
Erste Begegnung mit Afrika
Text und Fotos: Ulla Ackermann
Namibia, im Südwesten Afrikas gelegen und bis vor einiger Zeit noch mit dem zweifelhaften Prädikat einer Hochburg miefiger Deutschtümelei versehen, hat sich in ein afrikanisches Land gewandelt. Und dieses neue Namibia kennen zu lernen, lohnt sich, meint Ulla Ackermann.

Namibier
mit Nationalflagge
auf dem T-Shirt
Aufgebrachte Traditionalisten im Internet
Der Skandal ist perfekt. Da hat der Präsident Namibias doch die Kaiser-Wilhelm-Straße in Swakopmund auf seinen Namen umgetauft. In Sam Nujoma Avenue! Ausgerechnet die altehrwürdige Kaiser-Wilhelm-Straße, die um 1900 zu Zeiten der ersten deutschen Siedler in Südwestafrika gebaut wurde, die direkt am Atlantik mündete und die so breit ist, dass Ochsengespanne bequem darauf wenden konnten. Welch ein Skandal! Die Empörung ist überbordend – im Internet. Da melden sich aufgebrachte Traditionalisten gleich gruppenweise unter der Rubrik Leserbriefe auf der Website der Allgemeinen Zeitung von Namibia, aber alle aus Deutschland. So beschreibt ein so genannter Verein der Fünf „die Schande, die dieser schwarze Präsident mit seinem Anti-Deutschtum über das wunderbare Land schüttet“; ein Herr (68) möchte die „Zeit noch einmal zurückgedreht wissen, und alle schwarzen Politiker ins Meere getrieben“ sehen; und wieder andere jammern und orakeln im Chor: „Als nächstes wird wohl das deutsche Reiterdenkmal in Windhoek daran glauben müssen!“
Wir sind hier nicht mehr hinter dem Mond!
„Na,“ lacht Ruben Smit, der seinen Hund gerade durch den Windhoeker Stadtpark Gassi führt und das Reiterdenkmal dabei im Blick hat, „noch steht´s ja da und wird auch wohl nicht so schnell wegkommen.“ Er zuckt die Achseln: „Und wenn, wär´s ja auch nicht wichtig.“ Traditionen hin und althergebrachte deutsche Kultur her, von Traditionalismus hält man in Namibia nicht mehr viel, scheint, im Gegenteil, froh zu sein, die Relikte altvorderen Deutschtums endlich los zu werden. Mit den Worten, man „sei doch auch hier nicht hinter dem Mond“, wird die Aufregung über Straßenumbenennungen oder die mögliche Demontage martialischer Monumente ignoriert. Sogar die Allgemeine Zeitung, einzige deutsche Zeitung Afrikas und allerorten als hochnot-konservativ bekannt, war genervt und schloss den Leserbriefkasten zum Thema ehemalige Kaiser-Wilhelm-Straße bereits nach einer Woche.

Denn, was viele in Deutschland noch gar nicht wahrgenommen haben, vielleicht auch nicht wahrhaben wollen, hat bereits stattgefunden: Namibia hat den Wandel von der Enklave ewig gestrigen Deutschtums in ein afrikanisches Land vollzogen. Nachdem das Land im Südwesten Afrikas viel zu lange als Bastion treudeutscher Gesinnung und Traditionen galt.