Reisemagazin schwarzaufweiss

Auf der Straße der Kasbahs

Eine Rundreise zu den Lehmburgen der Berber im Süden Marokkos

Text und Fotos: Elke Sturmhoebel

Suedmarokko Straßenszene

Es ist ein wunderbares Gefühl, nicht beachtet zu werden. Zu dieser Erkenntnis kommen wir hinter den Bergen des Hohen Atlas, als uns diese Gunst nicht mehr zuteil wird. Wir sind mit dem Mietwagen unterwegs und dem prallen marokkanischen Leben ausgesetzt. Und das ist manchmal anstrengend. Hier, am Rande der Wüste, sind die Blicke allgegenwärtig, werden Touristen nicht nur mit den Augen verfolgt. Da wird man bedrängt, etwas zu kaufen, das man nicht haben will. Es wird Geld für Dienste gefordert, nach denen man nicht verlangt hat. Und dennoch lohnt sich eine Autorundreise im Süden Marokkos.

Als Ouarzazate 1928 von der französischen Fremdenlegion gegründet wurde, hatten die Söldner vermutlich mit dem harten entbehrungsreichen Leben im heißen Wüstenwind zu kämpfen. Heute hat die Stadt an der südlichen Peripherie des Hohen Atlas mit seinen Drei- und Viertausendern etwa 50.000 Einwohner und ist ein Touristenmagnet.

Suedmarokko Kasbah Tifoultoute

Die Kasbah Tifoultoute bei Quarzazate

Denn Ouarzazate liegt am Schnittpunkt zweier spektakulärer Wege. An der Straße der Kasbahs, die hier im Winkel aneinander stößt, reihen sich aus Lehm gestampfte Burgen und Dörfer wie Perlen auf einer Schnur.

Die Residenz des Paschas

Moulim lässt sich nicht abschütteln. All unser Reden, dass wir allein durch die Kasbah Taourirt spazieren wollen, prallen an ihm ab. Widerstrebend fügen wir uns in das Unvermeidliche. Zum Glück erweist sich Moulim als liebenswerter Kerl und aufgeweckter Bursche. Auch, dass der Zwölfjährige uns die restliche Bande vom Hals hält, die anderen Kinder, die ebenfalls gern ein paar Dirham verdienen würden, stimmt uns versöhnlicher.

Suedmarokko Ausblick

Die Kasbah Taourirt, die mächtige Burg und das Viertel drumherum, wurde Anfang dieses Jahrhunderts aus Lehm gebaut und ist die Sehenswürdigkeit schlechthin in der einstigen Garnisonsstadt. Dort wohnt Moulim, unser selbst ernannter Führer. Er begleitet uns durch die engen Gassen der Wohnquartiere, grüßt hier und winkt dort, geht mit uns in die Mellah, das ehemalige Judenviertel, und weist auf eine Tür, hinter der der einzige noch verbliebene Jude Taourirts wohnen soll. Danach schleust er uns auf die Dachterrasse seines Großvaters. Buchstäblich der Höhepunkt.

Der Blick auf die Burg, die gerade von der Nachmittagssonne orangerot gefärbt wird, ist unvergleichlich schön. Die Kasbah sei einmal Residenz des Paschas von Marrakesch gewesen. Ob wir von El Glaoui schon einmal gehört hätten, fragt Moulim und sieht uns forschend an. Keine Frage, auf diesen Klan trifft man fortwährend im Süden Marokkos. Diese berühmt-berüchtigte Sippe war schon im neunzehnten Jahrhundert durch Eroberungsfeldzüge der mächtigste Grundbesitzer in dieser Region. Überall, wo ein El Glaoui Land eroberte, setzte er „Duftmarken“ in Form von großen Kasbahs. Aus Lehm errichtete Burgen markieren daher den einstigen Herrschaftsbereich der El Glaoui zwischen Telouèt und Tinerhir. Im Frühjahr nisten Störche auf den verzierten Ecktürmen der Kasbahs entlang der Straße im Dadès-Tal. Die in Lehm eingeritzten Ornamente sollen böse Geister abwehren und die Baraka, die heilige Kraft, an das Gebäude binden.

Wohnburgen der Berberfürsten

Suedmarokka Ksar mit Ornament

Kasbahs boten den Dorfbewohnern Zuflucht vor plündernden Nomaden oder feindlich gesinnten Berbern. Denn durch das Drâa-Tal verlief ein stark frequentierter Karawanenweg, auf dem Gold, Elfenbein und Sklaven von Schwarzafrika zum Mittelmeer gebracht wurden. Ksour (Singular Ksar) werden die befestigten Dörfer der Berber genannt, deren ineinander verschachtelte Wohnungen und Häuser aus Stampflehm oft ganze Sippen beherbergten. Blinde Gassen, die nirgendwohin führen, an Mauern enden, sollten den Feind verwirren und für Orientierungslosigkeit sorgen. Hohe Dorfmauern schafften zusätzlich Schutz und Geborgenheit (Foto rechts).

Nach der Befriedung der Berberstämme verloren die Kasbahs ihren Sinn und Zweck. Auseinandersetzungen und Streitfälle werden nunmehr von den Machtinstanzen der Regierung geschlichtet. Die ehemaligen Wohnburgen der Berberfürsten sind verlassen, die Ornamente an den Außenmauern durch Regen ausgewaschen. Die Lehmmauern werden, wenn überhaupt, nur noch notdürftig ausgebessert. Irgendwann werden die Kasbahs wieder zu einem Haufen Lehm geworden sein.

Ait Benhaddou liegt 1.300 Meter hoch und 35 Kilometer nordwestlich von Ouarzazate. Das Dorf mit den turmbewehrten Wohnburgen, das Labyrinth der Häuser und Speicher aus Lehm, steht als Weltkulturerbe unter dem Schutz der Unesco.

Suedmarokko Benhaddou

Das Wohnlabyrinth von Ait Benhaddou

Eine geheimnisvolle Atmosphäre umgibt das Dorf. Hier der flüchtige Schatten einer Frauengestalt in einem dunklen Gang, dort Kinderaugen, die uns durch das Gassengewirr verfolgen. Ein Esel, der hinter einer Lehmmauer schreit. Kaum jemand wohnt noch hier. Diese Kulisse musste schon für einige Filme herhalten. Für „Sodom und Gomorrha“ wurde extra ein riesiges Eingangstor und eine Mauerattrappe um Aid Benhaddou gebaut und einfach stehen gelassen.

Eine perfekte Klimaanlage

„Die Gemeinschaft in einem Ksar muss funktionieren, sonst wird das Dorf früher oder später zu einer Geisterstadt“, sagt Hussein. Er hütet die Kasbah Asslim am Stadtrand von Agdz und lässt Besucher ein, die sich am Campingplatz Kasbah Palmeraie melden. Die 250 Jahre alte Wohnburg ist im Besitz der Familie Ait el Caid, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Kasbah der Nachwelt zu erhalten. Der älteste der vier Brüder ist Soziologe und arbeitet im Amt für die Erhaltung der Kulturgüter in Ouarzazate. Sein Großvater war Kaid von Agdz, der letzte Stammesführer dieser Region.

Suedmarokko Marabout

Marabout - die Grabstätte eines Heiligen

Hussein spricht englisch und erzählt vom früheren Leben in der Kasbah und im Ksar. Von der großen Dachterrasse, auf der einst Datteln gedörrt wurden, schaut man auf den Tafelberg Djebel Kissane und auf die Ruinen eines verlassenen Dorfes. Bei dem Wohnen Wand an Wand sei es notwendig, dass die Mauern gemeinsam gepflegt werden. Wenn zu viele fortziehen, ist es eine Frage der Zeit, wann der Ksar zusammenbricht und aufgegeben wird. Durch die moderne Zeit entstehen Lücken. Antennen strecken ihre Fühler aus und bringen Kunde von der Großstadt in die kleine Welt zwischen den Lehmmauern.

Suedmarokko Oasendorf

Oasendorf im Dadès-Tal

Schnell hochgezogene Häuser aus Beton wirken wie Fremdkörper in dieser Landschaft. Und den Bewohnern werden sie kein Vergnügen bereiten. Im Sommer, wenn das Quecksilber leicht die 50-Grad-Marke erreicht, muss es mörderisch heiß darin werden. Aus Stampflehmerde gebaute Häuser - einem dicken Brei aus Lehm, Wasser und Maisstroh - sorgen hingegen für ein erträgliches Wohnklima. Bis die Hitze in die Häuser eindringt, ist es Abend geworden. Dann übernimmt die nächtliche Kühle den Temperaturausgleich. Eine perfekte Klimaanlage.

Der Esel als Hauptverkehrsmittel

Die West-Ost-Achse der Straße der Kasbahs folgt den Flüssen Dadès und Todhra. Die Flussläufe haben sich in die Berge gemeißelt und enge Schluchten gefräst. Die Erosion hat Formen von gigantischem Ausmaß aus dem Gestein geschliffen. Manchmal gleichen die Bergkolosse aufeinander geschichteten Tortenböden. Die südwärts gerichtete Straße der Kasbahs folgt dem Drâa-Tal, und verliert sich im Sand der Sahara an der algerischen Grenze. In Zagora steht noch ein Schild: „Tombouctou – 52 jours“. So viele Tage brauchten Kamele nach Timbuktu, dem Verkehrsknotenpunkt alter Karawanenstraßen.

Suedmarokko Timbuktu

Noch 52 Tage bis Timbuktu

Die Straßen im Drâa-Tal sind wenig befahren. Lastwagen, Taxis und Radfahrer sind unterwegs, und nur wenige Personenwagen. Zumeist sind die Straßen anderthalbspurig, Entgegenkommmende müssen sich also einigen und einer von beiden auf den Schotterstreifen ausweichen. Große Steine mitten auf der Straße weisen auf Gefahr im Verzug hin. Sie ersetzen bei Unfall oder Reifenpanne das Warndreieck.

Hauptverkehrsmittel ist der Esel. Wenn in Zagora Markt ist innerhalb der Soukmauern, auf dem von Schafköpfen über Haushaltswaren, Obst und Gemüse aus den Oasengärten bis hin zu Körben und Taschen aus recycelten Reifen alles verkauft wird, dann stehen auf dem Parkplatz dicht gedrängt Esel und Maultiere, die auf ihre Besitzer warten. Unverschleierte Frauen balancieren Lasten auf dem Kopf. Sie tragen Kinder auf dem Rücken, schleppen Körbe voller Grünzeug und sind oft unter ihrer Bürde kaum noch auszumachen. Sie waschen Wäsche im Fluss und hängen sie zum Trocknen über Büsche. Frauen leisten Schwerstarbeit, sie scheinen diejenigen zu sein, die das tägliche Leben am Laufen halten.

Suedmarokko Markt in Zagora

Markt in Zagora

Das Drâa-Tal ist eine einzige grüne Flussoase, in der Dattelpalmen, Obst- und Olivenbäume und Feldfrüchte angebaut werden. Die Landschaft mit den wehrhaften Dörfern aus Lehm ist voller Schönheit. Nur Plastiktüten, die der Wind vor sich hertreibt und sich in Sträuchern verfangen, trüben das Bild.

Opa ist Teppichhändler

Suedmarokko Kasbah  Telouet

Müssten die Kinder, die um Kugelschreiber betteln, nicht in der Schule sein? Müssten die kleinen Rotznasen, die die Touristen um „Stylo, Stylo“ angehen, jetzt nicht Lesen und Schreiben lernen? Werden Schulkinder etwas über die wenig ruhmreiche Rolle des Thami El Glaoui während der Protektoratszeit hören - oder ob das gar nicht im Lehrplan steht? 1912 verbündete sich der Berberfürst mit den Eroberern und bekämpfte zusammen mit französischen Legionären die Rebellen in Marrakesch. Dafür wurde Thami El Glaoui, „Frankreichs bester Freund in Marokko“, wie es amtlicherseits hieß, zum Pascha ernannt und mächtiger als der Sultan. Als 1956 die Protektoratsregierung zusammenbrach, unterwarf er sich seinem Widersacher Sultan Mohammed, machte einen Kniefall und küsste den Boden. Drei Monate später starb der 81-Jährige El Glaoui. An gekränktem Stolz, sagt man. Das Vermögen und die Besitztümer wurden vom Staat beschlagnahmt.

Wie feudal der Berberfürst lebte, lässt sich noch in den verfallenen Gemäuern seines Stammsitzes, der Kasbah von Telouèt, erahnen. Ein freundlicher Wächter zeigt uns die prächtigen noch erhaltenen Räume (Foto oben rechts): das Empfangszimmer, den Tanzsaal, die Frauengemächer mit feinem Stuck, bunten Fayencen und geschnitzten Decken aus Zedernholz. Noch 1950 wurde der Hofstaat auf tausend Leute gezählt, darunter Leibeigene und Sklaven.

Suedmarokko Kasbah Asslim

Die Kasbah Asslim ist gut erhalten

Auch auf der Kasbah Taourirt wohnten zu der Zeit mehr als tausend Menschen, berichtet Moulim, unser kleiner Fremdenführer. Er wolle uns seinem Großvater vorstellen, sagt er noch, als wir von der Dachterrasse hinuntersteigen. Ganz schön clever. Sein netter Opa erweist sich als Teppichhändler.

 

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