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Kanada - Neufundland

Vor 1000 Jahren begann in Neufundland die europäische Zeitrechnung Nordamerikas. Oder vielleicht doch nicht?

Text: Ole Helmhausen
Fotos: Michel Julien

Ihr Parka hängt schief über der Lehne. Unter ihrem Stuhl: Ein kleiner Teich, ein Haufen nasser Sand, ein paar Steinchen. Alles vom Strand hereingeschleppt, wo sie wieder herumgesucht hat und von einem Schauer überrascht wurde. Unruhig rutscht sie auf der Stuhlkante hin und her, gestikulierend, heftig zwinkernd. Immer wieder fällt ihr diese widerborstige Strähne aus ihrer Jungmädchenfrisur ins Gesicht. Sie pustet, es hilft nicht, sie fährt sich durch die Haare und schafft doch nur vorübergehend Ordnung. Aus der Gruppe busreisender Senioren, die hier im Restaurant des Plum Point Motel am Viking Trail eingekehrt ist, sticht sie heraus wie ein bunter Vogel in einer Versammlung von Pinguinen. Dabei ist sie über siebzig und älter als die meisten in der Runde. Jetzt zwinkert sie wieder, diesmal noch heftiger. Es ist ihr ein Herzensanliegen, was sie hier sagt. Jeder spürt das. Sie will, dass ihre Zuhörer verstehen. Ihre Faszination für ein Thema nachempfinden, dem sie ein ganzes Leben gewidmet hat: die baskischen Fischer und Walfänger, die in den rauen Gewässern um Neufundland und der Strait of Belle Isle segelten, lange bevor Kanada 1534 offiziell von Jacques Cartier entdeckt wurde.

Ich habe Selma Huxley Barkham einfach so kennen gelernt. Hier oben im Norden der Northern Peninsula von Neufundland lernt man viele Leute "einfach so" kennen. Am Ende der Welt ist der Umgang wohl entspannter. Die Kellnerin bringt Kaffee. Selma zwinkert wieder und entschuldigt sich für den Dreck unter ihren Stiefeln. “No problem, Selma“, lächelt die Kellnerin. Unsere Selma.

Neufundland / Barkham
Selma Huxley Barkham

Alle hier am Viking Trail, der als Highway 430 von Deer Lake aus schnurgerade heraufzieht und oben in St.Anthony endet, wo es die einzige Ampel der Halbinsel gibt und wo die Touristen absteigen, wenn sie die Wikingerstätte in L`Anse-aux-Meadows abgehakt haben: alle hier nennen sie so. Respekt und Stolz schwingen darin mit. Denn eigentlich hat Selma Barkham es nicht nötig, jeden Sommer ein paar Wochen im Plum Point Motel abzusteigen und leibesschweren Bustouristen aus Michigan von „ihren“ Basken zu erzählen. Ebensogut könnte sie mit Vorträgen gutes Geld verdienen. Seit sie nämlich in den siebziger Jahren gegenüber in Red Bay - das Fischernest liegt bereits in Labrador - eine baskische Walfangstation mitsamt Galeonen gefunden hat und damit ein neues Kapitel der Entdeckungsgeschichte Amerikas schrieb, wurde sie mit Orden und Ehrendoktoraten überschüttet.

Neufundland / Red Bay
Red Bay

In Bilbao ist sie sogar Honorarkonsulin. Bis heute hat sie ein Dutzend dieser frühindustriellen Anlagen, wo jeweils bis zu 1000 Männer Walöl kochten, in Labrador und im benachbarten Québec geortet, dazu unzählige Stellen in Neufundland, die im 16. und 17. Jahrhundert regelmäßig von baskischen Fischern angelaufen wurden.

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