Reisemagazin schwarzaufweiss

Vom Strand ins Mittelalter

Unterwegs in der niederländischen Provinz Zeeland

Text und Fotos: Stephan Eigendorf

Niederlande - Zeeland - Middelburg

Weit zieht sich der Weg durch das hügelige Land hinter den Dünen. Noch ist weder Wellenrauschen zu hören, noch verrät eine salzhaltige Luft das nahe Meer - aber dass es nahe ist, dachten wir schon vor dem vorletzten Hügel. Und dann entschädigt uns ein wunderbarer Panoramablick von der letzten Anhöhe aus für die unerwartet lange „Wanderung“: Die tiefblaue Nordsee präsentiert sich bei Burgh-Haamstede mit einem breiten Sandstrand - so weit das Auge reicht.

Niederlande - Zeeland - Strand bei Burgh-Haamstede

Breiter Strand bei Burgh-Haamstede in Schouwen-Duiveland

Wir sind in der Provinz Zeeland südwestlich von Rotterdam. Zeeland klingt sehr maritim und das ist, nicht nur wegen der angrenzenden Nordsee, auch wörtlich zu nehmen, denn der Großteil dieser Provinz liegt als Ansammlung von Inseln und Halbinseln in der Mündung von Rhein, Maas und Schelde. Allerdings haben die Inseln ihren Inselstatus längst verloren, denn zahlreiche Dämme sorgen für feste Verbindungen untereinander und an das Festland. So kann man bequem mit dem Auto vom nördlichsten Teil Schouwen-Duiveland bis auf den südlichsten und einzigen Festlandteil Zeelands, Zeeuwsch-Vlaanderen, gelangen. Hinter den mächtigen Dämmen sind die vergleichsweise ruhigen Wasser des Flussdeltas wie das Grevelingenmeer ein Paradies für Segler, Surfer und andere Wassersportler. Und es werden sogar Austern gezüchtet.

Austernzucht in Yerseke

Passionierte Sandburgenbauer, ausdauernde Strandläufer und Wasserratten mit ‚Wellenreiter-Ambitionen’ finden allerdings nur direkt an der Nordsee das, was sie suchen - dafür aber reichlich. Erste Wahl ist hier die Insel Schouwen-Duiveland, denn die Strände sind die schönsten und breitesten Zeelands. Gerade für einen Familienurlaub mit Kindern ist diese Küste gut geeignet, denn das Meer ist durch den flach abfallenden Sandboden wesentlich zahmer als an vielen anderen Abschnitten der europäischen Nordseeküste.

Niederlande - Zeeland - Seetang am Strand

Strandgut - angespülte Meerespflanzen

Nichtsdestotrotz ist die Nordsee auch in Zeeland nicht zu unterschätzen, vor allem bei einsetzender Ebbe, wenn sich das Wasser mit starken Strömungen auf das offene Meer zurückzieht. Kommt das Wasser dann schließlich mit der Flut nach einigen Stunden zurück, kommt häufig Wind auf, der mitunter auch ziemlich kräftig über den Strand weht. Deshalb ein kleiner Tipp an dieser Stelle: Eine Strandmuschel hat sich bei uns als überaus nützliches Utensil im Schutz gegen Wind sowie direkte Sonne erwiesen. Wer gerne in Wellen badet, hat besonders bei Flut die beste Gelegenheit dazu, denn der Vorwärtsdrang des Wassers und der Wind sorgen für Wellengang, im besten Fall mit reichlich Schaumkronen.

Niederlande - Zeeland - Strand

Das Meer bestimmt die Geschicke

Ob hungrig vom Baden im Meer, auf der Flucht vor dem Wind, ausgedörrt von der Hitze oder  zur Befriedigung lauthals nach Eis schreiender Kinder - an den Strandbistros treffen sie alle zusammen. Vom Mineralwasser bis zum Longdrink oder vom Eis am Stiel bis zur Pizza kann man hier vieles kaufen, was das Strandleben kleiner und großer Menschen versüßt. Oft kann man sich auch leihweise mit Strandutensilien wie Liegen, Sonnenschirmen oder Strandmuscheln eindecken. An vielen Badestränden an der niederländischen Küste findet man diese flachen am Fuße der Dünen gelegenen Holzbauten auf Stelzen die auch zum längeren Verweilen einladen. Windgeschützt hinter einer Glaswand hat man von der Terrasse aus einen weiten Blick über den Strand und das Meer.

Niederlande - Zeeland - Strandbistro mit Strandmuscheln

Strandbistro

Wasser bestimmt seit Jahrhunderten die Geschicke der Holländer. Früher wie heute ist der Handel über den Seeweg ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, wie man etwa an der europäischen Bedeutung der Häfen von Rotterdam sieht. Wasser stellt aber auch eine ständige Bedrohung des Landes dar. Das Wort Niederlande bedeutet im Niederländischen 'tief liegendes Land', eigentlich eine Untertreibung, denn große Teile des Nordens und des Westens liegen sogar unterhalb des Meeresspiegels und auch die restlichen Landesteile ragen selten mehr als hundert Meter in die Höhe. Deshalb wird auch in Zeeland der Küstenschutz groß geschrieben.

Nicht nur auf den Erhalt und den Schutz des Dünengürtels wird besonderes Augenmerk gerichtet, sondern nach den leidvollen Erfahrungen von 1953 wurde zu massiveren Maßnahmen gegriffen, um sich vor dem Wasser zu schützen. Damals, am 1. Februar, brachte eine Sturmflut viele alte Deiche zum Brechen und überrollte teilweise die Dünen. In der schwersten Flutkatastrophe der niederländischen Geschichte seit 1421 verloren mehr als 1800 Menschen sowie über 200.000 Stück Nutzvieh ihr Leben. 150.000 Hektar Land wurden überflutet.

Niederlande - Zeeland - Dünen

Natürlicher Küstenschutz: Dünen

Noch im selben Monat wurde von Regierungsseite die sogenannte Delta-Kommission ins Leben gerufen, die in den Folgejahren ein umfassendes Küstenschutzprogramm entwickelte, das schließlich 1958 beschlossen wurde. Unter dem Namen Deltawerke entstanden im Rahmen dieses Programms bis 1997 zehn Dämme und drei Sturmflutwehre, die meisten davon in Zeeland. Durch die Abteilungsdämme gegen die Nordsee und zusätzliche Dämme im Delta wurde nicht nur eine Anbindung der Inseln Zeelands an das Festland geschaffen, sondern es wandelten sich – nun jenseits des Salzwassers – weite Teile der Deltaausläufer zu Süßwasserseen, die unter anderem zur Trinkwasserversorgung und für die Landwirtschaft genutzt werden.

Niederlande - Zeeland - Oosterschelde Sturmflutwehr

Sturmflutwehr an der Oosterschelde

Da der Wandel von Salz- zu Süßwasser einschneidende Veränderungen in Flora und Fauna mit sich bringt, entschied man sich nach heftigen Protesten an der Oosterschelde statt eines Damms ein Sturmflutwehr zu errichten, das nur bei drohendem Hochwasser geschlossen wird, so dass Ebbe und Flut weiterhin das Leben in Teilen des Deltas mitbestimmen. Das Wehr wurde 1986 eingeweiht und verbindet seitdem die Insel Schouwen-Duiveland mit der Halbinsel Walcheren. Selbst für nicht technisch Interessierte ist dieses Werk moderner Ingenieurskunst beeindruckend. Wer mehr dazu erfahren möchte, kann sich in einer Ausstellung auf der kleinen Insel „Neeltje Jans“ in der Oosterschelde informieren.

 

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