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Drachen- und Gleitschirmfliegen in Norwegen

Text und Fotos: Dirk Schröder

Drachen- und Gleitschirmfliegen unter der Mitternachtssonne

"Bodø - wo liegt denn das"? fragen mich die Clubkollegen, als ich von meinen Reiseplänen erzähle. Lohnt sich die lange Anreise in den hohen Norden überhaupt", bekomme ich von skeptischen Zungen zu hören. "Mit Sicherheit, wo kann man sonst schon mitten in tagheller Nacht mit dem Drachen oder Gleitschirm fliegen?"

Unser Ziel liegt über dem Polarkreises, knapp 1300 Kilometer nördlich der norwegischen Hauptstadt Oslo. Bis dahin heißt es noch einmal ordentlich Gas geben. Nur wenige Kilometer von der Hauptroute E6 entfernt liegen die Top-Fluggebiete Vågåmo und die Startplätze im Jotunheimen. Der Ort Oppdal direkt an der Strecke zählt wegen seiner Transportmöglichkeiten per Gondel zu den bequemsten Fluggebieten in Südnorwegen. Ab Trondheim führt Norwegens Nordroute durch endlose Wälder mit kristallklaren Bergseen. Immer wieder warnen Hinweisschilder vor plötzlich auftauchenden Elchen. Einmal steht er tatsächlich in voller Größe am Straßenrand, mit einem Schaufeldurchmesser von mindestens 2 Metern. Noch während ich das Teleobjektiv aufgeschraube, trottet er gemächlich über eine Lichtung und verschwindet im Wald.

Wehende Fahnen künden schon von weitem den Polarkreis an. Die E 6 passiert den 66.en Breitengrad auf einer bizarren, welligen Hochebene, mit Schneeresten bis in den Sommer hinein. Tunnels schützen die Eisenbahnlinie an kritischen Passagen vor Schneeverwehungen. Der Polarkreis markiert den südlichsten Bereich der Mitternachtssonne, hier beginnt die Zeit der taghellen Nächte, für Monate bleibt die Sonne auf der nördlichen Halbkugel über dem Horizont.

Rund 90 km nördlich des Polarkreises in Bodø erwartet uns das erste Fluggebiet im Bereich der Mitternachtssonne. Odd Johnsen, passionierter Drachenflieger und Berufstaucher, versorgt mich mit einer kompletten Adressenliste des Hanggliderclubs und erzählt stolz von seinem Flug im Motordrachen (Trike) über den Ärmelkanal von London nach Paris.

Wir verabreden uns für den Nachmittag am Landeplatz bei Løp. Im Laufe der Zeit finden sich noch andere Drachen- und Gleitschirmflieger ein, es hat sich schon herumgesprochen, daß Besuch aus Deutschland gekommen ist. Die Verständigung läuft ganz problemlos auf Englisch (übrigens in ganz Norwegen verbreitete Zweitsprache). So fachsimpeln wir über die neuesten Fluggeräte.

Plötzlich entdeckt Øystein einen Seeadler im Hangaufwind; am blauen Himmel bilden sich die ersten Quellwolken. "Jetzt wird es Zeit zum Startplatz zu kommen", unterbricht er die Runde.

Von der 300 Meter hohen Steilklippe werden Fischkutter zu winzigen Nußschalen auf den Wellen, kleine Inseln liegen wie Sommersprossen vor uns im Meer, das Kreischen der Möwen dringt bis zu uns hinauf. Im Hintergrund, über den schneebedeckten Gipfeln am Saltstraumen, bauen sich regelrechte Wolkenstraßen auf. Weit draußen im Atlantik liegen die Lofoten, eine Inselgruppe von 200 km Länge, die seit Jahrhunderten für ihren Dorschfang im Frühjahr bekannt ist.

Mittlerweile sind die meisten Drachen aufgebaut und die ersten Schirme ausgebreitet. Es ist neun Uhr abends, doch von Dämmerung keine Spur. In den Alpen wäre um diese Zeit nur noch mit einem gemütlichen Gleitflug zu rechnen, doch hier schaut es anders aus. Vom Meer weht eine kräftige Brise, gute Bedingungen für einen sicheren Start.

Der Clubsenior hat sich als erster hinaus gewagt Gespannt verfolgen wir seinen Flug. Über der kleinen Siedlung Løpmarka findet er die ersten Aufwinde und gewinnt Höhe. Von den norwegischen Piloten bekomme ich noch einige Tips, dann schlüpfen auch wir in unsere Ausrüstung, checken das Gurtzeug und schalten den elektronischen Höhenmesser ein. Mit jedem Start kommt das Nervenkitzeln wieder, ganz besonders in fremdem Gebiet – nun heißt es warten auf das richtige Lüftchen, dann drei, vier beherzte Schritte bis zur Hangkante - und schon geht es los. Kurz darauf meldet die Elektronik mit sanftem Pipsen das erste Steigen. Mittlerweile kreisen schon mehrere Fieger am Steilhang. Doch zum Glück gibt es auch in der Luft Vorfahrtsregeln, denn bis zum Fels sind es nur wenige Meter, da kann jede Windböe gefährlich werden!

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Plötzlich steigt unter mir ein riesiger Vogel aus dem Birkenwäldchen auf; das kann nur wieder der Seeadler sein. Zielsicher steuert er die nächste Thermik an und gewinnt Höhe. Ich folge ihm, erwische eine Warmluft-Ablösung und kreise ganz eng in den "Bart" ein. Dann geht es hinauf wie im Fahrstuhl, 270 Meter, 280 Meter, das elektronische Vario überschlägt sich fast. Nach anstrengender "Kurbelei" erreiche ich Startüberhöhung, unter mir bereiten sich die restlichen Piloten auf den Abflug vor. In 500 m Höhe bleibt jetzt etwas mehr Zeit die Landschaft zu genießen und neue Aufwinde entlang der Hangkante zu suchen. Die Sonne wandert am Horizont gemächlich Richtung Norden, ohne merklich schwächer geworden zu sein, nur die Inseln werfen jetzt lange Schatten. Türkisfarben schimmert das flache Meer am Ufer. Langsam zieht es sich zurück und gibt einen breiten Ebbestreifen frei. Die ersten Flieger stehen bereits wieder auf der Landewiese neben dem Clubhaus, auch mein Höhenmesser meldet inzwischen ein kontinuierliches Sinken. Allmählich wird es Zeit für die Landeeinteilung. Die letzten Meter schwebe ich über dem Sand und verschrecke einige Austernfischer. Ein kräftiger Druck an den Trapezrohren, die Luftströmung reißt am Segel ab und ich habe wieder Bodenkontakt. Es ist kurz vor Mitternacht.

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