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Die Seele hat sich verselbständigt

Kaum angekommen ist diese Anekdote ad acta gelegt, denn der gänzlich unkonventionelle Lifestyle á la Mongolia prägt in angenehmer Weise. So lasse ich mich auch gerne auf mongolische Traditionen ein und trage fortan Del – einen Blau-wollenen mit Lapislazuliknöpfen. Ich habe ihn mit in die Wüste genommen, denn man erzählte mir, dass die Nächte dort kühl und die Tage heiß sind. Und das trifft zu. Mit 6 Grad Celsius letzte Nacht, und jetzt zeigt das Thermometer 35 Grad an, dabei ist es noch nicht einmal Mittag. Beim gemächlichen Tempo der Kamele, die nicht schneller als fünf Kilometer pro Stunde gehen, ist ein kühlender Luftzug ausgeschlossen. Doch geht es mir blendend.

Mongolei / Gruppenbild
Die Autorin, noch ohne Del und ohne Kamel

Meine Seele hat sich schon längst verselbständigt, sitzt mir fröhlich wippend auf der Schulter und flüstert sämtliche Zivilisationsverderbtheiten in mein Ohr: „Ich wette du leidest darunter, dass das Handy nicht mehr funktioniert. Es kribbelt dich, dass du seit Tagen keinen Kontakt mehr zu deiner Firma haben kannst, es nirgendwo Internetzugänge gibt und dass du den klapprigen russischen Jeep von letzter Woche nicht gegen einen fein gepolsterten Intercooler tauschen konntest. Außerdem kannst du den Geruch der ewig fetttriefenden Speisen nicht mehr ertragen, geschweige denn das Zeug essen. Dass dir die Zigaretten ausgegangen sind, stinkt dir auch, denn jetzt musst du dieses russische Kraut rauchen. Außerdem findest du deine Gesichtscreme nicht mehr, deine Haut ist wie Leder und, mal wieder zu duschen, wäre auch nicht schlecht, nicht wahr?“

Verflüchtigt in den Sandmeeren der Gobi

Ich grinse. Ja, vor einer Woche noch hätte ich mich mächtig über jeden einzelnen Punkt der Aufzählung aufgeregt, doch jetzt sind Stress und Anforderungen nur noch Begriffe von etwas, was sich in der endlosen Weite, in den Geröllfeldern und Sandmeeren der Wüste Gobi verflüchtig hat. Zeit, die eingeteilt werden muss, Zeit, die zum Lebensmuster verarbeitet wird, existiert nicht mehr. Die Mechanismen europäischer Alltage sind beim Anblick karamellfarbener Dünen und endloser Bergmassive am Horizont aufgehoben.

Mongolei / Landschaft

Was bleibt, ist Raum für Gedanken, die im hektischen Alltag der Moderne verschwunden waren. Ähnlich wie die Skelette der Dinosaurier, die der Sand von Bugiin Tsav seit Jahrtausenden verweht hatte.

Mongolei / Wüste

Nach tagelangen Ritten erblicken wir die Ebene, sie mutet in ihrer unwirklichen, graubraunen Kargheit und Weite wie eine Landebahn für außerirdische Flugobjekte an. Unermüdlich fegt feiner Sand mit der Kraft von überdimensionalen Gebläsen darüber, legt die Knochen der Dinosaurier frei – für eine Weile zumindest. Bis die nächste Düne alles wieder verschluckt. „Das ist wie mit unserer Kultur,“ sagt Gereelt. „Die Russen haben Dschingis Khan verleugnet. Doch seine Traditionen bleiben stets das Erbe aller Mongolen.“

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