DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

Der Regen klatscht gegen die Scheiben des Restaurants und lässt die vorgelagerte Insel Old Ferrolle Island zu einer irritierenden Collage zusammenfließen. Was für ein Land! Seit ein paar Tagen reise ich auf dem Viking Trail. Ich habe gesehen: düstere Steilküsten, eine gewalttätige, schwarze See mit weißen Mützen, grau aufgerautes Wetter mit explosiven Sonnentagen. Eine Sonne, die sich morgens wie Eigelb über die Long Range Mountains ergoss, aber schon mittags nur noch fahl durch eine Waschküche funzelte. Jungfräuliches Land vor dem Sündenfall, bevor der Mensch passend machte, was von Natur aus nicht zusammenpasst. Und verlorene Fischernester, so weit auseinander, dass sich die Dörfler nicht gegenseitig die Schafe stehlen können. Sagen jedenfalls die Neufundländer, grinsen aber dabei, als handle es sich um einen der berühmten Newfie-Witze. Im Gros Morne National Park mahnten Schilder, die Bremsen zu prüfen, so steil ging es hinab zur fjordartigen Bonne Bay. Ich stapfte durch die Mondlandschaft der Tablelands, die wegen ihrer geologischen Formationen zum UNESCO-Weltkulturerbe geadelt wurde. Ich schipperte mit einem Ausflugsdampfer durch die Eingeweide des Western Brook Pond, der 700 m tiefe Kerben in die Long Range Mountains geschnitzt hatte. Vertilgte Kabeljau - wohlgemerkt nur für den häuslichen Gebrauch gefangenen, das Verbot des kommerziellen Kabeljaufangs, der 25000 Fischer arbeitslos gemacht hat, soll „King Cod“ sich erholen helfen - bei Familie Parsons im Seaside Restaurant in Trout River und guckte dabei den Buckelwalen in der kleinen Bucht zu. Im Studio Gargamelle in Port-au-Choix traf ich, einfach so, einen Fischer namens Ben Ploughman, der auf Künstler umgesattelt hatte und Neufundland-Premier Brian Tobin gerade ein paar seiner aus Hummerreusen zusammengenagelten Bilder verkauft hatte. Und in St. Lunaire traf ich Stephen Knudsen in seinem Laden. Stephen stellte eine Tasse Kaffee vor mich hin und erzählte mir vom sog. Ogham-Stein nicht weit von hier. Von geheimnisvollen Inschriften auf diesem Stein, die noch niemand entziffert habe, aber von Historikern als Spielart der im 6. Jahrhundert in Irland ausgestorbenen Ogham-Schrift gedeutet würden. Stephen machte Marmelade aus den wilden Beeren der Umgebung.  Was aber, wenn die Legende vom Hl. St. Brendan doch wahr wäre? Der irische Missionar soll im 6. Jahrhundert in einem Fellboot über den Atlantik gesegelt sein. Stephen träumte von einem Marmeladeboom.

Seite 1 / 2 / 3 / 4 / zur Startseite



Reiseveranstalter Kanada




 

Twitter
RSS