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Die Seele eines Landes offenbart sich in der Musik

Musik aus aller Welt

Winfried Dulisch

Arhoolie

Der legendäre Platten-Laden in der San Francisco Bay Area

 

Die bisherigen Empfehlungen unseres Musik-Experten Winfried Dulisch finden Sie unter Musik aus aller Welt.

 

„Die Rolling Stones haben mir den Anbau hinter meinem Schallplatten-Laden finanziert“, erinnert sich Christian Alexander Maria Graf Strachwitz von Groß-Zauche und Camminetz. Der Nachfahre eines Adelsgeschlechts aus Niederschlesien emigrierte 1947 in die USA. Dort brachte er seinen Namen auf eine für Amerikaner leichter auszusprechende Kurzform: Chris Strachwitz.

Der US-Neubürger vergiftete sein blaues Blut endgültig mit diesem Virus, der von seinen Lehrern noch als „entartete Musik“ und als „nicht vereinbar mit dem Schönheitsideal des Nationalsozialismus“ verunglimpft worden war. Der „Count“ (Graf), wie ihn seine Fans – und vor allem die Musiker – heute nennen, verfiel endgültig dem Jazz.

Lieblingsplatten

In den 1950ern entwickelte sich der „Negermusik“-Liebhaber Chris Strachwitz vom bloßen Hörer und Plattensammler zum Konzert-Veranstalter und Plattenhändler. Seine damaligen Lieblingsplatten kamen von solchen Jazz-Größen wie Billie Holiday oder Louis Armstrong.



Der Count interessierte sich zunehmend für die Wurzeln der afro-amerikanischen Musikkultur. 1960 gründete Strachwitz für Musikfreunde, die sich ebenfalls „back to the roots“ orientierten, seine Plattenfirma: Arhoolie Records.

Baumwollpflücker

Dieser Label-Name sollte Erinnerungen wecken an die Fieldhollers. Mit solchen lautstarken Rufen kommunizierten die Baumwollpflücker in den Südstaaten der USA bei ihrer Arbeit miteinander – ähnlich wie die Jodler in den Bergen über große Entfernungen hinweg: Aaarrrhoooolieeeh! Der Arhoolie-Chef machte mit seinem Reportage-Tonbandgerät erst einmal Aufnahmen von unbekannten Blues- und Gospel-Sängern.



1964 veröffentlichte Arhoolie eine LP von Mississippi Fred McDowell, einer der Album-Tracks war „You Gotta Move“. Die Rolling Stones hörten diesen Song und nahmen ihn auf für ihr 1971er-Album „Sticky Fingers“. Das Management der Stones hielt den Song für ein copyright-freies Werk. Auf dem Platten-Etikett nannten die Stones als Autor den Arhoolie-Vertragskünstler Fred McDowell.

Vor Gericht

„Zusammen mit dem Manager von Gary Davis ließen wir vor Gericht die Tantiemen-Ansprüche klären.“, erinnert sich Strachwitz. „Der Gospel-Sänger und Straßen-Prediger Reverend Gary Davis hatte den Song mit einer gezupften Gitarre eingespielt. Fred McDowell verwendete dazu eine Slide-Guitar, die so ähnlich klingt wie eine wimmernde Hawaii-Gitarre.“

Die Richter entschieden: Wenn ein Künstler die Slide-Version spielt, bekommt McDowell drei Viertel der Tantiemen, Davis bekommt den Rest. Bei Cover-Versionen mit Guitar-Picking ist es umgekehrt.

Vertragspartner

Chris Strachwitz freut sich heute noch für seinen Vertragspartner: “Ich konnte dem Fred kurz vor seinem Tod einen Scheck über 7.000 Dollar bringen. Es war der größte Betrag, den er je in seinem Leben bekommen hatte.“

Fred McDowell.reagierte ebenso gelassen wie tief gerührt auf die Nachricht, dass die Stones seinen Song auf eine Langspielplatte gepresst hatten: “Ich bin glücklich, dass diese Jungs meine Musik mögen.“ Der Anbau, den Chris Strachwitz von seinem Musikverleger-Anteil bauen ließ, steht immer noch hinter dem Shop von Arhoolie Records.

Weckruf

Auf die Liebhaber von Blues, Folklore und Weltmusik wirkt der Firmenname wie ein Weckruf: Aaarrrhoooolieeeh!!! Dabei sieht der Arhoolie Record Shop an der San Pablo Avenue, Hausnummer 10341, im kalifornischen El Cerrito so aus, als wäre er ein ganz normaler An- und Verkaufsladen für Tonträger.



El Cerrito liegt in der San Francisco Bay Area. Die Brüder John und Tom Fogerty, bekannt als die Gitarristen von Creedence Clearwater Revival, wuchsen in dieser Schlafstadt vor den Toren von Berkeley auf. Berkeley war aber auch ein politischer und kultureller Unruheherd in der Mitte von Kalifornien.

F! U! C! K!

Nach Berkeley zog es in den Sixties den Sänger und Gitarristen Joseph McDonald alias Country Joe Mc Donald. Seine kulturpolitisch nachhaltigste Wirkung erzielte der Protestsänger, indem er diese Buchstabenfolge salonfähig machte: „Gimme an F! Gimme a U! Gimme a C! Gimme a K!“ – bekannt als „Fuck“-Intro zu seinem „Fixin’ To Die Rag“, einem bissigen Protestsong gegen den Krieg in Vietnam.

„Joe nahm diesen Song 1965 in meinem Wohnzimmer auf“, erinnert sich Chris Strachwitz. „Anschließend wollte er mir das Tonband-Material bezahlen. Ich fragte ihn, ob er mir die Verlagsrechte geben könne.“ Der Vertrag wurde per Handschlag besiegelt. Ein kleines Alternativ-Label veröffentlichte die Aufnahme und verkaufte davon bei einer Protest-Veranstaltung gerade mal 500 Exemplare.“

Aufschrei

Im August 1969 brüllten auf einer Kuhwiese im US-Bundestaat New York 300.000 Woodstock-Festivalbesucher „Fuuuuuuuuck!“ und machten Country Joe’s „Eins, zwei, drei – wofür kämpfen wir eigentlich?“ zum kommerziell erfolgreichsten Aufschrei gegen den US-Militäreinsatz in Südostasien.

Mit diesem Tantiemen-Gewinn konnte Arhoolie weiter expandieren. Chris Strachwitz produzierte dank „Fixin‘ to Die“ mehrere Alben mit unbekannten Blues- und Folk-Musikern, die bei einer andere Plattenfirma nicht einmal ihr Bewerbungs-Tonband hätten abgeben dürfen.

Blues-Röhre

Gerne erinnert sich der Count auch an die 1984 verstorbene Willie Mae "Big Mama" Thornton. Die Sängerin hatte einer Janis Joplin und anderen Blues-Röhren als Vorbild gedient. „Big Mama Thornton war kommerziell wie auch künstlerisch ein Glücksfall für Arhoolie. Zu ihren Lebzeiten hatte sie nur wenige Langspielplatten veröffentlicht. Wer sich für sie interessierte, der schaute in den Arhoolie-Katalog.“



Dabei hatte Big Mama lange vor ihrem ersten Arhoolie-Album einen Karrierestart nach Maß hingelegt: Das Songwriter-Duo Jerry Leiber und Mike Stoller schrieb ihr den Rock’n’Roll-Evergreen „Hound Dog“ auf den korpulenten Leib. Die Scheibe war 1953 sieben Wochen lang in den – für afro-amerikanische Musiker reservierten – Rhythm-and-Blues-Charts die Nummer eins und verkaufte eine halbe Million Exemplare.

Dreckshund

Drei Jahre später schnauzte ein schamlos mit den Hüften wackelndes Milchgesicht aus Tupelo (Mississippi) in den New Yorker RCA-Studios seine Version vom „Dreckshund“ ins Mikrophon. Das Ergebnis war eine musikhistorische Revolution: der weißgespülte „Hound Dog“ verkaufte sich mehr als sechs Millionen Mal.

Presley-Museum „Graceland“, Memphis, Tennessee

Außerdem belegte dieser Rock’n’Roll-Klassiker wochenlang die jeweils ersten Plätze in den Pop- und Country- und Rhythm-and-Blues-Hitparaden der US-Plattenverkaufslisten. Deshalb gilt Elvis Presley als der erste Crossover-Star der Tonträger-Geschichte.

Crossover – also die Verbindung verschiedener Stilrichtingen, um eine möglichst große Käuferschicht zu erreichen – war kein Betätigungsfeld für Arhoolie. Chris Strachwitz vertraute viele mehr darauf, dass authentisch klingende Regional-Musiker ihren Markt haben – und zwar auch außerhalb ihrer jeweiligen Herkunftsregion.

Barrique ausgebaut

Vor allem der Blues-Barde Sam ‚Lightnin' Hopkins imponierte dem Plattenproduzenten Chris Strachwitz. „Ich war fasziniert von seiner Performance. Am liebsten hätte ich ihn sofort aufgenommen in diesem winzigen Beer Joint in Houston, Texas.“


Zwischen 1961 und -69 produzierte der Count – meist in einer gemütlichen Wohnzimmer-Atmosphäre – zahlreiche Hopkins-Aufnahmen. Bei diesen legendären Sessions grantelte und nuschelte Lightnin’s vom Leben geräucherte, gut abgehangene und Barrique ausgebaute Stimme.

Ein Gegenentwurf zu dem bereits in den 1950ern „nationwide“ bekannten Blues-Raubein Lightnin' Hopkins war der vergleichsweise samtweich singende Mance Lipscomb. Der Talentsucher Strachwitz spürte diesen Sänger und Gitarristen ebenfalls in Texas auf.



Mance Lipscomb war väterlicherseits Afrikaner, die Mutter stammte von nordamerikanischen Ureinwohnern ab. Das Repertoire des bestand aus eingängigen Volksliedern. Während andere Blues- und Folk-Legenden mal in diesem, mal in jenem Plattenstudio ihre Songs einspielten, steht der überwiegende Teil des Nachlasses von Mance Lipscomb heute im Katalog eines einzigen Labels: Arhoolie.

Kritische Masse

Diese kleine Plattenfirma aus Kalifornien unterscheidet sich von jenen großen Medien-Comapnies, die in den Sixties ebenfalls eine kulturpolitisch kritischer gewordene Masse als Zielgruppe entdeckt hatten. Nur ein Beispiel: Columbia Records veröffentlichte Mitschnitte von Gefängnis-Konzerten, bei denen Johnny Cash den Knackis was vorsang: „At Folsom Prison“ und „At St. Quentin“.

Chris Strachwitz ließ die Betroffenen selbst zu Wort kommen. Die Arhoolie-Alben „Angola Prison Spirituals“ und „Angola Prisoners' Blues“ zeigen, wie die Weggesperrten sich auf der berüchtigten Gefängnis-Farm Angola in den Sümpfen von Louisiana ihre Menschwürde und ihre kulturelle Identität bewahrten.

Walzer und Rock’n’Roll

In Lousisiana entdeckte Strachwitz auch den französisch singenden Akkordeon-Spieler Clifton Chenier. Dessen Cajun-Rhythmen tänzelten zwischen Walzer und Rock’n’Roll hin und her. Während andere Labels immer nur den Gitarristen eine Chance gaben, produzierte Arhoolie sogar den Tex-Mex-Musikanten Santiago Jiménez jr., der mit Hispano-Feeling und Polka-Groove die Grenze zwischen Texas und Mexiko überschritt.


Beide Akkordeonisten wurden für ihr Lebenswerk später ausgezeichnet mit dem „National Heritage Fellowship“. Diese Ehre erweist der US-Präsident jedes Jahr bis zu 15 Leuten, die sich um die Bewahrung der kulturellen Vielfalt in den Vereinigten Staaten von Amerika verdient gemacht haben.

Zu den bisherigen Trägern dieser Auszeichnung gehören zum Beispiel die Korbflechterin Evalena Henry für ihre Pflege einer uralten Apachen-Tradition. Oder die Sioux-Geschichtenerzählerin Mary Louise Defender Wilson. Die Puppenspieler Yuqin Wang und Zhengli Xu. Die Klezmer-Musikanten Epstein Brothers. Außerdem die Blues-Gitarristen John Lee Hooker und B.B. King.

Höchste Ehre

Im September 2000 lag auch im Arhoolie-Briefkasten ein Schreiben mit dieser Absenderangabe: The White Hhouse, Washington. „Lieber Chris“, schrieb der damalige Präsident, „ich gratuliere Dir dazu, dass Du von der Nationalen Kunststiftung ausgewählt wurdest. Du hast diese höchste Ehre im Bereich der traditionellen Künste wahrhaftig verdient.“

Außerdem bestätigt der Brief dem Plattenproduzenten: „Du hast einen wertvollen Teil des lebendigen Kulturerbes unserer Nation zum Nutzen zukünftiger Generationen bewahrt. Wir haben das Glück, in einem Land leben zu dürfen, wo die Fähigkeiten und Traditionen von Menschen aller Kulturen unser Leben bereichern. Hillary schließt sich meinen guten Wünschen für Deine Zukunft an. Mit freundlichen Grüßen – Bill Clinton“


Text & Fotos: Winfried Dulisch


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