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Nicaraguas „heroische Epoche“

Unten, im "Hotel Mancarrón", wartet das Frühstück: Frischgepresster Maracujasaft, Rührei, warme Brötchen und Kaffee. Manuel, der zurückhaltende ältere Herr mit den distinguierten Manieren, der das alles zubereitet, ist "einer von ihnen". Einer der Inselbewohner, die Ernesto Cardenal in seinem Buch "Das Evangelium der Bauern von Solentiname" weltberühmt gemacht hat. Mitte der sechziger Jahre gründete der Priester und Dichter, Sohn einer wohlhabenden Familie in Managua, auf Mancarrón eine Kooperative. Aber er predigte nicht nur das Evangelium, sondern auch den Widerstand gegen das Somoza-Regime.

Nicaragua See Nationalpalast
Der Palacio Nacional in Managua

Und die Jugendlichen auf den Inseln hörten aufmerksam zu: In der Nacht vom 12. auf den 13. Oktober 1977 ruderte eine kleine Schar von ihnen acht Stunden lang über den See, überfiel mit ein paar alten Kalaschnikows die Kaserne der "Guardia" im Provinzstädtchen San Carlos und vertrieb die Besatzung. Der erste Beweis, dass Somozas Militärs keineswegs unbesiegbar waren. Und damit das Fanal zum Auftakt des Befreiungskampfes, der am 19. Juli 1979 mit dem Einzug der Sandinisten in Managua endete.

Nicaragua See Kathedrale
Die alte Kathedrale von Managua ...

Es war Nicaraguas „heroische Epoche“: Marxisten wie Christen aus aller Welt schlossen das revolutionäre Bauernland in ihr Herz. Auch auf Solentiname trudelten Spenden, Freundschaftsadressen und Solidaritätsgruppen ein. Deutsche Gemeinden unterstützten den Aufbau einer Kirche, die Gewerkschaften bauten eine Bauernschule und stellten eine Möbel- und Spielzeugfabrik hin, Geldgeber aus Österreich besorgten Boote für den Transport.

Nicaragua See neue Kathedrale
... und die neue Kathedrale

Das alles ist Geschichte, Stoff für schon viel zu oft erzählte, inzwischen bittere Geschichten. Denn ein Gang über die Insel zeigt: Nichts ist geblieben. Das eine Schiff rostet leckgeschlagen am Ufer vor sich hin, das andere nutzt der Verwalter einer Avocado-Plantage, die Cardenal gehört, als Transportmittel für seine Firma. Die Kirche ist geschlossen, durch die Hallen der ehemaligen Fabrik geht der Wind und der Dschungel streckt seine grünen Fühler in die Fensterhöhlen. Die Maschinen sind weg, die ganze Ausrüstung wurde kürzlich verkauft, wohin, weiß niemand, wo das Geld geblieben ist, ebensowenig. Cardenal, sagt man. Auf den späteren Kulturminister und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, der die Inseln schon vor Ausbruch der Kämpfe verlassen hatte und nur noch sporadisch in Begleitung hochrangiger ausländischer Besucher zurückgekehrt war, ist niemand mehr gut zu sprechen: Weder seine einstigen sandinistischen Kampfgefährten, noch die einfachen Leute.

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