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Mali-Blues

Westafrika: eine musikalische Reise am Niger

Text und Fotos: Elke Sturmhoebel

Mali Niger Schiff

Früh am Morgen sind die Temperaturen in Bamako auch für Europäer noch erträglich. Ein leichter Wind streicht um die Gäste, die auf der Terrasse des Hotel Mandé beim Frühstück sitzen. Auf dem Fluss zwischen grünen Inseln staken Fischer mit langen Holzstangen ihren Einbaum wie venezianische Gondolieri. Kuhreiher halten Ausschau nach einem Fischhappen. Schillernde Eisvögel fliegen über den breiten Strom. Am Ufer waschen Frauen Wäsche und schrubben Kochtöpfe. Die Terrasse hoch über dem Niger ist ein schöner Logenplatz.
 
Vor diesem phantastischen Panorama entstand das fulminante Klangwerk des Symmetric Orchestra um Toumani Diabaté, den König der Kora. Diesen Titel hat der zweiundvierzig Jahre alte Musiker von seinem Vater übernommen, der vor elf Jahren starb. Diabaté stammt aus einer Familie, die sich seit einundsiebzig Generationen dem Spiel der Kora widmet, der westafrikanischen Kreuzung aus Laute und Harfe. Mit mehr als fünfzig Musikern spielte er im dritten Stock des Hotel Mandé innerhalb von zwei Wochen das Album „Boulevard de l’Indépendance“ ein, das im März 2006 von dem Londoner Weltmusik-Label World Circuit Records veröffentlicht wurde: ein Rausch aus Klängen und Rhythmen, Konversationen von Gesangsstimmen und blitzenden Instrumentalkantilenen und vor allem eine unwiderstehliche Einladung in die Heimat der Kora.

Mali Niger Autobus
Der Autobus wird beladen

Im Miteinander der Instrumente verwandeln sich auch die Geräusche Afrikas in Musik – das rhythmische Aufschlagen eines Stößels im Mörser, die scharrenden Hufe der Zeburinder, das Stimmengewirr auf den Märkten überall im Land, das Brausen des heißen Wüstenwindes Harmattan. Die perlenden Kaskaden der Kora intonieren die an- und abschwellenden Wasser des Niger. Der Fluss entspringt im Hochland von Guinea und fließt eintausendsiebenhundert Kilometer durch Mali. Dabei bahnt sich der Strom seinen Weg durch die Savanne, wälzt sich durch Sanddünen hinauf bis zur Wüste, macht bei Timbuktu einen Schwenk gen Osten, um dann in den Süden zurückzukehren. So ungewöhnlich und mitreißend wie der Verlauf des Niger ist die Musik, die an seinen Ufern entsteht.

Mali Niger Frauen
Ein Balanceakt

Das Symmetric Orchestra - besetzt mit Musikern aus Mali, Burkina Faso, Guinea und dem Senegal - macht moderne Tanzrhythmen mit der Musik der Griots bekannt, den traditionellen Geschichtenerzählern des Landes, den Bewahrern des musikalischen Worts. Und genauso begegnen in dieser Musik die Instrumente einander. Die Kora und die Ngoni, eine kleine Laute, sowie das Balafon, das afrikanische Xylophon, kommen zusammen mit E-Gitarre und -Bass, Keyboard und Schlagzeug zum Einsatz.

„Musik ist für mich wie ein Fluss. Ist man durstig und kommt zum Fluss, kann man seinen Durst stillen, aber nie den ganzen Fluss trinken“, erklärt Toumani Diabaté. „Boulevard de l’Indépendance“ heißt die CD, weil diese Straße, die durch Bamako führt, Ausgangspunkt ist für Reisen durch die Länder Westafrikas und zu den Städten am Rande der Wüste.

Im Rhythmus des Stroms

  Die etwa eine Million Einwohner zählende Hauptstadt Malis ist kaum mehr als ein aus vielen Dörfern zusammengesetzter Ort. Die beiden einzigen Hochhäuser, die über Dächer und Bäume herausragen, wirken als Fremdkörper. Zwei der drei Brücken, die es in Mali gibt, spannen sich in Bamako über den Niger. Das Ende der Straße der Unabhängigkeit markiert die lebensgroße aus Beton gegossene Skulptur eines Flusspferdes, das Wappentier des Landes.

Mali Niger am Fluss
Markt am Fluss

Die Hauptverkehrsstraße, die in den Nordosten führt, hält Abstand zum Fluss. Im Sommer während der dreimonatigen Regenzeit tritt der Niger über die Ufer, und das Binnendelta zwischen Ségou und Timbuktu mit seinen zahlreichen Nebenarmen ist dann in weiten Gebieten überflutet. Dann treiben die Männer vom Volk der Fulbe ihre Viehherden weiter ins Landesinnere. Die Bozo verlassen die Fischerdörfer und schlagen ein Sommerlager am neuen Ufer auf. Nachdem der Niger wieder in sein Bett zurückgekrochen ist, kehren die Viehzüchter und Fischer zurück. Im Schlepptau die Bauern, die das fruchtbare Schwemmland bestellen. Dreiviertel der Bevölkerung Malis leben im Rhythmus des Stroms.

Mali Niger Tuaregs
Tuaregs in Timbuktu

Erst in Ségou, 235 Kilometer hinter Bamako, berührt die Straße wieder den Fluss. Gebäude im Kolonialstil prägen die einstige Hauptstadt Französisch-Sudans. Balanzan-Bäume stehen Spalier an der breiten Allee. Es sind überaus praktische Bäume: In der Trockenzeit spendet das Blattwerk Schatten, und in der Regenzeit, wenn der Himmel sowieso verhangen ist, werfen sie ihr Laub ab. Ebenso wie Bamako ist Ségou ein Zentrum von traditioneller Musik und Tanz. Im Februar wird das „Festival sur le Niger“ ausgetragen, zu dem viele westafrikanische Künstler erwartet werden. Es ist das Pendant zum „Festival au Desert“ im Januar, fünfundsechzig Kilometer nordwestlich von Timbuktu.

Pong! Pong! – so klingt Mali

Ségoukoro, das alte Ségou etwa zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, war einst ein Ort von Bedeutung. Im Jahre 1712 gründete der Bambara-Herrscher Biton Coulibaly das mächtige animistische Königreich Segu und hielt dort dreiundvierzig Jahre lang hof. In der einstigen Residenzstadt sind noch sein Grab zu sehen und der alte Königpalast. Wie alle Dörfer der Bambara besitzt auch Ségoukoro ein Fetischhaus mit den notwendigen Zauber-Utensilien, um böse Einflüsse abzuwehren. Trotz Islamisierung halten die Bambara am Geisterglauben fest. Doch nur Männer können Fetischpriester werden. Der malische Sänger und Gitarrist Boubacar Traoré bekräftigt das in seiner Ballade „Mouso Tèkè Soma Ye“ - Eine Frau kann nicht „soma“ werden. Sie kann nur einen „Soma“ gebären.

Mali Niger Mutter und Kind
Die Mutter ist immer dabei

In Ségoukoro, dem Dorf oberhalb des Niger schmort kein Unrat in der Sonne, kein Plastik treibt im Wind. Zwischen den runden strohgedeckten Lehmhütten und Kornspeichern stampfen Frauen Hirse im Mörser. Pong! Pong! – so klingt Mali. Die Babys auf dem Rücken machen jede Bewegung mit und schlummern selig weiter. Sie erfahren von Anfang an den Rhythmus Westafrikas.

Die Hauptstraße Richtung Gao macht einen weiten Bogen um den Niger. Erst bei Sévaré gelangt das Asphaltband wieder in die Nähe des Stroms. Sévaré ist ein Verkehrsknotenpunkt, im wesentlichen eine große Kreuzung, von der die Straße abzweigt nach Bandiagara ins Dogonland und auch nach Mopti, den Handelsplatz am Zusammenfluss von Niger und Bani. Dort treffen viele Volksstämme aufeinander, die etwas zu verkaufen haben. Im Hafen wird die Ladung großer Pinassen gelöscht. Kolanüsse aus dem Süden landen an, Töpferwaren aus dem Norden, Salzplatten aus der Wüste. Brennholz, große Kalebassen, Baumwolle und Getreide werden umgeschlagen. Am Rande der Straße spielen Halbwüchsige mit Feuereifer Tischfußball. Am gegenüberliegenden Ufer des Flusses steigen Rauchfahnen auf. Bozo-Frauen räuchern Fische über Holz und Kuhmist. Kleine Fähren pendeln ständig über den Fluss. Fliegende Händler verkaufen Stoffe, Schmuck, Musikkassetten und CDs – vor allem Raubkopien. Mopti ist Malis Hochburg der Musikpiraterie.

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