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Madagaskar im Überblick

Zögernd schiebt ein Knäuel brauner, winziger Kinderhände Türgirlanden aus Plastik zur Seite. Dahinter folgen drei Paar erwartungsvoll aufgerissene Augen. Neugierig kreisen die Blicke durch das Innere des nüchternen Barraums, hangeln sich an dem Fremden auf- und abwärts, um sich vom Wahrheitsgehalt eines Gerüchtes zu überzeugen. Ein unbekannter Besucher in Ampasimanolotra? In ihrem Dorf? "Vazaha", "Weißer", schreien sie laut auf madagassisch und laufen fröhlich kreischend davon. Folgt man dem ursprünglichen Aberglauben, bricht über jenen Unglück herein, der sich von einem Vazaha berühren lässt ...

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Eine Familie im Andringitra-Gebirge

Exotisch, geheimnisvoll, atemberaubend - Madagaskar ist ein Land der ganz besonderen Entdeckungen, auch wenn die (Bau-)Geschichte keine nennenswerten Monumente hinterlassen hat. Dafür findet man mysteriöse Zeugnisse wie die Aloalos, Grabstelen der Mahafaly, einer Volksgruppe im trockenen Südwesten der Tropeninsel. Wichtigste dortige Stadt ist das glühend-heiße Toliara. Aloalo sind übermannsgroß, werden seit dem frühen 18. Jahrhundert aus Medoravy-Holz gefertigt und von klobigen Grabsteinen umschlossen. Während der untere Bereich meist mit geometrischen Motiven oder einer gebälktragenden Frau als symbolischer Stifterin des Lebens verziert ist, trägt die Spitze der Stele ein markantes figürliches Schnitzwerk: eine Alltagsszene aus dem Leben des Verstorbenen, ein Vogelpaar oder ein Rind, das noch heute im ländlichen Raum als Statussymbol fungiert. Seit einigen wenigen Jahrzehnten leuchten manche Aloalo in leuchtend-bunten Farben, manche erhalten durch ein zementiertes Fundament zusätzliche Stabilität. Auf den traditionellen Grabanlagen sieht man nicht nur Aloalo, sondern einen Zaun mit aufgesetzten Ochsenhörnern. Einen ebenso wichtigen Totenkult pflegen die im Westen beheimateten Sakalava, die "leute der langgestreckten Ebenen", als deren bedeutendste Ansiedlung Morondava hervorsticht.

Von Hörnerzäunen umzogene Grabstätten findet man auch im Süden, wo sich mit Tolanaro die wichtigste Stadt eröffnet. Zum Landschaftsbild des Südens gehören Sisalplantagen und Baobabs. Aus den Fasern der Sisalagaven werden Garne und Seile gefertigt, die unförmigen Baobabs (oder Affenbrotbäume) sind wegen ihrer Fähigkeit der natürlichen Wasserspeicherung bekannt. In besonders trockenen Zeiten hat man dereinst Baobabs gefällt und das feuchte Holz dem Vieh zu fressen gegeben.

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Gelassenheit als Lebensstil

Über das Miteinander von trockenen Süden, grünem Hochland und paradiesischen Stränden hinaus zählt das Gemisch der Volksgruppen zu den faszinierenden Charakteristika Madagaskars. Es gibt rund 20 nennenswerte Ethnien, die historisch-geografische Einheiten bilden und sich oftmals ihre alten Sitten und Gebräuche erhalten haben. Es mag erstaunen, dass sich auf der Afrikas Osten vorgelagerten Insel ein starkes kulturelles Gepräge aus Südostasien erhalten hat. Vor Jahrhunderten rollten immer wieder Einwanderungswellen von Menschen aus dem malaiisch-indonesischen Raum an. Ungeklärt ist, ob sie auf direktem Weg über das Meer gelangten oder ob ihre langen Reisen in Etappen über Sri Lanka, Südindien, Südarabien und Ostafrika führten und sie somit von weiteren kulturellen Einflüssen geprägt wurden. Die südostasiatischen Einflüsse lassen sich nicht nur an Hand der Landessprache Malagasy nachweisen, sondern auch durch die Terrassierung der Reisfelder, der auf Pfählen errichteten Wohn- und Küchenhäuser sowie der Verwendung von Auslegerbooten. Demhingegen lassen sich Ahnenverehrung, Schnitzerei und der mit Prestige verbundenen Rinderhaltung Einflüsse aus Afrika nachweisen.

Zentrale Punkte der verbreiteten madagassischen Weltanschauung sind der Glaube an die Existenz eines Schöpfers und an die Macht der Ahnen, die nach ihrem leiblichen Tod in ein anderes Reich gezogen sind. Dem Volksglauben nach leben sie dort weiter und werden als Mittler zwischen dem Schöpfer und dem Lebenden betrachtet. Man betrachtet die Verstorbenen weiterhin als Mitglieder der Gemeinschaft - was erklärt, dass man Bestattungen nicht als Trauerfeiern auffasst. Ein traditionelles Fest mancher Gegenden ist die Totenumwendung, Famadihana, bei der man sie nach einigen Jahren exhumiert und in neue Tücher bettet. Tänze und Gesänge gehören selbstverständlich dazu.

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Die Sakalava-Frau schützt sich mit Naturcreme gegen die Sonne

Obligatorischer Dreh- und Angelpunkt im Schmelztiegel Madagaskar ist die Hauptstadt Antananarivo, kurz Tana genannt, ein quirliger Marktplatz im zentralen Hochland, das sich bis an die 2.900-Meter-Marke hoch aufwirft. In Antananarivo konzentrierte sich einst das Kerngebiet der Merina, einer Ethnie, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts die gesamte Insel unterwarf. In der Millionenstadt Tana trifft sich Madagaskar (nicht zuletzt wegen der Landflucht), doch Tana ist nicht Madagaskar. Da es an griffigen Highlights mangelt, wird jeder nach spätestens ein, zwei Tagen zu lohnenderen Entdeckungen aufbrechen. Bleibt man im zentralen Hochland, führt ein Abstecher in die 1.500 Meter hohe Bergesfrische nach Antsirabe, das zu Zeiten der französischen Kolonialmacht als "Vichy Madagaskars" bekannt war.

Ost-nordöstlich von Antananarivo erreicht man über Moramanga die weiten Wasser des Alaotra-Sees. Auf dem Weg dorthin sieht man strohgedeckte Speicherhütten für die Reisernte, Lehmhäuser, Buckelrinder und Steppenzonen, die an Ostafrika erinnern. Rund um den Alaotra-See liegt die Reiskammer Madagaskars. Weiter östlich - über eine große Inlandsschleife zurück über Moramanga, das erfrischend grüne Andasibe und die einst von portugiesischen Seefahrern gegründete Hafenstadt Toamasina - eröffnet sich eine herrliche Küsten- und Insellandschaft. Absoluter Madagaskar-Höhepunkt mit Postkartenansichten aus Stränden, Palmen und üppiger Vegetation: Nosy Boraha oder Sainte Marie, eine 60 km lange und 5 km breite Trauminsel, die über ausreichend touristische Infrastruktur verfügt. Die Strände laden zum Baden, die Pisten zu Entdeckungen im Fahrradsattel und per pedes ein. Vor Jahrhunderten war die Insel weitgehend unberührt und diente zahlreichen Piraten als gelegentliches Schlupfnest; Zeugnis von jenen wilden Zeiten legt der Piratenfriedhof ab. Dank der reichen Regenfälle des Ostens zeigt sich Nosy Boraha von einer extrem grünen Seite, überall grünt und duftet es. Christsterne gedeihen wie Unkraut, Papaya- und Brotfruchtbäume werfen ihre Früchte ab, Bougainvilleen zeigen sich in den prächtigsten Farbkleidern. Hauptort ist Ambodifotatra, kleinere Nachbarinsel die Ile aux Nattes. Zwischen Juli und September stehen seit einigen Jahren Whalewatching-Exkursionen hoch im Kurs. Vor Linse und Sucher schwimmen Buckelwale, die ein Gewicht von 15 Tonnen auf die Waage bringen können und deren Bestand weltweit auf etwa 14.000 zurückgegangen ist. Sie ernähren sich hauptsächlich von Krill und sind als ausgewiesene "Meeressänger" bekannt. Mit langen "Liedern" verständigen sie sich unter Wasser, die ausgedehnten Gesänge einzeln lebender Männchen gehören zur Balz. Die bekannten Luftsprünge der Buckelwale dienen dazu, mit den Artgenossen zu kommunizieren und potenzielle Beute zu verwirren.

Madagaskars berauschende Naturszenerie setzt sich im Westen und in der Inselwelt des Nordwestens fort. Im Westen des Landes liegt das von der Unesco zum Weltnaturerbe erhobene Naturschutzgebiet Tsingy de Bemaraha, eine von Höhlen durchlöcherte Karstlandschaft mit einer schier unwirklichen Silhouette aus Kalksteinnadeln. Hier findet man einen der Lebensräume von Lemuren, Madagaskars weltbekannten Halbaffen, von denen es rund 30 Arten gibt. Dazu zählen die Kattas, die man leicht an ihrem schwarz-weiß-geringelten Schwanz erkennt. Extrem scheu hingegen zeigt sich das vom Aussterben bedrohte Aye-Aye, das es samt Schwanz auf eine Länge von einem Meter bringt und nachtaktiv ist. Lemuren sind auch im nördlichen, nahe Joffreville gelegenen Ambre-Nationalpark sowie auf der "Lemureninsel" Nosy Komba beheimatet. Lemuren haben traditionsgemäß eine wichtige Rolle in Überlieferungen und Bräuchen gespielt. In einigen Gebieten wurden sie als gänzlich sakrale Tiere verehrt, in anderen galten sie als verfluchte, in Halbaffen verwandelte Menschen. Der Nationalpark Montagne d'Ambre umfasst rund 18.000 Hektar und formt eines von knapp 50 Schutzgebieten, zu denen fernerhin die Nationalparks Isalo, Masoala und Midongy du Sud gehören. Einziges privat geführtes Schutzterritorium ist der südliche Berenty-Park.

Das Lemureneiland Nosy Komba ist eine der kleineren Schwestern von Nosy Bé, einer traditionsreichen 360-km²-Ferieninsel mit gemischtem Publikum, Ylang-Ylang-Plantagen und guten Schnorchelmöglichkeiten. Geschäftige Hauptstadt Nosy Bés ist Hell Ville, weiter nördlich bei Antsiranana (oder Diego Suarez) bekam der Portugiese Diego Diaz im Jahre 1500 als erster Europäer Madagaskar zu sehen. In den nordwestlichen Küstenregionen hatten Araber bereits zwischen dem 7. und 9. nachchristlichen Jahrhundert Handelsniederlassungen gegründet.

Landauf landab besticht Madagaskar durch seinen natürlichen Reichtum - ein einziger herrlicher Garten, dem man selbst in den Zonen von Trocken- und Dornstrauchsavannen seine Reize abgewinnt und der von rund 5.000 Küstenkilometern umschlossen wird. Insgesamt sind weit über 12.000 Pflanzenarten nachgewiesen, wovon 70 Prozent einzig auf der Insel vorkommen. Dazu zählen eine ganze Reihe von Orchideen, doch auch die bis zu sechs Meter hohen Ravenalas ("Bäume der Reisenden"), Pfeffer, Vanille, Zimt, tropische Bartgräser (Grundstoff für Citronnelöl und einen schmackhaften Tee), Gewürznelken, Kaffee und Fleisch fressende Pflanzen geben Madagaskar exotische Noten. Manche Küstenstriche sind von Mangroven gesäumt. Zum madagassischen Wildlife zählen - außer den Lemuren - Chamäleons, Leguane, Fledermäuse, Vögel, Spinnen und ungiftige Schlangenarten. Nicht verborgen bleiben Besuchern die Konsequenzen des jahrhundertelangen Raubbaus am Wald. Was von der einst dicht bewaldeten Insel übrig geblieben und nicht verbaut und verheizt worden ist, fällt unter die Sparte "Trauerspiel". Brandrodung ist an der Tagesordnung, üppige Wälder haben sich einzig als Restinseln erhalten.

Andreas Drouve
Fotos: Kerstin Wolters und Albrecht G. Schäfer

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