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Lockruf der Boka

Goldgräbereuphorie an der Bucht von Kotor (Montenegro)

Text und Fotos: Anita Ericson

Hat er? Hat er nicht? Wird er noch? Das waren die Fragen, die vor einiger Zeit die Montenegriner bewegten. Nun, Michael Douglas hat sich zwar kein Anwesen im malerischen Dörfchen Perast gekauft, aber er hat Interesse bekundet und vielleicht kommt er ja doch noch zurück? Perast mit seinem schlanken Kirchturm und seinen venezianischen Villen, seinen Zypressengärten und vor allem seiner Lage am Steilabhang ins stahlblaue Meer ist ein Bilderbuchdorf in einer Bilderbuchlandschaft. Umrahmt von hohen Karstbergen schneidet die Adria hier einen tiefen Fjord ins Land, der sich vor Perast in einer fledermausflügeligen Bucht öffnet.

Montenegro - Perast
Perast

An der Uferpromenade von Perast, auf die sich selten ein Auto verirrt, überblickt man die vielgezipften Linien aus Festland, Halb- und ganzen Inseln der Bucht. Scheinbar unbeeindruckt davon sonnen sich direkt am Wasser eine Handvoll Leute im Schatten cremefarbiger Steinquaderwürfelmauern. Die Terrasse des schlichten Restoran Amfora ragt auf einem Sockel ins Meer hinein. Dienstbeflissen eilt der Kellner herbei und legt die verblasste Speisekarte auf den Tisch. Selbstverständlich weiß auch er vom Besuch von Michael Douglas, schließlich hat er – seine Haltung wird automatisch aufrechter – ihn persönlich bedient! „Er hat mit seiner Yacht angelegt und ist mit Frau, Kindern und Kindermädchen zum Essen gekommen. Und da sind sie gesessen.“ Aufregend, oder? „Ach, wissen Sie, wir haben viele Promis in Perast, wir sind das gewöhnt“.

Montenegro - Perast
Perast

Die Montenegriner strotzen vor Selbstbewußtsein. Stolz geschwellter Brust behaupten sie gar, Montenegro wäre das neue Monte Carlo. Ganz so Unrecht haben sie damit freilich nicht, in den letzten Jahren hat ein wahrer Run auf Immobilien eingesetzt – von gut, besser und bestens betuchten Russen, Engländern und Iren, die sich ausgerechnet an der Küste zwischen Dubrovnik und Albanien ihren privaten Rivieratraum erfüllen möchten. Nahezu egal, was es kostet. „Einerseits gibt es sehr günstige Angebote“, weiß dazu Dieter Wenzel, deutscher Geschäftsführer des ortsansässigen Immobilienbüros Invest Komerc, „Andererseits sind siebentausend Euro pro Quadratemeter für eine unsanierte Wohnung in der Altstadt von Kotor oder eine Million Euro für eine verfallene Villa irgendwo in einem Örtchen an der Küstenstraße auch schon bezahlt worden“. Es herrscht Goldgräberstimmung, die Einwohner reiben sich ob der Spendierfreudigkeit der Ausländer die Hände. Dieter Wenzel, der sich selbst auf Anhieb ins Land verliebt hat und „min-des-tens die nächsten zehn Jahre“ hier bleiben möchte: „Viele Einheimische besitzen große Stücke Land – und die Preise steigen von Monat zu Monat“. Nur hinter vorgehaltener Hand munkelt man etwa über den Kaufpreis für jenes Grundstück, das sich angeblich Juri Luschkow, Bürgermeister von Moskau gemeinsam mit Roman Abramović, seines Zeichens russischer Multimilliardär, auf der zur Adria hin offenen Seite der Bucht unter den Nagel gerissen hat. Zur Orientierung: Neo-Nachbar Ralf Schumacher blätterte siebeneinhalb Millionen Euro für ein 150.000 Quadratmeter großes, noch unverbautes Grundstück auf den Tisch eines wahrscheinlich zuhöchst erfreuten Immobilienhändlers in Herceg Novi.

Landschaften wie in einem barocken Stillleben

Montenegro - Blick auf die Bucht von Kotor
Blick auf die Bucht von Kotor

Aber bitte: es ist auch wirklich sehr, sehr schön an der Boka, wie die Bucht von Kotor kurz genannt wird. Im Rahmen dieser gewaltigen, norwegisch anmutenden Fjordlandschaft formen versteckte Bauernweiler, naturbelassene Buchten, mediterrane Dörfer und winzige Kiesstrände an glasklaren Wassern ein barockes Stillleben, für das es mehr als einen Blick braucht, um sämtliche Details zu erfassen. Schmale Landstraßen winden sich über die Halbinseln und Landnasen durch aromatisches Macchia-Gestrüpp, vorbei an silbrig schimmernden Olivenhainen, an nach Kokos duftenden Feigengärten und an grasdurchsetzten Steinmauern. Nur ab und an ein kleines Dorf, dessen Bewohner von Pršut, Olivenöl und Käse leben. Inmitten dieser ländlichen, oleandergezierten Idylle tauchen unvermittelt coole Strandbars und schicke Restaurants auf, das breite, unansehnliche Spektrum dazwischen – Shoppingzentren in Geiz-ist-Geil Manier, Starbucksfilialen oder uniforme Ferienhaussiedlungen etwa – lässt man hier völlig beiseite. Entweder bodenständig oder anständig. Auf den höchsten Hügeln tut sich ein fleckiges Panorama aus Bergen und Wasser auf, das sich einzuprägen weiß. Die Perle der Boka ist Kotor, ein altstädtischer Traum von weißem, dalmatischen Stein zu italienischen Schnörkeln und strengeren k.u.k.-Formen verwoben. Davor liegen sommers Yachten vor Anker, für deren blanken Kaufpreis sich unsereiner das komplette Leben finanzieren könnte.

Montenegro - Kotor
Kotor

Zurzeit entdecken Österreicher und Deutsche das Land ihrer Kindheit wieder, Engländern und Amerikanern wallt das Blut in Abenteurerlaune, wenn sie erstmals einen Fuß mitten auf den Balkan setzen. Sagenhafte Steigerungsraten an internationalen Ankünften lassen den großen Pauschalreiseveranstaltern Eurozeichen in den Augen leuchten – jetzt wo sich endlich wieder was tut: auf die goldenen Zeiten als Teil der jugoslawischen Adria folgte auch hier der komplette Niedergang im Tourismus als Folge des Balkankriegs. Bestes Beispiel dafür ist der ehemalige Jet-Set-Treff, die Hotelinsel Sveti Stefan, wo einst alles was Rang und Namen hatte, die Lieblingsaustern mit dem Hubschrauber einfliegen ließ. Heute gibt‘s die Zimmer zum Diskontpreis, und die sind noch nicht mal den mehr wert.

Montenegro - Bečići Plaza
Blick auf die Bečići Plaza

Noch gibt es nur Gerüchte, wer die abgehalfterte Nobelherberge wieder aufmöbeln soll, an anderen Orten glänzt Montenegro jedoch bereits wieder wie eine Speckschwarte. Am meisten Geld wurde bis dato an der Bečići Plaza, der Speerspitze des neuen Badetourismus, investiert. Buchtabgewandt der Glamourspots der Boka eröffnete hier das erste Fünfsterne-Beach-Resort des Landes, das Hotel Splendid. Am Südende ragt das Queen of Montenegro über dem Strand, ein vormals alter Kasten, den die Kärntner Reisebürodynastie Springer zum luftigen Badehotel geadelt hat und das gleich in seiner ersten Saison einen fulminanten Start hinlegte.

Zwischen Bečići Plaža und dem Yachthafen direkt vor der schmucken Altstadt von Budva, die in der Hochsaison das gleiche Gesicht trägt wie sämtliche Fischerdörfer und schmucken Altstädte rund ums Mittelmeer, erstreckt sich die Slovenska Plaža. Sie entspricht dem Bild: Vorher. Gut eingewohnte Hotels in Dreisternequalität, billige Souvenirstandln und unzählige Fastfoodbuden, in denen es nach Frittierfett riecht. Zeichen des Aufbruchs ist hier der brandneue McDonalds. Am Abend verwandelt sich die Promenade in eine Art Rummelplatz mit Gokart, Autodrom und Karussel. Andererseits herrscht hier fröhlich-ausgelassene Stimmung, die in Altbudvas heißen Nächten gipfelt, während sich die Gäste an der Bečići Plaža abends vorwiegend in ihre Hotels verkriechen und sich dort unterhalten lassen.

Montenegro - Altstadt von Budva
Altstadt von Budva

Auf der einen Seite also die Society, die sich in der naturgewaltigen Boka in Prachtvillen zurückzieht – auf der anderen Seite das Fußvolk, das an den längsten Stränden mit Viersterne-Komfort im Liegestuhl fläzt. Fehlt noch der dritte Aspekt, mit dem das nationale Touristboard unermüdlich wirbt, dessen bunte Plakate für viele den Ausschlag geben herzukommen – nur um ihn vor Ort dann doch nicht anzusehen: den Rest des Landes.

Lohnenswerte Ausflüge

Ausflüge also. Einmal die gesamte Küste runter: vom venezianisch geprägten Kotor über das ausgedehnte antik-mittelalterliche Ruinenfeld von Stari Bar bis ins albanischsprachige Ulcinj mit seinem Straßenmarktchaos. Ein Sidestep von der Boka: hinauf zur Njeguši-Hochebene, weiter ins karstige Naturschutzgebiet Lovćen, von wo aus man über zahlreiche Serpentinen den ultimativen Aussichtspunkt erreicht. In seinem Rücken hinein ins Land, in die mitteleuropäisch geprägte alte Hauptstadt Cetinje, mit ihren Museen und ihrer kunstbeachtlichen Gemäldegalerie. Ins tiefe Landesinnere: durch die Morača-Schlucht vom mediterranen Küstenstreifen ins alpine Kolašin, ein Zentrum des montenegrinischen Wintersports, das im Sommer ein ähnlich überdimensioniertes Flair hat wie Skidörfer in den Alpen, dessen Umgebung sich aber durch weitgehend unberührte Landstriche von der unsrigen Bergwelt entschieden unterscheidet. 

Montenegro - Unesco-Weltnaturerbe Biogradska Gora
Hoch über dem Unesco-Weltnaturerbe Biogradska Gora

Darko ist einer der Pioniere des montenegrinischen Bergtourismus, seit 17 Jahren bietet er alle möglichen Touren an – von der Fotosafari mit dem Jeep, über Mountaintrekking bis hin zu Rafting durch den zweittiefsten Canyon der Welt am Tara-Fluss. Er bringt seinen altgedienten Nissan Allradler auf einer Hügelkuppe hoch über dem Unesco-Weltnaturerbe Biogradska Gora zum Halten, über dessen dichtem Urwald die Adler kreisen. In der frischen Bergluft erzählt er: „An Wölfe sind wir gewöhnt. Einmal aber hatte ich auf meiner Berghütte eine höchst erstaunliche Begegnung: um drei in der Früh schlugen die Hunde an. Ich ging nachsehen und dachte, das sei ein Stier, der sich da im fahlen Vollmondlicht aus dem Dorf herauf verirrt hätte. Als ich ihn reinholen wollte und gerade noch vier Meter von ihm entfernt war, hat er sich plötzlich aufgerichtet und gegrollt. Erst da hab‘ ich gemerkt, das ist ein Bär!“

Montenegro
Autofahren ist mitunter gefährlich in Montenegro

Passiert ist Darko nichts, wie überhaupt Unfälle mit gefährlichen Wildtieren eher weniger an der Tagesordnung sind. Verkehrsunfälle hingegen schon. Unterwegs auf der kurvenreichen Straße von Kolašin wieder retour zur Adria, fällt eine wahre Grabtafelgalerie auf, die blumengeschmückt das Bankett ziert. Böse Zungen behaupten, man wäre hier bereits auf PS-strotzende Boliden umgestiegen, obwohl man sich noch im sicheren Sattel des Esels wähnt. Um nicht selbst Teil dieser Galerie zu werden, fährt man tunlichst defensiv – was aber eh automatisch kommt, so wie die Leute hier überholen.

Montenegro - am Skadarsee bei Murici
Am Skadarsee bei Murici

Angenehm in dieser Hinsicht ist anderntags die Route auf der alten Landstraße am Südufer des Skadarsees, wo man für Stunden alleine herumzockelt. Auch sonst ist dieser Trip unser spezieller Tipp: der See ist der größte Binnensee des Balkan, unverbaut, fischreich und ein Refugium für brütende Pelikane. Ungefährt ein Drittel davon liegt bereits in Albanien, das im Zuge einer kompletten Seeumrundung dem staunenden Reisenden offen steht. Die spektakulärsten Landschaften sind aber auf montenegrinischer Seite zu sehen. Zunächst über den Rumija-Höhenzug, der die Küste vom Inland trennt. In einer Linkskurve tauscht man schwupps das Adriapanorama gegen den Seeweitblick. Runter durch dichte Kastanienwälder, die immer wieder den Blick auf die türkisen, seerosengesäumten Wasser des Skadarsko jezero freigeben. Im Rücken wie am Horizont die karstkargen Berge. Und hier fällt sie erneut auf, die Absenz jeglichen modernen Schnickschnacks, ohne dass irgendetwas vernachlässigt aussähe.

Montenegro - Crnojevića-Fluss
Crnojevića-Fluss

Man kann auch von der anderen Seite kommen, entlang des Crnojevića-Flusses, der sich erst nach und nach zum See weitet. Eine Route, deren Aussichten an manchen Stellen an chinesische Aquarelle erinneren. So oder so verlässt man bei Murići die hochgelegene Straße, windet sich in spitzwinkeligen Kurven vorbei am gleichnamigen Steinhausdorf hinunter ans Ufer, wo ein langer Strand ganz ohne Sardinen-in-der-Dose-Liegestuhlreihen zum Verweilen lädt. Nach einem erfrischenden Bad kehrt man bei Hasan Muratović auf der Seeterrasse ein. „Frischer Karpfen, knusprig gebraten und dazu einen kühlen Chardonnay vom gegenüberliegenden Ufer“, empfiehlt der fröhliche Wirt jeden Tag aufs Neue.

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