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Reiseführer Madrid

Calle de Fuencarral

Belebtes Treiben herrscht auf dieser Straße, die neben der parallel verlaufenden Calle de Hortaleza ganz eindeutig die kommerzielle Schlagader Chuecas darstellt. Der Look der letzten Saison ist hier absolut verboten, denn zwischen Gran Vía und Glorieta de Bilbao folgt ein ultra-modischer Laden auf den nächsten. Doch obwohl sich die Calle de Fuencarral auf den ersten Blick ganz und gar der Gegenwart verschrieben hat, befindet sich auch hier eine bewegte Vergangenheit direkt hinter dem heutigen Trubel.

Praktische Tipps: Calle de Fuencarral
gibt's hier...
  • Del Diego Cocktailbar

Reina 12, Tel.: 91 523 31 06, täglich von 19.00 – 03.00, Metro: Gran Vía.

Elegante bis sehr schicke Cocktailbar, in der man sich in Ruhe einen gut gemischten Drink zu Gemüte führen kann.


  • Mint

Hortaleza 106, Mittwoch bis Sonntag 22.00 – 03.30, Metro: Alonso Martínez.

Szenebar, in der sich das who is who der spanischen Schauspielerszene ein Stelldichein gibt.


  • Mushotoku Café

Santa Bárbara 8, Montag bis Donnerstag 16.00 – 01.30, Freitag und Samstag bis 03.00, Metro: Tribunal.

Schicke Bar mit Ausstellungsraum.


  • Schuhgeschäfte in der Calle Augusto Figueroa

Diese Seitenstraße der Calle de Fuencarral bietet gleich etliche hochkarätige Schuhgeschäfte. Von elegant bis modisch ist für jeden etwas dabei.


  • Tupperware

Corredera Alta de San Pablo 26, Tel.: 91 446 42 04, täglich von 20.00 – 03.30, Metro: Tribunal.

Klassiker unter Madrids Bars, mitten im Ausgehviertel Malasaña.

 

Bis weit ins 16. Jahrhundert war sie nichts anderes als eine Ausfallstraße aus Madrid, die in Richtung des benachbarten Dorfes Fuencarral führte – heute ein Stadtbezirk der Hauptstadt. Wie fast alles, so änderte auch dies sich nach 1561, denn nach der Übersiedlung des habsburgischen Königshofes ließ Philipp II. in den hiesigen Eichenwäldern kräftig abholzen. Es entstand eine Straße, die bald von zahlreichen Stadtpalästen und Konventen gesäumt wurde. Typisch für die Habsburgerzeit war aber auch die Tatsache, dass diese Gegend nicht homogen besiedelt wurde. Es entstand also kein Nobelbezirk im heutigen Sinne, denn zwischen Palästen und Klostergärten wurden auch zahlreiche Wohnhäuser erbaut, die dem späteren Stadtviertel Chueca und seiner Hauptstraße Fuencarral von Anfang an eine sehr lebhafte Atmosphäre verliehen. Bis heute sind noch architektonische Überreste dieser Vergangenheit zu besichtigen, so zum Beispiel ein ehemaliges Armen- und Waisenhospiz auf der Höhe der Metrostation Tribunal. Seine Fassade wurde ab 1722 von einem der berühmtesten spanischen Barockarchitekten, Pedro Ribera, errichtet und beherbergt heute das Madrider Stadtmuseum (Museo Historial).

Die Gegenwart ist weitaus prosaischer, aber nicht minder interessant. Die Calle de Fuencarral steht stellvertretend für die Veränderung des gesamten Stadtviertels Chueca, sie ist so etwas wie das sprechende Symbol. Genau wie die gesamte Gegend war auch die Calle de Fuencarral bis weit in die achtziger Jahre hinein ein Amüsierzentrum von eher zweifelhaftem Charakter und damit fast unweigerlich auch ein gefährliches Pflaster. Aber in den neunziger Jahren veränderte diese Straße ihr Gesicht vermutlich radikaler als fast alle anderen Straßen im Madrider Zentrum. Zwei Ereignisse waren für diese Veränderung ausschlaggebend. Im Jahre 1998 wurde unter der Leitung des Madrider Architekten Horacio Fernández del Castillo eine Umgestaltung dieser Straße in Angriff genommen. Diese bestand nicht nur in einer Verbreiterung der Bürgersteige, sondern vielmehr in einer kompletten kommerziellen Transformation der Calle de Fuencarral in ihrem ersten Abschnitt zwischen den Metrostationen Gran Vía und Tribunal. Statt auf Traditionsläden mit vornehmlich älterer Kundschaft setzten Fernández del Castillo und sein Team auf junge und innovativere Geschäfte. Die anfangs billigen Ladenmieten lockten zahlreiche Nachwuchsdesigner und wagemutige Unternehmer hierher. Parallel zum Aufblühen der schwul-lesbischen Szene entstand auf der Calle de Fuencarral so etwas wie ein Experimentierfeld in Sachen Mode und Lebensart.

Doch wie in anderen Metropolen, so war auch dieses Stadium nur von kurzer Dauer. Wo in privilegierten Innenstadtlagen das große Immobiliengeld lockt, sind die kommerziellen Großprojekte meist nicht weit entfernt. Dies war bei der Gründung des Mercado de Fuencarral in der Hausnummer 45 der Fall. Von den Betreibern anfangs mit einem cleveren Slogan vermarktet („Das Einkaufszentrum für alle, die Einkaufszentren hassen.“), war der Mercado de Fuencarral in seiner frühen Phase landesweit so etwas wie die Adresse für alternative Mode. Neben Klamottenläden fanden hier auch grelle Friseursalons und Piercingstudios ihr zu Hause. Aber gerade der Erfolg des Konzepts leitete auch seinen Tod ein. Die neue. alternativ-trendige Calle de Fuencarral entwickelte sich zu einem dermaßen großen Publikums- und Käufermagneten, dass bald auch die großen Modemarken auf diese Meile aufmerksam wurden. Turnschuhimperien wie Reebok und Adidas eröffneten hier ihre minimalistisch gestalteten Zweigstellen für Schuhwerk zu horrenden Preisen, andere Labels folgten.

In den letzten Jahren sind die Mieten wie auch die Preise in die Höhe geschossen. Immer mehr Projekte der ersten Stunde müssen ihre Pforten schließen oder sich ein anderes Stadtviertel suchen, weil sie sich die horrenden Mietpreise nicht mehr leisten können. Madrids Soho droht, an seinem eigenen Erfolg zu ersticken und sich in eine x-beliebige Konsumrampe zu verwandeln. Nicht verwunderlich, dass das einstige „Off“-Aushängeschild Mercado de Fuencarral in Kürze dicht macht, die Shoppingmeile mit ihren mehr als 70 Läden wird ihre Pforten schließen. Ein Paukenschlag war dabei nicht nur die Nachricht selbst, sondern auch die Begründung der Betreiber. In schonungsloser Offenheit gaben sie zu, dass das Projekt sich überlebt und seinen alternativen Charakter vollkommen verloren habe. Wer ab 2009 in die Räumlichkeiten einzieht, bleibt dahin gestellt. Auf jeden Fall wird in nächster Nähe zur Calle de Fuencarral der spanische Kaufhausmulti El Corte Inglés eine Filiale eröffnen – ein sicheres Zeichen für den bevorstehenden Todesstoß jeglicher Alternativprojekte in der Umgebung.

Ob dem einstigen Kopf des gesamten Konzepts, Fernández del Castillo, diese Entwicklung gefällt, ist nicht bekannt. Jedenfalls erarbeitete der Architekt und Urbanist in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Konzepte zur Umgestaltung und Wiederbelebung von Stadtvierteln und Straßenzügen im historischen Madrider Zentrum. Nennenswert sind an dieser Stelle vor allem die Calle Mayor und die Plaza Santa Ana, denen Fernández del Castillo neues Leben einhauchte und ihnen trotzdem etwas von ihrem antiquierten Charme beließ.

Die Notwendigkeit derartiger Projekte und alternativer Geschäftsideen zweifelt trotz ihrer notorischen Kurzlebigkeit niemand an. Erst jüngst wurde nur ein paar Straßenzüge von der Calle de Fuencarral entfernt der Geist von 1998 wieder belebt. In den durch Straßenkriminalität und Drogenhandel heruntergewirtschafteten Straßenzügen um die Calle Ballesta haben junge und nicht dem Mainstream folgende Modeprojekte zu annehmbaren Mieten ein Zuhause gefunden. Man darf gespannt sein, ob sich hier das Schicksal der Calle de Fuencarral wiederholt.



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