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Das letzte Stück Sowjetunion

Zu Besuch in Moldawien und Transnistrien

Text und Fotos: Robert B. Fishman

Moldawien, das kleine geteilte Land zwischen der Ukraine und Rumänien feierte im August 2011 den 20. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. Nach dem Zerfall der Sowjetunion war das grüne Hügelland zwischen den Flüssen Prut und Dnjestr übrig geblieben. Die fünf Landkreise im Osten spalteten sich ab. Sie wollten sowjetisch bleiben. Ihr Präsident Igor Smirnov rief die Prinistrische Moldawische Republik aus – mit eigener Regierung und eigener Währung. Moldawiens Regierung versuchte, Transnistrien mit Gewalt zurück zu holen – und verlor den dreiwöchigen Bürgerkrieg. Bilanz: Fast 1000 Tote, ein geteiltes Land und bislang ergebnislose Dauerverhandlungen über die Zukunft Transnistriens.

Hochhäuser aus der Sowjetzeit spiegeln sich im Dnjestr Fluss in Ribniza, Transnistrien
Hochhäuser aus der Sowjetzeit spiegeln sich
im Dnjestr Fluss in Ribniza, Transnistrien

Ribniza.   Der Weg in das Land, das es nicht gibt, führt über eine lange marode Betonbrücke. Ganze Brocken sind aus dem Bauwerk herausgefallen. Durch die Löcher zwischen den Stahlträgern schimmert eine braun-grüne träge dahinfließende Brühe: der Dnjestr - oder Nistru, wie sie drüben, im Westen der geteilten Stadt Ribniza sagen. Hier über dem Fluss ist zugiges Niemandsland zwischen dem Osten, der Westen sein will und dem, der Osten bleiben will. Am Ostufer, wo Plattenbau-Hochhäuser die grünen Hügel der Landschaft wie Festungen überragen, stehen junge Grenzer in dunkelgrünen Uniformen. Auf ihren Köpfen tragen sie breite Mützen mit dem großen roten Sowjetstern. Zwei der Grenzer durchwühlen gerade den Kofferraum eines alten Lada. Sein Fahrer will zurück nach Moldawien. Kleiner Grenzverkehr. Für Ausländer ist es komplizierter: Anstehen, Einreisekarte ausfüllen, warten. Der junge Mann hinter der Glasscheibe im Abfertigungshäuschen tippt wortlos die Angaben auf den Karten in einen vergilbten Uralt-Computer: Einfinger-Suchsystem. Wenn er dann noch die kyrillische Entsprechung für die lateinischen Buchstaben finden muss, dauert es noch länger. Transnistrien spricht Russisch, Moldawien am Westufer Rumänisch. Ein Gesetz schreibt dort den Gebrauch der lateinischen Schrift vor.

Transnistrien -
Riesiges Plakat vor dem Kulturhaus in Tiraspol zeigt den transnistrischen
Präsidenten Igor Smirnow beim Händeschütteln mit Russlands
Präsidenten Medwedew

„Unsere Einheit mit Russland ist unsere Stärke“, verkündet ein haushohes Plakat in Transnistriens Hauptstadt Tiraspol, rund 80 Kilometer weiter südlich. Ein anderes zeigt Präsident Igor Smirnow überlebensgroß strahlend beim Shake-Hands mit Russlands Staatschef Medwedjew. Im Hintergrund schimmert rötlich der Moskauer Kreml. Igor Smirnow regiert Transnistrien seit der „Staatsgründung“ vor 20 Jahren. Der allgegenwärtige Sheriff-Konzern, der das Handynetz, einen Fernseh- und Radiosender, Fabriken, und Supermärkte betreibt und ein gigantisches, modernes Fußballstadion an den Stadtrand gesetzt hat, gehört angeblich seinem Sohn.

Transnistrien - Fahrgäste warten auf den Trolleybus in Tiraspol
Fahrgäste warten auf den Trolleybus in Tiraspol

„Hier bewegt sich nichts. Unser Präsident müsste ausgewechselt werden.“, sagt Mara*, die an Tiraspols Hauptstraße ein kleines Café betreibt. „Die Regierung setze sich „aus wenigen reichen Leuten zusammen, die sich die Gesetze für ihre Geschäfte machen.“ Die meisten ihrer Freunde hätten das Land längst verlassen. „In Moskau, Sankt Petersburg oder anderswo, zum Geld verdienen“. Mara ist geblieben. „Wegen ihrer Eltern“, sagt sie. „Ich bin das einzige Kind. Sie haben sonst niemanden.“ Die 31jährige hat Russisch und Literatur studiert und dann vier Jahre als Lehrerin gearbeitet. „Schlecht bezahlt“ wie sie sagt.

Transnistrien - Ein Krankenwagen fährt durch Toraspol
Ein Krankenwagen fährt durch Toraspol

Mara sieht ihr rund 3500 Quadratkilometer kleines Heimatland mit gemischten Gefühlen. „Hier ist nichts los“: ein schlechtes Kino, ein schlechtes Theater und sonst nur Kneipen, in denen die jungen Leute herumhängen. „Wir haben keine Perspektive.“ Politisch engagiert sich Mara nicht. „Keine Zeit, ich arbeite 13 Stunden am Tag“, sagt sie und beklagt „das niedrige Bildungsniveau und die Lethargie“ im Lande. Trotz des Stillstands in Transnistrien wollten die wenigstens eine Wiedervereinigung mit Moldawien.

Transnistrien - Staatswappen von Transnistrien mit Hammer und Sichel steht auf einem großen Aufsteller in Tiraspol
Staatswappen von Transnistrien mit Hammer und Sichel
steht auf einem großen Aufsteller in Tiraspol

„Was sollen wir auch dort?“ fragt Mara. Ein großer Teil der Industrie der ehemaligen Sowjetrepublik Moldawien steht östlich des Grenzflusses. Die Straßen sind glatter, die Häuser in besserem Zustand. Die Arbeitslosigkeit ist – soweit man der offiziellen Statistik glauben kann – deutlich niedriger und die Gehälter etwas höher.

Moldawien - Ausflugsdampfer Moskwa auf dem Dnestr (Nistru) - Fluss
Ausflugsdampfer Moskwa auf dem Dnestr (Nistru) - Fluss

Die schönste und vor allem bequemste Aussicht  auf das geheimnisvolle Schein-Land östlich des Flusses bietet Ion Gîlca mit seiner Firma Navatur Service. Wenn tatsächlich mal Touristen kommen, putzt er seine Moskwa, tankt voll und macht für die Gäste die Leinen los. Wer weiß, wie das blitzblanke blau-weiße sowjetische Ausflugsschiff in die geteilte Stadt Ribniza gekommen ist. An Bord servieren der Kapitän, seine junge Tochter und die zwei Mann Besatzung Berge von selbstgekochten Leckereien. Ist ein Glas leer, schenkt der Chef sofort Rotwein aus dem hauseigenen Weinberg nach. Zu moldawischer Volksmusik, die aus den altersschwachen Bordlautsprechern scheppert, tuckert die Moskwa gemächlich über den Dnjestr. An beiden Ufern dösen Dörfer in der Sonne. Die saftig grünen Hügel der Landschaft spiegeln sich im Wasser. Am Ufer grasen Kühe, die sich in der Mittagshitze sogar ins brackige Wasser trauen.

Moldawien - Traditionelles moldawisches Essen mit Rotwein
Traditionelles moldawisches Essen mit Rotwein

“Wenn Du wissen willst, wo Moldawien liegt, frage nach dem Paradies”, schrieb einst ein moldawischer Autor, “es liegt irgendwo auf dem Weg dort hin”. An der Strecke sind auch einige Roma sesshaft geworden. Sie haben sich am Stadtrand von Soroca ein eigenes Viertel gebaut. Zwischen ärmlichen Behausungen ragen hier auf dem so genannten Zigeunerhügel reich verzierte mehrstöckige Villen in den Himmel. “Bau mir das nach” soll einer der Zigeunerbarone zu seinem Archtiekten gesagt haben. Dazu hielt er dem Baumeister einen Fünfzig-Dollar-Schein unter die Nase. Legende oder nicht: Die goldene Kuppel, die das Viertel überragt, ähnelt dem Washingtoner Kapitol auf der Dollar-Note. Der Bau darunter ist nicht fertig geworden. Dem großspurigen Bauherren sei das Geld ausgegangen, heißt es. Auf dem Grundstück ist tatsächlich niemand zu sehen.

Moldawien - Roma Familie vor ihrem Haus in Soroca
Roma Familie vor ihrem Haus in Soroca

In der Siedlung sind Touristen eine Attraktion. “Woher kommt Ihr”, fragen Kinder wie Erwachsene. Manche wollen den Besuchern ihre Häuser zeigen, andere erzählen von Verwandten in Deutschland. Fast ein Drittel der Moldawier lebt im Ausland, weil es zuhause kaum bezahlte Arbeit gibt. Wer rumänische Vorfahren nachweist, bekommt von der Regierung in Bukarest auf Wunsch einen rumänischen Pass und damit die Eintrittskarte in die Europäische Union.

*Name von der Redaktion geändert

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