DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

Abenteuer zwischen Fjell und Fjord

Norwegens „Eventyrveien“

Text und Fotos: Hilke Maunder

Die Abenteuerstraße trägt ihren Namen zu Recht: Sie führt mitten durchs wilde Herz Norwegens. Auf 500 km Länge präsentiert sie die Quintessenz des Königreichs: schneeglitzernde Berge, kristallklare Fjorde, donnernde Wasserfälle und stille Wälder, blühende Obstbaumgärten und Bergen, die Hansestadt, die auch im Regen mit Charme besticht.

Norwegen - Fjord

Von Bären und Streichel-Elchen

Gierig leckt Rugg den Honig vom Holzlöffel. Besonders die darin festgeklebten Ameisen schmecken dem zwölf Jahre alten Braunbären sichtlich. „Auf zehn Kilometer Entfernung kann er solche Leckerbissen riechen“, sagt Heidrun Poku. Die 59-jährige Lübeckerin ist Tierpflegerin im Vassfaret Bjørnepark von Flå, der südlichsten Gemeinde des Hallingdales und östliches Tor zur Abenteuerstraße. Ihr Name ist missverständlich – denn der „Eventyrveien“ ist keine touristische Route wie die Romantische Straße, sondern besteht aus mehreren Strecken zwischen Bergen und Oslo, die einladen, aus dem reichen Angebot an norwegischer Kultur und Natur, sportlichen Aktivitäten oder kulinarischen Genüsse sich seine ganz eigene Abenteuerroute zu kreieren.

Norwegen - Vassfaret Björnepark
HeidrunPoku mit TV-Elch-Elfine im Vassfaret Bjørnepark

Und dazu gehören auch Bären. Bis 1972 lebten sie noch wild in den lichten Kiefernwäldern der sanften Hügel inmitten von hüfthohen Blaubeerbüschen, verwitterten Granitfelsen, Heidekraut und würzigen Bergkräutern. Heute hat Rugg als größter Braunbär des Landes im Bärenpark eine neue Heimat gefunden – doch seine grizzlygleiche Erscheinung hilft wenig, um die Konkurrentin aus dem Feld zu schlagen: Eindeutiger Besuchermagnet ist „Elfine“, Norwegens einziger „Streichel-Elch“ – und TV-Star. Die stattliche Elch-Kuh, von Heidrun Poku als vier Wochen alte Waise gefunden und aufgezogen, wurde 2005 vom norwegischen Umweltministerium entdeckt und durfte für einen Werbetrailer ein Wohnzimmer verwüsten. Die Botschaft der Kampagne – „Haltet Norwegen auch im eigenen Heim sauber!“ – blieb weniger haften als die eindrucksvollen Szenen, die seitdem Schulklassen und Elfine-Fans nach Flå locken.

Norwegen - E.K.T. Langedrag
E.K.T. Langedrag

Eine ganz besondere Beziehung zu Tieren hat auch Edvin Thorson. Als sein Vater früh verstarb, fand der heute 90-Jährige Trost bei den Tieren. Daher investierte der Unternehmer mit seiner Frau Eva das ganze Vermögen in seinen Lebenstraum: den E.K.T. Langedrag, einen Wildpark mit einem alten Bergbauernhof im Herzen, 1000 m hoch über dem Tunhovdfjord gelegen. Das Besondere ist Langedrags pädagogisches Konzept: Unter der Woche erleben hier 70 – 100 Schulkinder Bauernleben wie vor 100 Jahren, am Wochenende entdecken die Familien mit Kindern die 350 Tiere aus 29 Rassen, reiten auf stämmigen Fjordpferden über den Hof, streicheln die Kühe und helfen bei m Einsammeln der Eier, die die schwarz-weißen Bankina-Hühner gelegt haben. Im vier Hektar großen Freigehege am Hang tollen sieben Wölfe mit ihren sechs Welpen durch den Schnee, der hier erst im Frühsommer taut. Unterhalb der Hofanlage haben die vom Aussterben bedrohten Polarfüchse sowie Luchse, Rentiere und Elche ihre Freilaufflächen.

Im Stall vermischt sich der warm-würzige Duft des Strohs mit einer leicht säuerlichen Note. Ziege um Ziege springt auf das Podest, steckt den Kopf in den Futtereimer und lässt sich von Paul Evers melken. Fast 200 Liter Milch kommen so täglich zusammen, die vor Ort zu Frischkäse verarbeitet werden. Aus der Molke entsteht „Geitost“, Käse mit Karamellgeschmack. In dünne Scheiben geschnitten, wird der braune Klassiker aufs „Flatbrød“ gelegt und mit Marmelade verfeinert. Und schon passiert das Malheur: Das Knäckebrot krümelt, der Käse klebt am Gaumen fest, und eine Schar norwegischer Kinder beobachtet unverhohlen, wie der fremde Gast erst mit der Zunge, dann hinter vorgehaltener Hand versucht, die klebrige Masse im Mund zu lösen.

Von Geilo zum Hardangerfjord

Norwegen - Geilojordet
Geilojordet - Museumshof im Ortszentrum von Geilo

Wo keine Bäume mehr wachsen, beginnt für die Norweger das Hochgebirge. An der Abenteuerstraße heißt das: hinter Geilo (820 m), einem beliebten Wintersportort. Im Sommer wird das Skigelände zum Mountainbike-Parcours. Mit Schlauchboot und Paddel kämpft sich eine Gruppe durch das Wildwasser des Numedalslågen, andere wandern zum Folarskarsnuten, mit 1933 m höchster Gipfel des Hallingskarvet. Vor mehr als 300 Millionen Jahren wurde der Gebirgsrücken über die Hochebene geschoben und trennt seitdem das nördliche Skarvheimen von der Hardangervidda.

Norwegen - Hardangervidda
Hardangervidda

Während die Nationalstraße 7 die Hänge erklimmt und weite Blicke auf buchtenreiche Seen und Hügelketten eröffnet, sinken die Temperaturen rasch. 15 Grad, acht Grad, null Grad. Weiß glitzern in Halne aufgeschobene Schneehügel zwischen den tiefroten Holzhäusern. Nicht Birken, sondern Holzstangen, die die Schneetiefe markieren, säumen jetzt den Fahrbahnrand. In einer Wolke aus feinstem Schnee zieht ein wuchtiges Räumfahrzeug vorbei. 100 km lang durchschneidet die Straße jetzt ein Gebirge, das so gar nichts mit den Alpen gemeinsam hat. Keine zackigen Bergspitzen, Grate und Kare, sondern eine endlose Weite in Weiß erstreckt sich in 1300 m Höhe, die mit 3422 km2 den größten der 16 norwegischen Nationalparks bildet. Verwaiste Skilifte warten auf den nächsten Winter, ein scharfer Wind bedeckt die Spuren einer Langlaufgruppe mit Schnee. In der Ferne ziehen Rentiere durch das Weiß – auf der Hardangervidda leben die meisten wilden Rentiere Norwegens. Dann unterbricht ein Donnern die Stille, stürzt sich der Vøringsfossen 182 m tief zu Tal, bricht das größte Gebirgsplateau Nordeuropas steil zum Hardangerfjord ab. Eine Million Apfel- und Kirschbäume verwandeln den 179  Kilometer weit ins Land reichenden Meeresarm im Frühling in ein Blütenmeer, das sich im tintenblauen Wasser ebenso spiegelt wie die weiße Kappe des Gletschers Folgefonna. Vor den Bootshäusern sind Holzkähne in allen Farben und Größen vertäut, leise plätschernd laufen die Wellen auf den kleinen Kieselstränden aus.

In Kinsarvik wird der Asphalt der Straße mit dem Stahl der Autofähre getauscht und der „König der Fjorde“ überquert. Die Abenteuerstraße schlängelt sich jetzt Hordaland, für die Hanse kaum mehr als das Hinterland von Bergen, für Edvard Grieg hingegen mit seinen Wasserfällen, blühenden Uferhängen, Fjorden und Bergspitzen eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration.

Reiseinformationen zu diesem Reiseziel

Reiseveranstalter Norwegen




 

Twitter
RSS