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Ein Besuch in der norwegischen Hafenstadt Bergen

Text und Fotos: Hilke Maunder

27 Regenarten nieseln, plätschern, prasseln auf Bergen hinab; 248 Tage im Jahr lassen sie die regenreichste Stadt Europas, die ihr feuchtes Klima ausgelassen mit einem Regenfest feiert, mal mystisch, mal feenhaft, mal dramatisch erscheinen. Bergens Babies kommen bereits im Regenmäntelchen zur Welt, lästert der Volksmund – doch bei Sonnenschein entfaltet die alte Hauptstadt Norwegens ein geradezu mediterranes Flair.

Norwegen Bergen Paar in Tracht

Doch jetzt spannt sich der Himmel makellos blau über die zweitgrößte norwegische Stadt, die sich am Inneren Byfjord an der Westküste Norwegens erstreckt. In sieben Minuten saust die Fløibanen seit 1918 bis zu 26 Grad steil am Stahlseil den Hausberg Fløyen hinauf und präsentiert von der Terrasse des nostalgischen Folkerestaurant in 320 m Höhe die erste Hauptstadt Norwegens als Trio in Grün und Blau: sieben Fjorde, sieben Inseln, sieben Berge.

Norwegen Bergen Stadtansicht

So präsentiert sich Bergen - bei schönem Wetter

Wuchtige Tannen haben sich in den Granit gekrallt und öffnen beim Abstieg zur Altstadt immer neue Ausblicke auf weiß gestrichene Holzvillen, den monströsen Busbahnhof und den wichtigsten Hafen des Landes, von dem auch die weißen Riesen der Hurtigruten Richtung Norden ablegen. Am alten Hafen Vågen lärmt der Fischmarkt. Umgeben von Seehundfellen, eingeschweißtem Lachs, Krabbenbrötchen und Trollen, die kitschig in die Kameras glotzen, schneidet Nicolaas Dam (27) hauchdünne, Scheiben von einem schwarzbraunen Kloß ab und reicht sie auf der Klinge zum Probieren: geräuchertes Walfleisch, würzig, fast wie Wild.

Norwegen Bergen Bryggen

Bryggen - die schönsten Holzhäuser der Stadt

Zwischen Fischmarkt und Festung „Bergenhus“ leuchtet Norwegens letzte Holzhauszeile aus der Hansezeit im Abendlicht, die nach jeder Zerstörung original getreu wieder aufgebaut und 1979 von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt wurde: Bryggen, als Hansekontor ab 1343 neben London, Nowgorod und Brügge wichtigster Umschlagplatz der Hanse. Da Kontore keine selbstständigen Mitglieder der Hanse, und damit keine Hansestadt sein konnten, wurde Bergen der Hansestadt Lübeck untergeordnet, deren Kaufleute hier Stockfisch, Tran und Felle gegen Getreide, Mehl, Wein tauschten.

Kulturhungrig und kreativ

Die bunten Holzbauten von Bryggen bilden zur Kaiseite eine schmucke Kulisse für Boutiquen, Cafés und Bars, zur Fjellseite hingegen lange, dunkle Häuserreihen mit Kontoren, Lagern und Schlafkammern, in denen die Lübschen Kaufleute und deutschen Burschen auf engstem Raum lebten, wie das Hansesatische Museum im ehemaligen Kontor Finnegården zeigt. Die einzigen beheizten Räume lagen in der steinernen Schøtstuene, wo gekocht, getrunken, gefeiert und gestraft wurde – nach vielen Hieben floss noch mehr Bier.

Norwegen Bergen Treffpunkt Bryggen

Ein Bierchen in Bryggen

Vor der benachbarten Marienkirche, dem ältesten Bauwerk von Bergen, probt ein Buekorps. Fünf- bis 18-jährige Jungs in blauen Anzügen schultern Holzarmbrust oder Holzgewehr, rücken die rot-weiße Köchertasche zurecht und schleudern die schlaksigen Beine im Stechschritt zum Takt der Trommel empor. Alljährlich ab Februar marschieren sie so durch die Stadtteile von Bergen und proben für das große Finale, den Auftritt beim Nationalfeiertag am 17. Mai. So lange sie marschieren, heißt es, ist in Bergen alles in Ordnung.

Norwegen Bergen Abiturienten

Abiturienten: so wird hier gefeiert

Ganz andere Klänge erklingen am Byparken, wo Abiturienten in roten Latzhosen mit frechen Sprüchen und keckem Käppi zu Füßen des Grieg-Denkmals mit Sekt und Elektropop von Rökysopp ihren Schulabschluss feiern. Auch die „Kings of Convenience“, „Sister Sonny“ und „Ephemera“ gehören zu den Superstars aus Bergen, die ihre Heimatstadt zur norwegischen Nummer eins der Musikszene machten. Die Voraussetzungen sind ideal: Jeder zehnte Einwohner ist Student, und auch die übrigen der 240.000 Einwohner gelten als besonders kulturhungrig und kreativ. Im Kulturhuset, in der ehemaligen United Sardines Factory am Hafen experimentieren 300 Maler, Musiker und andere Künstler mit neuen Ausdrucksformen, während beim „Nattjazz“ Nachwuchskünstler und internationale Stars auf dem Werksgelände aufgetreten. Jan Garbarek, Karin Krog und Terje Rypdal indes spielen heute fast nur noch auf internationale Bühnen auf.

Heimat eines großen Komponisten

Auch im Kunsthandwerk und Design macht Bergen Oslo mit Marken wie Oleana längst die Führungsrolle streitig. Mit „Den National Scene“ besitzt Bergen zudem das älteste Theater Norwegens, mit der Grieghalle, einem unverkleideten Konzertflügel aus Beton, ein beeindruckendes Zentrum für Hochkultur, das seit 54 Jahren Heimstatt des Internationalen Musikfestivals im Mai ist.

Norwegen Bergen Blick vom Strandkai

Blick vom Strandkai

Namensgeber Edvard Grieg wurde 1843 in der Einkaufsmeile Strandgaten geboren, ging zum Studium nach Leipzig und gab 1861 sein erstes Konzert in seiner Heimatstadt – das damals aufgeführt Streichquartett in d-Moll ist heute spurlos verschwunden. Von seinen Reisen und Konzerte erholte er sich als etablierter Komponist auf Troldaugen, dem „Hügel der Trolle“ am Nordås-See.

Norwegen Bergen Alt-Bergen

Holzhäuser in Alt-Bergen

Von 1885 bis zu seinem Tod 1907 verbrachte er mit seiner Frau Nina jeden Sommer in der viktorianischen Villa, für Grieg sein „bestes Opus“. Um ungestört arbeiten zu können, ließ er 1891 eine Komponistenhütte am See bauen – doch schon ein vorbei ruderndes Boot reichte aus, um die Konzentration für den Tag zu stören. Ein Grasdach versteckt den 1985 erbauten Troldsalen, wo allsommerlich bei Kammerkonzerten Griegs Werke erklingen. In einer Felswand am See fand der große Komponist von kleiner Statur – er maß gerade 1,52 m – seine letzte Ruhestätte. Wellensäuseln und Wind umwehen sein Grab: Naturmusik, begleitet vom leise einsetzenden Plopp, Plopp des Regens, die in einem gewaltigen Crescendo mündet.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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