wie es vor 20 Jahren noch undenkbar war.

Norwegen - Eismeerküste - zweisprachig beschriftete Straßenschilder in Kirkenes
Zweisprachig beschriftete Straßenschilder in Kirkenes

Dafür sprechen die zahlreichen russischen Taxis und Busse am norwegischen Flughafen Kirkenes, die Fluggäste von und nach Murmansk befördern. Davon erzählen die zahlreichen zweisprachigen Beschriftungen auf Straßenschildern oder Supermärkten, in denen russische Hausfrauen fassungslos vor dem westlichen Warenangebot stehen. Und selbst die alte Wallfahrtskirche Boris Glebb auf dem russischen Ufer des Pasvikflusses, mehr als 70 Jahre für jedermann unerreichbar, kann heute von Touristen besucht werden, auch wenn man dafür immer noch 12 verschiedenen Formulare und Stempel der Russen benötigt, wie Hans uns versichert.

Am Abend kehren wir zum Essen in einem Samenzelt ein, das Wort Lappen hören die Menschen hier oben nicht gerne. Was gibt es zum Essen? Samische Hochzeitssuppe, eine Art Rentiergulasch und gegrillten Lachs, wilden Lachs natürlich, wie Päivi Laivana, unsere Gastgeberein in der Gabba, einer Art samischen Freilichtmuseum, versichert.

Norwegen - Eismeerküste - Abendessen im Samenzelt in Kirkenes
Abendessen im Samenzelt in Kirkenes

Krabbensafaris oder Flussexkursionen zur russischen Grenze, Einkehr in der Gabba, aber auch Touren über die Grenze ins  (relativ) nahe Murmansk gehören zu den vielen Angeboten, die Besucher der norwegischen Grenzstadt Kirkenes an der Barentssee wahrnehmen können. Seit vor rund 20 Jahren die Eisenerzgruben im Börnefjell, rund 10 Kilometer von der Stadt entfernt, wegen Unrentabiliät geschlossen wurden, versank die Stadt, die bei Kriegsende als Folge russischer Bombardierungen und deutscher Verbrannte-Erde-Taktik im Zentrum dem Erdboden gleichgemacht war, in eine trostlose Bedeutungslosigkeit. Leute wie Lars Pedder Öye und Hans Hatl haben mit ihren Angeboten für Touristen den Anfang für einen wirtschaftlichen Aufschwung gemacht. Die politische Entspannung und die damit verbundene Normalisierung im Verhältnis zum großen Nachbarn im Osten taten ein Übriges. Und seit im Frühjahr 2009 ein australisches Konsortium die Erzgruben gekauft und die Förderung wieder aufgenommen hat, legen inzwischen auch wieder Erzfrachter in Kirkenes an, wo ansonsten das Hafenbild vor allem von den zum Teil recht maroden Schiffen der russischen Krabbenfängerflotte beherrscht wird. Die Hauptfangsaison liegt im Herbst und Winter.

Viele Besucher kommen wie wir mit dem Charterflieger von Deutschland um auf Krabbensafari zu gehen oder mit Hans Hatl Exkursionen auf dem Pasvikfluss zu machen, in der unberührten arktischen Landschaft rund um Kirkenes zu wandern oder zu fischen und nach ein paar Tagen an Bord eines Hurtigroutenschiffes zu gehen, landläufig meist als Postschiffe bezeichnet, falls sie nicht sofort vom Flughafen zum Schiff gefahren sind.

An Bord der Polarlys

Norwegen - Eismeer - Postschiff Polarlys
Die Polarlys im Trollfjord

Zur Beförderung von Post, Fracht und Passagieren wurde diese Express- (Hurtig-)linie 1893 in Betrieb genommen. Heute pendeln die Schiffe ununterbrochen zwischen Bergen im Südwesten des Landes und Kirkenes oben am Eismeer. Die Postflagge weht zwar immer noch fotogen am Heck der Schiffe, auch unserer „Polarlys“, die nun Kurs Westen, Richtung Nordkap nimmt, aber Post wird schon lange nicht mehr befördert. Doch für den Warentransport sind die luxuriösen Schiffe, die inzwischen sogar Touristenfahrzeuge in ihrem Bauch verschwinden lassen können, immer noch wichtig. Vom Bootsmotor über Regenrinnen und Paletten mit Dachziegeln, Säcke mit Kartoffeln, Getränke oder Holzpaneele stapeln sich in den kleinen Häfen, die unsere „Polarlys“ anläuft, alle Arten von Waren für die einsamen kleinen Siedlungen am Eismeer.

Wie die meisten heutigen Schiffe der Hurtigroute ist auch die „Polarlys“ ein modernes, man kann sagen luxuriöses Schiff, aber kein lauter Musikdampfer. An Bord herrscht die zwanglose Atmosphäre, wie sie Menschen verbreiten, die Reisen gewöhnt sind und die nicht mit ständigem Garderobenwechsel oder Captains Dinner gelangweilt werden sollen. Morgens und mittags biegen sich die Anrichten unter so reichhaltigen Büffets, dass niemand auch nur annähernd alles durchprobieren kann, was da angeboten wird. Und abends geht es stilvoll, aber dezent zu, wenn die Gänge des Abendmenüs serviert werden, wobei der Blick durch die großen Fensterwände hinaus geht auf die raue Einsamkeit des Eismeeres.

Norwegen - Eismeerküste - Hafen von Vardö
Im Hafen von Vardö

Einer der ersten kleinen Häfen, die angelaufen werden, ist Vardö. Am Kai warten historisch bunt kostümierte Soldaten, um interessierte Passagiere mit klingendem Spiel zur Festung zu bringen. Wir wenden solch kriegerischer Erinnerung im wahrsten Sinne des Wortes den Rücken zu und schauen uns im Pomorenmuseum um. Pomoren? Hatten wir je von den Pomoren gehört? Ehrlich gesagt, nein. In diesem Museum wird anschaulich gezeigt, wie die Pomoren, russische Wanderhändler, mit ihren Segelschiffen von Archangelsk am Weißen Meer aus an der norwegischen Eismeerküste bis Tromsö hin und her pendelten und die Bewohner mit allen erdenklichen Dingen versorgten, aber auch orthodoxe Klöster und Kirchen gründeten. Andererseits kauften sie den Bewohnern der winzigen Eismeerhäfen Fische ab. Die Oktoberrevolution machte diesem für beide Seiten einträglichen Pomorenhandel ein Ende. Viele Pomoren, die als sehr konservativ orthodox galten, wurden unter der Beschuldigung westliche Agenten zu sein, von den Sowjets umgebracht.

Norwegen - Eismeerküste - Im Pomorenmuseum in Vardö
Im Pomorenmuseum in Vardö

Spät am Abend, den wir als solchen gar nicht wahrnehmen können, weil die Sonne immer noch über dem Horizont steht, legen wir in Berlevåg an. Chorgesang begrüßt uns, der weit über die Eismeerregion hinaus berühmte Berlevåger Männergesangverein bringt den Hurtigroutenpassagieren ein Ständchen dar. Dann nimmt die „Polarlys“ Kurs auf den nächsten Hafen, fährt weiter nach Westen an einer Küste entlang, die im Sommer keinen Sonnenuntergang, keine Dämmerung, keine Dunkelheit kennt. Die Nächte sind voller Licht, dem Licht der Mitternachtssonne.

Die Aufenthalte in den winzigen Eismeerhäfen, wie Båtsfjord oder Berlevåg, Mehamn oder Kjǿllefjord sind in der Regel nicht länger als eine Viertelstunde. Ein Gabelstapler holt ein oder zwei Ladungen Fracht aus dem Schiff, bringt neue hinein. Ein paar Passagiere steigen aus, andere kommen an Bord. Was für die nach Kirkenes eingeflogenen Hurtigroutenpassagiere für viele Tage eine luxuriöse schwimmende Herberge ist, nutzen die Einheimischen wie eine Tram, fahren von einer Station zur nächsten. Überall riecht es nach Fisch, Fischkisten sind in jedem Hafen zu Bergen aufgestapelt, Fischfang und – verarbeitung sind für die wenigen Menschen, die hier oben leben, die Lebensgrundlage. Zwar haben alle Orte heute Anbindung an die weiter südlich im Hinterland verlaufende Eismeerstraße und die meisten auch einen kleinen Flughafen, doch das Postschiff ist immer noch ein wichtiges öffentliches Verkehrsmittel.

Zum Nordkap

Früh am Morgen sind wir in Honningsvåg. Busse bringen ein paar Dutzend Passagiere zum Nordkap. Um diese Zeit ist es leer und still hier oben auf Europas nördlichstem Punkt. Wir sind die einzigen, die am Geländer über dem Abgrund stehen, der sich mehr als 300 Meter senkrecht unter uns auftut, und hinaus schauen auf das Eismeer. Um Mitternacht drängen sich hier oft mehr als 1000 Menschen, die das Schauspiel erleben und beobachten wollen, das die Sonne bietet, wenn sie sich dem Horizont nähert, aber ohne ihn zu berühren wieder zu steigen beginnt. Auf den riesigen Parkplätzen, wo sich nachts die Touristenfahrzeuge und Busse drängen, stehen nur ein paar Wohnmobile. Ihre italienischen Kennzeichen zeugen vom Drang der Südländer zum Licht des Nordens.

Norwegen - Eismeerküste - MS Polarlys im Hafen von Hammerfest
MS Polarlys im Hafen von Hammerfest

Längst hat Honningsvåg dank der Verleihung der Stadtrechte zur letzten Jahrtausendwende Hammerfest den Rang als nördlichster Stadt der Welt abgelaufen. Doch offiziell nimmt man das in der Stadt mit dem Eisbären im Wappen nicht zur Kenntnis. Anderthalb Stunden liegt die „Polarlys“ hier im Hafen, Zeit genug für ein Dutzend Passagiere, das Tourismusbüro anzusteuern, das gleichzeitig Geschäftsstelle des „Königlichen und wahren Eisbärenclubs“ ist, um sich dort als Mitglied anzumelden. Wer kann da schon von den Daheimgebliebenen mitziehen?

Tromsö und die Lofoten

Im faszinierenden Licht der Mitternachtssonne läuft die „Polarlys“ spät am Abend in Tromsö ein. Von keiner anderen Stadt der Welt sind mehr Expeditionsschiffe Richtung Nordpol und Südpol gestartet. Tromsö, oft als arktisches Paris bezeichnet ( warum nur?) hat die nördlichste Universität der Welt, die nördlichste Brauerei und den nördlichsten katholischen Bischofssitz. Berühmt sind die Mitternachtskonzerte in der Eismeerkathedrale.

Norwegen - Eismeerküste - Bizarre Welt der Lofoten
Bizarre Welt der Lofoten

Allzu schnell künden am Nachmittag des dritten Tages die Felswände und –türme, Zacken und Spitzen, roten Holzhäuschen auf nackten Felsen und gewaltigen Gestänge, in denen im Frühjahr Tausende von Dorschen getrocknet werden, an, dass wir das Filetstück norwegischer Landschaft erreicht haben, die Inselwelt der Lofoten. Eine Nacht im Licht, im Sonnenschein bleibt uns hier noch in Svolvaer, der „Lofotenhauptstadt“, in einem Rorbu, einem der typischen Ferienhäuschen der Lofoten, umgeben von hoch aufragenden Stangengerüsten. In ihnen werden im Spätwinter die Dorsche zum Trocknen aufgehängt, die später in großen Speicherhäusern auf vielen Etagen gelagert werden für den Export vor allem nach Spanien und Portugal, aber auch nach Afrika. Am nächsten Morgen dann heißt es auf dem kleinen Flughafen von Svolvaer schweren Herzens Abschied nehmen. Gerne hätten wir die Reise noch fortgesetzt weiter nach Süden. Oder doch lieber wieder zurück, nach Norden, in die Nächte voller Licht?

Norwegen - Eismeerküste - Svolvaer
Svolvaer

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