Reisemagazin schwarzaufweiss

Wo einem nicht nur ein Licht aufgeht

Lichtstädte: Utrecht und Eindhoven

Text und Fotos: Ulrich Traub

Auf den ersten Blick verbindet diese beiden Städte in den Niederlanden nicht viel, wenn man einmal davon absieht, dass sowohl das alte Utrecht wie das moderne Eindhoven im Schatten der großen Drei - Amsterdam, Rotterdam, Den Haag – stehen und dass beide Universitätsstädte sind. Eine ungewöhnliche Brücke zwischen den keine hundert Kilometer voneinander entfernt liegenden Orten schlägt das Kunstlicht – historisch und aktuell.

Niederlande - Utrecht - Kirchenfenster

Freigestelltes Kirchenfenster

Spätabends in Utrecht (1): Über der einen Kirche schwebt ein Heiligenschein, aus dem anderen Gotteshaus leuchtet es zu sphärischen Klängen geheimnisvoll. Sind das etwa Flammen? Die Brückengewölbe an der Alten Gracht, der urbanen Hauptschlagader, scheinen in verschiedenen Blautönen und auf einem kleinen Kirchplatz werfen freigestellte Kirchenfenster ihre bunten Schatten aufs Trottoir. Folgt man der in das Straßenpflaster eingelassenen Lichtspur durch die alte Stadt, trifft man auf weitere Inszenierungen, die etwa architektonische Details historischer Gebäude in ein besonderes Licht setzen, so dass man z.B. unterschiedliche Bauperioden erkennen kann.

Niederlande - Utrecht - Gracht

Wenn es dunkelt in Utrecht, wird in der fast 2.000 Jahre alten Stadt nicht einfach nur das Licht eingeschaltet. „Trajectum Lumen“ heißt ein von internationalen Künstlern und unter Beteiligung der dortigen Kunsthochschule bestrittenes Projekt, das mit immer neuen Beiträgen in den nächsten Jahren weiter wachsen wird. Sehenswürdigkeiten und stille Winkel werden nicht nur angestrahlt, sie werden in Szene gesetzt.

Dabei hat es die einst bedeutendste Stadt der Niederlande eigentlich gar nicht nötig, sich in ein anderes Licht zu setzen. Die City mit ihren Baudenkmälern und den Grachten ist das quicklebendige Ziel von Jung und Alt. Hier hält sich unabhängiger Einzelhandel und die Café- und Restaurant-Dichte sucht Ihresgleichen. Typisch Niederlande, so wie man sie mag und beneidet. Mit dem Museum für aktuelle Kunst der Aborigines und dem zum Weltkulturerbe gehörenden Rietveld-Schröder-Haus von 1924, dem einzigen Gebäude, das nach den Vorstellungen der Künstler der De-Stijl-Gruppe realisiert wurde, ist die Stadt ohnehin schon eine Reise wert.

Niederlande - Utrecht - Rietveld-Schröder-Haus

Rietveld-Schröder-Haus

Aber Utrecht will mehr: Auch für die Grachten mit ihren charakteristischen Kaianlagen, an denen früher Waren verladen wurden und sich heute Kneipen angesiedelt haben, soll der Welterbe-Titel her. Und 2018 möchte man Kulturhauptstadt Europas werden. „Trajectum Lumen“, das den alten Namen Utrechts trägt, ist ein erstes Projekt für die Bewerbung.

Niederlande - Utrecht - Dom

Blick auf den Dom

Und dann ist da noch der Dom der alten Bistumsstadt oder besser, das was von ihm übrig geblieben ist. Wer auf seinem Spaziergang den Domplatz erreicht, ist im Herzen Utrechts angekommen. Eine Lichtinstallation ruft die unter dem Pflaster liegenden Ursprünge der Stadt aus römischer Zeit in Erinnerung. Ein paar Schritte weiter verharrt man verwundert und ergriffen zwischen einer mächtigen Wand und einem riesigen Turm, dem höchsten Kirchturm der Niederlande. Hier fehlt etwas – und zwar das gesamte Mittelschiff des Gotteshauses, das im 17. Jahrhundert einem Sturm zum Opfer gefallen ist und nie wieder aufgebaut wurde.

Als „Entschädigung“ wartet die gut erhaltene Innenstadt mit nicht weniger als zwölf weiteren, vollständigen Kirchen auf: Zeugnisse vergangenen Ruhmes und neuer Nutzung. Der 112 Meter hohe Turm des Domes, von dessen Aussichtsplattform man bis Amsterdam blicken kann, bleibt aber der optische Bezugspunkt im Stadtbild. Wie ein zu lang geratener Lulatsch ragt er aus dem Gedränge der historischen Stadthäuser heraus.

Eindhoven: Stadt des Lichts

Niederlande - Eindhoven

Auch wer sich der Eindhovener City (2) nähert, wird gleich von mehreren herausragenden Türmen begrüßt. Im Gegensatz zur Utrechter Skyline sind sie aber neuesten Datums. Die avantgardistischen Wohn- und Geschäftshochhäuser sollen neben anderen Gebäuden Eindhoven als junge, dynamische Metropole vorstellen. Die im Krieg stark zerstörte Stadt erfindet sich zurzeit neu als Forschungsstandort und Design-Hochburg. Ihre Geschichte verdankt sie aber Philips. Eindhoven ist die Heimat der Glühbirne. Das Unternehmen, das mittlerweile weltweit agiert und seinen Sitz nach Amsterdam verlegt hat, hinterließ in Eindhoven deutliche Spuren. Das Gebäude, in dem 1891 die erste Glühbirne hergestellt worden ist und das auf Niederländisch passend Fabriekje heißt, wird nach einer Restaurierung wiedereröffnet.

Niederlande - Eindhoven - Philips-Gebäude

Man spaziert über die Lichtstraße und den Lichtplatz, besucht das siebeneckige Lichttor, ein früheres Philips-Gebäude, in dem heute ein Restaurant mit Industrieambiente szeniges Publikum empfängt. In der benachbarten Fabrik aus dem Jahr 1931 sorgt die Design-Akademie dafür, dass der Name Eindhoven nicht mehr nur mit Philips assoziiert wird. Und auf dem früheren Werkgelände am Rande der Innenstadt, der einst „verbotenen Stadt“, hat nach ersten Umbaumaßnahmen schon das neue kreative Herz der Stadt zu schlagen begonnen. Der Beleuchtung des dortigen öffentlichen Raumes wird eine besondere Bedeutung zukommen. Philips ist, obwohl fast unsichtbar, für Kenner immer noch allgegenwärtig.

Niederlande - Eindhoven - Lichtinstallation

Auf ein Licht-Event möchte man auch hier im Südosten der Niederlande nicht verzichten. Beim Festival „Glow“, das jährlich im November stattfindet, schaffen nationale und internationale Lichtkünstler teils großräumige, teils versteckte Installationen in der City. Spätestens dann trägt Eindhoven den selbst verliehenen Titel „Stadt des Lichtes“ zu Recht.

 

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