DAS PORTAL DEUTSCHSPRACHIGER REISEJOURNALISTEN

Visionsschlangen und seltene Kröten

Im Laufe des Tages werden sie Federschmuck und bunte Masken anlegen und sich damit auf die rituellen Tänze vorbereiten, in denen sie Mythen und historische Ereignisse nachspielen und in Beziehung zur Welt ihrer Götter setzen. Am Ende münden die Tänze in eine allseitige Trance, die mit starkem Tabak und den Sekreten einer seltenen Krötenart noch verstärkt wird. Das soll die Götter mit besonderem Nachdruck beschwören. Helfen können dabei außerdem die Visionsschlangen, jene Abbildungen und Skulpturen auf den Tempelwänden, die keineswegs leblose Figuren darstellen, sondern seit jeher erfüllt sind vom Wesen der Gottheiten. Sogar die Tempel und Pyramiden selbst bestehen nicht bloß aus totem Mauerwerk, auch sie sind durchtränkt von heiliger Seelenkraft und können zur Annäherung an die göttlichen Mächte beitragen. Auf dem Höhepunkt der Zeremonie wird die Weckung spiritueller Energien noch gesteigert durch ein Blutopfer, zu dem man Kriegsgefangene heranführt.

Mexiko / Yukatan / Palast in Sayil
Palast in Sayil

Plötzlich ergießt sich die erste Busladung Touristen über das Gelände, und die Illusion ist vorbei. Als heilig gelten diese Orte schon seit tausend Jahren nicht mehr, selbst die heutigen Mayas sehen darin keine Kultstätten. Von „xlapac“, altem Gemäuer, sprechen ausgerechnet die Nachfahren jener Menschen, die diese erstaunlichen Bauwerke errichtet haben. Während Besucher aus Europa, Japan oder Nordamerika strapaziöse Flug- und Busreisen auf sich nehmen, um die architektonischen und künstlerischen Leistungen einer altamerikanischen Hochkultur zu besichtigen, finden die Indios in ihrem mühseligen Alltag keine Zeit für archäologische Neugier und wissen in der Regel nicht, was das alles zu bedeuten hat. Vier Millionen Mayas leben heute im Siedlungsgebiet ihrer Ahnen, doch deren Kenntnisse haben sie spätestens seit der Conquista verloren: Tausende von Büchern und Schriften, in denen das Wissen der antiken Mayagesellschaften, ihre Geschichte und ihre Mythen niedergelegt waren, haben die Spanier vernichtet. Kein Wunder, dass die Ruinen für die Einheimischen höchstens von Bedeutung sind, wenn sie den weit gereisten Besuchern vor dem Eingang ein wenig Kunsthandwerk als Souvenir verkaufen können.

Seite 1 / 2 / 3 / 4 / 5 / 6 (Infos) / zur Startseite



Reiseinformationen zu diesem Reiseziel

Reiseveranstalter Mexiko




 

Twitter
RSS