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Die Kurische Nehrung

Vom Leuchtturm geht der Blick direkt aufs Haff. 38 Kilometer südwestlich liegt die andere, noch berühmtere Vogelwarte, die in Rybcij, einst Rossitten. Und drüben überm Haff im Dunst - das ist die Nehrung, viel besungen, viel gemalt, viel besucht.

Litauen - Nehrung am Haff
Auf der Nehrung am Haff

Was hat die Kurische Nehrung, was andere Sandstreifen nicht haben? Klar, sie ist länger: 52 Kilometer auf litauischem, 46 auf russischem Gebiet, eine Sandnadel vor der Küste, die die Brackwasserlagune des Kurischen Haffs einschließt. Sie hat das Sommerhaus des Thomas Mann, hat den Hexenberg in Juodkranté, auf dem Bildhauer ihre Gespenster-Alpträume in Holz schlagen durften, hat eine Kolonie von Kormoranen, die einen Baum nach dem andern weiß und zugrunde kacken.

Alle wollen auf die Nehrung. Warum nur? Weil in Nida und Juodkranté die Häuser tiefblau gestrichen sind, ihre weißen Traufen geschnitzt wie geklöppelte Borten und die Apartementblocks einigermaßen im Hintergrund versteckt? Eine putzige, nicht allzu aufregende Touristenkulisse - das ist die Nehrung. Mehr doch nicht.

Litauen - Kurische Nehrung - Haus in blau in Nida
Nidaer Blau

Wären da nicht die Dünen. Höher und weiter als sonstwo sind sie südlich von Nida, "Große Düne", nix dahinter als auch wieder nur Sand und dann Russland - so zeigt sich die "Litauische Sahara". Vom Haff aus steigen Sandberge schräg hoch wie die Wände glattgemauerter Pyramiden, und es ist kein Wunder, dass der Spaziergänger inmitten der hügeligen Wüste plötzlich auf ein treu - oder untreu - sich liebend Paar stößt. Es ist einfach zu schön hier. Und zu einsam.
Vor allem aber hat die Nehrung einen berühmten Namen. Deshalb kommen pro Sommer unzählige Besucher, deshalb fließt relativ viel Geld aus Vilnius auf die Halbinsel. Die Nehrung ist reich, die nagelneuen sterilen Uferpromenaden in Nida und Juodkranté lassen keine Zweifel.

Litauen - Kurische Nehrung mit der "Großen Düne"
Die "Große Düne"

Davon können die drüben nur träumen. In Klein Litauen ist das Leben Schwerarbeit. "1000 Litas sind jetzt offiziell als Mindestlohn festgesetzt", sagt Albis. "Etwa 330 Euro. Nun zeig mir mal, wer hier draußen auf tausend Litas kommt." Die Arbeit mit dem Pferdegespann, hinter dem ein alter Mann schwitzend den Pflug in den Boden treibt, ist keine Folklore. Sondern reine Schinderei. Es geht ums Überleben - und vielleicht reicht es noch für eine Flasche Degtine, litauischen Wodka. Das ist zu wenig, meinen viele, kein Leben: Und also hält Litauen auch immer wieder den traurigen Rekord, weltweit das Land mit der höchsten Selbstmordrate zu sein. Vor Russland, Estland und Lettland.

Litauen - Landwirt im Nemunas Delta
Schwerstarbeit im Nemunas-Delta

Und trotzdem. Trotzdem ist dies ein Plädoyer für einen Besuch. Dieses Land ist zugleich schwierig, schön, heruntergekommen und im Umbruch. Es bleibt: eine Herausforderung.

Website des Autors: http://www.franz-lerchenmueller.de



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