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Mit Stachelrochen auf Du und Du

Abtauchen auf den Malediven

Text und Fotos: Karsten-Thilo Raab

So müssen sich Ölsardinen fühlen. Der Neoprenanzug ist eng wie eine Wurstpelle, lässt sich nur mit großer Mühe über die Oberschenkel streifen. Tauchlehrerin Alice zieht den Reißverschluss am Rücken hoch. Schon fühlt man sich ein wenig wie ein muskulöses Kraftpaket, wie ein Rocky Balboa mit Schwimmflossen und Bleigurt. Doch der optische Eindruck täuscht. Kaum ist die höllenschwere Sauerstoffflasche auf den Rücken geschnallt, gehe ich fast unweigerlich in die Knie. Und das soll Spaß machen? Die Skepsis steigt. Wie soll man sich als Pellwurst mit Stein auf dem Rücken im Wasser bewegen können? Schweißperlen sammeln sich nicht nur wegen des strahlend blauen Himmels auf der Stirn. Doch die blonde Alice kennt keine Gnade. Sie reicht mir Taucherbrille und Mundstück, führt mich an den Rand des Stegs und sagt: „Nun muss Du das Mundstück und die Brille nur mit einer Hand festhalten und einfach einen Schritt nach vorne machen.“

Malediven - Blick auf Kanuhura
Blick auf Kanuhura

Gesagt, getan. Alle graue Theorie ist in diesem Moment vergessen. Ein kurzer Schritt für erfahrene Taucher, ein Riesenschritt für einen blutigen Anfänger. Mit einem lauten Platsch falle ich ins Wasser. Die Luft in der eigens angelegten Weste sorgt dafür, dass ich erst einmal an der Oberfläche des gerade einmal zwei Meter tiefen Wassers in der herrlich türkisblauen Lagune vor der Trauminsel Kanuhura (1) im Lhaviyani Atoll im Nordosten der Malediven treibe. Schon liegt Alice neben mir im Wasser, zeigt mir noch einmal, wie ich mit dem Schlauch Luft aus der Weste lasse, um langsam und kontrolliert abzutauchen. Wir tummeln uns erst einmal ein Weilchen in Reichweite des Stegs, versuchen, die Atemtechnik, die an Land problemlos klappte, auch im Wasser auf die Reihe zu kriegen.

Die rasch aufsteigenden Luftblasen und das eigene Atemgeräusch wirken zunächst überaus Angst einflößend. Mit dem Kopf unter Wasser klingt es ein bisschen wie in einem Horrorfilm, wenn der Leinwandheld im Dunkeln von einem schnaufenden Massenmörder verfolgt wird. Eine Vision, die jedoch mit dem Blick auf die bunte Wasserwelt schnell in Vergessenheit gerät, zumal sich Hunderte von Schwarmfischen von diesem röchelnden Riesenmonster im Neoprenanzug offenbar nicht verschrecken lassen.

Malediven - Taucher

Gleichmäßig zu atmen ist die eine Sache, noch schwerer fällt es mir, die Luft in der Weste so zu steuern, dass ich weder auf den Meeresboden absacke, noch ständig an die Oberfläche aufsteige. Aber andere haben es auch gelernt. Sogar eine Vielzahl an prominenten Stars und Sternchen, die zum Tauchen nach Kanuhura gekommen sind. Der Bogen spannt sich von Rennfahrern wie Michael Schumacher, Alfredo Alonso, David Coulthard und Mika Häkkinen über Springreiterin Meredith Michaels-Beerbaum und Weltfußballer Lothar Matthäus bis hin zu Schauspieler Erol Sander sowie den Musikern Axel Rose (Guns & Roses) und Morton Harket (a-ha).

Malediven - Taucher

Mit einer Eselsgeduld probt Alice mit uns immer wieder die gleichen Handgriffe, geht immer wieder die gleichen Mechanismen durch. Schließlich fühlen sich alle in der vierköpfigen Anfängergruppe sicher genug, um hinter der spindeldürren Blondine her zu einem vorgelagerten Riff zu tauchen. Hatten ihm Stegbereich noch zahlreiche Schwebeteilchen im Wasser die Sicht ein wenig getrübt, so steigt die Sichtweite mit jedem Meter, den wir nun vom Ufer wegschwimmen, deutlich an. Wie die Küken einer Entenfamilie folgen wir in einer Reihe unserer taucherfahrenen „Mutter“.

Malediven - Tauchen im Riff

„Zwischen Januar und April kann man hier locker bis zu 100 Meter weit unter Wasser gucken“, gerät Alice beim kurzen Auftauchen ins Schwärmen, während wir von dem drei bis vier Meter unter der Wasseroberfläche liegenden Korallenriff in den Bann gezogen werden. Hier tummeln sich Fische und Korallen in allen Farben, Formen und Größen – ein Unterwasserkaleidoskop, dass alle schnell vergessen lässt, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben mit schwerem Gerät getaucht sind. Fast in Greifweite durchkreuzt ein weißer Stachelrochen unseren Weg. Schulen von Makrelen und Doktorfischen ziehen gemächlich ihre Bahnen, eine Schildkröte nimmt uns kurz prüfend in den Blick, um dann das Weite zu suchen.

Malediven - Tauchen im Riff

Schnell wird klar, warum nicht nur für Tauchschulenbesitzer Wolfgang Tippelt, der vor zwei Jahrzehnten aus Augsburg auf die Malediven kam, die Gewässer rund um Kanuhura zu den schönsten Tauchrevieren der Welt gehören. Rund 40 Tauchspots im Lhaviyani Atoll steuert der Deutsche je nach Könnerstufe mit den Tauchschülern an. Da gibt es Plätze, an denen sich Hunderte Schildkröten tummeln, da gibt es Riffe, wo kleine Hai heimisch sind, und da gibt es jene Stellen, wo drei bis vier Meter große Mantarochen majestätisch durchs Wasser zu schweben scheinen. Und wem all dies nicht genügt, der kann auch noch zwei Wracks von Schiffen, die im Lhaviyani Atoll gesunken sind, genauestens untersuchen.

Malediven - Kasnuhura

Glücklich, aber erschöpft, erreichen wir nach rund einer Stunde im Indischen Ozean wieder den Steg von Kanuhura. Mit einer Mischung aus Stolz und Müdigkeit klettern wir aus dem Wasser. Wohl wissend, dass es wohl noch ein Weilchen dauern dürfte, bis wir wie weiland Jacques Cousteau die Weltmeere erforschen. Aber der hat ja auch mal klein angefangen.



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