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Nicaragua im Überblick

Nicaraguas vorteilhafte Lage auf der zentralamerikanischen Landenge weckte schon früh die Begehrlichkeiten der europäischen Großmächte. Nach den Konquistadoren der spanischen Krone, die sich 1522 an der Pazifikküste festgesetzt hatten, brandschatzten englische Filibuster mit Rückendeckung durch die königlichen Majestäten in London die karibischen Küsten des Landes und drangen marodierend über die Flussläufe ins Innere vor.

Später folgten ihnen reguläre Truppen, die gleich ganze Landstriche am Karibischen Meer annektierten. Die Amerikaner begannen sich erst 1848, als in Kalifornien das Goldfieber wütete, ein wenig für Nicaragua zu interessieren, führte doch die schnellste Verbindung auf dem Wasserweg zwischen der US-Ostküste und Kalifornien über nicaraguanisches Territorium, den Río San Juan, den Nicaragua-See und die Landenge bei Rivas zum Pazifikhafen San Juan del Sur. Doch hellwach wurden sie, als Gerüchte in Washington die Runde machten, Nicaragua habe Japan die Konzession zum Bau eines Kanals durch die Landenge angeboten. Militär wurde in Marsch gesetzt und 1912 zwischen Karibik und Pazifik stationiert – Auftakt zu einer Interventionsmanie, die bis in die jüngste Vergangenheit anhält.

Nach Bürgerkrieg, missratener Revolution und korrupten Regierungen stehen die „Nicas“ wie schon so oft in ihrer Geschichte vor der Frage: wie soll es weitergehen? Ihre Antworten sind bescheiden und anrührend. Sie sprechen vom „Überschuss des Authentischen“ und von „der Größe, die man in Kleinigkeiten zu schätzen lernt“ oder dem „Schauspiel, in welches sich eine Szene des alltäglichen Lebens verwandelt“. Ihr Land sei eine „stets fröhliche Freundin von Kunst und Musik, schön und ernst, kühn und traditionell, warmherzig wie ihr Klima“. Und so lautet nur folgerichtig ihr Motto: „Nicaragua – ein Land mit Herz“, wo die Gastfreundschaft zu Hause ist, die Poeten und Revolutionäre ihre Stimmen erheben, wo es endlose Strände und tropischen Regenwald gibt, Kaffeeplantagen, feuerspeiende Vulkane, ehrwürdige Kolonialstädte. Wen wundert`s, dass sich angesichts der desolaten Lage im Land, dieNicaragua Hoffnung auf den Fremdenverkehr richtet? Er soll den wirtschaftlichen Aufschwung bringen und so ganz unbegründet ist diese Hoffnung angesichts der großen Nachfrage nach zentralamerikanischen Reisezielen ja nicht.
(Foto: © robert lerich - fotolia.com)

Es gibt sie noch, die Wehmutstouristen auf den Spuren der verblassenden sandinistischen Revolution. Immer mehr Bildungs- und Kulturreisende stoßen dazu und „backpacker“, mit denen wir Bus und Boot auf dem beschwerlichen Weg in den Osten des Landes teilen werden, in die ärmste Region eines sehr armen Landes. Die hier auf immerhin 56 % des nicaraguanischen Bodens mehr schlecht als recht lebenden „Costeños“ (svw. Küstenbewohner) klagen über die Ignoranz und sträfliche Vernachlässigung, die sie durch die Zentralregierung erfahren. Es fehlt sichtbar an allem. Als die Sandinisten 1980 auch hier eine Alphabetisierungskampagne starten wollten (natürlich in Spanisch!) gab es Proteste und Ablehnung bis die Lehrbrigaden schließlich mit Textbüchern und Übungsmaterial in Kreol-Englisch, Miskito und Sumu zu Werke gingen. (Übrigens wurde 2007 das Archiv der Alphabetisierungskampagne dem UNESCO-Memory of the World zur Verfügung gestellt, das sich die Bewahrung und Verbreitung wertvoller Archivbestände und Bibliothekssammlungen zum Ziel gesetzt hat.)

Als die Engländer einst aus dieser Gegend verschwanden – Nicaragua ist das einzige Land Lateinamerikas, das von zwei Mächten kolonisiert wurde – hinterließen sie den hier siedelnden sechs ethnischen Gruppen wenig mehr als ihre Sprache. Dabei ist dieses Gebiet reich an natürlichen Ressourcen (Meeresfrüchte, Hölzer, Bodenschätze), die freilich von ausländischen Firmen ausgebeutet werden und die als Tagelöhner angeheuerten Indianer gleich mit. Die Unversöhnlichkeit zwischen den indigenen Volksgruppen und den nachdrängenden Mestizen aus den westlichen Landesteilen, die es auf der Suche nach Lohn und Brot hierher verschlägt, ist überall spürbar.

Entspannter geht es auf den vorgelagerten Inseln zu. Karibik pur erwartet hier die wenigen Besucher. Auf der Inselgruppe Cayos Miskitos / Miskito Keys lernt man das Leben der Miskito-Indianer kennen, die mit dem Ökosystem von Meer und Land bestens vertraut sind. Man kann schnorcheln und zu farbenfreudigen Korallenbänken hinab tauchen, Meeresschildkröten am Strand beobachten. Gegenüber, auf dem Festland und hinauf bis nach Honduras und Belize, lebt das Volk der Garifuna, Nachkommen westafrikanischer Sklaven und karibischer Indianer, deren Sprache, Tänze und Musik von der UNESCO unter die Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit aufgenommen wurden. Vom unansehnlichen Bluefields, dessen  viktorianischer Charme 1988 von dem Monsterhurrikan „Juana“ davon geblasen wurde, fahren Motorboote vorbei an dicht bewachsenen Lagunen zu den Cayos Perlas / Pearl Keys, einem weiteren Tauchparadies und fern der Küste, mit dem Flugzeug von Managua oder Bluefields zu erreichen, schwimmen die Islas del Maíz /Corn Islands in der türkisblauen Karibik. Einst Stützpunkt von Piraten, sind sie heute, wie gemunkelt wird, ein Stopover für kolumbianische Drogenkuriere. Für alle anderen sind sie sympathische, bescheidene Urlaubsareale mit weißen Stränden, im Wind sich wiegenden Kokospalmen, reichen Fischgründen, phänomenalen Korallenriffen.

Corn Islands, Nicaragua

Hotel Resort Carribbean auf Corn Islands
(Foto: © charles taylor- fotolia.com)

Wieder an Land, machen wir noch einen Abstecher in den Süden des Karibischen Tieflands, an den RíoSan Juan, von dem immer die Rede ist, wenn über eine Alternative zum Panama-Kanal nachgedacht wird. Doch die Bagger werden nicht kommen und die unberührten Regenwälder, die Feuchtgebiete, Lagunen und Mündungsdeltas dieses großen Biosphärenreservats bleiben die Heimstatt indigener Völker und Rückzugsgebiet von Jaguar und Tapir, Papageien und Reihern, Alligatoren, Schildkröten und Bullenhaien, die den San Juan hinauf wandern bis zum Nicaragua-See und dort zur seltenen Spezies der Süßwasserhaie mutieren. Spektakulär die Bootsfahrt durch diese Flusslandschaft, wenn dann noch unvermittelt aus dem Morgendunst die Ruinen einer spanischen Festung auftauchen. El Castillo de la Inmaculada Concepción, die Burg der Unbefleckten Empfängnis, entstand zwischen 1673 und 1675, um das reiche spanische Granada am Nicaragua-See gegen die Angriffe englischer Piraten zu schützen. 1780 erschien der spätere Nationalheros, damals gerade 22jährig, Horatio Nelson, mit einer schlagkräftigen Truppe vor der Burg, doch das Gelbfieber machte den Engländern einen Strich durch die Rechnung. Etliche wurden dahingerafft, das Unternehmen scheiterte.

Bosawas ist ein weiteres, bedeutendes UNESCO-Biosphärenreservat im nördlichen Nicaragua. Es ist Teil des „Zentralamerikanischen Biologischen Korridors“. Die vom Süden Mexikos bis in den Norden Panamas reichende „biologische Brücke“ verbindet Nord- und Südamerika. Mosaiksteinen gleich bilden über 600 kleine und große Schutzgebiete der Region den „Korridor“, der die biologische Vielfalt unter Einbeziehung der hier siedelnden indigenen Völker bewahren soll. Gemeinsam mit drei Schutzgebieten im benachbarten Honduras bildet Bosawas die größte zusammenhängende Fläche geschützten Regenwalds in Zentralamerika, die bekannt ist für ihre außergewöhnlich große Artenvielfalt, darunter zahlreiche seltene und gefährdete Tier- und Pflanzengattungen.

Bosawas liegt am Übergang zum zentralennördlichen Bergland Nicaraguas. Mit seinem frischen Klima, den Kiefern- und Eichenwäldern und schäumenden Wasserfällen bietet es einen willkommenen Kontrast zu den brütend heißen, regentriefenden Dschungellandschaften des Ostens. Hier verläuft hoch in den Bergen zwischen Matagalpa und Jinotega die „Ruta de Café“. Wie alle ihre Berufskollegen in den Nachbarländern sind auch die hiesigen Kaffeepflanzer fest davon überzeugt, dass ihr Café der beste der Welt sei. Die „Norteños“, die Leute im Norden, sind gewitzte, zupackende, sehr kreative Menschen, denen es besser geht als vielen ihrer Landsleute, wovon man sich bei dem Besuch einer Rinderfarm oder einer Kaffee-Plantage überzeugen kann. Auch bei einem Abstecher in das Städtchen Estelí, das sich als „La Capital del Tabaco“ selbst feiert. Zigarrenliebhaber werden glänzende Augen bekommen, denn hier werden weitgerühmte Spitzensorten gerollt, die man – liebevoll verpackt in aromatisch duftende Zedernkisten – als nicht alltägliches Souvenir erstehen kann.

Im bergigen Norden und dem angrenzenden Pazifischen Tiefland hat die spanische Kolonialherrschaft tiefe Spuren interlassen. Die indigenen Völker wurden weitgehend vernichtet. Welchen Rang deren Zivilisation einst besessen haben mag, lässt sich nur vage erahnen, wenn man ihren gelegentlichen folkloristischen Darbietungen zuschaut. Auf den Trümmern der Indianerkulturen entstand die spanisch geprägte, katholische, sehr homogene Mehrheitsgesellschaft der Mestizen (Nachkommen aus indianisch-spanischen Verbindungen), die ihren multiethnischen, oft evangelischen und meist ein Kreol-Englisch sprechenden Landsleuten im fernen Karibischen Tiefland wenig Sympathien entgegenbringen und oft genug die kulturellen Unterschiede auch noch arrogant herausstellen.

Und nun: Managua, die Hauptstadt, die von oben betrachtet einem riesigen Dorf ähnelt, was auf den 23. Dezember 1972 zurückgeht, als ein Erdbeben der Stärke 6,2 die Stadt einebnete und 5.000 Bewohner das Leben kostete. Die meisten Hilfsgüter und Spendengelder brachte Diktator Somoza beiseite und auch nach ihm bekam man den  Wiederaufbau nicht in den Griff. Dann fiel 1998 der Hurrikan „Mitch“ über die Stadt her und brachte endgültig zum Stillstand, was zaghaft an Wiederaufbau begonnen worden war. Es gibt kein gewachsenes Zentrum mehr, gebaut wird nur sporadisch ohne jedes städtebauliche Konzept. Eine Stadt mit riesigen Brachflächen und unansehnlichen Flachbauten, mehrstöckigen Ruinen und pastellfarbenen Fast-Food-Restaurants, einer allgegenwärtigen Schäbigkeit und provozierend zur Schau gestelltem Reichtum – nun wirklich kein einladender Ort und doch Hoffnungsanker für unzählige Zuwanderer aus allen Landesteilen.

Und der Lago de Managua, dessen Anblick aus der Ferne jeden Betrachter verzaubert? Beim Näherkommen wird man schnell gewahr, dass sich an seinem Südufer ein Fünftel der Bevölkerung Nicaraguas zusammenballt. Das bleibt nicht ohne Folgen für den See. Er siecht dahin. Es gibt keine Kläranlagen, Abwässer werden ungefiltert in den See geleitet. Ob die von deutscher Seite initiierte Sanierung des Managua-Sees den behaupteten ökologischen und sanitären Nutzen haben wird, ist im Lande durchaus umstritten.

Von ganz anderem Kaliber ist der , der Lago de Nicaragua oder Cocibolca, wie ihn die Einheimischen nennen. Nicht nur weil er der zehntgrößte Süßwassersee der Erde ist. Seine Wasser sind intakt, sauber, fischreich, eine nützliche Verkehrsader und Heimstatt für mehr als 600 kleinere und größere Inseln, darunter die von zwei Vulkanen gekrönte Isla de Ometepe, mit 277 km² größte vulkanische Süßwasserinsel der Erde. Schwarze und weiße Sandstrände laden zum Bade ein. Plantagen bäuerlicher Kooperativen warten auf Besucher, man kann Interessantes über die indianische Vorgeschichte erfahren, wandern oder mit dem Mountainbike die Insel erkunden.

Landschaftliche Schönheit und Abgeschiedenheit des Solentiname-Archipels haben viele Künstler angezogen. So teilen sich Maler und Bildhauer mit Fischern und Bauern die Insel. Der ehemalige Priester, Lyriker und spätere Kultusminister der Sandinisten, Ernesto Cardenal, gründete hier in den 70er Jahren eine christliche Basisgemeinde für Fischer und Bauern, die noch fortbesteht, wenn auch das Verhältnis zwischen Cardenal und den anderen nicht mehr das Beste ist.

Granada, Nicaragua

In der alten Kolonialstadt Granada
(Foto: © charles taylor- fotolia.com)

Indianische Steinzeichnungen und Götterstatuen, Hügelgräber und Zeremonienorte aus der präkolumbischen Zeit der Chorotega- und Niquirano-Kulturen (älter als die der Mayas) sind auf der Isla de Zapatera zu bestaunen. Von der Insel der versunkenen Kulturen schafft es das Motorboot in einer Stunde nach Granada. Sie gilt als eine der ältesten Kolonialstädte auf dem amerikanischen Kontinent, 1524 von dem spanischen Eroberer Francisco Hernández de Cordoba gegründet. Schnell wurde sie zu einem bedeutenden Handelsplatz für Waren, die den gefahrvollen Weg über den See, den Río San Juan, die Karibik und den Atlantik zu den iberischen Häfen nehmen sollten. Es wurde prächtig gebaut und sinnlos zerstört und doch haben sich zahlreiche Gebäude aus der Kolonialzeit erhalten wie die Kathedrale, Konvent und Kirche San Francisco, La Merced und schöne Bürgervillen. An Bord einer Pferdekutsche lassen sich die Schönheiten der Stadt in gemächlichem Tempo besichtigen.

León, traditionelles Zentrum der Liberalen und ewiger Widersacher Granadas, der Hochburg der Konservativen, ist auch eine Gründung des Eroberers Cordoba oder genauer: das alte León, León Viejo, das 1610 nach Nordwesten verlegt werden musste, weil ein Erdbeben und der Vulkanausbruch des nahen Momotombo die ursprüngliche Siedlung in Schutt und Asche gelegt hatten. Das neue León war bis 1858 die Landeshauptstadt, ihr intellektuelles Zentrum und in neuerer Zeit eine feste Bastion der Sandinisten. Viele gut erhaltene Kolonialgebäude und Kirchen sind zu besichtigen, darunter eine der größten Kathedralen Zentralamerikas mit dem Grab des berühmtesten Dichters des Landes, Rubén Darío (1867-1916).

León Viejo, die verschüttete Ruinenstadt und von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, war für die Archäologen ein Glücksfall, denn die bauliche Struktur blieb erhalten und gibt Auskunft über das einstige soziale und ökonomische Gefüge der Stadt. Das der Siedlung zugrunde liegende Schachbrettmuster ist ein Abbild traditioneller europäischer planerischer und architektonischer Konzepte, die – und das ist das neue – mit dem materiellen Potential der „Neuen Welt“ zusammengeführt wurden.  

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An den Stränden des Pazifiks lässt es sich gut entspannen und man kann wählen zwischen den hellen Sandstränden an den Buchten im südlichen Abschnitt und dem weichen, schwarzen Sand vulkanischen Ursprungs im Zentrum und im Norden. Es gibt Unterkünfte und Restaurants in einem gelassenen Umfeld, hier lässt sich Kraft schöpfen für neue Unternehmungen, etwa zu den Nationalparks VulkanMasaya und Vulkan Mombacho oder zu einem Besuch der Fiestasde San Sebastian in Diriamba in der Küstenprovinz Carazo, wo alljährlich im Januar das satirische Drama „El Güegüense“ aufgeführt wird, das den (spanischen) Kolonialismus bloßstellt. Seit 2005 zählt das identitätsstiftende Nationalepos zum UNESCO-Welterbeprogramm Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit.

Eckart Fiene

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