Reisemagazin schwarzaufweiss

Des Einen Wind, des Anderen Jammer?

Nicht so am Ijsselmeer

Text und Fotos: Hilla Finkeldei

Autorin Hilla Finkeldei ist erfahrene Partnerin eines Surfers. Warum sie noch immer Partnerin ist und was Holland dabei bewirken kann, erzählt sie in gewohnt lockerer und informativer Manier.

„Hier brauchst du ein 5,8er, mindestens!“ Der professionelle Blick gleitet in die azurblaue Weite. Seltsame, sich drehende Rädchen werden in die Luft gehalten. „Kleines oder Großes?“ „Ab 4 ist das nur noch eine Frage der Schnelligkeit, bei weniger säufst du mit dem Kleinen ab.“ Die Umherstehenden, allesamt schwarz gewandet, nicken einstimmig. Ich schaue ratlos von einer Gummihaut zur anderen – hier herrschen ganz eigene Rituale. Wir sind in der Welt der Surfer angekommen.

Friesischer Sonnenuntergang

Segelgrößen, Surfbretter und Windstärken – klar!

Für alle anderen, die den Geschwindigkeitsrausch auf den windgetragenen Brettern, die hier die Welt bedeuten, nicht nachvollziehen können: es handelt sich bei dem oben belauschten Gespräch um Fachjargon zu Segelgrößen, Surfbrettern und Windstärken. Jedes Wochenende, bevorzugt im Frühjahr oder Herbst, wenn eine mehr als steife Brise das niederländische Ijsselmeer aufpeitscht, treffen sich kurz vor jenem Abschlussdeich, der Nordsee und Binnenmeer voneinander trennt, die Anhänger des schnittigen Windsurfersports. In Scharen bevölkern sie die Campingplätze der beschaulichen Örtchen Makkum, Workum und Hindeloopen.

Auf den Brettern sind alle gleich

Schnieke Wohnmobile spucken reifere Herren mit praller Geldbörse, Wohlstandsbauch und aerodynamischen Neoprenanzügen aus. Klapprige Rostbeulen Marke VW Bulli oder umlackierte Postautos befördern die jüngeren Sportskanonen, braungebrannt und windgegerbt, einen Hauch von Dosenbier und Tütensuppen im Schlepptau. Familienväter und –mütter entsteigen überladenen Passat Kombis, hin und hergerissen zwischen Lätzchen und Leidenschaft. Soziale Unterschiede und Altersgrenzen lösen sich im Gespräch über 4.2 oder 8.0 auf, zwischen HighFly, NeilPride und Mistral ist kein Platz für Konkurrenz und Bärbeißigkeit. Aufriggen statt Aufregen, heißt die Devise.

Surfersilhouette in Makkum

Denn spätestens am Strand, wenn der Fan-Gemeinde die Bretter zu Füßen liegen und der allgegenwärtige Wind die Haare zerzaust, zählt für sie alle nur noch eins: Ins Trapez hängen und hinaus auf's Wasser!

Faszination von Weite und bezähmter Naturgewalt

Bis zum Horizont leuchten die Segel in neongelb, orange und grün. Irgendwo dort, zwischen wippenden Masten und schäumender Gischt hinter dem tief ins Wasser furchenden Board, im Temporausch oder der Faszination von Weite und bezähmter Naturgewalt liegt wohl der Grund, warum sich die Surfer nicht nur bei 25 Grad warmem Wasser und strahlendem Sonnenschein in die Fluten wagen. Kaum jemand der wirklichen Anhänger lässt sich von österlichem Schmuddelwetter, 13 Grad Wassertemperatur oder einem herbstlichen Nieselregen abhalten – zum Leidwesen so mancher Lebensabschnittsgefährten, die bald keine mehr sind.

„Sich trauen“ – war das nicht anders gemeint?

Auch der mehrstündige Transport der Segel auf dem Kopf der Freundin („Schatz, sei nicht böse, das Auto ist nun mal leider so kurz.“) soll schon zu üblen Streitereien geführt haben. Nicht umsonst hält man die Beziehung untereinander für die einzig haltbare. Wenn schon artfremd, dann kommen eigentlich nur noch eingefleischte Leseratten als Partner in Frage. Das Leben mit einem Surfer gibt der Redewendung „sich trauen“ eine völlig andere Note. Manchen Herbststurm verbrachte ich bibbernd im engen Wohnmobil, während der beste Ehemann von allen den Stürmen trotzte – nicht gerade 1a, aber dafür mit 4.5!

Hoophuizen - Hüfttiefes Wasser und stetiger Wind:
da glitzern die Segel in allen Farben

Immerhin bleibt einem das Rad fahren, fotografieren und wandern. Und gerade das macht die Niederlande zu einem unumstrittenen Gewinner bei Windsurfern und ihrem möglicherweise weniger fanatischen Anhang.

Es gibt ja auch noch eine Welt, die nicht aus Surfen besteht

Familienfreundlich sind die Binnengewässer Veluwemeer, Markermeer und Ijsselmeer allemal, denn an vielen Stellen fällt das Wasser nur sehr langsam ab und gewährt hervorragende Voraussetzungen für das Planschen der Kinder und einen erstklassigen Sandburgenbau. Gute Bedingungen also auch für Surfanfänger, die sich das erste Mal auf die Bretter wagen und für die der Fall nicht so tief ist, wenn mal wieder Theorie und Praxis weit auseinander klaffen.

Segel ziehen bis die Arme lang werden – wahre Anfängerfreude!

Schließlich ist der Wasserstart schon ein Teil der Kür und weit von der Pflicht des Grundscheins entfernt!

Im Osten viel los!

Niederlande / Harderwijk / Delfinarium

Delfinarium Harderwijk

Die Ostseite des Ijsselmeers ist aufgrund seiner beständigen Winde, seltener Regenfälle und guter Unterkünfte dem Westen bei Weitem vorzuziehen. Zudem gibt es nur auf der Ostseite die beliebten Sandstrände, die von der Westseite immer wieder herübergeweht werden. Schon die Gegend um Haarderwijk, Nunspeet und Elburg bietet Windstärken von 2 bis 5, ein von Schwänen reich besiedeltes Vogelschutzgebiet, schön gelegene Campingplätze (z.B. Hoophuizen mit Stellplätzen direkt am Wasser, Restaurant, Mini-Shop und Kinderspielplatz) und gebührenpflichtige Tageswiesen zum Aufriggen und Abfahren. Bei Flaute lohnt sich ein Abstecher ins europaweit größte Delfinarium in Harderwijk oder zum weithin bekannten Six Flags Vergnügungspark.

Niederlande / Harderwijk / Delfinarium

Ein lohnender Tag in der „Welt am Meer“

Was sonst noch zu tun ist

Wer sich für Schiffsbau und die alten Handelsschiffe des 17. Jahrhunderts interessiert, der wird an der Batavia-Werft in Lelystad fündig. Neben Wissenswertem zum Bootsbau und der Handelsgeschichte gibt es hier den Nachbau des berühmten gleichnamigen Schiffes zu bestaunen, das mit seiner gruseligen Geschichte von Schiffbruch, Meuterei und Massenmord vor der westaustralischen Küste berühmt-berüchtigt wurde.

Friesland – Wasser, Wind und wenig Schnickschnack

Das kanalähnlich schmale Veluwemeer hinter uns lassend, machen wir uns auf den Weg Richtung Friesland. Am weiten, offenen Teil des Binnenmeeres warten die idealen Voraussetzungen für blutige Anfänger wie alte Hasen. Je nach Jahreszeit weht hier mal eine sanfte Brise, dann wieder ein herrlich fordernder Sturmwind, der die Profiherzen höher schlagen lässt. Wer's pur und friesisch mag, der lässt sich z.B. im stillen Workum nieder. Wasser, Wind und wenig Schnickschnack, so präsentiert sich das Dörfchen den Puristen unter den Wassersportlern. Ein gutes Revier für Naturliebhaber, unverdorben und ruhig.

Niederlande / Deichschafe

Friesischer geht's nicht – Schafe auf sattem Dünengrün

Mehr Abwechselung zeigt das höher gelegene Dörfchen Hindeloopen. Warum nicht ein romantisches Hausboot oder einen Stellplatz auf dem vor dem Deich gelegenen Camping Schuilenburg mieten? Links liegt das Ijsselmeer, nur durch einen geteerten Pfad von den Rasenflächen des Campingplatzes getrennt. Gleichgesinnte mit Kauf- oder Verkaufsangeboten von Segeln, Masten und Zubehör aller Art wohnen im Zelt nebenan – garantiert! Die Börse boomt und die winzigen Starter-Sandbuchten laden zum Austausch über Wind, Wetter und Wasserkraft nahezu ein. Mittendrin kauft man international seine Brötchen bei der neuseeländischen Ehefrau des Besitzers oder trifft sich während der Saison beim Kinder-Animationsprogramm, mittlerweile fester Bestandteile vieler Campingplätze in der Gegend. Rechts vom Platz reizen die Wege auf und neben den Dünen zu Radtouren ins Umland.

Schafe beobachten das touristische Treiben ...

... und die Belohnung des Don-Quichotte-gleichen Strampelns gegen den Wind genießt man bei einem „Koffie verkeert“, einem Milchkaffee, im Straßencafé an der Schleuse von Hindeloopen. Reichen Mannes Wetter: Nebenbei flanieren hier die betuchten holländischen Bootsbesitzer vorbei, parken mehr oder minder begabt ihre Luxusjacht in die enge Hafeneinfahrt und reizen zu so manchem Kommentar. Schnell noch ein Hering an der Fischbude, Kopf in den Nacken und nach niederländischer Tradition den Fisch aus der Hand in den Mund gleiten lassen, dann geht es zurück zum surfenden Partner, der derweil wohl mit langen Armen aus den Fluten gestiegen sein dürfte.

Niederlande / Hindeloopen / Kanalidylle

Kanäle winden sich durch Hindeloopen

Surferfreude und Beziehungsfähigkeit

Für die Kombination aus Surferfreude und Beziehungsfähigkeit scheint der Ort Makkum rund um den Bootshafen und die Freizeitanlage „Holle Poarte“ bestens geeignet. Neben baumgeschützten Stellplätzen in unmittelbarer Nähe eines langgezogenen und windsicheren Sandstrandes bietet das markante Pyramidengebäude Freizeitspaß für die gesamte Familie. Supermarkt und Drogerie ziehen preisbewusste Selbstversorger an, der einladende Pub mit häufigen Live-Bands ist prädestiniert für das „Après-Surf“ der Flirt- und Partywilligen. Daneben lockt der niederländische Beitrag zur Haute Cuisine – fleischige Frikandel spezial mit Zwiebeln, Ketchup und Majo, Saté-Spieße mit Erdnusssoße oder „Patat“, wie hier die knusprigen Pommes in den zweigeteilten Schälchen genannt werden. Während der niederländischen Sommerferien machen täglich wechselnde Programmpunkte den Aufenthalt auch für Nicht-Surfer zum Vergnügen. Zu Christi Himmelfahrt spendiert die Rezeption ab und zu die womöglich längste Grilltafel Frieslands . Bei der Anmeldung erhält man ein Grillfleischpaket und wenn es dämmert, dann vereinen die aufgebauten Bierzeltgarnituren und kleinen Tischgrills alle Campinggäste wie einen großartig duftenden Lindwurm auf den Wegen des Platzes.

Und dann dieser Wind!

Er weht stetig, verlässlich und lockend. Der Transportweg der aufwändigen Materialsammlung (Segel, Brett, Mast, Gabelbaum, Schwert) ist kurz und die Freude dabei groß, wenn gleich hinter der letzten Baumreihe die Brise verheißungsvoll in das gespannte Segel greift. Und das gilt für den Weg vom Campingplatz wie von den Ferienhäusern und feststehenden Miet-Hütten. Wer Trubel und das Flanieren an der See nicht schätzt, dem wird der gesamte Komplex zu touristisch und wenig landestypisch sein, alle anderen lockt die Promenade mit Geschenk- und Modeartikeln, einer Surfboutique und der ab und an kräftig ins Horn stoßenden Dixiland-Blaskapelle. Zwei Surfshops und der Katamaranverleih am muscheldurchsetzten Strand runden das Bild ab. Für die Nichtsportler winkt die Erlösung von der Langeweile in Form mehrerer „Eetcafés“, in denen abendliche Pizzen, Heineken und Grolsch genauso beliebt sind wie bei den durchgepusteten Spaziergängern der zuckersüße, heiße, nicht zu übertreffende holländische Kakao: „Warme Chocomel…mmmmhhh, echt smaakelig!“

Wie bitte – im Winter surfen Sie nicht?

Niederlande / Makkum / Häuser im Eis

Ferienhäuser im Eismeer, Makkum Villapark zu Neujahr

Und dabei den gewagten Manövern der halsbrecherischen Windsurfer zusehen - durch den typisch holländischen Windschutz der Straßencafés, versteht sich. Selbst zu Silvester finden sich hier ein paar eingefleischte Fans ein. Und wer tatsächlich zu Neujahr nicht surfen will - denn hier gefriert das knie- bis hüfthohe Süßwasser doch recht schnell und nicht jeden kleiden die Sturmkappen aus Neopren, die dann unabdingbar sind - der geht halt zum Bowling oder lässt sich den begehrten Wind um die kalte Nase wehen. Und träumt von der nächsten Saison, denn spätestens zu Ostern geht es schließlich wieder los.

 

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