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Mikronesien im Überblick

„Man sollte oft wünschen, auf einer der Südseeinseln als sogenannter Wilder geboren zu sein, um nur einmal das menschliche Dasein – ohne falschen Beigeschmack – durchaus rein zu genießen“. Was dem alternden J. W. v. Goethe durch den Kopf ging, ist auch Reisenden unserer Zeit nicht fremd. Der Südseemythos lebt!

Es den freien, glücklichen Naturmenschen in den paradiesischen Gefilden des Pazifiks gleichtun zu können – und sei es nur für eine Woche oder zwei – ist ein weit verbreiteter Wunschtraum. Und es gibt sie ja tatsächlich noch – die von der modernen Zivilisation nur wenig berührten, die fast schon vergessenen, weitab der Schiffahrtsrouten liegenden Atolle, wo sich das Leben noch abspielt wie in Stevensons Südseegeschichten. Auf den größeren Inseln freilich hat längst die Moderne unübersehbar Einzug gehalten mit Autos, Video und Handy, Fast Food und Drogen, Arbeitslosigkeit, Landflucht und Umweltproblemen. Also doch keine paradiesische Glückseligkeit? Kein Zufluchtsort für zivilisationsmüde Zeitgenossen? Es gibt verführerische Versprechen, die kaum einzulösen sind, doch wer nicht auf Erfüllung allzu bekannter Klischees pocht, wird reich an Eindrücken und Erlebnissen von den Inseln im Pazifik zurückkehren und vielleicht war darunter die Entdeckung des Lebens – die persönliche Trauminsel, deren klangvollen Namen außer dem Glücklichen nur die Einheimischen kennen.

Tonga

Teile Chuuks aus der Luft
© FSM Visitors Board

Mikronesiens Archipele sind das ideale Revier für derartige Erfahrungen. Ihre insulare Zersplitterung garantiert eine faszinierende kulturelle Vielfalt. Jedes bewohnte Eiland unter den 607 Inseln und Atollen hat durch seine Geschichte, durch klimatische Bedingungen und geologische Beschaffenheit eine unverwechselbare Prägung erfahren. Auf Yap, dem grünhügeligen Bundesstaat im Westen, der nach pazifischen Maßstäben „in der Nähe“ der Philippinen liegt, konnten sich traditionelle Werte und mikronesische Lebensweise bis in die Gegenwart erhalten. Hier beginnen wir unsere Rundreise durch die Föderierten Staaten von Mikronesien.

Yap

Eine Gruppe von vier sehr dicht beieinander liegenden, durch Brücken und Kanäle miteinander verbundenen Inseln bildet das Herzstück von Yap („Yap proper“). Ein breites Saumriff umschließt die Inselgruppe. Fast vier Fünftel ihrer Küstenzonen sind von Mangrovenwäldern bedeckt, die versteckte, feinsandige Strände beherbergen. Zumeist nur mit dem Boot zu erreichen, werden hier Südseeträumereien wahr. Ausgestattet mit einem reich gefüllten Picknickkorb, kann man sich am menschenleeren Strand absetzen lassen, bis am frühen Abend der Bootsführer zurückkehrt und zum Aufbruch drängt. Einen Abstecher in das völlig unberührte Ökosystem der Mangrovenwälder sollte man keinesfalls versäumen. Sie werden mit Kajaks erkundet, da hier keine Motorboote verkehren dürfen. Einheimische Führer erläutern die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt. Man kann durch Steinkorallengärten schnorcheln und sich als Sportfischer versuchen und dabei Haien und dem Blauen Merlin nachstellen oder so fremdartigen Meeresbewohnern wie dem Regenbogenrenner oder dem Büffelkopfpapageienfisch, dem Wahoo und dem Mahi-Mahi. Doch Topziel für die allermeisten der nicht sehr zahlreichen Besucher sind die Tauchgründe mit ihrer atemberaubenden Artenvielfalt. Und hier beeindrucken vor allem die Manta-Rochen, die freundlichen Gleiter, die auf ihren riesigen Schwingen durchs Wasser schweben und offenbar an Yap einen Narren gefressen haben, denn mehr als hundert von ihnen tummeln sich hier in den Küstengewässern – so ausdauernd und in großer Zahl wie an keinem anderen Ort der Welt.

Tonga

Während einer Zeremonie auf den Yap-Inseln
Foto: © FSM Visitors Board

Man nennt Yap auch „Insel des Steingeldes“, denn hier ist eine der ungewöhnlichsten Währungen der Welt zu hause. Etwa 6.000 der imponierenden „Münzen“ aus Aragonit, einem kristallisierten Kalkstein, gibt es noch zu bestaunen. Bei einem Durchmesser von 1– 3 m können die mühlradähnlichen „Geldstücke“ ein tonnenschweres Gewicht auf die Waage bringen. Früher, in vorkolonialer Zeit, dienten sie als Zahlungsmittel und besitzen auch heute noch einen symbolischen Wert, der sich an den Umständen der Gewinnung (auf den Rock Islands des Palau-Archipels) und des mühseligen Transports auf Kanus (400 km über offene See) und auch an der Kunstfertigkeit der Steinmetzarbeit mißt.

Das berühmte Steingeld von Yap

Das berühmte Steingeld von Yap
Foto: © FSM Visitors Board

In der Hauptstadt Colonia, wo Tradition und Moderne sichtlich miteinander ringen, stehen ausreichend Taxis und Mietwagen für Fahrten in die Dörfer bereit, wo man sich rasch als Gast wiederfindet bei Tanzvorführungen und Festgelagen oder musikalischen Darbietungen und bei der Präsentation traditioneller Schnitzereien, Flecht- und Webarbeiten. Noch ein Tip: Wer den Traditionen Yaps ganz nahe sein will, sollte die „Outer Islands“, die entlegenen Inseln, besuchen. Drei von ihnen (Ulithi Atoll, das sind 40 Miniinseln sechs Fuß über dem Meer, zus. 4,5 km², die eine 548 km² große Lagune umschließen sowie Fais, ein Kalksteininselchen mit 250 Einwohnern und Woleai, ein Atoll mit 800 Einwohnern und den größten Riffinseln aller Atolle) werden von Pacific Missionary Aviation (PMA) angeflogen. Auf einigen „Outer Islands“ besteht Alkoholverbot, auf anderen ist westliche Kleidung nicht zugelassen. In jeden Fall muß eine Besuchsgenehmigung beim Yap Visitors Bureau eingeholt werden.

Chuuk

294 größere und kleinere Inseln zählen zum bevölkerungsreichsten Bundesstaat der FSM. Umrahmt von einem Kranz niedriger Atolle, den oft Hunderte von Kilometern auseinander liegenden „Outer Islands“, liegt im Zentrum des Chuuk-Archipels die gleichnamige Hauptinsel. Sie besteht aus 14 vulkanischen Teilinseln, Überresten eines eingesunkenen, einst gewaltigen Vulkanmassivs. Ein 224 km langes Barriere-Riff (mit 69 kleinen Riff-Inseln) umschließt die Hauptinsel und bildet mit annähernd 2.000 km² eine der weltweit größten Lagunen.

Es geht gemächlich und naturnah zu auf den Chuuk-Inseln. Mit dem Fang von Meeresgetier und den Erträgen ihrer Gärten, mit Bootsbau, Webarbeiten und Holzschnitzereien bestreiten die Einheimischen ihren Lebensunterhalt und die langsam ansteigenden Besucherzahlen bringen ein Zubrot. Wenn Ausländer kommen, dann haben sie nur ein Ziel im Blick: die Unterwasserwelt des Chuuk-Atolls. Und was deren Rang im weltweiten Vergleich angeht, sind sich Einheimische und Besucher ohnehin einig. Als weltbestes Schiffswrack-Tauchrevier gelten die Gewässer zwischen den tropischen Atollen, auch wenn keine antiken Galeeren auf Taucher warten, sondern Wracks der Kaiserlich Japanischen Kriegsmarine, die von den Amerikanern auf den Grund des Meeres geschickt wurden. Das war im Februar 1944, als die japanische Flottenbasis hier ihr Pearl Harbor erlebte und sich 12 Kriegsschiffe, 32 Transport- und Versorgungsschiffe mit Geschützen, Panzern, Flugzeugen, LKWs an Bord einige Dutzend Meter unter dem Meeresspiegel zu einem gigantischen Schiffsfriedhof gruppierten. Heute geben die Relikte des Krieges ein bizarres Bild ab. Da erkennt man Ruderstände, die über und über mit Schwämmen besetzt sind, Fischschwärme umkreisen Maschinentelegraphen, Seeanemonen, Korallen und purpurne Schwämme umklammern Masten und Aufbauten, Geschützrohre und Granaten und im Teegeschirr einer Offiziersmesse kampieren Nacktschnecken.

Pohnpei

Mit einer Länge von 19 km und einer Breite von 23 km ist Pohnpei eine der größten mikronesischen Inseln. Das in der Ferne von mehreren „klassischen“ Atollen umgebene große Vulkanmassiv steigt auf 791 m (Mount Nahna Laud) aus dem Meer auf. Dichte dschungelartige Vegetation bedeckt das Landesinnere. Tief eingeschnittene Talzüge mit Flüssen und Wasserfällen verlaufen vom Zentrum zur Küste. Die Insel ist fruchtbar. Ihre tropischen Früchte, ihre üppige Schönheit gaben ihr den Beinamen “Garteninsel“. Nach Senkungsprozessen des mächtigen Vulkanmassivs entwickelte sich das ursprüngliche Saum-Riff zu einem Barriere-Riff 1 – 2 Km vor der Küste. Sein Umfang: 135 Meilen mit sechs natürlichen Passagen für Schiffe und einer breiten Außenlagune.

Da die Küsten von Mangrovenwäldern und –sümpfen gesäumt werden, sind Badestrände Mangelware. Als reizvolle Alternative bieten sich die natürlichen, idyllisch gelegenen Becken einiger Flüsse und die „Badepools“ spektakulärer Wasserfälle an. Doch niemand muß auf Strandfreuden verzichten. Die kleinen, unbewohnten Inseln des Barriere-Riffs haben schöne Strände und Abstecher zu den abgelegenen „Outer Islands“, wahren Bilderbuchatollen, versprechen kristallklares Wasser und goldene Sandstrände. Allerdings liegt das 700-Seelen-Atoll Kapingamarangi gut 600 km südlich von Pohnpei, Mwoakilloa „nur“ 190 km östlich mit gerade 200 Einwohnern auf 1,24 km² und die 900 Menschen auf dem kreisrunden Nukuoro-Atoll sind nur mit dem Schiff zu erreichen. Zeit muß man schon mitbringen für diese fernen Korallentupfer in den Weiten des Pazifiks.

Eine rund 80 km lange Küstenstraße umrundet Pohnpei. Sie führt von der Inselhauptstadt Kolonia (nicht zu verwechseln mit Colonia auf Yap), wo noch eindrucksvolle Mauerreste an das spanische Fort und ein Glockenturm an die deutsche katholische Missionskirche erinnern, zum Städtchen Palikir, der Bundeshauptstadt der FSM. Ein prächtiges und ganz im traditionellen mikronesischen Stil errichtetes „Capitol“ zeugt von der Bedeutung des Ortes. Folgt man der Straße in östlicher, dann südlicher Richtung, nähert man sich Nan Madol, einer geheimnisumwitterten Ruinenstadt, die zwischen 1100 und 1400 auf teilweise künstlich angelegten Inseln aus riesigen Basaltblöcken errichtet wurde.

Kosrae

Auf Yap, rund 2.500 km westlich, begann unsere Rundreise durch Mikronesiens Inselwelt. Mit Kosrae ist der vierte und zugleich östlichste Bundesstaat erreicht – auch er vulkanischen Ursprungs, aber wenig erodiert und kaum eingesunken und daher von einem recht engen Saum-Riff mit schmaler Außenlagune umgeben. Fruchtbarer Boden erlaubt den Anbau zahlloser tropischer Gemüse- und Fruchtarten und er bringt dichten Dschungel hervor, den Wasserläufe durchziehen und Katarakte mit Wasserschleiern besprühen. Bei einem Aufstieg zum Mount Finkol, mit 722 m Kosraes höchste Erhebung, läßt sich die tropische Regenwald-Vegetation besonders intensiv erleben und auf dem Gipfel begreifen wir endlich, warum die Einheimischen ihre Insel „Land der schlafenden Frau“ nennen, zeigt doch die Inselsilhouette die Umrisse einer auf dem Rücken liegenden Frau. Sie sind friedvolle und freundliche Menschen, die Insulaner, die an ihren Traditionen hängen, inbrünstig die alten Lieder singen, Häuser und Kanus bauen wie schon ihre Vorfahren, Holz beschnitzen und weben, die Gärten pflegen und auf Fischfang gehen, wie es immer Brauch war.

Eine Fahrt entlang der Küste führt zu unberührten weißen Sandstränden und am nahen Riff locken kristallklare Schnorchel- und Tauchreviere mit Sichtweiten bis zu 70 m, mehr als 250 Fischarten und einer atemberaubenden Korallenvielfalt. Auch Wracktaucher kommen hier auf ihre Kosten, wenn sie zu den seit mehr als sechzig Jahren auf dem Grund der Lagune ruhenden japanischen Schiffen und Flugzeugen hinabtauchen. Inseltypische Auslegerkanus oder Kajaks bringen Interessierte auf Kanälen in das Mangrovendickicht, wo bizarre Pflanzenformen und eine an dieses Ökosystem perfekt angepaßte Tierwelt erstaunen.

Was Pohnpei sein Nan Madol, sind Kosrae die Ruinen von Lelu – ähnlich beeindruckend und geheimnisvoll, Spuren einer tatkräftigen, wohlorganisierten Zivilisation des 13./14. Jahrhunderts, die Mauern, Kanäle, Straßen, Gräber, Wohnquartiere und noch mehr Rätsel hinterließ.

Text: Eckart Fiene

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