Asiatisches Dornröschen
Text und Fotos: Anita Ericson
Im dünn besiedelten Laos gehen die Uhren nicht anders als im Rest der Welt – Zeit als messbare Einheit existiert schlicht und einfach nicht. Das letzte Kalenderblatt wurde schon vor Jahrhunderten abgerissen.
Dicker Nebel hängt über dem Tal, nimmt den farbenprächtigen Kostümen ihre Grellheit und dämpft Marktgeschrei auf leise Gesprächsfetzen. Sämtliche Konturen am frühmorgendlichen Markt verschwimmen zu einer grauen Suppe.

Markt in Muang Sing
Jeden Tag mit Einbruch der Morgendämmerung ist das kleine Bergkaff Muang Sing Schauplatz eines zwar alltäglichen, aber faszinierenden Treibens: bunte Trachten und abenteuerliche Kopfbedeckungen schieben sich durch das Getümmel, verschwinden im Dunst der zahlreichen Nudelküchen genauso schnell wie sie aufgetaucht sind. Undefinierbare Kräuter, ordinäres Gemüse und frische Backwaren liegen ausgebreitet auf wackeligen Holztischen, am Boden auf schmutzig-fahlen Tüchern oder in riesigen Buckelkörben.

Sehnige Jägerinnen bieten Eichkätzchen (als Delikatessen) feil, Händler chinesischen Plastikramsch für alle Lebenslagen. Lediglich opiumhaltige Mohnkapseln vermissen wir an den Ständen – und das gerade in Muang Sing, mitten im berüchtigten Goldenen Dreieck. Das einst so verrufene Bergland ist zahm geworden, zumindest an der Oberfläche: das Heroingeschäft blüht nur noch im Verborgenen. Der Markt von Muang Sing, einst größter Mohnumschlagplatz der Region, hat trotzdem nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt. Eher im Gegenteil.

Blick über Reisfelder
bei Muang Sing
War das Grenzgebiet, wo die Berge von Burma, Thailand, China und Laos aufeinander prallen, früher bloß ein heißer Tipp für Lebensmüde, ist das Dreieck nun auch für den Durchschnittstouristen ein sicheres Ziel.
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