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Libyen im Überblick


Nach dem gewaltsamen Umsturz und der Etablierung einer zivilen Übergangsregierung in Libyen hält das Auswärtige Amt seine Reisewarnung aufrecht. Für Bundesbürger gelte unverändert, dass sie sich nicht in Libyen aufhalten sollen. Die Lage im Land sei weiterhin undurchsichtig. Es komme zu bewaffneten Auseinandersetzungen und es bestehe die Gefahr von Entführungen und Anschlägen. Die libyschen Sicherheitsorgane seien nicht voll funktionsfähig und konsularische Hilfe seitens der Deutschen Botschaft in Tripolis könne nur in sehr begrenztem Rahmen geleistet werden.

Noch ist Libyen ein Geheimtipp unter Liebhabern stiller Wüstenlandschaften und von entlegenen antiken Stätten und prähistorischen Felsmalereien faszinierten Besuchern. Das nordafrikanische Riesenland verfügt über eine nahezu unbekannte Vielfalt lohnender Ziele, unerschlossene Küsten etwa, die nach tunesischem Vorbild einmal badelustiges Ferienvolk beherbergen könnten oder das mediterran geprägte Küstenhinterland mit den darin eingebetteten römischen und griechischen Städten, die man so gut erhalten am Mittelmeer kein zweites Mal zu Gesicht bekommt. Oder die Sahara, das Abenteuer Wüste, die Oasen, Gebirge und Wüstenseen, die arabischen Städte, die Siedlungen der Berber und Tuareg.

Tripolitanien

Ob mit dem Flugzeug einreisend oder mit dem Auto von Tunesien über einen der zwei erlaubten Grenzübergänge (der andere liegt an der ägyptischen Grenze), wird Tripolis (arab. Tarabulus) gewöhnlich die erste Station im Lande sein. Libyens Kapitale, einst Umschlagplatz für Waren aus Schwarzafrika, nicht zuletzt Sklaven, präsentiert sich als moderne Millionenstadt, in deren Häusermeer noch einige Sehenswürdigkeiten wie der Triumphbogen für den römischen Feldherren Marcus Aurelius aus dem Jahre 163 n. Chr. an die antiken Wurzeln erinnern. Relikte der osmanischen Herrscher sind zu bestaunen und viele Bauten aus der italienischen Kolonialzeit wie die heute zweckentfremdete Kathedrale und der dem damaligen italienischen König Viktor Emmanuel III. zugedachte Palast. In der Altstadt (Medina) lohnen die nach Handwerken aufgeteilten Basarquartiere (z. B. der Suq al-Mushir der Kupferschmiede) den Besuch und unbedingt empfehlenswert ist ein Gang durch die Säle des reich ausgestatteten Nationalmuseums in der „Roten Festung“ (as-Seray al-Hamra). Nahebei, am Eingang zum Suq, ragt das eindrucksvolle achteckige Minarett der Ahmad Paşa Karamanli-Moschee in die Höhe. Sie erinnert an den osmanischen Karamanli-Clan, der von 1711-1835 die Statthalter Istanbuls in dieser Region stellte. Sehenswert auch Tripolis` älteste Moschee, die En-Naqah, und die reich dekorierte Gurgi-Moschee.

Libyens nordwestlicher Landesteil Tripolitanien war immer Durchzugs- und Siedlungsgebiet für Fremde. Vom 9. bis 7. vorchristlichen Jahrhundert gründeten Phöniker, die man in Nordafrika Punier nennt, die Handelsstützpunkte Leptis Magna, Sabratha und Oea (das spätere Tripolis), die bald unter die Herrschaft des punischen Karthago gerieten. Während der „Punischen Kriege“ setzte Rom seinen Fuß auf den afrikanischen Kontinent, schlug 146 v. Chr. die Punier vernichtend und machte die neugewonnene Provinz „Africa Proconsularis“ zur Kornkammer des Reiches. In der römischen Kaiserzeit schlossen sich die oben erwähnten drei Hafenstädte zum Dreibund, zur Tripolis, zusammen. Nach der römischen Blütezeit sorgten um 455 die Vandalen für ein unerfreuliches Intermezzo, gefolgt von byzantinischen Statthaltern (548), die 643 von den Arabern abgelöst wurden. 1510 gaben die Spanier ein kurzes Gastspiel, dann kamen die Osmanen (1551) und 1911 die Italiener.

Das malerisch am Meer gelegene Sabratha, 68 km westlich von Tripolis, zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Von seiner Blütezeit unter den Puniern und Römern, als hier 20.000 Menschen lebten, zeugen der punische Grabturm, die Agora, die See-Thermen, der Isis-Tempel, vor allem das spektakulär restaurierte Theater, wohl das größte des antiken Nordafrika. Italienische Archäologen ließen seine 22 m hohe Bühnenwand wiederauferstehen. Zwei Museen auf dem Gelände der weitläufigen Ruinenstadt vertiefen die Eindrücke.

Fährt man von Tripolis entlang der Küste in östlicher Richtung, liegen zur Rechten lichte Eukalyptuswälder und Olivenbaumhaine, reihen sich Orangenbäume zu Plantagen auf. An manchen Stellen rückt schon die Wüste bis in Ufernähe heran und gelblicher Sand überpudert dann weit und breit die Vegetation. So wie auch unser Ziel Leptis Magna unter Wüstensand begraben wurde. Noch bedeckt eine vier bis fünf Meter dicke Sandschicht fast 90 % der ursprünglichen Stadt, aber die freigelegten 10 % sind spektakulär genug. Die ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe zählende antike Großstadt erlebte ihre Glanzzeit unter Septimius Severus, einem Sohn der Stadt und erstem Afrikaner, der römischer Kaiser wurde (193 – 211). Es entstanden Bauten, die es in diesen Ausmaßen nur noch in Rom zu bestaunen gab, darunter eine 4.000 m² große Basilika und ein doppelt so großes Forum, ein Triumphbogen zu Ehren des Kaisers, die Hadriansthermen und das Amphitheater, Tempel und Schwimmbäder, Kanalisation und Aquädukte. Die außergewöhnlich wohlhabende Stadt beherbergte an die 100.000 Menschen und war damit die drittgrößte Stadt des Römischen Imperiums. Was von ihr blieb, macht sie zu einer der schönsten Ausgrabungsstätten am Mittelmeer.

Fessan

Drei Tage sollte man einplanen für den Ausflug in das rund 650 km entfernte Ghadames im nördlichen Fessan. Nach Durchquerung des Nafusah-Gebirgszuges, an dessen Abbruchkante die sehenswerte Berber-Stadt Nalut liegt, geht es hinunter in die endlos erscheinende rote Schotterwüste Al-Hamadah al-Hamra. Ghadames am Dreiländereck Tunesien-Libyen-Algerien war früher eine bedeutende Drehscheibe im Karawanenhandel Nordafrikas. 1988 wurde die Oasenstadt als ein Musterbeispiel für wüstenangepaßte Stadtarchitektur in die Liste des kulturellen Welterbes aufgenommen. Führungen durch ihre überdachten, kühlen Gassen machen mit der Lehmarchitektur, den Palmengärten und schattigen Plätzen vertraut und öffnen die Augen für die uns so fremde Lebensweise von Wüstenbewohnern.

Für den nächsten Ausflug tief in den Süden des Fessan sind mehr als nur drei Tage zu veranschlagen. Wie viele es genau werden, hängt von den angesteuerten Zielen ab. Nach Sebha, dem Hauptort der Region, besteht ab Tripolis Flugverbindung. Mit dem Auto sind es über 800 km und wie schon die Straße nach Ghadames ist auch diese Verbindung in gutem Zustand. Später freilich sind es nur noch Pisten und schließlich „Querfeldeinrouten“, die allein mit Hilfe ortskundiger Tuareg-Nomaden bewältigt werden können.

Der Fessan ist etwas größer als Frankreich und doch leben hier nur 50.000 Menschen. Er ist der „wüste“ Süden Libyens, bedeckt von Sandmeeren, Kies- und Felswüsten, voller Geheimnisse und phantastischer Naturerlebnisse.

Westlich und südwestlich unseres Ausgangspunkts Sebha gibt es das im Überfluß, was Wüstenreisende suchen: Sandmeere mit bis zu hundert Meter hohen Dünen und es sind nicht irgendwelche! Murzuq und Ubari zählen zu den größten Sandwüsten der Sahara. Ist es eine Fata Morgana? Mitten in der Ubari-Wüste zeigt sich ein Kranz von Palmen, Schilf, Wasser, Süßwasser sogar! Es sind die legendären Mandara-Seen– eine unwirkliche Szenerie.

Von Sebha nur mit dem Geländewagen zu erreichen ist die unglaubliche, von manchen als Weltwunder bezeichnete Landschaft von Wau an-Namus. Unverhofft liegt ein Vulkankrater von 3 km Durchmesser vor dem Betrachter. Aus der Mitte dieser 160 m tiefen Riesenschüssel erhebt sich der Zentralkegel, umgeben von kleinen Seen mit zumeist stark salzigem Wasser in unterschiedlichen Farbtönen, grünen Schilfgürteln und schneeweißen Salzablagerungen.

Ghat , ein alter, pittoresker Handelspostenan der Karawanenstraße, die einst Leptis Magna mit dem Sudan und Niger verband, ist die südlichste Oasenstadt Libyens und der Schlüssel zum nahen Akakus-Gebirge, einem der unwirtlichsten Orte der Erde. Um so überraschender, gerade hier auf Felsabbildungen von Giraffen, Elefanten, Krokodilen, Gazellen, Nilpferden zu stoßen. Sie erzählen von einer Zeit, als die Sahara noch eine Savanne war und Mensch und Tier ausreichend Nahrung und Wasser bot. Vor 10.000 Jahren lebten in der damals grünen Sahara neolithische Altkulturen, denen um 5.000 v. Chr. neolithische Jägervölker folgten, dann kamen nomadische Viehzüchter ins Land (4.000-2.000), schließlich Kamelnomaden. Doch Klimaverschiebungen ließen das Land mehr und mehr austrocknen, Mensch und Tier zogen sich zurück

Felsgravuren und –zeichnungen prähistorischer Künstler entdeckte man auch im Wadi Mathendous. Staunen und Bewunderung erregen diese uralten Bildergalerien einer reichen neolithischen Fauna und religiöser Motive. Sie zählen zum Weltkulturerbe.

Kyrenaika

An der Mittelmeerküste zwischen dem großen Syrte-Bogen und Ägypten liegt die dritte und mit 857.000 km² größte historische Provinz Libyens. Einem schmalen, fruchtbaren Küstenstreifen schließt sich südlich das Karstgebirge Jabal al-Akhdar an, von dessen Südhängen das Land allmählich zur Libyschen Wüste abfällt. Dieser wasser- und pflanzenärmste Teil der Sahara bedeckt mit seinen riesigen Sandwüsten und Kiesflächen das libysche Terrain bis zu den fernen Grenzen des Tschad und des Sudans.

Von Tripolis zur Provinzhauptstadt Benghazi besteht Flugverbindung. Eine Autofahrt erscheint auf den ersten Blick strapaziös – immerhin sind rund 900 km zu bewältigen – doch die Straße ist weitgehend autobahnähnlich ausgebaut. Anfänglich durchfährt man eine mediterran geprägte Landschaft, die später in Wüstensteppe übergeht, dann schieben sich Erdölfelder ins Blickfeld, ein künstlicher See, der herbeigepumptes, fossiles Grundwasser aus der Sahara speichert, erinnert an Libyens ehrgeiziges Prestigeobjekt, den „großen menschengemachten Fluß“, dann ist Benghazi erreicht.

Die moderne Provinzmetropole, Libyens zweitgrößte Stadt und wichtigstes Handelszentrum, ist unser Ausgangspunkt für die Erkundung des „griechischen Ostens“. Griechisch deshalb, weil seit 630 v. Chr. Einwanderer von der Insel Santorini (Thira), von der Peloponnes und aus Kreta diese Landschaft zwischen den Machtbereichen der Karthager/Punier im Westen und der Ägypter im Osten kolonisierten, sich später Alexander dem Großen anschlossen und Teil des Ptolemäer-Reiches wurden. 74 v. Chr. rissen die Römer die Herrschaft an sich.

Das zum Weltkulturerbe zählende Kyrene(heute: Shahhat), 12 km vom Meer entfernt auf einer fruchtbaren, gut bewässerten Hochebene gelegen, war das Zentrum der griechischen Kolonisten. Seine reichen Agrarexporte gingen über den Hafen Apollonia (Marsa Susah) in die mediterrane Welt. Barka wurde gegründet, dann Ptolemais (Tolmeta), Taucheira (Tokrah), Euhesperides, der Vorgänger von Benghazi. Begegnungen mit den griechischen Ruinenstädten und hellenischer Architektur auf afrikanischem Boden zählen zu den ergreifendsten Momenten, die das an überraschenden Erlebnissen reiche Libyen zu bieten hat.

Um nur einige der Highlights herauszugreifen: Kyrenes planmäßig angelegtes Netz von Straßen und Plätzen, seine Tempelterrasse in herrlicher Panoramalage, Zeus-Tempel, Theater, Forum, Bäder und Nekropolen oder Apollonia mit griechischem Theater und späterer byzantinischer Hinterlassenschaft. Sein Hafen ist versunken, läßt sich aber noch im glasklaren Wasser „erschnorcheln“. An dem Weg nach Ptolemais liegt mit den Mosaiken von Qasr-Libya ein frühbyzantinisches Kleinod. Ptolemais zeigt den Säulenpalast (eine ptolemäische Villa) und das Forum mit Cisternen,Taucheira schließlich die Ruinen griechischer und byzantinischer Besiedlung.

Eckart Fiene

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