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Das Erbe der reichen Kaufleute

Städtetour an der niederländischen IJssel

Text und Fotos: Ulrich Traub

Niederlande - Schloss an der IJssel

Deftig wurde damals gekocht. Aber die Gerichte, die man zur Zeit der Hanse zubereitet hat, schmecken auch heute. Erst vor ein paar Jahren wurden die Rezepte dem Dunkel der Archive entrissen und tauchen seitdem auf den Speisenkarten einiger Restaurants als Hanse-Menü und Hanse-Eintopf wieder auf.

Wer sich einen Rinderbraten, der in einem Sud aus dunklem Bier und Wacholderbeeren geschmort wurde, oder Lammkoteletts mit Honig-Thymiansoße schmecken lassen möchte, muss in einen Landstrich der Niederlande reisen, der bei uns kaum bekannt ist – an die IJssel. Sieben kleine und etwas größere Städte, die ihre Entwicklung der Hanse, diesem nordeuropäischen Handelsverbund aus dem 14. und 15. Jahrhundert, verdanken, säumen den Fluss auf seinem Weg zum IJsselmeer.
Am besten man vertraut sich einem Hanse-Kaufmann an, dann wird man schnell gewahr, dass weit mehr als gehaltvolle Mahlzeiten aus dem Goldenen Jahrhundert überlebt haben. „In jener Zeit sind unsere Städte reich geworden und gewachsen“, erinnert sich der Kaufmann, der uns mit Hut, Mantel und Knickerbocker-ähnlichem Beinkleid aus jener fernen Zeit begrüßt. Während wir durch ein monumentales Tor das alte Zwolle (1) betreten, ergänzt er: „Und es wurde an allen Ecken gebaut.“
Die Blüte der Hansestädte lockte bekannte Baumeister an die IJssel. „Die reichen Vertreter meiner Zunft ließen repräsentative Wohn- und Kontorhäuser in großer Zahl errichten“, erklärt der Hanse-Kaufmann. Sie würden sich wohl heute noch in Zwolle und den anderen Städtchen zurechtfinden, denn unzählige steinerne Zeugen haben den Niedergang der Hanse überlebt und prägen noch immer die Stadtbilder.

Niederlande - alter Hafen in Zwolle
Alter Hafen in Zwolle

 Ausgangspunkt Deventer

Im nahen Deventer (2), das sich als Ausgangspunkt für die Hanse-Erkundungen anbietet, befindet sich das Berg-Quartier, das leicht erhöht am Rande der Altstadt liegt, ein gutes Beispiel für den Umgang mit dem historischen Erbe. Nach behutsamen Restaurierungsmaßnahmen zählen die Gassen rund um die Berg-Kirche zu den stimmungsvollsten in den IJssel-Orten. Kleine Geschäfte, Galerien und Cafés bringen Leben in die historische Kulisse.
Städte und Fluss gehören zwar seit Jahrhunderten zusammen, doch könnte der Gegensatz heute kaum größer sein. So unaufgeregt und gemächlich die IJssel, übrigens ein Mündungsarm des Rheins, durch das flache Bauernland plätschert, so geschäftig geht es in den größeren der Hansestädte zu. Den Takt des Lebens gibt längst nicht mehr der Fluss an. „Der Handel spielt jedoch immer noch eine Hauptrolle in unseren Städten“, hatte der Hanse-Kaufmann aus Zwolle gesagt.

Niederlande - Berg-Quartier in Deventer
Berg-Quartier in Deventer

Beim Spaziergang durch die Straßen Deventers sehen wir diese Worte bestätigt – allerdings ganz anders als erwartet. In den Häusern aus der Hanse-Zeit bietet ein unabhängiger Einzelhandel seine Waren an: Shopping wie man es sich wünschen mag. Antiquitätenläden und Antiquariate, Design-Geschäfte und kleine Mode-Boutiquen führen hier ein Nebeneinander, das in dieser Form und Fülle bei uns undenkbar scheint.

An der IJssel entlang

Die Fahrt an der IJssel ist denn auch weniger eine Zeit- als eine Entdeckungsreise, bei der der Fluss vor den Toren der alten Städtchen als Freizeitrevier angenommen werden kann. Wen wundert’s, dass in Holland nun das Fahrrad ins Spiel kommt. Denn die Hansestädte sind natürlich auch durch Radwege miteinander verbunden. Eine Radtour über den Deich mit Blick in die weite Landschaft um Deventer ist eine willkommene Abwechslung zum City-Hopping.

Niederlande - Zutphen
Zutphen

Die nächste Hanse-Station ist nach wenigen Kilometern erreicht: Zutphen (3). Hier steigt man vom Sattel ins Flüsterboot, das so heißt, weil es lautlos seine Bahnen zieht. Dafür hört man nun den Kapitän umso deutlicher. Er erzählt bei der Rundfahrt in launigen Worten von der ruhmreichen Geschichte, als Zutphen zu den bedeutendsten Städten der Niederlande gehörte, und weist auf die vielen alten Gebäude hin, deren Namen wie „Haus Danzig“ oder „König von Schweden“ an die Zeit der Hanse erinnern. „Heute sind wir dagegen eher ein ruhiges und gemütliches Städtchen“, resümiert der Kapitän lächelnd. Zu flüstern bräuchte deshalb aber niemand.

Auch kleine Gemeinwesen konnten von der Hanse profitieren, das zeigt das Beispiel des benachbarten Doesburg (4), des südlichsten Ortes auf der Route. In der Stadt, deren Straßenverlauf seit dem Mittelalter nicht verändert wurde, ist fast jedes Haus ein Denkmal. Das berühmteste Ziel in Doesburg, die Senffabrik, geht allerdings nicht auf die Hanse zurück. „Aber bereits im 15. Jahrhundert wurde in Doesburg Senf produziert“, erfahren wir bei der Führung. Und dass die kleine Fabrik in einem historischen Gildehof liegt und nach alten Rezepturen arbeitet, versteht sich in dieser Gegend fast von selbst. In Doesburg ist die Senfherstellung noch eine Handwerkskunst. Zuschauen ist erlaubt.

Niederlande - Doesburg
Doesburg

Zurück in Deventer stoßen wir beim Bummel über den ausladenden Marktplatz De Brink auf das Koekhuisje, das Kuchenhaus. Hier werden die seit Jahrhunderten in den Niederlanden mit dem Namen der Stadt assoziierten Kuchen gebacken. Die Gewürze, die dafür bis heute Verwendung finden, rufen uns die Hanse als Handelsgroßmacht in schmackhafter Form in Erinnerung. Das Erbe der Kaufleute kann man eben auch schmecken.

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