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Am Fuße des Luchses

Radfahren auf den Lofoten

Text und Fotos: Judith Weibrecht

 

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Nördlich des Polarkreises erstreckt sich die norwegische Region Lofoten mit ihren zahllosen Inseln. Über diese führen Radrouten entlang der steilen Berge und Fjorde und bieten Natur pur und fantastische Ausblicke. Dank des Golfstroms herrscht trotz der Lage im hohen Norden relativ mildes Radfahrklima.

Norwegen - Lofoten - Inseln im Meer

Planetenarchitekt Slartibartfaß erhielt für das Design der Fjorde Norwegens eine Auszeichnung. Verständlich, solch Schönheit ist unerreicht. Fast. Denn die Lofoten sollten einen Extra-Sonderpreis einheimsen für herbe Schönheit: Zackige Toblerone-Berge heben sich gegen den enzianblauen Himmel ab vor karibisch weißen Buchten und türkis glitzerndem Meerwasser. - Spaß beiseite, diese Auszeichnung gibt es nur in Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“, doch der Rest ist wahr.

Norwegen - Lofoten - Zimtschnecken in Bäckerei

Beginnen wir mit dem letzten Buchstaben des norwegischen Alphabets: Å (1). Dies ist auch der Name für den autofreien Ort mit seinen denkmalgeschützten Holzhäuschen am südlichen Ende der Lofoten. Auszusprechen: Oh! Für uns der Anfang der Radtour gen Norden und Anlaufstelle vieler weiterer Radfahrer. Gibt es doch in der Museumsbäckerei vor Ort ofenwarme Kanelboller, Zimtschnecken. Alba aus Schweden schiebt Rundstykker, Brötchen, in den Backofen und erzählt: „In die Bakeriet kommen stets viele Radfahrer herein, denn bei uns ist es ja auch immer gut warm!“ Stimmt. Der Schweiß fließt in Strömen, doch draußen stürmt’s. Im Hintergrund ragt schroff die Lofotwand auf mit ihrem steilen Gebirge, spitzen Felsen und scharfen Kanten. Doch die muss man ja nicht hinaufradeln.

Alles zum ersten Mal

Wo einst ab 1861 Norwegens erster Fischereitelegraph, die Lofotleitung, stand und Kontakt zu den Schiffen auf See ermöglichte, ist heute das Norsk Telemuseum in Sørvagen (2) untergebracht. Alf, der Leiter des Museums, wohnt noch heute in dem Haus, in dem schon sein Vater Betreiber der Telegraphenstation gewesen ist, und führt gut und gerne durch die Ausstellungsräume.

Norwegen - Lofoten - Kjell Alf Oere, Museumsleiter, im Norwegischen Telekommunikationsmuseum in Sørvågen
Kjell Alf Oere, Museumsleiter, im Norwegischen
Telekommunikationsmuseum in Sørvågen

„Gammelbua“, heute ein Pub, war einst die erste Handelsstation in Reine, wohin die Fischer ihren Fang brachten und samstags in der Bar tranken. Heute trinken und essen Touristen in der gemütlichen Gaststube mit Blick auf den Fjord.

Norwegen - Lofoten - Das Sykkelbåt (Fahrradboot) in Nusfjord
Das Sykkelbåt (Fahrradboot) in Nusfjord

Ob dies auch das erste Fahrradboot der Welt ist, wissen wir nicht, doch für uns ist es eine Premiere: Mit dem Sykelbåt, Fahrradboot, geht es vom einstigen Fischernest Nusfjord, heute ein malerischer Touristenort, für den man sogar Eintritt zahlen muss, nach Ballstad (3). Der Kapitän macht mit den Händen schaukelnde Bewegungen, bietet einen Bonbon an und lacht. In der Tat, es wackelt heftig, denn hier läuft der Nappstraumen quer. Doch mit der „Sira“, einem alten Fischkutter, spart man sich die Fahrt durch den Nappstraumtunnel. Er führt über 1.800 Meter Länge und mit 8% Gefälle bis 55 Meter unter dem Meeresspiegel von der Insel Flakstadøy nach Vestvågøy. Mit dem Fahrrad auf dem Seitenstreifen ist das kein Vergnügen. Wir hingegen legen entspannt durchgerüttelt an am Vestfjord in Ballstad, benannt nach dem Sohn des Gottvaters Odin, Balder. Hier gibt es wie fast überall auf den Lofoten Rorbuer zu mieten. Rorbuer sind ehemalige Fischerkaten, die zu komfortablen Selbstversorgerhäuschen ausgebaut wurden. „Ror“ bedeutet Ruderer und „bu“ Wohnstätte. Die meist hölzernen und rot angestrichenen Rorbuhütten sind perfekt für Radfahrer. Überhaupt sind Radler hier gerne gesehen, denn sie gelten als Naturschützer, und die Lofoten sind Natur pur. „Und das soll auch so bleiben!“, betont der junge Mann an der Rezeption von Kræmmervika Rorbuer, die auch das Fahrradboot betreiben.

Fast alles in Ballstad gehört dem Großgrundbesitzerclan Jentoft. Die Jentofts waren es auch, die als erste die Idee hatten, Rorbuer an Urlauber zu vermieten. In Stamsund (4) hingegen herrschen die „Landzungenkönige“ Johansen über Trawlerreederei, Fischindustrie und Fischerhütten. In der Bucht davor finden sich auf kleinen Inselchen und Felsen unzählige kleine Leuchttürme. Heute fallen mehr und mehr Touristen auf den Inseln ein. Doch sie kommen in friedlicher Absicht.

Norwegen - Lofoten - getrockneter Kabeljaukopf
Getrockneter Kabeljaukopf

Fisch ist freilich immer ein Thema. Im Lofot-Aquarium in Storvågan (5), 1931 von der Fischereigesellschaft Kabelvåg gegründet, begrüßen Seehunde die Besucher in ihrem Außenbecken. Ganze 23 Aquarien mit Kabeljau, Steinbeißern und Seespinnen veranschaulichen dort die Unterwasserwelt der Lofoten. Auf den Inseln ist das fast immer der Kabeljau, oder aber der Lachs. Getrockneter Kabeljau auf Holzgestellen begegnet einem allerorten, denn das Klima ist hier dafür schlichtweg ideal. „Hier hängt unser Geld!“, erklären die Lofotinger dann. Hauptimporteur ist Italien. Doch schon zu Zeiten der Wikinger und der Hanse waren getrocknete Dorsche ein gefragtes Gut. Heute nascht man selbst Trockenfischchips wie selbstverständlich zum Bier. Umfassende Informationen dazu bekommt man im Lofoten Tørrfiskmuseum in Å, eher geschichtliche Informationen im Lofotmuseet in Storvågan, wie es überhaupt viele kleine, feine Museen über den Archipel verteilt gibt.

Norwegen - Lofoten - Fisch auf Trockengestänge

Hinter den Hjeller, wie die Trockengestänge für den Dorsch heißen, ragt die Lofotwand auf, davor glitzert das türkisblaue Meer, umrahmt von weißen, weit geschwungenen Sandstränden. Dunkelrote Rorbuer heben sich vor Wasserfällen und Bächen ab. Die Mitternachtssonne geht nicht unter. Tag ohne Nacht. So kann man rund um die Uhr radeln. „Nachts ist es am besten, die Ruhe öffnet das Herz“, sagt Erik, der Fahrradverleiher. Teilweise fährt man auf extra angelegten Rad-/Gehwegen, meist aber auf kleinen verkehrsarmen Landstraßen und manchmal auch auf dem Seitenstreifen der im Sommer stark befahrenen Europastraße E10 durch die weite grüne Landschaft. Leicht wellig ist’s. Doch Beine biegsam und weich wie die Gräten eines Kabeljaus bekommt man hier nicht, denn um die imposanten Berge radelt man herum und nicht hinauf. Rechts schaukeln lila und rosa Stauden im Wind, links grasen Schafe an grünen Steilhängen. Sie finden hier reichlich Futter und mutieren zu wahren Kletterkünstlern. Von Ferne schon leuchtet die rot-weiß gestrichene Busknes-Kirche in Gravdal. Auch die Lofotenkathedrale, die Vågan Kirke in Kabelvåg (6), schiebt sich eindrucksvoll ins Blickfeld. Sie ist Nordnorwegens größte Holzkirche. Direkt neben ihr liegt der sagenumwobene Trollstein. Eine der Legenden besagt, dass der Satan den Findling einst wütend Richtung Kirche geschleudert haben soll.

Norwegen - Lofoten - Buksnes Kirche in Gravdal
Buksnes Kirche in Gravdal

Alle Wetter – Die Lofoten

Morgens um neun: Dicke Nebelsuppe in der fruchtbaren Ebene bei Valberg über Kühen und Gehöften, Seen und Ackerland, der sich nur langsam lichtet. Das Klima, auf das man sich einstellen muss? Sonne, Regen, nass, trocken, warm, kalt. In Lofoten gibt es alle Wetter, jeden Tag, jederzeit, rund um die Uhr. Vor einer Biegung radelt man im schönsten Sonnenschein, hinter der nächsten Kurve wartet prasselnder Regen und starker Wind. Wetterumschwünge sind an der Tagesordnung.

Norwegen - Lofoten - Landschaft

Schnee ist im Sommer nur von Ferne auf den Gipfeln erkennbar, doch im „Magic Ice“ in der Hauptstadt Svolvær (7) geht es rund ums Jahr um Eis. Die Galerie zeigt eine verwunschene, surreale Welt. Tritt man in die ehemalige Fischkühlhalle ein, empfangen einen Sphärenklänge und man wähnt sich in arktischen Gefilden. Eisskulpturen zeigen Schiffe der Hurtigruten, eiszeitliche Figuren, ein Iglu, einen Fischer und sein Boot, einen Anker. Am Ende lockt eine Eisbar mit Kerzenlicht, wo man einen Drink einnehmen kann. Natürlich in einem Becher aus Eis. „Das Getränk heißt blauer Eisbär“, erklärt Karin Wigger, die hier arbeitet. Um die Kälte besser aushalten zu können, sind Besucher in Thermoumhänge gewickelt und tragen Handschuhe.

Norwegen - Lofoten - „Magic Ice“ in Svolvær
„Magic Ice“ in Svolvær

Draußen scheint die Sonne, und wir radeln über eine beeindruckende, hoch aufgeschwungene Brücke über einen Fjord und die Landschaft der Lofoten. Lofotr bedeutet übrigens Luchsfuß und war einst der Name von Vestvågøy. Heute steht der Begriff Lofoten für die ganze Region und Inselgruppe.

Norwegen - Lofoten - Überirdisch: Bucht am Grunnførfjorden im Norden von Austvågøy, durch die die Straße führt. Der Nebel erhebt sich wie ein Band über dem Strand und die Sonne kommt raus

Austvågøy umrunden wir fast ganz in weitem Bogen. Hinter Laukvik auf der dem Meer zugewandten Seite erstirbt plötzlich jeder Laut. Alles scheint hinter dichter Milchsuppe zu verschwinden. Eine wattierte Welt in weißlichem Grau. Das hat etwas Nebulöses und Mysteriöses. Schwerfällig zieht sich die Nebeldecke nach oben und gibt den Blick unten auf die Küste mit dem weißen Sand frei. Das Band durchschneidet das Bild nun in der Mitte: unten weißer Sand, oben stahlgraue Berge, beschienen von Sonnenlicht. Nur langsam lichtet sich auch der letzte Rest des Meeresnebels. Überirdisch.

Norwegen - Lofoten - Überirdisch: Bucht am Grunnførfjorden im Norden von Austvågøy, durch die die Straße führt. Der Nebel erhebt sich wie ein Band über dem Strand und die Sonne kommt raus.

Hurtig in den Norden

In dieser Geschichte spielt schon die Anreise eine Hauptrolle: Auf den Schiffen der Hurtigruten kann man für nur fünf Euro sein Rad mitnehmen und in Häfen mit längeren Liegezeiten ausgedehnte Radtouren unternehmen. Eine feine Sache: Der Weg ist das Ziel.

Das einstige Postschiff legt an, wir rollen von Bord. Und schon sind wir auf unserer ersten Tour in Norwegen. Das bietet sich z. B. in Ålesund an, wo man ganze zehn Stunden Aufenthalt hat, während das Schiff in den Geirangerfjord und zurück reist. Ålesund ist Jugendstilstadt und angeblich die schönste Stadt Norwegens. Alle Sehenswürdigkeiten sind per Rad bequem und einfach zu besuchen, z. B. das Aquarium Atlanterhavsparken, das Jugendstil- oder das Fischereimuseum. Tipps für Ausflugsrouten gibt’s bei der Crew.

In Trondheim gibt es gar einen Bikelift für Radfahrer und Gefährt, der einen 72 Höhenmeter hinauf zur ca. 300 Jahre alten Festung Kristiansten bringt. Es ist angeblich der weltweit einzige. Unten liegt die auf Pfählen erbaute Speicherstadt am Fluss Nidelv, der imposante Nidaros-Dom, einst Krönungsstätte der norwegischen Könige und Heimat des Schreins Olav des Heiligen, und der Markt Torvet. per Rad vom Hafen aus alles kein Problem.

1893 in Betrieb genommen diente die Expresslinie Hurtigruten einst der Beförderung von Post, Fracht und Passagieren. Post wird nun nicht mehr befördert, doch ansonsten zwischen Bergen im Süden und Kirkenes im Norden Norwegens fast alles. Auch Leihräder sind an Bord, die für 100 NOK pro Tag gemietet werden können.

Norwegen - Lofoten - Hurtigruten-Schiff

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