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In und rund um Haugesund

Unterwegs in West-Norwegen

Text und Fotos: Winfried Dulisch

West-Norwegen bietet keine interessante Landschaft, sondern unendlich viele Landschaften. Vor allem im Haugalandet wechseln die Motive im Minutentakt - von mediterran üppiger Vegetation, alpenländisch anmutenden Höhen, malerischen Fischerorten und wilden Wasserfällen bis hin zu majestätisch ruhenden Fjorden. Unser Autor fand zwischen Stavanger und Bergen zahlreiche Anregungen für einen Kurztrip.

Norwegen - Haugesund - Wasserfall

Die Norweger nennen es „Haugalandet“. Wir dürfen es „Haugaland“ nennen. Mit 2.869 Quadratkilometern ist das Haugaland ein wenig größer als das Saarland, hat mit 100.000 Einwohnern aber nur ein Zehntel von dessen Bevölkerung. Jeder dritte Haugalendinger - wir dürfen sie auch „Haugaländer“ nennen - lebt in Haugesund. Eine mögliche Erklärung für diesen Ortsnamen lautet: „Haug“ ist Hügel; „Sund“ ist Meerenge. Einst boomte die Stadt als wichtigster norwegischer Umschlaglatz für Heringe, heute sorgt hier der Schiffbau für seemännisches Flair.

Ein Spaziergang entlang der Segelyacht-Anlegestellen ist vor allem zur Mittsommerzeit ein Erlebnis: Wenn die milde Abendsonne überhaupt nicht in der Nordsee versinken mag, dann ist Haugesund einigen prominenteren europäischen Hafenstädten atmosphärisch weit überlegen. Parallel zu dieser maritimen Flanier-Meile verläuft innerstädtisch eine Shopping-Fußgängerzone, wie man sie überall in Europa findet. Erst beim genaueren Hinsehen entdeckt der Window-Shopper zwischen internationalem Schick und Noname-Krimskrams den Laden von Elisabet Vereide.

Norwegen - Haugesund - kleine Modenschau
Elisabet Vereide präsentiert einen ihrer bestickten Schals

In ihrem Schaufenster verdecken Souvenirs für die touristische Laufkundschaft erst einmal den Blick auf jene Handarbeiten, die sich im hinteren Teil des Ladens verbergen: Norweger-Pullover, die an langen Winterabenden gestrickt wurden. Und auch zu jedem handbestickten Schal und den übrigen Volkstrachten in ihrem Sortiment erzählt Elisabet Vereide dem interessierten Besucher gerne die jeweils individuelle Entstehungsgeschichte.

Norwegen - Haugesund - Skudenshavn
Mittsommerabend-Stimmung über Skudeneshavn

Als Gesamt-Ensemble eine Top-Adresse für Liebhaber des anspruchsvollen Kunsthandwerks ist Skudeneshavn; diese heutige Künstler-Kolonie ist mit ihren weißen Holzhäusern eine der am besten erhaltenen Kleinstädte Norwegens. Aber was ist das schon im Vergleich zu jenem anderen Erbe, das die Haugaländer pflegen? Der Sage nach – und die Norweger vermengen bei ihrer Geschichtsdarstellung gerne das Sagenhafte mit historischen Tatsachen – hatte Harald I. die Wikinger-Stämme in dem von Fjorden zerstückelten Land geeinigt und 872 das norwegische Reich gegründet. Sein Königsthron stand zehn Autominuten entfernt von Haugesund. An seinem Herrschersitz erinnert heute ein architektonisch und museumsdidaktisch hochmodernes Besucherzentrum an diese Zeit.

Norwegen - Haugesund - Musikertruppe
Marit Synnøve Vea (Trommel) mit ihrer Wikinger-Combo

Marit Synnøve Vea und andere Gleichgesinnte wollen an diesem Ort aber weniger die große Geschichte ihrer Heimat verherrlichen. Hier inszenieren sie lieber ein Revival des mittelalterlichen Alltagslebens. Der Holzschnitzer Harald Ottøy zeigt zum Beispiel, wie in vorigen Jahrhunderten das Essbesteck hergestellt wurde. Und bei Festivals in und um Haugesund drum rum spielt Marit Synnøve Vea mit ihrer Wikinger-Combo Lieder und Tänze, die so rau aber herzlich klingen wie in den Tagen von Harald I., den sie einst auch den „König Schönhaar“ nannten.

Norwegen - Haugesund - Holzschnitzer
Holzschnitzer Harald Ottøy

Harald V. wird heute nicht nur als Schönhaars Nachfolger verehrt, sondern auch als Olympia-Teilnehmer und Segel-Weltmeister. Seine Gemahlin Sonja ist bekannt und beliebt als Wandersfrau. Viele Haugalandeter – und das ist keine Sage – haben die Königin bei einer ihrer (Ski-)Wanderungen schon mal angetroffen oder sogar begleitet. Eine Bergwanderung, die auch für Ihre durchtrainierte Majestät Sonja von Norwegen zu den Königsetappen zählt, führt drei Stunden lang von der Talstation in Odda rauf zum Folgafonna-Gletscher.

Bergwandern auf dem Königsweg

Gletscherführer Jens Augestad ist nicht nur ein Naturschutz-Experte, sondern auch ein ausgezeichneter Psychologe. Deshalb eignet sich seine sechs Stunden lange Tour – in Kombination mit Skifahren und Eisklettern kann sie auch mehrere Tage dauern – ideal für Teambuilding-Trainingsmaßnahmen und andere Gruppen-Erfahrungen im Grenzbereich. Aber Vorsicht! Wer mal eben für ein derartiges Abenteuer kurz rüber nach Haugesund jetten möchte, sollte beim Lesen des norwegischen Reiseprospekts berücksichtigen, dass „Soft Adventure“ eventuell mit „hartem Extremsport“ zu übersetzen ist. Denn eine sportlich aktive Königsfamilie setzt andere Maßstäbe als ein(e) bundesdeutsche(r) Kanzler(in).

Norwegen - Haugesund - Sandsfjorden
Sandsfjorden

Wem die Luft in 1600 Metern Gletscherhöhe zu dünn ist, der ist besser aufgehoben bei den Wildlachsen im Laksegard (Lachsgarten) von Bjørn Moe. Wie gesagt: Wild-, keine Farm-Lachse. Ausgerechnet dieser Umwelt-Aktivist und Pädagoge besitzt – für Norwegen eine Rarität – einen kleinen Swimmingpool. Bjørn dämpft sofort falsche Hoffnungen: Sein Planschbecken wird nur benötigt, um die Taucheranzüge der Teilnehmer seiner Lachs-Safari auf Wasserdichtheit zu überprüfen. Und nach diesem Unterwasser-Spaziergang weiß sogar der Bio-Laie, dass der Unterschied zwischen dem wilden Lachs in Bjørns Laksegard und einem Lachs aus dem Supermarkt ungefähr so groß ist wie der zwischen einem Wild- und einem Turboschwein.

Do you speak Norwegisch?

Ebenfalls ein Familien-Geheimtipp ist der Ferien-Bauernhof von Nina Kaltwasser. Sie ist deutscher Abstammung, spricht aber kein gutes Deutsch. Macht nix. Denn sie plaudert in genau jenem Englisch, das überall in unserer globalisierten Welt verstanden wird. Die Norweger gehören zu den Pisa-Klassenbesten – vor allem bei den Fremdsprachen. Denn erstens sind sie eine weltläufige Seefahrer-Nation. Zweitens lohnt es sich nicht, ausländische Filme für 4,7 Millionen Norwegisch-Sprechende zu synchronisieren; deshalb erleben sie Hollywood-Produkte nur mit Original-Soundtrack und norwegischen Untertiteln. Mit dieser umgangssprachlichen Kompetenz erklärt Nina Kaltwasser ihren Gästekindern bei Tag spielerisch das sommerliche Leben auf ihrer Farm. An Winterabenden sitzt sie mit ihnen zusammen in der warmen Stube und erzählt eine Geschichte von Trollen und anderen Märchenfiguren aus ihrer Nachbarschaft – und das alles in Englisch.

Norwegen - Haugesund - Ferien-Bauernhof
Nina Kaltwasser auf ihrem Ferien-Bauernhof

Der englische Lord Montagu Waldo Sibthorp kam 1884 in das Haugalandet – und blieb einfach da. Er kaufte für große Abschnitte des Suldalslågen-Flusses die Lachs-Fangrechte und baute jenes „Lakseslottet“, das bei seinen adeligen Landsleuten bis zum Ersten Weltkrieg als Sommerfrische-Destination beliebt war. Das Lachs-Schloss erlebt nach wechselvoller Geschichte nun eine neue Blüte als Hotel für Gäste mit einem Faible für englische Spleenigkeit und norwegische Naturverbundenheit. Die zeitgenössischen Grafiken an den Wänden lassen beinahe vergessen, dass – und dafür gibt die heutige Hoteldirektorin Kristin Høyvik dem Gast ihr Ehrenwort – in dem Gemäuer ein alter Hausgeist spukt.

Original und Fälschung

Als „Kunsthotellet“ versteht sich auch das Tyssedal Hotel. Die Kleinstadt Tyssedal verdankt ihre Blüte der Titan- und Eisen-Hütte, für deren Manager dieses Kunsthotel einst gebaut wurde. Wer sich satt gesehen hat am Blick aus seinem Hotelzimmer auf den Sørfjorden, mag unten im Restaurant jene Nachempfindungen dieser groß angelegten Landschaft betrachten, die ein Langzeit-Hotelgast hier einst gemalt hatte: endlos weite Fjorde mit ihrem Spiel von Licht und Farben. Und zwischendrin hängen ein paar surrealistisch verfremdete Darstellungen von jenen Kobolden, die auch schon die romantischen Melodienfolgen eines Edvard Grieg oder die mystischen Momente von Henrik Ibsens Bühnenwerken inspiriert hatten.

Norwegen - Haugesund - Industrie-Denkmal
Industrie-Denkmal vor großer Naturkulisse: Durch
diese Rohre floss das Wasser einst hinunter zum
Kraftwerk am Sørfjorden

Dem Energie fressenden Hüttenwerk verdankt Tyssendal sein „Norsk Vasskraft- og Industristadmuseum“. Es erzählt davon, wie die Norweger zu Anfang des 20. Jahrhunderts ihren damals größten Reichtum – die Wasserkraft – zu beherrschen und nutzen begannen. Auf den teilweise recht beschwerlichen Wegen bergauf folgen die Besucher den Spuren jener Arbeiter, die mit Hammer und Meißel jeden Tag zwölf Stunden lang Löcher für die Dynamit-Ladungen in den Granit hauten. Wer sich dieser sportlichen Herausforderung nicht stellen möchte, bekommt auch in der Talstation dieses imponierenden Wasserkraftwerks einen bleibenden Eindruck von jenen Leistungen, die hier vor mehr als hundert Jahren vollbracht wurden.

Große Gefühle und kleine Freiheit

Er heißt Stein Haugen und führt Besucher durch die Turbinenhalle des Wasserkraft- und Industrie-Museums in Tyssendal. Stein erzählt die Geschichte(n) der Industrialisierung in der Fjord-Region mit dem Temperament und der Sentimentalität eines Mannes, der zu all den hier zu versammelten Turbinen und Aggregaten ein beinahe schon erotisches Verhältnis pflegt. Aber auch ohne Steins Erzählungen werden Besucher von Demut ergriffen in dieser Industrie-Kathedrale, deren Akustik sich ideal eignet für die Aufführung von Avantgarde-Kompositionen. Bildende Künstler stellen hier Werke aus, in denen sie Energie und Technik thematisieren. Außerdem schließen immer öfter norwegische Brautpaare in dieser „heiligen Halle“ den Bund fürs Leben.

Norwegen - Haugesund - Turbine
Stein Haugen (rechts) erklärt den Unterschied: Die Zahnräder sind
surrealistische Kunstwerke, die Turbine ist ein technisches Meisterwek

Ein weitaus kleineres Industrie-Denkmal steht vor dem Vigsnes Gruben-Museum in Karmøy. Die New Yorker Freiheitsstatue wurde einst hergestellt aus Material, das in der hiesigen Mine abgebaut worden war. Hier wurde das beste Kupfer gefunden, das in der damaligen Zeit weltweit zur Verfügung stand. So nebenbei erinnert diese kleine Freiheit an jene Norweger, die in den vorigen Jahrhunderten ihr Glück in Amerika suchten, weil die Heimat sie nicht mehr ernähren konnte. Diesen Drang nach Westen hatten - schon lange vor Kolumbus - die Wikinger verspürt. Heute sorgt das Nordsee-Erdöl dafür, dass junge Norweger zu jenen Europäern mit den besten Zukunftschancen gehören. Und überhaupt: wer will noch nach New York, wenn er das Haugalandet gesehen hat?

Norwegen - Haugesund - Freiheitsstatue in Karmöy
Die New Yorker Freiheitsstatue von Karmøy

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