Pyramiden für den Gott mit der Rüsselnase

Uxmal und Zeremonialstädte der Mayas in den Puuc-Hügeln von Yucatán

Text und Fotos: Volker Mehnert

Uxmal ist eine der prachtvollsten Hinterlassenschaften der Mayakultur. Ebenso wie in den Nachbarstädten Kabah, Sayil und Labná blühte dort vom achten bis zehnten Jahrhundert ein Gemeinwesen, in dem Kalender, Zahlensystem, Schrift und Bücher eine Selbstverständlichkeit waren. Im Mittelpunkt der religiösen Verehrung stand der Regengott Chac, dessen kuriose Rüsselnase dort bis heute allgegenwärtig ist.

Mexiko / Blick auf Uxmal

Uxmal – Ausgrabungsstätte im Überblick

Es ist die Stunde der Fantasie. Morgens um acht, wenn der Wind die noch verbliebenen Nebelschwaden um die Pyramide des Zauberers weht, kann sich der frühe Besucher fast mühelos in eine längst vergangene Epoche zurückversetzen: Man schreibt das Datum „19 cumcu“, den letzten Tag im letzten Monat des Maya-Kalenders, und dieser Zeitpunkt verheißt nach Ansicht der Priester und Astronomen nichts Gutes. Deshalb müssen gerade jetzt besonders gewissenhafte Opferhandlungen stattfinden, und die Bevölkerung soll sich an den langwierigen Ritualen beteiligen. Aus den dörflichen Siedlungen rund um das Zeremonialzentrum Uxmal strömen die Menschen deshalb schon seit dem frühen Morgen herbei, festlich gekleidet und in gedämpfter Erregung. Sie versammeln sich am Fuß der großen Pyramiden, im heiligen Bezirk, der durch Plattformen erhöht, mit Tempeln bebaut und leuchtend bunt bemalt ist. Hier werden Priester und Aristokraten gemeinsam mit dem einfachen Volk versuchen, einen Zugang zu den manchmal bedrohlichen, manchmal wohlwollenden Mächten des Jenseits zu bekommen.

Mexiko / Yucatan / Maya-Torbogen in Labna

Maya-Torbogen in Labná

Visionsschlangen und seltene Kröten

Im Laufe des Tages werden sie Federschmuck und bunte Masken anlegen und sich damit auf die rituellen Tänze vorbereiten, in denen sie Mythen und historische Ereignisse nachspielen und in Beziehung zur Welt ihrer Götter setzen. Am Ende münden die Tänze in eine allseitige Trance, die mit starkem Tabak und den Sekreten einer seltenen Krötenart noch verstärkt wird. Das soll die Götter mit besonderem Nachdruck beschwören. Helfen können dabei außerdem die Visionsschlangen, jene Abbildungen und Skulpturen auf den Tempelwänden, die keineswegs leblose Figuren darstellen, sondern seit jeher erfüllt sind vom Wesen der Gottheiten. Sogar die Tempel und Pyramiden selbst bestehen nicht bloß aus totem Mauerwerk, auch sie sind durchtränkt von heiliger Seelenkraft und können zur Annäherung an die göttlichen Mächte beitragen. Auf dem Höhepunkt der Zeremonie wird die Weckung spiritueller Energien noch gesteigert durch ein Blutopfer, zu dem man Kriegsgefangene heranführt.

Mexiko / Yukatan / Palast in Sayil

Palast in Sayil

Plötzlich ergießt sich die erste Busladung Touristen über das Gelände, und die Illusion ist vorbei. Als heilig gelten diese Orte schon seit tausend Jahren nicht mehr, selbst die heutigen Mayas sehen darin keine Kultstätten. Von „xlapac“, altem Gemäuer, sprechen ausgerechnet die Nachfahren jener Menschen, die diese erstaunlichen Bauwerke errichtet haben. Während Besucher aus Europa, Japan oder Nordamerika strapaziöse Flug- und Busreisen auf sich nehmen, um die architektonischen und künstlerischen Leistungen einer altamerikanischen Hochkultur zu besichtigen, finden die Indios in ihrem mühseligen Alltag keine Zeit für archäologische Neugier und wissen in der Regel nicht, was das alles zu bedeuten hat. Vier Millionen Mayas leben heute im Siedlungsgebiet ihrer Ahnen, doch deren Kenntnisse haben sie spätestens seit der Conquista verloren: Tausende von Büchern und Schriften, in denen das Wissen der antiken Mayagesellschaften, ihre Geschichte und ihre Mythen niedergelegt waren, haben die Spanier vernichtet. Kein Wunder, dass die Ruinen für die Einheimischen höchstens von Bedeutung sind, wenn sie den weit gereisten Besuchern vor dem Eingang ein wenig Kunsthandwerk als Souvenir verkaufen können.

Sonnenbrand statt Blutopfer

Lediglich sonntags, wenn der Eintritt zu den Ruinen kostenlos ist, schauen sich vereinzelte Indiofamilien die Werke ihrer Vorfahren an. Aber mit weitaus größerer Verwunderung, so scheint es, beobachten sie die seltsamen Fremdlinge, die in der glühenden Tropensonne hinter einem Führer herstapfen, der in kurz bemessener Zeit ein paar Brocken Geschichte vermittelt, dazu eine kurz gefasste Mayalegende erzählt und zwischendurch ein paar unpassende Scherze zum Besten gibt. Ein Foto von der Pyramide, bitteschön, schnell noch nah genug heran an die geometrischen Ornamente des Tempels, wieder klick, klick, dann weiter zum nächsten Gebäude, ein kurzer Stopp am Souvenirladen, und da wartet auch schon der Bus für den Abtransport zum Mittagessen - ein Ritual des modernen Reisens in den heiligen Stätten einer versunkenen Kultur. Masken und Federschmuck sind ersetzt durch Baseballmützen und Shorts, die aufreibenden Tänze durch beschwerliche Kraxelei über steile Pyramidentreppen, feierliche Gesänge durch ein internationales Sprachengewirr, Blutopfer durch Sonnenbrand.

Mexiko / Yucatan / gr. Pyramide in Uxmal

Große Pyramide in Uxmal

Die Hügellandschaft des Puuc eignete sich als Siedlungsgebiet eigentlich nicht besonders. Warum die Mayas trotzdem in diese wasserarme Gegend einwanderten, in der es nur wenig Niederschläge gibt, ist eines der noch ungeklärten Rätsel der Mayaforschung. Der poröse Kalksteinboden lässt jeden Regen sofort versickern und verhindert die Entstehung von Bächen oder gar Flüssen. Das Überleben in den Puuc-Bergen, der einzig nennenswerten Hügelkette im ansonsten brettebenen Yucatán, konnte also nur durch die Anlage eines ausgefeilten Bewässerungssystems gelingen.

Doch Priester und Bevölkerung verließen sich nicht ausschließlich auf die Technik; neben dem Bau von Kanälen und Zisternen mussten sie vor allem den Regengott Chac gnädig stimmen. Dieser galt ehemals, als die Vorfahren noch in den regenreichen Bergurwäldern des Petén siedelten, als eher bösartige Gottheit und wurde oft zusammen mit den Symbolen des Todes abgebildet, denn er sorgte dort regelmäßig für katastrophale Überschwemmungen. Jetzt, im trockenen Karstland von Yucatán, schlüpfte er in die Rolle eines wichtigen Lebensspenders, der sich aber trotzdem oft genug verweigerte. Besondere Verehrung tat also not.

Ein Gott mit Kulleraugen und Rüsselnase

Die religiöse Erhöhung des Regengottes führte im Laufe der Zeit zu den architektonischen und künstlerischen Besonderheiten, die heute als Puuc-Stil bekannt sind: Um bei den Zeremonien eine außerordentlich dichte spirituelle Atmosphäre zu schaffen, in der sich der Gott ansprechbar zeigte, setzten die Mayas das Mittel der Wiederholung ein: Sie schmückten die Fassaden der Tempel und Paläste mit einer Aneinanderreihung von immergleichen Motiven: Schlangenbänder und Säulenbündel, Mäander und geometrische Muster aus abwechselnd vertieften und herausgehobenen Rechtecken.

Besonders ausgeprägt sind die Darstellungen des Regengottes selbst: maskenhaft stilisierte Gesichtszüge mit Kulleraugen, verzierten Augenbrauen, einem offenen Mund, vorstehenden Zähnen und einer merkwürdigen Rüsselnase. Je mehr Chac-Masken, desto intensiver erschien die spirituelle Aufladung des Tempelbezirks, und desto wahrscheinlicher war eine freundliche Reaktion des Gottes.

Mexiko / Yucatan / Chac-Maske

Chac-Maske

Die Häufung von Chac-Porträts ist ein Merkmal fast aller wichtigen Bauwerke in der Puuc-Region, doch nirgends wurde sie so konsequent verwirklicht wie am Palast der Masken in Kabah. Mehrere hundert Skulpturen mit der vorstehenden Rüsselnase zierten dort in schier unendlicher Reihe die Fassade.

Mexiko / Yucatan / Nonnenviereck

Nonnenviereck

Den Puuc-Stil in seiner reinen Form findet man am so genannten Nonnenviereck in Uxmal, wo vier Gebäude einen weiträumigen Innenhof umschließen. Die unteren Teile der Außenwände bestehen aus glatten Quadern, darüber reihen sich dann über die gesamte Länge der Fassaden geometrische Muster, gebündelte Säulen, mäanderförmige Umrahmungen, Schlangen und Chac-Masken. Aus den Ecken der Gebäude ragen die Rüsselnasen.

Ein ebenso unverfälschtes Beispiel für den Puuc-Stil ist auch der gegenüberliegende Palast des Gouverneurs. Durch die Gliederung der Türöffnungen erscheint er trotz seiner Länge von hundert Metern graziös und leicht. Ein gewaltiger Fries, der aus einem Band von Ornamenten mit mehr als hundert Chac-Masken besteht, läuft im oberen Teil der Fassade um den ganzen Palast herum. Der Architekt Frank Lloyd Wright nannte ihn „das vollkommenste Bauwerk Amerikas“ und verwendete einige Stilelemente in seinen avantgardistischen Entwürfen.

Mexiko / Yucatan / Gouverneurs-Palast

Palast des Gouverneurs

Ungewöhnlich in ihrer Konstruktion ist auch die 38 Meter hohe Pyramide des Zauberers in Uxmal. Der bei Mayabauten ansonsten nicht vorkommende ovale Grundriss und die schwungvoll, faltenförmig aufgeworfene Außenmauer stehen in merkwürdigem Kontrast zu den rechtwinkligen Gebäuden, die man sonst im Mayaland findet. Die Pyramide enthält fünf übereinander gebaute, teilweise ineinander verschachtelte Tempel.

Mexiko / Yukatan / Pyramide des Zauberers

Pyramide des Zauberers

Nach Einbruch der Dunkelheit kommt in Uxmal noch einmal die Stunde der Fantasie: Zwischen den Pyramiden findet jeden Abend eine Licht- und Tonschau statt, und sie führt die Besucher auf dramatische Weise in die Welt der Mayas, ihrer Mythen und Gottheiten. Grüne Lichtstrahlen folgen den Schlangenbändern, blaue Blitze zucken über die Fassaden, immer wieder erglühen die Masken mit der Rüsselnase in verschiedenen Farben. Die grellen Lichteffekte und die streckenweise schwülstigen Texte aus den Lautsprechern mögen ein wenig überzogen erscheinen, doch schließlich waren die Gebäude früher tatsächlich bunt bemalt, und wer weiß schon genau, wie es bei den Zeremonien der alten Mayas wirklich zuging. Ein plötzlicher Regenschauer jedenfalls legt nahe, dass die moderne Schau nicht so ganz weit vom Charakter damaliger Zeremonien entfernt sein kann: Denn Chac, der Regengott, zeigt sich offenbar beeindruckt.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

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