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Das sonderbarste und zugleich überzeugendste Beispiel der Kunst von Siqueiros befindet sich abseits vom Zentrum an der Avenida Insurgentes, der großen Ausfallstraße von Mexiko-Stadt Richtung Süden. Dort braust der Verkehr auf mehreren Spuren an einem kuriosen Gebäude vorbei, dem "Polyforum Siqueiros", das heute nur die wenigsten überhaupt wahrnehmen. Zu sehr ist es versteckt zwischen aufdringlichen Plakattafeln und schäbigen Hochhäusern. Das zwölfeckige Bauwerk ist außen vollständig mit Murales bedeckt, teilweise großflächige, abstrakte Kompositionen, aber auch Porträts und historische Szenen. Die eigentliche Attraktion jedoch stellt die riesige Kuppel im Innern dar, vollständig ausgefüllt mit dem gigantischen Wandbild "Der Marsch der Menschheit", das vielfältige Motive aus der Weltgeschichte verarbeitet. Wichtige Personen ragen wie Galionsfiguren aus der Oberfläche des Gemäldes heraus und geben dem mächtigen Kunstwerk dadurch einen zusätzlichen energischen Effekt. Mit Hilfe von fünfzig Assistenten arbeitete Siqueiros sechs Jahre an diesem Werk - ein künstlerischer Kraftakt, der auch in seiner Wirkung auf den Betrachter als solcher deutlich wird.

Der dritte wegweisende Muralist, José Orozco, lebte und malte hauptsächlich in Guadalajara, der zweitgrößten Stadt Mexikos. Dort schuf er Wandgemälde an den wichtigsten öffentlichen Gebäuden, u.a. dem Parlament, dem Regierungspalast und der Universität. In Mexiko-Stadt hinterließ er umfangreiche Bilderzyklen im ehemaligen Kloster San Ildefonso sowie im Obersten Gerichtshof. Sein eher plakativer, häufig expressionistischer Stil stellt die großen Ereignisse der mexikanischen Geschichte drastisch und unter Ausmalung brutaler Details dar: flammende Schwerter über Gewalt- und Greuelszenen charakterisieren Orozcos schonungslose Sicht der Geschichte.

Vereint sind die drei großen Künstler des muralismo im Palacio de Bellas Artes in Mexiko-Stadt. Der neoklassizistische Prachtbau steht leicht schief am Ostende des Parque Alameda, denn durch sein kolossales Gewicht sinkt er langsam in den weichen Untergrund, auf dem die mexikanische Metropole errichtet ist. Schließlich befand sich an dieser Stelle einst der von den Spaniern trockengelegte Texcoco See, in dem die Azteken ihre Inselhauptstadt Tenochtitlan errichtet hatten. Doch trotz seiner Schräglage behauptet der Palast der Schönen Künste seine Position als kultureller Mittelpunkt der Stadt. Das Foyer glänzt in schwarzem und rosa Marmor, und die art-deco Ausstattung kontrastiert auffallend zur neoklassizistischen Architektur. Der Theatersaal fasst 3500 Personen, den Bühnenvorhang fertigte nach Vorlage des mexikanischen Künstlers Gerardo Murillo die New Yorker Firma Tiffany aus fast einer Million farbiger Glasplättchen. Der Vorhang ist ein vom muralismo inspiriertes Kunstwerk und zeigt als gigantisches Motiv das Hochtal von Mexiko mit den beiden alles überragenden Vulkanen Popocatépetl und Ixtaccíhuatl. Wenn zu Beginn einer Vorführung die Scheinwerfer dahinter aufblenden, entsteht ein Effekt wie beim tatsächlichen Sonnenaufgang über dem Tal.

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