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Ein überdimensioniertes Wikingerschiff, eine eingeglaste Kirchenruine und Eisenbahnromantik pur

Ein Kurzbesuch in Hamar (Norwegen)

Text und Fotos: Ferdinand Dupuis-Panther

Weithin sichtbar liegt das als Eissporthalle für die Olympischen Spiele 1994 errichtete „Wikingerschiff“ am Ufer des größten norwegischen Sees namens Mjøsa. Errichtet wurde diese Halle dort, wo man zuvor nicht nur ein Wikingerschiff, sondern auch andere Zeugnisse der Wikingerzeit gefunden hatte. Das ist nicht das einzige architektonische Highlight in Hamar, denn auch die „Kathedrale in Glas“, Teil des Hedmarksmuseet, lohnt den Besuch. Überrascht wird man, wenn man am Ufer des Mjøsa die Riise-Villen entdeckt, bei denen Walter Gropius, Mies van der Rohe und Le Corbusier Pate gestanden haben, als sie entworfen wurden. Unweit von hier befindet sich das Paradies für große und kleine Eisenbahnfans: das Norwegische Eisenbahnmuseum. Für die jüngeren Besucher Hamars gibt es hier eine Garteneisenbahn und ein Spielhaus, für die älteren eine ansprechend gestaltete Ausstellung zur Geschichte der Eisenbahn. Wagnerliebhaber wissen mit Hamar deswegen etwas anzufangen, weil von hier die Sopranistin und Wagnerinterpretin Kirsten Flagstad stammt, der ein eigenes Museum gewidmet ist. Auch wenn die Stadt kein Kunstmuseum besitzt, so gibt es dennoch Kunst zu sehen: Wenn man durch die Straßen Hamars spaziert, wird man zahlreiche Skulpturen und Plastiken unter anderem von Skule Wasvik, Arne Durban, Arne N. Vigeland und Gijs Bakker entdecken können.

Norwegen - Hamar - historische Lok
Mit der Museumslok durch das Gelände des
Norwegischen Eisenbahnmuseums

Ob man nun zum „Wikingerschiff“ pilgert oder aber durch die Stadt spaziert, um das Elternhaus von Kirsten Flagstad aufzusuchen, ist eine Frage der jeweiligen Interessen. Einige Besucher Hamars betreten lieber die Planken des ältesten noch in Betrieb befindlichen Raddampfers und lassen sich über das Wasser des Mjøsa schippern. Dieses Schiff brach am 2. August 1856 zu seiner Jungfernfahrt auf und hat bis heute den Wirren der Geschichte getrotzt. Seit jenen Tagen verkehrt der Dampfer „Skibladner“ auch als Postschiff und hat sogar einen eigenen Poststempel. Lillehammer, Moelv, Gjøvik, Hamar und Eidsvoll sind die Städtchen, die im Linienverkehr im Sommer angesteuert werden. Ein Vergnügen für die ganze Familie, einschließlich einer Fahrt mit einer historischen Dampflok, verspricht der Besuch des Norwegischen Eisenbahnmuseum.

Mit dem Hamar-Eisenbähnle von Smalåsen nach Killingmo

Der Zug wartet abfahrbereit am museumseigenen Bahnhof. Also heißt es einsteigen. Zum Glück haben wir zuvor die Fahrkarte gelöst. Schnaufend setzt sich der Museumszug auf dem Gelände des Norwegischen Eisenbahnmuseums in Bewegung. Gezogen wird er von einer Lok, die im Jahre 1895 gebaut wurde und auf der Urskog-Hølandlinie zum Einsatz kam. Margit, eine Mitarbeiterin des Museums, weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass dies nicht die erste Bahnlinie Norwegens war. Diese entstand 1854 zwischen Christiania (heutiges Olso) und Eidsvoll.

Norwegen - Hamar - Restaurantwagon
Der einstige Speisewagen, der auf der Bergenbahn verkehrte und nun
als Restaurantwagen im Museum steht, wird während der
Sommerschulferien geöffnet

Wir betreten das erste Abteil, um unsere Sitze einzunehmen. Es scheint die erste Klasse zu sein mit blau gepolsterten, sofaähnlichen Sitzen, welch Unterschied zur zweiten Klasse mit den rot bezogenen, eher harten Bänken. In ihnen kann man weit weniger gemütlich reisen als auf der blauen Polstergarnitur. Nur kurz dauert die Fahrt mit der seit den 1960er Jahren im Museum befindlichen Dampflok „Urskog“, dann haben wir Killingmo erreicht. Das sehr kleine Bahnhofsgebäude stammt aus dem Jahr 1896 und stand einst an der Urskog-Hølandbahnlinie. Nebenan wartet der Speisewagen, der zuvor jahrelang auf der Bergenbahn gute Dienste versah, auf hungrige und durstige Gäste. Längs der Schmalspurgleise können wir eine Reihe von Bahnhofsgebäuden entdecken. Darunter ist der älteste erhaltene norwegische Bahnhof, der ursprünglich in Kløften stand. Angebaut an den Bahnhof ist ein sechseckiger Kiosk. Wartende Fahrgäste konnten nicht nur im Warteraum verweilen, sondern auch unter den Kolonnaden des Bahnhofs. Rauchen war im Bahnhof verboten, wie wir einem entsprechenden Emailleschild entnehmen können. Zu jedem Bahnhof gehörte auch ein Narvesen-Zeitungskiosk, so wie der auf dem Freigelände wieder aufgebaute von 1894. Dieser ist übrigens der Älteste seiner Art im Lande.

Eltern mit ihren Kindern machen sich gleich auf den Weg zum Bahnhof Leikvangen, von wo aus die kleine Garteneisenbahn abfährt. Zudem ist der Bahnhof als „Spielplatz“ eingerichtet. So können die Jüngsten sich als Eisenbahningenieure und Eisenbahnmitarbeiter versuchen. Kinderlos können die Eltern dann bei einer Führung mehr über die Geschichte der Bahnhöfe erfahren und einen Blick in das Wohnhaus des Bahnwärters von Sonsveien werfen. Zu den Gleisen hin waren hier die Fenster mit Klöppelgardinen verhängt. Jeder sollte schließlich sehen, dass man als Bahnmitarbeiter über das notwendige Kleingeld verfügte. Erbaut wurde das Haus im sogenannten Schweizerstil im Jahr 1879. Während die Kinder vergnügt mit der Garteneisenbahn ihre Runden drehen, wandern Eltern zu den Lokomotivenhallen. Hier wie auch in der sogenannten Wagenhalle finden sich die Urgesteine der Eisenbahngeschichte, so auch die Lok mit dem Namen Alf von 1870 und die 153 Tonnen wiegende Lok 470, auch „Der Riese von Dovre“ genannt. Diese Lok, von der einst sieben gebaut wurden, wurde 1940 bei Krupp in Essen hergestellt und blieb bis 1958 im Einsatz. Manche der ausgestellten Abteilwagen schauen so aus, als hätten die Fahrgäste gerade vor fünf Minuten ihren Platz verlassen. Hier liegt ein Bowler auf dem Sitz, dort eine Zeitung auf der Ablage. Am Kleiderhaken hängt ein Jackett und ein Koffer ist geöffnet, so als wolle der Reisende schnell seine Garderobe wechseln.

Inszenierte Eisenbahnfahrten

Norwegen - Hamar - historische Lok
Eine der zahlreichen Loks, die das Museum besitzt

Zum Bestand der Sammlung gehört ein kutschenähnliches Gleisinspektionsfahrzeug, das mit Pedalkraft von zwei Männern vorwärtsbewegt werden musste. Seite an Seite stehen die Dampflok 234, von denen nur 17 jemals produziert wurden, und die mit einem roten Schneepflug ausgestattete Dampflok 227. Zu den kuriosen Exponaten gehört das zum Schienenfahrzeug umgebaute Auto des Fabrikanten Amstrong Whitworth mit der Bezeichnung C-m 18207 (1911).

Ein Tipp: Mehrmals im Jahr verlässt ein Leiterzug das Museum. Es ist die grün-schwarz angestrichene Lokomotive nebst Wagen. Die Dampflok „Caroline“ wurde 1851 von Robert Stephenson &Co gebaut und steht normalerweise im Hauptgebäude des Museums. Doch ab und an macht sie sich mit mehreren aus der Zeit von 1870 bis 1880 stammenden Wagen auf die Fahrt nach Elverum. Nicht nur für Eisenbahnfans ist dies ein einmaliges Vergnügen.

Zum Schluss werfen wir noch einen Blick in die Ausstellung des Hauptgebäudes. Diese Schau befasst sich mit Themen wie „Der Bahnhof in der Stadt“, „die Geschichte des Rads“, die „Geschichte der Güterwagen“ und „Der Beruf des Rangierers.“ Dank szenischer Inszenierungen werden die genannten Themenaspekte lebendig. Zwei Engländer können wir bei ihrer Zugfahrt ebenso belauschen, wie Zugreisenden begegnen, die im offenen Wagen der IV. Klasse unterwegs waren. Wie es in einem Bahnhofscafé einst ausschaute, erfahren die Besucher gleichfalls und auch eine Modelleisenbahn kann man im Museum bestaunen. Dass Ski zu Dutzenden von der Decke hängen, so erklärt eine Mitarbeiterin des Hauses, hängt damit zusammen, dass dies die am häufigsten mit der Eisenbahn transportierten Güter waren und sind. Ein deutschsprachiger Ausstellungsführer zur Sammlung im Haupthaus gibt deutschsprachigen Besuchern die Gelegenheit zu einem interessanten Museumsrundgang.

Landleben in Hedmark

Während sich die Eltern mit der Geschichte des Bistums Hamar, mit den Funden aus der Bronze- und der Wikingerzeit sowie mit der „gläsernen Kathedrale“ beschäftigen, sind die Kinder gut im Freiluftmuseum des Hedmarkmuseet aufgehoben, das sich zu Füßen der auf einer Anhöhe errichteten Kathedrale erstreckt. 65 alte Gebäude haben im Freilichtmuseum einen neuen Platz gefunden und sind Zeugnisse der bäuerlichen Kultur der Hedmark. Große Gehöfte finden sich ebenso wie Anwesen von Kleinbauern, Almhütten und Speicher. Das Haus namens Løten, das 1706 entstand, diente unter anderem einem Pfarrer als zeitweilige Bleibe, hatte aber auch weitere Bewohner, ehe es 1925 ins Museum überführt wurde. Das Bauernhaus namens Barfrøstua aus Svestad im Stor-Elvdal fand bereits Jahrzehnte zuvor im Museum neue Verwendung. Wie man sich zwischen 1850 und 1920 auf dem Lande einzurichten pflegte, erfährt der Besucher beim Blick in die Gebäude von Füllgarden. Das Leben auf einem mittelgroßen landwirtschaftlichen Betrieb wird hingegen auf Åsgarden lebendig.

Architek-Tour in Hamar

Norwegen - Hamar - Eishalle
Gewaltig sind die Dimensionen des sogenannten Wikingerschiffs, in
dem bei den Olympischen Spielen 1994 schnelle Runden auf dem
Eisring gedreht wurden

Zum einen muss das „Wikingerschiff“ angesteuert werden, will man sich mit aktueller Architektur in Hamar befassen, zum anderen aber auch die verglaste Kathedrale auf dem Areal der einstigen Bischofsburg am Rande der Stadt. In deren Nähe befinden sich die Villen Riise, die man zumindest von der Straße aus erspähen kann. Dank der auffallenden Fassadenfarben in Lachsorange und Tintenblau sind sie nicht zu übersehen. Das übrige Hamar ist weniger sehenswert, zumal wesentliche Teile Hamars während des Zweiten Weltkriegs zerstört wurden. So ist es denn ein Wunder, dass das Elternhaus der Operndiva Kirsten Flagstad die Wirren der Zeit überstanden hat. Es ist das älteste Bauwerk der Stadt und ganz in traditioneller Holzbauweise errichtet. Doch ist es nicht in kräftiges Ochsenblut, sondern in Cremeweiß getaucht worden. Selbstverständlich präsentiert auch das Norwegische Eisenbahnmuseum ein Stück Architekturgeschichte: Im Blockhausstil wurde 1890 das Bahnhofsgebäude von Bestum erbaut. Das zu den Gleisen gerichtete Obergeschoss ist vorgekragt und ruht auf zwei massiven Säulen. In einer Mischung aus Blockhausbau und Schweizer Stil entstand der 1893 errichtete Bahnhof von Ilseng. Auffallend sind die pistaziengrünen Türblätter und Fensterrahmen. Wilhelm von Hanno und Heinrich Ernst Schirmer zeichneten für den Entwurf des Bahnhofs von Kløften. Dieser ist im charakteristischen Schweizerstil errichtet und zeichnet sich durch eine Kolonnade zu den Gleisen hin aus. Ockerfarben sind die Planken der Fassadenverschalung.

25 000 qm Dachfläche, 9 600 qm Eisfläche

Norwegen - Hamar - Eishalle
Ein Riesenschlittschuh hängt in der Olympiaeissporthalle in Hamar

Welch Kontrast bildet diese Bahnhofsarchitektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts zum sogenannten Wikingerschiff mit seinen gewagten Spannweiten. Die Architektenbüros Biong&Biong sowie Torp Architekten waren die geistigen Väter dieser Halle, die eine Bausumme von 230 Millionen NOK verschlang. 265 Meter ist die Halle lang und die größte Weite beträgt 110 Meter. Riesige Leimbalken halten die Schalenhaut des Daches, das an den Bootsrumpf eines Wikingerschiffes erinnert. Bis zu 20 000 Besucher kann die Halle fassen, in der Eisspeedmotorradrennen ebenso stattgefunden haben wie Welt- und Europameisterschaften im Eisschnelllauf. Annie Freisinger und Claudia Pechstein haben ihre Kufen hier ins schnelle Eis gedrückt, aber auch andere Topathleten der Eisschnelllaufszene. In einer Art Hall of Fame wird in Schwarz-Weiß-Porträts berühmter norwegischer Athleten wie den erfolgreichen Skilangläufer Terje Langli und Bjørn Dæhli, des Biathleten Erik Kvalfoss oder der Speerwerferin Trine Hattestad gedacht. Im Rund der Halle beschäftigt sich eine kleine Ausstellung mit der Geschichte der Wikinger von Åkersvika sowie dem Thema „Åkersvika als wichtiger Rastplatz für Zugvögel“. In dieser Bucht des Mjøsa – seit 1974 unter Naturschutz stehend – sind Kampfläufer, Grünschenkel und Bekassinen anzutreffen.

Norwegen - Hamar - Skulptur von Hjallis Andersen
Denkmal vor dem „Wikingerschiff“ für eine der
Eisschnellaufikonen Norwegens:
Hjalmar „Hjallis“ Andersen

Vor der Halle findet man nicht nur die „Doppelzeltskulptur“ von Carl Nesjar, sondern auch die Skulptur von Hjalmar „Hjallis“ Andersen in Siegerpose: Er gewann 1952 bei den Olympischen Spielen in Oslo dreimal Gold im Eisschnelllauf und stellte im gleichen Jahr in Hamar den Weltrekord über 10 000 Meter auf.

Bauhaus und International Style am Mjøsa

Wer es nicht weiß, der wird überrascht sein, in Hamar auf die Architektur der Moderne zu stoßen, die im übrigen Europa mit den Namen Bruno Taut, Walter Gropius, Mies van der Rohe und Le Corbusier verbunden ist. Dem Zeitgeist entsprechend haben die norwegischen Architekten Arne Korsmo und Sverre Aasland an der Storhamagata das Wohnhaus des Augenarztes Per Riise und dessen Gemahlin, einer Pianistin, entworfen. Entstanden ist dieser aus Kuben zusammengesetzte Bau zwischen 1933 und 1935. Ursprünglich war die nach Westen gelegene Terrasse mit Kamin nicht überdacht, wie man Aufnahmen aus der Entstehungszeit entnehmen kann. Doch das war, angesichts des norwegischen Wetters, so erläuterte mir der heutige Eigner Dag Riise, äußerst unpraktisch. So wurde die Terrasse überdacht und teilweise mit einem Windschutz ummantelt. Doch scheinen die Architekten nicht nur ein Faible für den rechten Winkel und das Funktionale gehabt zu haben, sondern durchaus auch einen Sinn für Romantik, wenn man sich die nachträglichen Malereien der Terrasse anschaut. Allzu sehr erinnern diese an Märchenwelten.

Norwegen - Hamar - Villa
Erbaut im International Style: Villa Riise

Dass die mit einem Flachdach versehene Villa, die sich durch Fensterbänder und einem Panoramafenster zum See hin öffnet, ein echter Hingucker ist, ist auch dem Putzanstrich in zartem Lachsorange zu verdanken. Im Gegensatz zum Weiß der meisten Bauhaus-Entwürfe – auch der International Style bevorzugte die Nichtfarbe Weiß – ist dies eine Besonderheit. Zudem fällt auf, dass das Haus als Querriegel zwischen Felsen eingelassen ist und von einem großen Garten umgeben wird. Zu Anwesen gehört auch ein Tennisplatz. Weder der Anstrich des Hauses, noch die Gestaltung im Inneren oder gar der Tennisplatz dürfen, so Dag Riise, verändert werden. Darüber wache das oberste Denkmalschutzamt Norwegens, so der seit Jahren im Haus lebende heutige Hausherr.

Dass das Privatanwesen nicht allgemein zugänglich ist, muss der Vollständigkeit halber hier aufgeführt werden. So wird auch niemand, außer man kennt den jetzigen Hausherren, einen Blick ins Innere werfen können. Wenn man dazu die Gelegenheit hat, so wartet eine weitere Überraschung auf den Besucher. Während das Äußere den rechten Winkel betont, sind im Inneren schwungvolle Linie zu finden, welche die Form eines Flügels kopieren, ob nun der obere Treppenabschluss zum ersten Geschoss, die Linienführungen des Galerieabschlusses der ersten Etage zum im Erdgeschoss gelegenen „Musiksalon“ mit Blick auf den See oder der Kaminabschluss auf der Westterrasse.

Norwegen - Hamar - Detail an Villa
Detail von der Westterrasse der Villa Riise

Nebenan ist in zartem Tintenblau die Villa „Kleine Perle“ erbaut worden, die die Formensprache des Bauhauses und des International Styles aufgreift. Diese Villa gewann 2005 einen regional vergebenen Preis für erstklassige Architektur. Dieses in eine leichte Hanglage eingefügte, zur Jahrtausendwende fertig gestellte Wohnhaus – entworfen von Stein Aasen und Bjørn Glomsrød – nimmt teilweise die Formensprache von Bauhaus, Neuem Bauen und International Style auf. Das Zwischengeschoss jedoch öffnet sich durch eine elegant geschwungene Glaswand zum See hin – also von der Dominanz des rechten Winkels kann auch in dieser Riise-Villa nicht die Rede sein.

Hier residierte einst ein Bischof

Norwegen - Hamar - Ruine Bischofssitz

Stehen wir heute auf der Domhalbinsel von Hamar, können wir die ursprüngliche Bischofsburg nur erahnen. Fundamente sowie Turm- und Mauerreste bilden das Fenster in die Vergangenheit. Zur Bischofsburg, so erläutert der Direktor des Hedmarksmuseet Steinar Bjerkestrand auf dem gemeinsamen Rundgang, gehörte ein Dorf, im Mittelalter das wohl wichtigste Handelszentrum im Inneren von Norwegen. Der Bischof von Hamar herrschte vom 12. Jahrhundert bis zur Reformation im 16. Jahrhundert über die Region zwischen Hardangervidda im Westen bis zum Dovrefjell im Norden. In jenen Tagen hatte Hamar bis zu 1800 Einwohner, was durchaus beachtlich war, wie Steinar Bjerkestrand anmerkt. Im Jahr 1537 wurde der damalige Bischof im Zuge der Kämpfe zwischen den Truppen des dänischen Königs und den Mannen des Bischofs gefangen genommen. Zugleich entschied der Monarch das Bistum aufzulösen. Drei Jahrzehnte nach der Gefangennahme des letzten Bischofs von Hamar drangen schwedische Truppen in die Region ein und brannten die Niedersetzung auf der Domhalbinsel nieder. Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts hauchte ein smarter dänisch-norwegischer Finanzminister dem Ort wieder neues Leben ein. Dieser erwarb den Grundbesitz und verwandelte den Ort in ein stattliches Gut. Aus der ehemaligen Burg wurde eine riesige Scheune, größer als so manche Zehntscheune, die wir kennen.

Norwegen - Hamar - Reste der Bischofsburg
Die ehemalige Scheune des bischöflichen
Anwesens auf einer Landzunge im Mjøsa

Aus Ruinen wird ein Museum

1946 wurde aus der Ruine des Doms, den Resten der einstigen Bischofsburg und der Scheune ein Museum. Zugleich begannen erste umfangreiche archäologische Grabungen. Es dauerte noch Jahrzehnte, ehe man das heutige Museum konzipierte. Die Idee für dieses Museum hatte der Architekt Sverre Fehn, der im Februar 2009 verstarb. „Für die späten 1960er und frühen 1970er Jahre war das Museum ein überaus avantgardistischer Bau“ betonte Steinar Bjerkestrand beim Museumsbesuch. An dieser Stelle sei angefügt, dass Fehn auch den Entwurf für das Gletschermuseum am Fjaerland-Fjord verantwortete.

Unter einem flachen Tunneldach ist ein der Bischofsburg vorgelagerter Turm von Wind, Regen und Frost geschützt. Lediglich einige Steinlagen haben die Wirren der Zeit überdauert. Ein dort ausgestelltes Modell vermittelt uns einen Eindruck der ehemaligen Bischofsburg, zu deren Bemannung dreißig Ritter gehörten. Sie waren es, die dem bischöflichen Begehren nach Eingang von Steuern Nachdruck verhalfen. Stehen wir vor dem Museumskernbau, so erblicken wir im Kern Architektur aus dem 11. bis 14. Jahrhundert. Die Scheune, die im Wesentlichen die Museumssammlung aufnimmt, stammt aus dem 18. Jahrhundert, wurde allerdings im 20. Jahrhundert umgestaltet. Auf Domkirkeodden können wir also auch eine kurze Reise durch die Architekturgeschichte Norwegens unternehmen. Fehn ist es zu verdanken, dass weder die Burg aus dem 13., noch die Scheune aus dem 18. Jahrhundert in Gänze wiederhergestellt wurden. Fassadismus scheint Fehn ein Dorn im Auge gewesen zu sein. Dort, wo die Mauern fehlten, fügte er Glasfronten ein, Fensteröffnungen ließ er mit Ziegeln zumauern und achtete stets darauf, dass die aktuellen Ergänzungen auch deutlich sichtbar blieben.

Zwischen den von Fehn „rekonstruierten“ Teilen der Scheune verläuft eine aus Sichtbeton bestehende „Zeitpassage“, die den Besucher durch die Jahrhunderte und die Geschichte Hamars geleitet. Zu dieser Geschichte gehören auch riesige unterirdische Kellergewölbe der Domschule, die jüngst zufällig entdeckt wurden und aus der Zeit um 1150 stammen. Teile von Alt-Hamar liegen bisher noch unter der Erde und warten darauf untersucht zu werden. „Wir warten auf entsprechendes Geld“ kommentierte Steinar Bjerkestrand.

Schätze des Hedmarksmuseet

Die äußere Hülle des Museumskomplexes ist beeindruckend und die in diesem regionalen Museum gezeigten Funde sind es ebenso, wie man auf einem Rundgang schnell feststellen kann. Bevor wir jedoch das Museum betreten, werfen wir noch einen Blick in den Heil- und Nutzpflanzengarten, der nach historischen Aufzeichnungen angelegt wurde und mehr als 400 Arten umfasst.

Die ältesten Funde des Museums sind auf die Bronzezeit zu datieren. Ein ausgestellter Bronzekessel stammt aus Griechenland und macht deutlich, dass die Siedler der Bronzezeit von Skandinavien aus Handelsbeziehungen in den Mittelmeerraum unterhalten haben müssen. Zu sehen sind außerdem Grabbeigaben für einen Wikingerkönig und -königin, Funde aus Åker und Flagstad, östlich von Hamar. Zu den in Hamar ausgestellten Funden – die Goldfunde befinden sich alle in der Nationalen Archäologischen Sammlung in Oslo (Historisches Museum Oslo) – gehören das Schwert, Teil des Schildes, Teil des Sattelzeugs und Speerspitzen. Auch das Grab der Königin enthält ähnliche Beigaben. Allerdings gab man ihr auch eine goldene Gewandspange und eine Pfanne mit auf den Weg ins Jenseits. Steinar Bjerkestrand weist nachdrücklich auf ein kleines Kreuz hin, das zur Museumssammlung gehört. Es wird „Hamar-Kreuz“ genannt. Material und Ausführung verweisen auf eine Herkunft aus Osteuropa. Bedenkt man, dass die Verwandten von Olaf dem Heiligen, einem der frühen norwegischen Könige, in Nowgorod lebten, dann könnte auch dieses Kreuz durchaus aus Osteuropa stammen. Das ist eine Annahme, die der lange Zeit angenommenen Christianisierung Skandinaviens von England aus widersprechen würde. Die Zeit bis und nach der Reformation ist gleichfalls durch Ausstellungsobjekte im Museum präsent, sei es durch eine Grabplatte auf dem Grab von Bischof Peter (13. Jh.) oder Kanonen, die vermutlich beim schwedischen Angriff auf Hamar eingesetzt wurden.

Besonders bunt geht es auf Domkirkeodden Mitte Juni zu, wenn das Mittelalterfestival begangen wird. Schwertkämpfer treten gegeneinander an, Ritter messen ihre Kräfte in einem Turnier, Gaukler sorgen für Unterhaltung und Handwerker zeigen ihr Können.

Eine Kathedrale im Glasmantel

Norwegen - Hamar - ehemalige Kathedrale
Die „gläserne Kathedrale von Hamar“, heute Teil des Hedmarksmuseet

Auf der sogenannten Kathedralhalbinsel erhebt sich auf einer Anhöhe ein gläserner Bau, einem modernen Treibhaus nicht unähnlich. Dieser „Glaskasten“ ummantelt die romanischen und gotischen Ruinen der einstigen Kathedrale. „Dieses ist die landesweit größte Sakralruine“ betont Steinar Bjerkestrand nachdrücklich. Ohne diese schützende Hülle wäre der aus dem 12./13.Jahrhundert stammende Sakralbau gänzlich zerstört worden. Nur noch erahnen können wir die als dreischiffige Kirche mit Doppeltürmen im Westwerk konzipierte Kirche. Deren dritter Turm erhob sich über dem Querschiff.

Norwegen - Hamar - ehemalige Kathedrale
Romanisch sind die Ruinen der Kathedrale
am Rande des Mjøsa

Das Architektenbüro Lund&Slaatto hatte die Idee für die gläserne Hülle, eine einmalige Konstruktion, deren Akustik so hervorragend ist, dass man denkt, man stehe in einer gotischen Kathedrale. Genutzt wird die gläserne Kathedrale vor allem für Chorkonzerte. Es finden aber auch regelmäßig Taufen und Hochzeiten sowie Gottesdienste hier statt.

Über der Ruine erhebt sich ein gläsernes „Splitdach“, das als Leichtglaskonstruktion in einen Rahmen schlanker Stahlträger eingebunden ist. Teil der Gesamtkonstruktion ist ein Heizungssystem, das dafür sorgt, im Winter eine Temperatur im Inneren von mindestens zwei Grad Celsius zu sichern. Dies dient vor allem dem Erhalt der jahrhundertealten Kirchenruine. Besonders spektakulär wirkt der gläserne Dom bei Nacht, wenn die Kirchenruine angestrahlt wird. Auch wenn das Kirchengewölbe fehlt, eingewölbt ist die Kirche auch so: Der Himmel überwölbt den Sakralbau im Glasmantel.

Hamar für Wagnerianer

Norwegen - Hamar - Elternhaus der Operndiva Kirsten Flagstad
Beim Opernstar Kirsten Flagstad zuhause

Man muss schon eine besondere Vorliebe für Opernarien und die Musik Richard Wagners haben, dessen Musik unter den Nazis sehr beliebt war und dessen Familie durchaus eine Affinität zu den Herren des sogenannten Dritten Reiches besaß, um das Geburtshaus der norwegischen Operndiva Kirsten Flagstad zu besuchen. Ihr ehemaliges Elternhaus ist als kleines monografisches Museum eingerichtet worden. Flagstad gilt als die Stimme des Jahrhunderts. Sie feierte vornehmlich außerhalb von Norwegen ihre großen Erfolge, an der New Yorker Met und bei den Bayreuther Festspielen in den frühen 1930er Jahren. Eine Begegnung mit Hitler und anderen Nazis mied die eher scheue Kirsten Flagstad bei ihrem Bayreuth-Aufenthalt. Ragnhild Nyhus (Flagstad-Museum) charakterisiert die Opernsopranistin als nicht sehr selbstbewusst, wenig sprachbegabt, aber überaus musikalisch. Nur in Verbindung mit Musik konnte sie die in Deutsch geschriebenen Arien lernen und behalten. Sie sang dann – wie in einer Filmaufnahme von einem New-York-Auftritt – ohne jeden Akzent. Betrachtet man die norwegische Operndiva in historischen Aufnahmen auf der Bühne, hat man den Eindruck, sie gehe völlig in der Musik Wagners auf. Doch auch Grieg, Händel, Dvorak und Sibelius verstand sie zu interpretieren, so Griegs „Ved Rondane“. Bis heute unvergessen ist sie jedoch als Wagnerinterpretin, sang sie doch „Elsas Traum“ aus „Lohengrin“ ebenso wie „Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“. Was sie hinterlassen hat, ist ein einzigartiges Lebenswerk: 900 Aufnahmen geben Auskunft über ihre 48 Jahre dauernde Karriere, während der sie immer wieder gerne nach Hamar kam.

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