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Nicaragua

Nicaragua
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Kurzportrait

Nicaraguas vorteilhafte Lage auf der zentralamerikanischen Landenge weckte schon früh die Begehrlichkeiten der europäischen Großmächte. Nach den Konquistadoren der spanischen Krone, die sich 1522 an der Pazifikküste festgesetzt hatten, brandschatzten englische Filibuster mit Rückendeckung durch die königlichen Majestäten in London die karibischen Küsten des Landes und drangen marodierend über die Flussläufe ins Innere vor. Später folgten ihnen reguläre Truppen, die gleich ganze Landstriche am Karibischen Meer annektierten. Die Amerikaner begannen sich erst 1848, als in Kalifornien das Goldfieber wütete, ein wenig für Nicaragua zu interessieren, führte doch die schnellste Verbindung auf dem Wasserweg zwischen der US-Ostküste und Kalifornien über nicaraguanisches Territorium, den Río San Juan, den Nicaragua-See und die Landenge bei Rivas zum Pazifikhafen San Juan del Sur. Doch hellwach wurden sie, als Gerüchte in Washington die Runde machten, Nicaragua habe Japan die Konzession zum Bau eines Kanals durch die Landenge angeboten. Militär wurde in Marsch gesetzt und 1912 zwischen Karibik und Pazifik stationiert – Auftakt zu einer Interventionsmanie, die bis in die jüngste Vergangenheit anhält.

NicaraguaNach Bürgerkrieg, missratener Revolution und korrupten Regierungen stehen die „Nicas“ wie schon so oft in ihrer Geschichte vor der Frage: wie soll es weitergehen? Ihre Antworten sind bescheiden und anrührend. Sie sprechen vom „Überschuss des Authentischen“ und von „der Größe, die man in Kleinigkeiten zu schätzen lernt“ oder dem „Schauspiel, in welches sich eine Szene des alltäglichen Lebens verwandelt“. Ihr Land sei eine „stets fröhliche Freundin von Kunst und Musik, schön und ernst, kühn und traditionell, warmherzig wie ihr Klima“. Und so lautet nur folgerichtig ihr Motto: „Nicaragua – ein Land mit Herz“, wo die Gastfreundschaft zu Hause ist, die Poeten und Revolutionäre ihre Stimmen erheben, wo es endlose Strände und tropischen Regenwald gibt, Kaffeeplantagen, feuerspeiende Vulkane, ehrwürdige Kolonialstädte. Wen wundert`s, dass sich angesichts der desolaten Lage im Land, die Hoffnung auf den Fremdenverkehr richtet? Er soll den wirtschaftlichen Aufschwung bringen und so ganz unbegründet ist diese Hoffnung angesichts der großen Nachfrage nach zentralamerikanischen Reisezielen ja nicht.  (Foto: © robert lerich - fotolia.com)


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Es gibt sie noch, die Wehmutstouristen auf den Spuren der verblassenden sandinistischen Revolution. Immer mehr Bildungs- und Kulturreisende stoßen dazu und „backpacker“, mit denen wir Bus und Boot auf dem beschwerlichen Weg in den Osten des Landes teilen werden, in die ärmste Region eines sehr armen Landes. Die hier auf immerhin 56 % des nicaraguanischen Bodens mehr schlecht als recht lebenden „Costeños“ (svw. Küstenbewohner) klagen über die Ignoranz und sträfliche Vernachlässigung, die sie durch die Zentralregierung erfahren. Es fehlt sichtbar an allem. Als die Sandinisten 1980 auch hier eine Alphabetisierungskampagne starten wollten (natürlich in Spanisch!) gab es Proteste und Ablehnung bis die Lehrbrigaden schließlich mit Textbüchern und Übungsmaterial in Kreol-Englisch, Miskito und Sumu zu Werke gingen. (Übrigens wurde 2007 das Archiv der Alphabetisierungskampagne dem UNESCO-Memory of the World zur Verfügung gestellt, das sich die Bewahrung und Verbreitung wertvoller Archivbestände und Bibliothekssammlungen zum Ziel gesetzt hat.)
Als die Engländer einst aus dieser Gegend verschwanden – Nicaragua ist das einzige Land Lateinamerikas, das von zwei Mächten kolonisiert wurde – hinterließen sie den hier siedelnden sechs ethnischen Gruppen wenig mehr als ihre Sprache. Dabei ist dieses Gebiet reich an natürlichen Ressourcen (Meeresfrüchte, Hölzer, Bodenschätze), die freilich von ausländischen Firmen ausgebeutet werden und die als Tagelöhner angeheuerten Indianer gleich mit. Die Unversöhnlichkeit zwischen den indigenen Volksgruppen und den nachdrängenden Mestizen aus den westlichen Landesteilen, die es auf der Suche nach Lohn und Brot hierher verschlägt, ist überall spürbar.

Entspannter geht es auf den vorgelagerten Inseln zu. Karibik pur erwartet hier die wenigen Besucher. Auf der Inselgruppe Cayos Miskitos/Miskito Keys lernt man das Leben der Miskito-Indianer kennen, die mit dem Ökosystem von Meer und Land bestens vertraut sind. Man kann schnorcheln und zu farbenfreudigen Korallenbänken hinab tauchen, Meeresschildkröten am Strand beobachten. Gegenüber, auf dem Festland und hinauf bis nach Honduras und Belize, lebt das Volk der Garifuna, Nachkommen westafrikanischer Sklaven und karibischer Indianer, deren Sprache, Tänze und Musik von der UNESCO unter die Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit aufgenommen wurden. Vom unansehnlichen Bluefields, dessen  viktorianischer Charme 1988 von dem Monsterhurrikan „Juana“ davon geblasen wurde, fahren Motorboote vorbei an dicht bewachsenen Lagunen zu den Cayos Perlas / Pearl Keys, einem weiteren Tauchparadies und fern der Küste, mit dem Flugzeug von Managua oder Bluefields zu erreichen, schwimmen die Islas del Maíz / Corn Islands in der türkisblauen Karibik. Einst Stützpunkt von Piraten, sind sie heute, wie gemunkelt wird, ein Stopover für kolumbianische Drogenkuriere. Für alle anderen sind sie sympathische, bescheidene Urlaubsareale mit weißen Stränden, im Wind sich wiegenden Kokospalmen, reichen Fischgründen, phänomenalen Korallenriffen.       

Corn Islands, Nicaragua

Hotel Resort Carribbean auf Corn Islands
(Foto: © charles taylor- fotolia.com)


Wieder an Land, machen wir noch einen Abstecher in den Süden des Karibischen Tieflands, an den Río San Juan, von dem immer die Rede ist, wenn über eine Alternative zum Panama-Kanal nachgedacht wird. Doch die Bagger werden nicht kommen und die unberührten Regenwälder, die Feuchtgebiete, Lagunen und Mündungsdeltas dieses großen Biosphärenreservats bleiben die Heimstatt indigener Völker und Rückzugsgebiet von Jaguar und Tapir, Papageien und Reihern, Alligatoren, Schildkröten und Bullenhaien, die den San Juan hinauf wandern bis zum Nicaragua-See und dort zur seltenen Spezies der Süßwasserhaie mutieren. Spektakulär die Bootsfahrt durch diese Flusslandschaft, wenn dann noch unvermittelt aus dem Morgendunst die Ruinen einer spanischen Festung auftauchen. El Castillo de la Inmaculada Concepción, die Burg der Unbefleckten Empfängnis, entstand zwischen 1673 und 1675, um das reiche spanische Granada am Nicaragua-See gegen die Angriffe englischer Piraten zu schützen. 1780 erschien der spätere Nationalheros, damals gerade 22jährig, Horatio Nelson, mit einer schlagkräftigen Truppe vor der Burg, doch das Gelbfieber machte den Engländern einen Strich durch die Rechnung. Etliche wurden dahingerafft, das Unternehmen scheiterte.

Bosawas ist ein weiteres, bedeutendes UNESCO-Biosphärenreservat im nördlichen Nicaragua. Es ist Teil des „Zentralamerikanischen Biologischen Korridors“. Die vom Süden Mexikos bis in den Norden Panamas reichende „biologische Brücke“ verbindet Nord- und Südamerika. Mosaiksteinen gleich bilden über 600 kleine und große Schutzgebiete der Region den „Korridor“, der die biologische Vielfalt unter Einbeziehung der hier siedelnden indigenen Völker bewahren soll. Gemeinsam mit drei Schutzgebieten im benachbarten Honduras bildet Bosawas die größte zusammenhängende Fläche geschützten Regenwalds in Zentralamerika, die bekannt ist für ihre außergewöhnlich große Artenvielfalt, darunter zahlreiche seltene und gefährdete Tier- und Pflanzengattungen.


Bosawas liegt am Übergang zum zentralen nördlichen Bergland
Nicaraguas. Mit seinem frischen Klima, den Kiefern- und Eichenwäldern und schäumenden Wasserfällen bietet es einen willkommenen Kontrast zu den brütend heißen, regentriefenden Dschungellandschaften des Ostens. Hier verläuft hoch in den Bergen zwischen Matagalpa und Jinotega die „Ruta de Café“. Wie alle ihre Berufskollegen in den Nachbarländern sind auch die hiesigen Kaffeepflanzer fest davon überzeugt, dass ihr Café der beste der Welt sei. Die „Norteños“, die Leute im Norden, sind gewitzte, zupackende, sehr kreative Menschen, denen es besser geht als vielen ihrer Landsleute, wovon man sich bei dem Besuch einer Rinderfarm oder einer Kaffee-Plantage überzeugen kann. Auch bei einem Abstecher in das Städtchen Estelí, das sich als „La Capital del Tabaco“ selbst feiert. Zigarrenliebhaber werden glänzende Augen bekommen, denn hier werden weitgerühmte Spitzensorten gerollt, die man – liebevoll verpackt in aromatisch duftende Zedernkisten – als nicht alltägliches Souvenir erstehen kann.   


Im bergigen Norden und dem angrenzenden Pazifischen Tiefland hat die spanische Kolonialherrschaft tiefe Spuren interlassen. Die indigenen Völker wurden weitgehend vernichtet. Welchen Rang deren Zivilisation einst besessen haben mag, lässt sich nur vage erahnen, wenn man ihren gelegentlichen folkloristischen Darbietungen zuschaut. Auf den Trümmern der Indianerkulturen entstand die spanisch geprägte, katholische, sehr homogene Mehrheitsgesellschaft der Mestizen (Nachkommen aus indianisch-spanischen Verbindungen), die ihren multiethnischen, oft evangelischen und meist ein Kreol-Englisch sprechenden Landsleuten im fernen Karibischen Tiefland wenig Sympathien entgegenbringen und oft genug die kulturellen Unterschiede auch noch arrogant herausstellen.


Und nun: Managua, die Hauptstadt, die von oben betrachtet einem riesigen Dorf ähnelt, was auf den 23. Dezember 1972 zurückgeht, als ein Erdbeben der Stärke 6,2 die Stadt einebnete und 5.000 Bewohner das Leben kostete. Die meisten Hilfsgüter und Spendengelder brachte Diktator Somoza beiseite und auch nach ihm bekam man den  Wiederaufbau nicht in den Griff. Dann fiel 1998 der Hurrikan „Mitch“ über die Stadt her und brachte endgültig zum Stillstand, was zaghaft an Wiederaufbau begonnen worden war. Es gibt kein gewachsenes Zentrum mehr, gebaut wird nur sporadisch ohne jedes städtebauliche Konzept. Eine Stadt mit riesigen Brachflächen und unansehnlichen Flachbauten, mehrstöckigen Ruinen und pastellfarbenen Fast-Food-Restaurants, einer allgegenwärtigen Schäbigkeit und provozierend zur Schau gestelltem Reichtum – nun wirklich kein einladender Ort und doch Hoffnungsanker für unzählige Zuwanderer aus allen Landesteilen.


Und der Lago de Managua, dessen Anblick aus der Ferne jeden Betrachter verzaubert? Beim Näherkommen wird man schnell gewahr, dass sich an seinem Südufer ein Fünftel der Bevölkerung Nicaraguas zusammenballt. Das bleibt nicht ohne Folgen für den See. Er siecht dahin. Es gibt keine Kläranlagen, Abwässer werden ungefiltert in den See geleitet. Ob die von deutscher Seite initiierte Sanierung des Managua-Sees den behaupteten ökologischen und sanitären Nutzen haben wird, ist im Lande durchaus umstritten.


Von ganz anderem Kaliber ist der Nicaragua-See, der Lago de Nicaragua oder Cocibolca, wie ihn die Einheimischen nennen. Nicht nur weil er der zehntgrößte Süßwassersee der Erde ist. Seine Wasser sind intakt, sauber, fischreich, eine nützliche Verkehrsader und Heimstatt für mehr als 600 kleinere und größere Inseln, darunter die von zwei Vulkanen gekrönte Isla de Ometepe, mit 277 km² größte vulkanische Süßwasserinsel der Erde. Schwarze und weiße Sandstrände laden zum Bade ein. Plantagen bäuerlicher Kooperativen warten auf Besucher, man kann Interessantes über die indianische Vorgeschichte erfahren, wandern oder mit dem Mountainbike die Insel erkunden.


Landschaftliche Schönheit und Abgeschiedenheit des Solentiname-Archipels haben viele Künstler angezogen. So teilen sich Maler und Bildhauer mit Fischern und Bauern die Insel. Der ehemalige Priester, Lyriker und spätere Kultusminister der Sandinisten, Ernesto Cardenal, gründete hier in den 70er Jahren eine christliche Basisgemeinde für Fischer und Bauern, die noch fortbesteht, wenn auch das Verhältnis zwischen Cardenal und den anderen nicht mehr das Beste ist.

Granada, Nicaragua

In der alten Kolonialstadt Granada
(Foto: © charles taylor- fotolia.com)


Indianische Steinzeichnungen und Götterstatuen, Hügelgräber und Zeremonienorte aus der präkolumbischen Zeit der Chorotega- und Niquirano-Kulturen (älter als die der Mayas) sind auf der Isla de Zapatera zu bestaunen. Von der Insel der versunkenen Kulturen schafft es das Motorboot in einer Stunde nach Granada. Sie gilt als eine der ältesten Kolonialstädte auf dem amerikanischen Kontinent, 1524 von dem spanischen Eroberer Francisco Hernández de Cordoba gegründet. Schnell wurde sie zu einem bedeutenden Handelsplatz für Waren, die den gefahrvollen Weg über den See, den Río San Juan, die Karibik und den Atlantik zu den iberischen Häfen nehmen sollten. Es wurde prächtig gebaut und sinnlos zerstört und doch haben sich zahlreiche Gebäude aus der Kolonialzeit erhalten wie die Kathedrale, Konvent und Kirche San Francisco, La Merced und schöne Bürgervillen. An Bord einer Pferdekutsche lassen sich die Schönheiten der Stadt in gemächlichem Tempo besichtigen.


León, traditionelles Zentrum der Liberalen und ewiger Widersacher Granadas, der Hochburg der Konservativen, ist auch eine Gründung des Eroberers Cordoba oder genauer: das alte León, León Viejo, das 1610 nach Nordwesten verlegt werden musste, weil ein Erdbeben und der Vulkanausbruch des nahen Momotombo die ursprüngliche Siedlung in Schutt und Asche gelegt hatten. Das neue León war bis 1858 die Landeshauptstadt, ihr intellektuelles Zentrum und in neuerer Zeit eine feste Bastion der Sandinisten. Viele gut erhaltene Kolonialgebäude und Kirchen sind zu besichtigen, darunter eine der größten Kathedralen Zentralamerikas mit dem Grab des berühmtesten Dichters des Landes, Rubén Darío (1867-1916).


León Viejo, die verschüttete Ruinenstadt und von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, war für die Archäologen ein Glücksfall, denn die bauliche Struktur blieb erhalten und gibt Auskunft über das einstige soziale und ökonomische Gefüge der Stadt. Das der Siedlung zugrunde liegende Schachbrettmuster ist ein Abbild traditioneller europäischer planerischer und architektonischer Konzepte, die – und das ist das neue – mit dem materiellen Potential der „Neuen Welt“ zusammengeführt wurden.  

mehr zu: Welt(kultur)erbestätten in Nicaragua


An den Stränden des Pazifiks lässt es sich gut entspannen und man kann wählen zwischen den hellen Sandstränden an den Buchten im südlichen Abschnitt und dem weichen, schwarzen Sand vulkanischen Ursprungs im Zentrum und im Norden. Es gibt Unterkünfte und Restaurants in einem gelassenen Umfeld, hier lässt sich Kraft schöpfen für neue Unternehmungen, etwa zu den Nationalparks Vulkan Masaya und Vulkan Mombacho oder zu einem Besuch der Fiestas de San Sebastian in Diriamba in der Küstenprovinz Carazo, wo alljährlich im Januar das satirische Drama „El Güegüense“ aufgeführt wird, das den (spanischen) Kolonialismus bloßstellt. Seit 2005 zählt das identitätsstiftende Nationalepos zum UNESCO-Welterbeprogramm Meisterwerke des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit.

Eckart Fiene

Adressen, Links und Bücher

 



 

Reiseinfos

Naturraum: Nicaragua ist der flächenmäßig größte Staat auf der schmalen Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika. Er gliedert sich in drei große Naturräume, von denen das pazifische Tiefland nur 15 % der Landesfläche einnimmt. Im Zentrum dieser Region erhebt sich eine Kette von 25 Vulkanen, darunter elf noch aktive. Östlich von ihr verläuft eine geologisch aktive Grabensenke mit den beiden großen Seen Xolotlán (Managua-See, 1.053 km², doppelte Größe des Bodensees) und dem Cocibolca (Nicaragua-See, 8.138 km², fast fünfzehn Mal so groß wie der Bodensee). An die stark erdbebengefährdete Pazifikregion schließt sich nordöstlich das zentrale Bergland an. Fünf Gebirgszüge vulkanischen Ursprungs und Hochebenen, in die sich tiefe Schluchten gegraben haben, gliedern diese vielfältige Landschaft. Nahe der Grenze zu Honduras erreicht sie mit dem Pico Mogotón (2.438 m, nach anderer Darstellung 2.107 m) Nicaraguas höchsten Punkt. Nach Westen bricht das gebirgige Terrain steil ab, während es sich nach Süden stetig abbaut und nach Osten allmählich in das karibische Tiefland übergeht, Nicaraguas weiträumigster Region mit 56 % Anteil an der Landesfläche. Große, geschlossene und weitgehend noch unerforschte Regenwälder prägen die Landschaft. Nahe der karibischen Küste gehen die Regenwaldzonen in Mangroven- und Sumpfwälder, schließlich Lagunen und Deltas über. Der flache Osten Nicaraguas ist ein flussreiches Gebiet. Der Río Coco bildet im Norden die Grenze zu Honduras, in der Landesmitte durchquert der Río Grande de Matagalpa den Regenwald und im Süden markiert der gut schiffbare Río San Juan die Grenze zu Costa Rica. An letzteren, der den riesigen Nicaragua-See in das Karibische Meer entwässert, knüpfte sich schon zu Zeiten der spanischen Eroberer die Hoffnung, eine Verbindung zwischen Karibischem Meer/Atlantik und dem Pazifik zu schaffen. „Nur“ eine 18-km-Landbrücke zwischen Nicaragua-See und Pazifik-Küste wäre zu durchstechen . . .

Klima: Tropisch-immerfeuchtes Klima herrscht in den weiten Flachlandlagen des Ostens. Rekordmengen an Niederschlägen gehen hier nieder. Mit bis zu 6.000 mm gilt die nicaraguanische Karibikküste als eine der regenreichsten Gegenden der Welt. Zwischen März und Mai lässt die Intensität der Niederschläge etwas nach. In den Bergregionen und im tropisch-wechselfeuchten pazifischen Tiefland mit einer Trockenzeit zwischen Dezember und April erreichen die Regenmengen noch bis zu 1.900 mm. Die Höchsttemperaturen bewegen sich zwischen 27 und 35 Grad, spürbar niedriger sind sie im Bergland.

Flora/Fauna: Noch sind 3,2 Mio. Hektar mit Regen- und Trockenwäldern bedeckt. Doch Rodungen zugunsten der Landwirtschaft und der Abbau durch ausländische Firmen gefährden die Bestände. Der Regenwald ist besonders artenreich. Zahllose Baumarten und eine vielfältige Tierwelt (Jaguar, Puma, Ozelot, Affen, Leguane, Schlangen, Alligatoren, Pelikane, Kolibris, Papageien) überraschen jeden, der sich von kundigen Einheimischen durch abgelegene Landstriche führen lässt.

Geld/Währung: Die nicaraguanische Währung ist der Córdoba Oro. 1 Córdoba = 100 Centavos. Mit Euros hat man`s schwer im Land! Sie werden ungern akzeptiert und nur von einer Bank getauscht. Bei Verwendung von US-Dollars und/oder auf US-Dollars ausgestellte Reiseschecks gibt es dagegen keine Probleme. Auch wenn Kreditkarten wie Visa oder Mastercard in vielen Restaurants, Hotels und Geschäften akzeptiert werden, sollte man sicherheitshalber immer Dollars in kleiner Stückelung bei sich haben.

Sicherheitshinweise: Über die bei Reisen üblichen Vorsichtsmaßnahmen hinaus ist zu beachten, dass in bestimmten, besonders dünn besiedelten Gebieten Polizei und Militär nicht die Sicherheit garantieren können. Diebstähle und bewaffnete Raubüberfälle haben in jüngster Zeit zugenommen. Bei Nacht sollt man weder zu Fuß noch mit Taxis unterwegs sein.
Außerdem: Nicaragua liegt in einer erdbeben- und hurrikangefährdeten Zone.

Einreisebestimmungen: Für touristische Reisen unter drei Monaten ist kein Visum notwendig. Ein deutscher Reisepass, Kinderausweis bzw. Kinderreisepass (jeweils mit Lichtbild) reichen als Einreisedokumente aus. Sie müssen noch mindestens sechs Monate gültig sein. Ausreichend ist auch der Eintrag des Kindes in den Reisepass eines Elternteils.

Medizinische Versorgung: Pflichtimpfungen sind z. Zt. nicht vorgeschrieben, doch ist es ratsam, besonders bei Langzeitaufenthalten für einen umfassenden Impfschutz zu sorgen (Hepatitis A + B, Tetanus, Typhus, Polio, Diphtherie). In bestimmten Gebieten gibt es ein Malariarisiko. Auch Dengue-Virusinfektionen sind möglich. Über Schutzmaßnahmen informieren Tropen- und Reisemediziner. Die medizinische Versorgung außerhalb Managuas ist dürftig. Deshalb sollte die persönliche Reiseapotheke mit einem reichlichen Vorrat an dringend benötigten Medikamenten bestückt sein. Der Abschluss einer privaten Auslandsreise-Krankenversicherung mit Rückholgarantie ist unerlässlich.
       

Statistik

Lage: Nicaragua liegt auf der zentralamerikanischen Landenge, im Osten begrenzt von der Karibischen See, im Westen vom Pazifik. Nachbar im Norden ist Honduras, im Süden Costa Rica.

Fläche: 120.339 km² (Landfläche), 129.500 km² (einschließlich der beiden großen Seen)

Staat: Nicaragua ist eine Präsidialrepublik mit einem Präsidenten (nach dreimaligem Anlauf: der FSLN-Vorsitzende Daniel Ortega Saavedra seit Jan. 2007) als Staatsoberhaupt  u n d  Regierungschef. Das Land gliedert sich in 15 Provinzen und zwei Autonome Regionen.
1821 erlangte es seine Unabhängigkeit von Spanien und wurde 1838 eine selbständige Republik. Die anhaltende Rivalität zwischen den führenden politischen Kräften der Liberalen auf der einen Seite und der Konservativen auf der anderen machten sich die USA und Britannien zunutze, um ihren Einfluss in der Region zu stärken. So erklärten die Engländer die Karibikregion 1841 kurzerhand zu ihrem Protektorat und ein amerikanischer Abenteurer versuchte sich 1856 als Präsident von Restnicaragua. Die wachsende geopolitische Bedeutung Mittelamerikas (Panama-Kanal) veranlasste die Amerikaner 1912 zur Stationierung von US-Marines: Nicaragua wurde bis zum Abzug der Truppen 1932/33 faktisch zu einem Protektorat der USA. Und sie behielten den Fuß in der Tür. Der ihnen treu ergebene Somoza-Clan übernahm die Macht, die er über 40 Jahre ausübte, sich hemmungslos bereicherte und auch seine Gesinnungsgenossen nicht vergaß bis ihnen zuletzt ein Viertel des Landes gehörte. Dagegen formierte sich die Opposition in der Frente Sandinista de Liberación Nacional (FSLN). Das war 1961, in dem Jahr, als vom nicaraguanischen Karibikhafen Puerto Cabezas die gescheiterte Schweinebucht-Operation gegen Kuba ihren Anfang nahm. 1979 übernahmen die Sandinisten die Macht, verstaatlichten den Somoza-Besitz, gründeten Bauerngenossenschaften, reformierten das Gesundheitswesen und die Sozialgesetzgebung, starteten eine Alphabetisierungskampagne, subventionierten Grundnahrungsmittel. Ehe ihre Maßnahmen Früchte tragen konnten, zwang die konservative Opposition mit ihrem militärischen Arm, den von den USA finanzierten Contras, dem Land einen verheerenden Bürger- und Wirtschaftskrieg auf, der Nicaragua in die Armut abstürzen ließ. 1990 wurden die Sandinistas abgewählt. Die nachfolgenden wirtschaftsliberalen Regierungen verhalfen dem Land nicht auf die Beine, vielmehr verpflichteten sie sich den IWF-Strukturanpassungsprogrammen,  was die hoffnungsvollen Ansätze in der Bildungspolitik, im Gesundheitswesen und in der Sozialgesetzgebung wieder zunichte machte.
Die Erwartungen in die neue Regierung eines leutselig gewordenen Daniel Ortega (ab 2007) sind gedämpft. Der Zuspruch zur FSLN bröckelt. Nach 100 Tagen im Amt urteilte eine einheimische Menschenrechtsorganisation lapidar: nepotistisch, autoritär, undemokratisch.

Hauptstadt: Managua mit 908.892 Einwohnern, Großraum: ca. 1,7 Mio.
(Diese und alle folgenden Zahlenangaben stützen sich auf den Census von 2005)

Bevölkerung: 2005 wurden 5.142.098 Einwohner gezählt. Sie sind sehr ungleich über das Land verteilt. In der Pazifikregion leben 54 % der Bevölkerung auf gerade einmal 15 % der Fläche. Ganz anders sieht es in der Atlantikregion aus, wo nur 14 % der Gesamtbevölkerung auf immerhin 56 % der Landesfläche leben.
Etwa 75 % der Nicaraguaner sind Mestizen (Nachkommen aus der Verbindung von Weißen und Indianern), 10 % gelten als Weiße, rund 8 % zählen sich zu den indigenen (indianischen) Volksgruppen, darunter die Miskito, Mayagna/Sumo und Rama. Kleinere ethnische Minderheiten bilden die Nachfahren afrikanischer Sklaven (Kreolen) und die Garífuna, um 1800 von der Karibikinsel Saint Vincent eingewanderte sog. „Schwarze Kariben“ (Mischlinge aus Karib-Indianern und afrikanischen Sklaven) sowie Mulatten (Nachfahren von Schwarzen und Weißen) und Zambos (Nachfahren von Schwarzen und Indianern).

Sprache: Amtssprache ist Spanisch. In der Pazifikregion und im zentralen Landesteil wird allgemein Spanisch gesprochen, wogegen in der Atlantikregion ein kreolisches Englisch und Indianersprachen dominieren. Für Besucher des Landes, die sich in der Regel in den pazifischen und zentralen Landesteilen aufhalten, sind Grundkenntnisse des Spanischen unerlässlich, da Englisch wenig verbreitet ist.   

Religion: In Nicaragua herrscht Religionsfreiheit. Etwa 16 % der Einwohner bezeichnen sich als konfessionslos, knapp 59 % als katholisch und rund 22 % als evangelisch (Baptisten, Adventisten, Anglikaner, Mennoniten, Angehörige der Herrnhuter Brüdergemein(d)e).

Wirtschaft: Die Lage ist alarmierend. Somoza-Diktatur, Bürgerkrieg, das Versagen der nachsandinistischen Regierungen, Naturkatastrophen, aber auch Korruption und ausufernde Vetternwirtschaft haben Nicaragua bettelarm gemacht. Nach Haiti und gleichauf mit Bolivien zählt es zu den Armenhäusern auf dem amerikanischen Kontinent. Der UNO-Human-Development-Index 2007 platziert Nicaragua auf Rang 110 von 177 Staaten. 2006 mussten fast 80 % der Bevölkerung von weniger als zwei Dollar täglich ihr Leben fristen, 45 % hatten sogar nur einen Dollar oder weniger zur Verfügung. Die nicaraguanische Wirtschaftsleistung befindet sich heute immer noch unter dem Niveau, das sie vor der sandinistischen Revolution 1979 erreicht hatte.
Dabei ist Nicaragua ein potentiell reiches Land mit der größten und überdies äußerst fruchtbaren landwirtschaftlichen Nutzfläche Zentralamerikas. Die angrenzenden Meere sind fischreich, eine nachhaltige Forstwirtschaft wäre möglich, Rohstoffvorkommen sind erst ansatzweise erschlossen. Etwa 1,5 Mio. „Nicas“ leben (nicht wenige illegal) als Wirtschaftsflüchtlinge im Ausland, zumeist in den USA und im Nachbarland Costa Rica, das ein fünfmal höheres Prokopfeinkommen aufweist. Ihre Geldüberweisungen (remesas familiares) entsprechen 33 % der Exporterlöse und 12 % des BIP. Die Land- und Fischwirtschaft trägt mit 20 % zum BIP bei. Sie ist der „Wachstumsmotor“. Wichtigste Exportgüter sind Kaffee, (Rohr)-Zucker, Rindfleisch, Bananen, Meeresfrüchte, Gold. Die Textilindustrie zeigt Aufwärtstendenzen und der Tourismus entwickelt sich ebenfalls erfreulich: 2006 kamen 770.000 Besucher ins Land, darunter rund 10.000 Deutsche. Übernachtungs- und Tagesgäste ließen 239 Mio. Dollar in den Kassen. Es könnte mehr sein, doch läßt sich das touristische Potential bei der unzureichenden Infrastruktur kaum erschließen. Am deutlichsten wird das auf dem Verkehrssektor. So ist die Atlantikregion nur durch eine einzige Straße mit dem Rest des Landes verbunden. Von ca. 20.000 Straßenkilometern sind gerade einmal (je nach Quelle) 2.500 bis 7.500 km asphaltiert. Der Busverkehr ist unübersichtlich, dafür preiswert und immer voller Überraschungen. Inlandsfluglinien verbinden Managua mit einigen wenigen Zielen im Regenwaldgebiet und an der Atlantikküste.