Das weiße Exkrement der Götter

"Ruta de la Plata": der silberne Faden der mexikanischen Geschichte

Text und Fotos: Volker Mehnert

Mexiko Plata Taxco KircheSilber, nichts als Silber: Noble Juweliere, rustikale Werkstätten, kleine Läden, bescheidene Marktstände und fliegende Händler - Taxco ist ein unüberschaubarer Silber-Basar. Mehr als dreihundert Geschäfte reihen sich im Zentrum und entlang der Ringstraße Avenida de los Plateros aneinander; alle sind vollgestopft mit Halsketten, Ohrringen und Armreifen, mit Etuis, Zigarettenspitzen und Gürtelschnallen sowie mit silberner Kunst und silbernem Kitsch in sämtlichen nur denkbaren Ausführungen.

Reiseführer loben die Qualität der Arbeiten, warnen gleichzeitig vor falschem Silber und überhöhten Preisen, empfehlen preisgünstige Geschäfte abseits des Zentrums. Busse aus Mexiko-Stadt und Acapulco bringen Tagesbesucher in Scharen in das weiß getünchte Städtchen am Rande der Sierra. Amerikaner, Japaner und Europäer decken sich preiswert mit Schmuck ein oder lassen sich von gewieften Händlern übers Ohr hauen. Das glänzende Metall verfehlt seine verführerische Wirkung nicht; die schiere Masse an Silberwaren ist so überwältigend, dass jeder irgendwann, irgendwo zum Kauf verleitet wird. Und schließlich gibt es kein passenderes Souvenir aus Mexiko als einen Gegenstand aus Silber.

Ein silbernes El Dorado

Mexiko Plata Taxco StraßeDass Taxco (Foto rechts) heute als mexikanische Silbermetropole gilt, verdankt die Stadt nicht so sehr ihrer kolonialen Vergangenheit als Bergbauzentrum, sondern einem nordamerikanischen Künstler. William Spratling entdeckte den verwahrlosten und fast verlassenen Ort in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts und richtete dort eine Silberwerkstatt ein, wo er Schmuck und Gebrauchsgegenstände in modernen Formen und nach traditionellen mexikanischen Vorbildern anfertigte. Spratlings Erfolg motivierte seine Schüler zu eigenständigen Arbeiten, und die wiederum zogen Silberschmiede aus dem ganzen Land an, die in Taxco Werkstätten und Geschäfte eröffneten. Doch die aufdringliche Fülle von Silber, die den ganzen Ort überstrahlt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie lediglich einen geringfügigen Bruchteil von Mexikos silberner Geschichte ausmacht. Taxco heute, das ist nur der belanglose Epilog eines Jahrhunderte währenden Silber-Dramas.

Dieses Drama begann mit den spanischen Konquistadoren. Immer und überall auf der Suche nach sagenhaften Goldschätzen, fanden sie zwar auch in Mexiko nicht das ersehnte El Dorado, konnten sich aber dennoch nicht beschweren. Denn kaum hatten sie die Aztekenhauptstadt Tenochtitlan erobert und zerstört, stolperten sie förmlich über ein anderes Metall: Silber. Die Azteken nannten es Iztacteocuílatl, weißes Exkrement der Götter. Dass der göttliche Kot reichlich über dem Land verstreut sein musste, hatten die Spanier schon bei ihrem ersten Zusammentreffen mit den Bewohnern der Neuen Welt gemerkt.

Die kunstvollen Erzeugnisse indianischer Handwerker hielten der spanischen Gier allerdings nicht lange stand. Kaum waren die Azteken überwältigt, wurden ihre silbernen Figuren, Gefäße und Gerätschaften eingeschmolzen, um sie leichter nach Europa schaffen zu können. Dann machten sich die Spanier auf die Suche nach den Ursprüngen des Reichtums und eigneten sich die Silberminen der Azteken an. Das Erz lag dort praktisch unter der Erdoberfläche und musste nur aus dem Boden gekratzt werden.

Der Gott des Silbers

Mexiko Zacatecas KathedraleDie meisten Silberstädte fallen aus dem üblichen Rahmen lateinamerikanischer Stadtentwicklung, wo in der Regel eine übersichtliche Schachbrettstruktur vorherrscht. Hier jedoch entstanden die Siedlungen nicht nach sorgfältiger Planung in einer zugänglichen Ebene, sondern sie entwickelten sich spontan direkt über den Minen in der bergigen Landschaft. Zacatecas wölbt sich über einen riesigen Berg; breite Avenidas gehen über in enge Gassen und enden manchmal in steilen Treppenaufgängen.

Überall gibt es stille Winkel und kleine Plätze, die sich in den vorhandenen Raum zwängen, und immer wieder trifft man auf Kirchen und Kapellen, wo dem Gott der Spanier dafür gehuldigt wurde, dass er auch ein Gott ihres Silbers war. Ähnlich wie Zacatecas (Foto rechts: die Kathedrale) klebt Taxco an einem Berg, so dass die Straßen und Wege dem Verlauf der natürlichen Steigungen und Windungen folgen müssen. Guanajuato wiederum liegt in einem Talkessel, und auch hier gibt es ein Gewirr von Straßen, romantischen Plätzen, schmalen Gassen und steilen Anstiegen, die oft nur durch Stufen zu bewältigen sind.

Gottes Silberplatte

Der silberne Faden der mexikanischen Geschichte wurde von Jahr zu Jahr fester, die gesamte Kolonie Nueva España stand wirtschaftlich auf einem Fundament aus Silber. Ganze Flotten spanischer Galeonen pendelten jahrhundertelang zwischen Veracruz, Havanna und dem andalusischen Cádiz und verfrachteten das Erz nach Europa. Der Silberfluss aus Mexiko füllte die Kassen des Königshauses, und natürlich verdienten auch ungezählte Händler, Mittelsmänner und Seefahrer daran. Im achtzehnten Jahrhundert löste Mexiko Bolivien als größten Silberproduzenten der Welt ab und hält diese Führungsrolle bis heute. Ein Drittel, zeitweise sogar zwei Drittel der weltweiten Silberproduktion stammten jahrhundertelang aus dem mexikanischen Norden. Alexander von Humboldt, der sich 1803 in den Minen von Taxco und Guanajuato umsah, nannte Mexiko „Gottes Silberplatte, die auf die Erde gefallen ist“.

Mexiko Plata Guanjuato

In den Gassen von Guanajuato

Und was blieb für die Mexikaner? - Das Edelmetall floss nicht nur in die königlichen Schatullen in Madrid, es blieb auch noch genügend im Land, um die kreolische Oberschicht fürstlich zu ernähren. Trotz der geforderten Abgaben an die Spanische Krone bereicherten sich die Herren der Kolonien in ungeahntem Ausmaß.

Mexiko Plata Taxco Sta. PriscaDas sieht man noch heute an den Stadtbildern von Taxco, Zacatecas und Guanajuato, die alle von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurden. Sie verkörpern mit ihren Kirchen, Palästen und prachtvollen Kolonialfassaden die glorreiche Silber-Ära. „Arquitectura de la plata“ nennt man in Mexiko diese verschwenderische Bauweise, nicht weil angeblich sogar der Mörtel mit Silberstaub vermischt wurde, sondern weil der Erlös aus dem Silber in wenigen Jahren ganz nebenbei kolossale Sakralbauten entstehen ließ, für deren Errichtung man in Europa Jahrhunderte gebraucht hatte.

Kirchenbau als kulturelle Nebentätigkeit

In Taxco wurde der baskische Einwanderer José de la Borda dank des Silbers eine Zeitlang zum reichsten Mann der Neuen Welt. Für ein paar Pesos erwarb er die angeblich erschöpfte Mine San Ignacio und verdiente damit Millionen. Für sich selbst ließ er in Taxco ein luxuriöses Stadthaus erbauen, und als vorbildlicher Christ dankte Borda seinem Schöpfer mit der Finanzierung der Kirche Santa Prisca (Foto unten) im Zentrum von Taxco, die bis heute eines der auffälligsten Beispiele für den verschwenderischen mexikanischen Barock darstellt. Innen und außen quillt sie über von Ornamenten und Stuckfiguren, von Gold und natürlich Silber. Die Schnitzereien des Hauptaltars sind an Fülle und Üppigkeit kaum zu übertreffen.

Mexiko Plata Kirchenfassade

Die Kirche La Valenciana in Guanajuato prunkt ebenfalls mit riesigen Ausmaßen und kunstvoll überladener Fassade (Foto rechts). Sie steht unmittelbar neben dem Eingang zum gleichnamigen Bergwerk, das einst die größte Silbermine Mexikos war - eine unterirdische Welt, die sechshundert Meter tief in die Erde eindrang, gestützt von Holzverkleidungen und gemauerten Galerien. Gleichsam in einer erzwungenen kulturellen Nebentätigkeit ließ der Minenbesitzer Conde de Rul y Valenciana die Kirche im achtzehnten Jahrhundert von seinen Bergarbeitern innerhalb von zwanzig Jahren errichten.

Mexiko Plata AltarAuch die Kathedrale von Zacatecas gehört zu den schönsten Sakralbauten in einem Land, das an Kirchenpalästen nicht arm ist. Fassade und Türme quellen über von barocken Reliefs und Figuren - eine vollendete Ausführung des Churriguera-Stils, den die gleichnamige spanische Bildhauerfamilie in Salamanca begründete und der später in Mexiko zu einer neuen Blüte kam: Apostel, Heiligengestalten und Engelsfiguren versammeln sich auf der Fassade zu einer Feier christlicher Überlegenheit, die den Indios die Macht des fremden Gottes auch optisch offenbaren sollte.

Die Kehrseite der Silbermedaille

In der Mine „El Edén“, die direkt unter dem Stadtzentrum von Zacatecas liegt, zeigt ein ehemaliger Bergarbeiter den Besuchern, unter welchen Bedingungen der ganze Reichtum einst aus der Erde gekratzt wurde. Zunächst fährt man mit einer kleinen Bahn in den Stollen hinein, dann geht es zu Fuß weiter durch ein gespenstisches unterirdisches Labyrinth. Der ganze Berg ist ausgehöhlt, man wundert sich, dass die verbliebenen Wände noch tragen. Düstere Schächte tun sich an den Seiten auf, tiefe Löcher im Boden scheinen im Nichts zu enden, andere sind mit Wasser gefüllt. Sechstausend Tonnen Silber sollen hier geschürft worden sein, eine verlässliche Statistik hat freilich niemand geführt. Auch nicht über die Zahl der indianischen Arbeitssklaven, die hier schuften mussten und Erz und Gestein über schwankende Holzleitern aus den Stollen ans Tageslicht schleppten. Tödliche Stürze waren gang und gäbe, Katastrophen bei Wassereinbruch in den Schächten keine Seltenheit. Auch wer den Unglücken entkam, überlebte die alltäglichen Strapazen unter Tage nicht lange.

Mexiko Plata GasseIn der schaurigen Stille dieses subterranen Gewölbes meint man plötzlich den Klang des Hämmerns, Bohrens und Meißelns zu hören, das Echo der Seufzer und Klagen von zehntausend elenden Kreaturen. „El Edén“ war für die meisten nichts anderes als ein Inferno; eine Reminiszenz an den Garten Eden bestenfalls für die Minenbesitzer und Kolonialherren, die sich direkt über den Köpfen der schuftenden Indios, ihre Paläste errichten ließen.

Wer nach der Führung durch das Stollenlabyrinth aus der beklemmenden Tiefe in die klare Höhenluft hinaustritt, atmet erst einmal kräftig durch und findet sich unvermittelt in der prachtvollen kolonialen Architektur von Zacatecas wieder. Offenkundiger könnte der Kontrast zwischen dem Reichtum und dem unermesslichen Elend, die aus der Jahrhunderte währenden Silberförderung entsprangen, kaum ausfallen.

Reiseinformationen zur Ruta de la Plata

Anreise: Von Mexiko-Stadt aus fahren stündlich Busse nach Zacatecas, Guanajuato, Pachuca und Taxco. Zacatecas und Guanajuato sind von der Hauptstadt aus auch mit dem Flugzeug zu erreichen.

 

Reisemagazin schwarzaufweiss

 

Das könnte Sie auch interessieren

.

 

 

Kurzportrait Mexiko

Mexiko ist das bunteste und vielseitigste Reiseland Lateinamerikas, das neben aufregenden Berglandschaften, einsamen Wüsten, erstklassigen Badestränden und hübschen Kolonialstädten vor allem Spuren zahlreicher präkolumbianischer Kulturen zu bieten hat. In vielen Teilen des Landes treffen noch immer authentische Indio-Traditionen auf eine selbstbewußt gestaltete Moderne.

Kurzportrait Mexiko

Mehr lesen ...

Entdeckte und unentdeckte Geheimnisse in der mexikanischen Maya-Stadt Chichén-Itzá

Die Stadt war vor tausend Jahren eine Art mittelamerikanisches Berlin, ein Bevölkerungs- und Zeremonialzentrum mit großem Einfluss auf zahlreiche Mayagemeinwesen und Indiokulturen in den heutigen Staaten Mexiko, Guatemala, Belize, Honduras und El Salvador. Jetzt sind nur noch die steinernen Reste einiger Monumentalbauten erhalten, die auf einem weitläufigen Gelände verstreut liegen: Tempel, Paläste, Pyramiden, Ballspielplätze und ein Observatorium.

Mexiko - Maya-Stadt Chichén-Itzá

Mehr lesen ...

 

Mexiko zwischen Woo-Wald und Maya-Kult

Von wegen im Dschungel kreucht und fleucht es. Tiere gibt es nicht zu sehen. Dafür erklingen im 256 Hektar großen Jungla Maya teilweise fast schon animalische Schreie. Und zwar aus den Kehlen von Adrenalin-Trunkenen im Urwaldfieber. Denn die Hobby-Abenteurer sind an die Riviera Maya auf Mexikos Yucatán-Halbinsel gekommen, um einen ungewöhnlichen Dschungel-Dreikampf bestehend aus Abseiling, Zippling und Schnorcheln in einem unterirdischen Fluss zu absolvieren. Mutproben, die immer wieder von Urschreien begleitet werden. Meist klingt es wie ein „woo“. Gerne auch mal mit zehn bis 15 Ohs je nach Grad der Aufregung.

Woo-Wald und Maya-Kult

Mehr lesen ...

Uxmal und Zeremonialstädte der Mayas in den Puuc-Hügeln von Yucatán

Uxmal ist eine der prachtvollsten Hinterlassenschaften der Mayakultur. Ebenso wie in den Nachbarstädten Kabah, Sayil und Labná blühte dort vom achten bis zehnten Jahrhundert ein Gemeinwesen, in dem Kalender, Zahlensystem, Schrift und Bücher eine Selbstverständlichkeit waren. Im Mittelpunkt der religiösen Verehrung stand der Regengott Chac, dessen kuriose Rüsselnase dort bis heute allgegenwärtig ist.

Mexiko - Uxmal

Mehr lesen ...