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Montenegro im Überblick

Es war im Jahre 1809, als Englands romantischer Poet Lord Byron zu seiner „Grand Tour“ aufbrach, der damals obligatorischen Bildungsreise von Söhnen des Adels und gehobenen Bürgertums. Er bereiste den Süden Europas, durchquerte Griechenland und die Bergwelt an der südlichen Adria und zog weiter nach Istanbul. Wie sein Reisejournal verrät, geriet der Besuch der albanisch-montenegrinischen Gestade offenkundig zu einem der Höhepunkte seiner Tour: „Als unser Planet geschaffen wurde, muß sich die schönste Begegnung zwischen Land und Meer an der montenegrinischen Küste zugetragen haben. Und als die Perlen der Natur verteilt wurden, wurden sie mit vollen Händen in diesem Landstrich ausgestreut.“

Es fällt nicht schwer, sich auszumalen, zu welchen Hymnen ihn die großartigen Gebirge und Wälder, die Fluß- und Seenlandschaften animiert hätten, wäre er nur tiefer ins Innere dieses Landes vorgedrungen, das auf kleinstem Raum eine geographische Vielfalt aufweist, wie es sie kein zweites Mal auf dem Kontinent gibt, die mediterranen Küstenszenen und submediterranen Berglandschaften, dichte Wälder und schwarze Seen, rauhe Gebirge und liebliche, unberührte Bergtäler, dazu viel historisches Gemäuer und ein reiches, kulturelles Leben.

Montenegro, am Fluss Crnojevica

Am Fluss Crnojevica

Um an Lord Byron anzuknüpfen: Wo Meer und Land aufeinandertreffen, finden sich auch heutzutage die meisten Reisenden ein. Es ist das touristische Paradestück des Landes, seine „Riviera“, ausgestattet mit Hotels aller Kategorien, schönen Sand-, Kies- und Felsstränden und kristallklarem Wasser, Jahrhunderte alten Olivenhainen und historischen Küstenstädten, die Kirchenkuppeln und mittelalterliche Festungen krönen und dahinter bauen sich, den Rängen eines Amphitheaters gleich, die karstigen Flanken des Küstengebirges auf.

An einem der schönsten Abschnitte liegt Montenegros Urlauber-Hochburg Budva. Unlängst feierte das Städtchen seinen 2.500 Geburtstag. Seine Mauern aus dem 15. Jahrhundert umschließen eine von engen Gassen und kleinen Plätzen durchzogene Altstadt mit Baudenkmälern von großem historischem und künstlerischem Wert. Etwas ganz Außergewöhnliches drängt sich nicht weit von Budva auf einem winzigen Felseiland zusammen. Es ist das frühere Fischernest Sveti Stefan. 1960 wurde das durch einen schmalen Damm mit dem nahen Ufer verbundene Dörfchen in ein exklusives Urlaubsdomizil umgewandelt, wo sich Königin Elisabeth II. von den Windsors erholte, Richard Widmark, Doris Day und Kirk Douglas vom Hollywoodzirkus und Umberto II., für dreiunddreißig Tage letzter König Italiens, vergangenen Glanzzeiten nachtrauerte, wo von der schreibenden Zunft Alberto Moravia, André Malraux und Günter Graß Station machten und von den Schönen der Welt neben vielen anderen sich auch Claudia Schiffer einfand. Es war immer sündhaft teuer, hier zu urlauben und man wird noch tiefer in die Tasche greifen müssen, wenn erst die Investoren aus Singapur ihr „Upgrading“ beendet haben werden.

Reizvoll in Sichtweite liegen Strand und Residenz Miločer, im frühen 20. Jahrhundert Sommerrefugium der serbischen Königsfamilie Karadjordjević, jetzt für jedermann zugänglich, aber nicht ohne weiteres bezahlbar. Entlang der „Riviera“ nach Süden locken die Sand- und Kiesstrände von Petrovac, Buljarica, Čanj und Sutomore. Dann schiebt sich mit Bar Montenegros größte Hafenstadt ins Bild. Berühmt ist das Gebiet um den Handels- und Verkehrsknotenpunkt für seine Olivenhaine, die unter Hunderttausenden uralter Exemplare den ältesten Baum Europas hervorgebracht haben, einen zweitausend Jahre alten Olivenveteranen, der immer noch Früchte trägt. Nicht weit von hier hat das andere, das alte Bar (Stari Bar) als „montenegrinisches Pompeji“ die Zeiten überdauert. Die bedeutendste archäologische Stätte des balkanischen Mittelalters bedeckt ein steiles, felsiges Gelände voller Zypressen, Efeugestrüpp und Oleanderbüschen. Ruinen und viele restaurierte Bauten, die bis in das 11. Jahrhundert zurückreichen, ziehen sich den Hang hinauf, darunter ein Aquädukt und Türme, Kirchen und Kathedralen, Stadtmauern und Werkstätten, Wohnhäuser, Moscheen und Hamams – architektonische Leckerbissen aus allen Phasen der Stadtgeschichte.

Dann Ulcinj, schon ganz nahe der albanischen Grenze, eine uralte Siedlung, die Griechen, Römer und Illyrer, Byzantiner, Venezianer und Türken kommen und gehen sah. In vergangenen Jahrhunderten Piratenstützpunkt, Schiffswerft und Sklavenmarkt, auf dem auch der spanische Dichter Miguel de Cervantes gefangen gehalten und dann versteigert wurde, lebt Ulcinj heute von friedlichen Touristen, die es an die schönen Sandstrände zieht, besonders an den 13 km langen Großen Strand (Velika Plaža), dessen Sand durch seinen Jod- und Salzreichtum Heilung bei rheumatischen Erkrankungen verspricht. Wem jedes Gramm Textil am Körper zu viel ist, strebt zur Ada Bojana, einer kleinen, dreieckigen Sandinsel, die sich europaweit den Ruf eines Nudistenparadieses erworben hat.

Montenegro, Bucht von Kotor

Blick auf die Bucht von Kotor

Ganz anders das Landschaftsbild am nördlichen Ende der „Riviera“, wo die Berge bis ans Ufer vordringen und die Küstenlinie sich unvermittelt zu einem breiten Durchlaß öffnet, dem Eingang zur Boka Kotorska, der Bucht von Kotor. Mit ihren fjordähnlichen Meeresarmen reicht sie achtundzwanzig Kilometer ins Landesinnere hinein, dabei eines der großartigsten Meeres- und Gebirgspanoramen am Mittelmeer modellierend. Seit sechs Jahrhunderten bewacht das in einen mediterranen botanischen Garten getauchte Herceg Novi mit schönem, altem Stadtkern die Einfahrt in die Bucht. Risan, tief in der inneren Bucht, war schon unter römischen Patriziern eine beliebte Sommerresidenz, herrliche Mosaiken erinnern an diese Zeit. Perast, gekrönt von einer venezianischen Festung, verdankt sein barockes Stadtbild den Kapitänen der Stadt, die herrliche Paläste und Kirchen, umgeben von Gärten voller exotischer Gewächse, errichten ließen. Dann der Höhepunkt: Kotor und seine steingepflasterten Straßenzüge, gesäumt von Patrizierpalästen und Kirchen und von einer gewaltigen Stadtmauer umschlossen. Eine im 9. Jahrhundert ins Leben gerufene „Bruderschaft der Seefahrer der Bucht von Kotor“ begründete den Reichtum der Stadt. Neben ihren weitgereisten Schiffscrews trugen auch ihre Künstler und Handwerker, die Baumeister und Ikonographen, zum Ruhme der Stadt bei. Das phantastische Ensemble aus urbanen Patrizierpalästen und reizenden Piazetten, den Seefahrerschutzheiligen gewidmeten Kirchen und atemberaubenden Festungsanlagen steht seit 1979 auf der Liste des UNESCO-Welterbes.

Montenegro, Bucht von Perast

Bucht von Perast

Um das Panorama der Boka Kotorska aus spektakulärer Vogelperspektive zu betrachten, muß der Lovćen über Dutzende Haarnadelkurven von null auf rund tausend Meter erklommen werden. Oben breitet sich schroffes, weiß-graues Karstgestein aus und der irische Dramatiker George Bernard Shaw war sich nach der Besteigung des Lovčen angesichts der ausgezehrten Felsmassen gar nicht so sicher, ob er „im Paradies, im Himmel oder auf dem Mond“ angelangt sei, dem traurigen Weltreisenden des Fin de Siècle, Pierre Loti, war dagegen sofort klar: „Mein Gott, wir sind auf dem Mond!“ Während die Ortsfremden noch fassungslos die Aussicht bestaunen, fühlen sich die mitgereisten Montenegriner hier ihrem „Olymp“ ganz nahe, der Quelle ihrer nationalen Identität, einem Ort von hoher Symbolkraft, Geburtsstätte zweier bedeutender historischer Persönlichkeiten des Landes, des größten montenegrinischen Dichters, Bischof Petar II. Petrović Njegoš, und des letzten montenegrinischen Königs Nikola I. Petrović Njegoš, verehrte Ikonen des montenegrinischen Freiheitsstrebens. Dem wortgewaltigen Bischof, Staatsmann und Philosophen errichtete man auf einem der Lovćen-Gipfel in 1.660 m Höhe ein monumentales Mausoleum.

Montenegro, Perast

Perast

Kurvenreich geht es hinunter in die alte Residenzstadt Montenegros, nach Cetinje, wo heute wieder, dem königlichen Vorbild folgend, der Präsident der jungen Republik residiert. Ein Besuch an diesem Ort ist eine Reise in die Vergangenheit. Jahrhunderte lang war die kleine Stadt auf der Hochebene am Fuße des Lovćen kulturelles und geistiges Zentrum des Landes. Nicht weit vom berühmten Kloster erhebt sich das Schloß von König Nikola I., heute „Memorialmuseum“, und eine Straße weiter liegt das „Blaue Schloß“ des Thronfolgers, das in unseren Tagen als Galerie genutzt wird. Die einstigen Botschaftsgebäude der ausländischen Vertretungen prägen noch immer das Stadtbild. Sorgsam restauriert, beherbergen sie Museen und Akademien. Die alten herrschaftlichen Botschaftervillen und die Vielzahl kultureller Einrichtungen und bedeutender Sakralbauten (Vlaška-Kirche, Cetinje-Kloster, Blaue Kapelle) machen das besondere Flair dieser Stadt aus, die sich so wohltuend vom gesichtslosen Regierungssitz Podgorica unterscheidet.

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Es ist nur ein kurzer Abstecher von Cetinje zum Skutari-See, dem Skadarsko jezero, den die albanischen Nachbarn See von Shkodër nennen. Ein wahres Paradies für Naturfreunde und ein Traumziel für Ornithologen ist dieser größte See auf dem Balkan, größtes Sumpfvögelrevier des Kontinents und einer der letzten Süßwassersümpfe am Mittelmeer. Der zum Nationalpark erklärte riesige See, den malerische Gebirgsformationen umsäumen, weist kleine Inseln, Buchten und Halbinseln auf, zumeist sumpfige Ufer und einen breiten Schilfgürtel. Wasserpflanzen bedecken große Teile seiner Oberfläche, die je nach Jahreszeit zwischen 370 und 550 km² (fast Bodensee-Größe) schwankt. Hier gedeihen Wassernüsse, Steineichen, auch Orchideen, der wilde Granatapfel und die wilde Feige, Lorbeer und die Kornelkirsche. 280 Vogelarten werden gezählt, darunter die bedrohten Krauskopfpelikane, Blaue Reiher, Schwarze Ibisse, Schnepfen. Es gibt Seefrösche in großer Zahl und in den bergigen Uferzonen leben Wildschwein, Fuchs und Wolf. Der Silberkarpfen und der Ukelei zählen zu den großen Delikatessen, die der See den Anglern verspricht. Die kleinen Inseln Moračnik, Beška und Starčevo mit den gleichnamigen Klöstern aus dem 11. bis 15. Jahrhundert lohnen einen Besuch an Bord eines der traditionellen Holzboote.

Am Weg durch das fruchtbare, allmählich enger werdende Zeta-Tal in den gebirgigen Nordwesten liegt das allen Montenegrinern und vielen Orthodoxen in den Nachbarländern ans Herz gewachsene Kloster Ostrog. Das nicht selten von Nebel und Wolken verhüllte Ziel unzähliger Pilger wurde neunhundert Meter über der Bjelopavlić-Ebene halsbrecherisch in den senkrechten Fels hineingebaut. Hier ruhen die sterblichen Überreste des Hl. Vasilije Ostroški, der 1656 das Kloster gründete und darin bis zu seinem Tod 1671 lebte. Er wurde in einer kleinen, zum Klosterkomplex gehörenden Höhlenkirche beigesetzt. Wer den beschwerlichen Aufstieg bewältigt hat, eilt zum Grab des Vasilije in der Hoffnung, durch inbrünstiges Gebet Genesung oder Linderung von Leiden zu finden, wie es schon vielen Gläubigen widerfahren sein soll.

Die Reise geht weiter über Pässe und durch Bergtäler steil hinauf nach Žabljak auf 1.456 m. Die höchstgelegene Balkanstadt ist Luftkurort und Wintersportzentrum und zugleich Ausgangspunkt für Ausflüge in das Durmitor-Gebirge, „wo die Erde den Himmel berührt“, 48 Gipfel die 2.000 m übertreffen, wo es riesige Schneefelder, Gletscherhöhlen und 16 Gletscherseen gibt, 748 Quellen entspringen, sich dichte Tannen- und Fichtenwälder ausbreiten und 2.000 km gut markierte Wanderwege das wilde Terrain von 450 bis auf 2.522 m erschließen. Das als Nationalpark ausgewiesene Gebirgsmassiv umfaßt 39.000 ha und zählt zum UNESCO-Weltnaturerbe. Fünf Canyons haben sich tief in die Kalksteinformationen des Durmitor eingegraben, von denen die Schlucht der Tara am spektakulärsten ist. Die Tara ist einer der letzten wilden Flüsse Europas, ungebändigt und kristallklar. Ihr Canyon ist mit 78 km Länge und 1.300 m tiefem Einschnitt in Europa einzigartig, allein der Grand Canyon des Colorado ist in seinen Ausmaßen noch gewaltiger. Professionell geführtes Rafting mit dafür geeigneten Wildwasser-Schlauchbooten oder traditionellen Holzflößen versprechen abenteuerliche Touren über die fünfzig Stromschnellen der Kategorie III und IV nach der internationalen Schwierigkeitsskala von I bis V.

Bevor die Tara nach Süden abbiegt, berührt sie einen weiteren Nationalpark. Biogradska Gora im Bjelasica-Massiv wurde schon 1878 gegründet, gerade sechs Jahre nach dem weltweit ersten Nationalpark, dem „Yellowstone“. Dicht bewaldet – man spricht von einem der drei letzten Urwälder Europas – ist der Park so etwas wie ein genetischer Schatzkasten, der bei der europaweiten Aufforstung eine wichtige Rolle spielen wird. Allein 86 Baumarten wurden zwischen 850 und 1.800 m Höhe identifiziert und 26 Pflanzenfamilien mit mehr als 2.000 Arten und Unterarten, 20 % davon auf dem Balkan endemisch, konnten nachgewiesen werden. Es ist eine phantastische Wanderregion zwischen riesigen Tannen und Fichten durch nahezu unberührte Natur, vorbei an Gletscherseen, die das Volk „Bergaugen“ nennt, zu Höhlen, Gipfeln und klaren, fischreichen Flüssen.

Für Wanderer, die kaum erschlossene, zivilisationsferne Wälder und Gebirge besonders anziehen, sind die wild gestaffelten Höhenzüge der Sinjajevina-Kette zwischen Durmitor und Bjelasica, das Komovi- und das Prokletije-Massiv an der Grenze zu Albanien genau die richtigen Ziele.

Eckart Fiene
Fotos: © Anita Ericson

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